Arockalypse Now!

 

III – Der Name des Pharao

 

Prof. Adam Brennigan verglich ein letztes die Hieroglyphen auf dem alten Schriftstück mit denen auf der großen, massiven Steintür. Nun hatte er endgültig die Gewissheit: Hinter der kunstvoll beschriebenen und verzierten Steinplatte musste die Grabkammer des Pharaos liegen. Und nicht etwa irgendeines Pharaos, sondern von Pharao Morathep, der, nach Brennigans Forschungen der letzte Herrscher der als Märchen eingestuften Anubisdynastie gewesen war.

Brennigans Herz begann heftig zu klopfen. Seit einigen Jahren war er bereits auf den Spuren der Anubisdynastie, genauer gesagt seit er damals Schätze in einer Kammer fand, die sich keiner bekannten Dynastie zuordnen ließen. Brennigan hatte seitdem nach einer Dynastie geforscht, die noch vor der 1. historisch belegten Pharaonendynastie (der Menes-Dynastie) existiert haben musste – Das errechnete Alter der Fundstücke lies auf nichts anderes schließen. Dennoch war Prof. Brennigan überall, wo er seine Theorie präsentierte, nur ausgelacht und als Narr verhöhnt worden.

All den Zweiflern konnte Prof Brennigan nur dann das Gegenteil beweisen, wenn er den mumifizierten Leichnam von Pharao Morathep präsentieren konnte.

Die lange Suche nach der Grabkammer war bei weitem nicht einfach gewesen – Sie befand sich immerhin stolze 500 Meter tief im Wüstensand eingegraben. Brennigan wunderte sich zwar über die seltsame Vorliebe des ägyptischen Herrschers für diese tiefgebaute Ruhestätte, aber es störte ihn nicht weiter. Wichtig war, dass die äußerst mühsame Suche nach der Kammer schließlich doch von Erfolg gekrönt wurde - Denn wenn Brennigan nicht bald ein zufriedenstellendes Ergebnis vorlegen konnte, war er seinen Lehrstuhl an der Universität endgültig los. Und dann wäre es aus mit seiner geliebten Forschung...

 

Prof. Brennigan verscheuchte diese Gedanken schnell aus seinem Kopf. Er stand hier vor dem Allerheiligsten des Pharaos, sein Ziel war zum Greifen nah, also durfte er nicht mehr zögern. Er atmete ein letztes Mal tief durch und schob dann mit aller Kraft die Steinplatte zur Seite. Sie bewegte sich langsam und knirschend von der Stelle. Außerdem wirbelte sie den Staub der letzten Jahrtausende auf – Es entstand eine große Staubwolke, die Brennigan vorläufig die Sicht nahm und ihn mehrfach husten ließ.

 

Als sich der Staubnebel langsam verzog, rieb sich Brennigan die Augen – Denn der Anblick, der sich ihm nun bot, ließ ihn an der Funktionstüchtigkeit seiner Sinne zweifeln:

 

Die Kammer war zwar normal hoch (schätzungsweise 2,50 Meter), aber sicher mindestens 10 