Arockalypse Now!

 

II – Eine neue Welt und ein alter Plan

 

 

Nachdem er die Welt mit seinem Schrei begrüßt und damit auch die letzten seiner Zellen wachgerüttelt hatte, besah er sich die Umgebung seines Gefängnisses genauer. Die wie ein Grab im Boden eingelassene Grube befand sich in einem sehr lichten, alten Wald, der seine vitalen Zeiten schon hinter sich hatte: Die Bäume waren angegraut und tot, keinerlei Blattwerk war mehr an ihnen zu finden. Der Boden war hart, durch die recht schneidene Kälte, die hier herrschte. Furchen durchzogen die Erde, die von Steinen und vermoderndem Geäst durchsetzt war. Tiere gab es hier wohl schon lange keine mehr, daher war der ganze Wald leblos und totenstill – Nur hin und wieder gaben die wie knochige Finger in den Himmel ragendenen Zweige ein leises Knacken von sich, wenn der pfeifende Wind durch sie bließ.

 

Ihm gefiel das Szenario irgendwie. Außerdem erinnerte es ihn an eine alte Freundin, die schon immer ein Faible für solche düster-romantsichen Plätze gehabt hatte...

 

Er sah in den sternklaren Nachthimmel hinauf. Wie die Gestirne blitzten und blinkten. Der Mond war eine klar weiße Sichel, und die unzählig vielen Sterne funkelten geheimnisvoll.

Wo seine Gefährten von damals wohl steckten? Er hatte keine Ahnung, wie viel Jahre seit seiner letzten Schlacht vergangen sein mochten, aus der er leider nicht als Sieger hervor gegangen war. Was hatte sein ärgster Rivale mit seinen Freunden angestellt?

 

Erinnerungen an viele Dekaden vergangene Zeiten kam in ihm auf. Zeiten, in denen er, auf der Spitze seiner Macht, mit seinem auch überaus mächtigen Gefolge Angst und Schrecken verbreitend durch die Lande gezogen war – Leider stets im Clinch mit dem ärgsten Feind, den man sich denken konnte...

Erbitterte Kämpfe und Gemetzel waren keine Seltenheit gewesen. Immer im Streben nach Überlegenheit versuchten sich beide Parteien zu übertrumpfen und ihre Pläne gegenseitig zu durchkreuzen. Lange Zeit hatten er und seine Gefährten Widerstand geleistet, doch irgendwann waren ihre Kräfte aufgezehrt und ihr Plan wurde zerschlagen – Er selbst wurde in sein schwarzes Gefängnis gebannt, doch über den Verbleib seiner Freunde konnte er beim besten Willen nichts sagen.

 

Aber es gab Wichtigeres zu tun, als gedankenverloren in diesem Wald zu bleiben; er musste dringend aufbrechen, um seine Lage auzukundschaften, denn wenn er Pech hatte, war die Wiederaufnehmung seines Plans gescheitert, bevor sie begonnen hatte. Auch wenn er keinerlei dämonische Präsenz spüren konnte, hies das noch lange nicht, dass es keine gab.

 

Er ging langsam durch den Wald, immer wachsam, ob er nicht vielleicht doch die Anwesenheit  irgendwelcher Gesandten der Hölle spüren konnte. Seine Glieder waren noch immer recht schwer und ungelenk, was aber nach so langer Zeit ohne jegliche Ertüchtigung kein Wunder war. Er würde sich schon nach und nach wieder an das Laufen und all das andere, was er so lange nicht hatte tun können, gewöhnen.

 

Nach geraumer Zeit schließlich, nachdem er über einen Hügel aus Geröll geklettert war, drang  von ferne ein Geräusch an sein Ohr – ein Geräusch, die er nicht einordnen konnte, weil er es so noch nie gehört hatte. Neugierig lief er weiter.

Kurz darauf, hinter einem weiteren Hügel, hörte der Wald plötzlich auf, und eine Straße begann. Sie verlief quer zu seiner Blickrichtung. Er schaute nach links und dann nach rechts; in beide Richtungen war das Ende nicht erkennbar, schier unendlich streckte sich der Weg gen Horizont, mitten durch das karge Waldgebiet.

Er hockte sich hin, um die Straße zu befühlen. Sie war aus einem Material, welches ihm unbekannt war. Sein Gehirn war zwar sehr gut darin, Neues aufzunehmen und zu erlernen, aber dazu musste er neue Dinge erst einmal sehen und kennenlernen, und das war ihm während seiner Gefangenschaft nicht möglich gewesen.

Erstaunt strich er über den Asphalt, der ihm so neu war. Die Menschen mussten diese Straße gebaut haben...

Dass sich die Menschen in all der Zeit weiterentwickelt haben mussten, war ihm durchaus bewusst. Vor seiner Verbannung in das Erdgefängnis war das Rad noch eine recht neue Erfindung – Aber er hatte damals schon geahnt, dass die übereifrigen, wenn auch chaotischen Menschen sehr schnell neues erfinden, erforschen und erkunden würden.

Sein großer Wissensdurst und seine Neugier waren geweckt; zu gerne würde er die Veränderungen mit eigenen Augen betrachten, aber dazu musste er erstmal von diesem unwirtlichen Ort weg. Daher stand er wieder auf und überquerte langsam die Straße.

 

Das heißt, er wollte die Straße überqueren, aber als er gerade mitten auf derselben war, ertönte plötzlich wieder von weitem her das Geräusch, dass er vorhin schon gehört hatte – Und es kam mit einer hohen Geschwindigkeit immer näher. Er blieb stehen und schaute in die Richtung, aus der das Geräusch kam.

Im nächsten Moment rauschten, von dem nun ziemlich lauten Geräusch unterlegt, zwei große runde Lichter heran. Sie waren sehr hell, leuchteten weit – Und rasten frontal auf ihn zu. Er wollte ausweichen, aber er wurde von der gleißenden Helligkeit, die die tiefschwarze Nacht im Wald zerschnitt wie ein Messer, vollkommen geblendet. Daher konnte er sich einfach nicht rühren, obwohl er das wollte. Das Getöse dröhnte in seinen Ohren, seine Augen tränten. Was auch immer das war, was ihm da entgegen kam – Es musste gefährlich sein. Sehr gefährlich.

 

Auf das Schlimmste gefasst, kniff er die Augen zu.

 

Der unbekannte, bedrohliche Lärm umgab ihn komplett, er nahm nichts mehr wahr, er wurde regelrecht verschluckt. Wie von einem sehr einschüchternden Kriegsgeheul wurde er von den wummernden Lauten regelrecht in den Boden gestampft. Diese unbekannte Sache beunruhigte ihn sehr. Jeden Moment musste etwas passieren...

 

Er bereitete sich auf Schmerzen vor...

 

 

Ein schrilles Quietschen, dann verstummte das Getöse und das Wummern wurde leiser.

 

„Hey, was bist du denn für ein geisteskranker Volltrottel?!“

 

Er machte die Augen auf.

 

Vor ihm stand ein seltsames, großes Metallding, gelb angestrichen. Es war vierrädrig und hatte vorne zwei große Scheinwerfer – Sie hatten wohl bis eben das sehr helle Licht ausgestrahlt. Nun waren sie ausgeschaltet worden. Aus dem Ding kam ein leises, nerviges Wummern, was vorher auch viel lauter gewesen war. Und in dem Gefährt saß ein Mann, dem das Missfallen deutlich anzuerkennen war. Ihm musste die Stimme gehören, die so plötzlich losgeschimpft hatte.

 

Der Mann stieg aus, stellte sich selbstbewusst direkt vor sein Opfer und zeterte weiter: „Ey, du kannst dich noch nicht mitten auf die Straße stellen, du Vollspast! Hier fahren Autos, und wenn du keinen Bock hast, dich zu Brei matschen zu lassen, solltest du gefälligst deinen fetten Arsch von der Straße bewegen, du Sackgesicht!!“

Wild gestikulierend verdeutlichte der Mensch seine Meinung, aufgebracht fuchtelte er herum, sein Gesicht war zornesgerötet.

 

SEIN Blick verfinsterte sich bei den Worten des Mannes immer mehr – Und gleichzeitig begann er immer breiter zu grinsen...

 

Der ungehobelte Klotz schimpfte indessen noch immer.

„Sag mal, ich rede mit dir, du Honk! Kannste nicht den Mund aufmachen oder wa-“

 

Weiter kam der Mann nicht – Die mächtige linke Hand seines Gegenübers packte ihn direkt am Hemdkragen und hob ihn am ausgestreckten Arm in die Höhe. Langsam aber stetig hing der Rüpel immer weiter in der Luft.

Erschrocken und deutlich überrascht sah der Mann in das Gesicht seines Peinigers – Und erschrak noch mehr.

Was er da sah, war nicht das Gesicht eines geistig umnachteten Irren, der sich im Zustand völliger Verwirrtheit mitten auf die Straße stellt. Vielmehr sah er eine fleischig-rote Haut, die extrem zerfurcht und von Rissen, Narben und Dellen geprägt war, jeweils zwei kleine Hörner auf der Stirn und am Kinn, einen schwarzen, filzigen Bart, ein angsteinflössendes, schadenfroh breites Grinsen, welches den Blick auf zwei Reihen dunkelgelber, scharfer Zähne freigab und vorallem - Ein Paar blutroter Augen, welches den Einblick in die düstere, abartige, groteske, abstoßende Seele seines Gegenübers gab...

 

Nun war es klar.

 

Was er da sah, war das Gesicht eines MONSTERS.

 

 

Der Mann wollte etwas sagen, doch in seiner überwältigenden Angst brachte er keinen Ton heraus. Seine Augen weiteten sich.

Plötzlich streckte das Wesen seine rechte Hand, die mit langen, scharfen Krallen versehen war, nach dem Kopf des Menschens aus. Die Hand legte sich auf die von Angstschweiss durchtränkte Stirn des Mannes. Dabei hörte das breite Grinsen im Gesicht des Monsters nicht auf.

Aufeinmal fühlt der Mann, wie sein Kopf irgendwie ausgesogen wurde – Sein Hirn wurde in all seinen Windungen erschüttert und wie ein Wischmopp ausgewrungen.

Der unheimliche Kerl lachte leise.

Während die Schmerzen des Mannes immer unerträglicher wurden und seine Sinne langsam schwanden, flüsterte sein Peiniger mit seiner schadenfrohen Fratze:

 „Deine Beleidigungen sind erbärmlich.

Deine Hilflosigkeit ist erbärmlich.

DU bist erbärmlich!“

 

Dem Mann wurde langsam schwarz vor Augen. Er konnte nur noch Schmerzen spüren – Schmerzen, schlimmer als alles, was er sich hatte vorstellen können.

Wieder wurde ihm etwas zugeraunt.

„Aber in diesem Moment ist mir zumindest eines nützlich – Dein Gehirn. Ich habe keine Lust, mich erst in die Geschehnisse der letzten Jahrtausende einzufuchsen. Wozu auch? Dein Wissen bekomme ich viel leichter.“

 

Wenige Sekunden später löste sich die krallenbewehrte Hand von der Stirn des Menschens.

 

Der Mann war von der Tortur mehr als erschöpft – Er war aufs grausamste ausgezehrt. Er litt fürchterlich unter den nachwirkenden Schmerzen der „Behandlung“ dieser Bestie.

 

„We-Wer b-bist du?...“ stammelte der ausgemergelte Mann mit letzter Kraft.

 

Wieder war ein leises Lachen zu hören. Dann legte sich das Gesicht des Folterknechts in Schatten.

„Gut gut. Du sollst nicht dumm sterben...“

Mit einem Mal blitzen im dem in pechschwarzen Schatten liegenden Gesicht die blutroten Augen  auf.

 

„Der Name deiner Schmerzen, deiner Pein und schließlich deines Todes ist...

 

LORDI!!“

 

Mit diesen Worten lies Lordi das gequälte Stück Mensch vor seinem Gesicht explodieren.

 

Die Leiche fiel brennend zu Boden und brannte ihn hohen Flammen weiter. Zuerst fraßen die Flammen die Kleidung, dann Haare und Haut und schließlich mit einer großen Gier auch das Fleisch seines Opfers. Brocken und Fetzen fielen ab und loderten weiter, bis sie nichts als Asche waren.

Lordi ergötzte sich an diesem Anblick, noch immer sein grausam-belustigtes Grinsen auf den Lippen.

 

Nach einer Weile wandte der  Unholy Overlord Of Tremore seine Aufmerksamkeit dem gelben Ding, oder, wie er nun wusste, Auto zu. Dank dem merkwürdigen Kerl war Lordi nun gut informiert über die Errungenschaften und Veränderungen der Menschheit in den letzten Jahrtausenden. Das Auto könnte ihm helfen, aus dieser Einöde fort zu kommen, um endlich seinen alten Plan wieder zu verfolgen...

Lordi sah sich noch einmal ein wenig um. Dämonen schienen nirgendwo zu sein – Wahrscheinlich war sein Konkurrent ebenso wenig erfolgreich gewesen wie er. Na, umso besser.

Der Höllenfürst setzte sich in den Wagen. Die Ledersitze gefielen ihm, und auch, wenn er mit seinen fast 2 Metern recht wenig Beinfreiheit hatte, fand er es doch recht gemütlich. Kein Wunder, er hatte eine lange Zeit in einer magisch versiegelten Grube im Boden verbracht, da fand man alles andere automatisch gemütlich.

 

In dem Moment fiel ihm auf, dass das Wummern von vorhin noch immer lief. „Die Menschen nennen das 'Techno' und bezeichnen es als Musik“, fiel es Lordi ein. Er rümpfte die Nase. „Wenn das Musik sein soll, dann bin ich Satanist!“ Angewidert schaltete er den CD-Player aus. Es wird Zeit, dass die Menschen mal lernen, was wirklich GUTE Musik ist, dachte er bei sich.

 

Auf jeden Fall war es nun an der Zeit, endlich aufzubrechen. Lordi wollte auf keinen Fall noch mehr Zeit in der Wallachei verbringen, wo er doch wirklich Wichtigeres zu tun hatte. Durch das abgesaugte Wissen des Menschen wusste Lordi nun bestens Bescheid, wie er dieses Konstrukt aus Metall, in dem er saß,  steuern musste. Er drehte den Schlüssel im Anlasser, hantierte an der Kupplung und trat schließlich auf das Gaspedal.

 

Der Wagen zischte los wie eine Rakete, und fuhr die schnurgerade Straße in einem Affentempo herunter. Dabei überrollte es die kümmerlichen Überreste des ehemaligen Autobesitzers. Lordi störte das nicht, im Gegenteil – Der Wagen war sowieso noch viel zu hell und sauber, da konnte ein bisschen Blut nicht schaden.

 

Auf jeden Fall war Lordi erwacht und voller Tatendrang. Er schaltete den Wagen einen Gang hoch und drückte das Gaspedal noch stärker durch. Der brausende Fahrtwind lies den Bart und das Haar des Obermonsters flattern und durch die Luft peitschen. Lordi war bester Laune.

 

„Warte nur, Erzfeind...Dein Alptraum ist zurückgekehrt!“

 

Laut lachend fuhr er durch die pechschwarze Nacht, in Richtung Menschheit.

 

Die schwarze Geißel war wieder auf die Welt losgelassen worden.

 

 

©  by Hisui  aka  Spongie *W*   2006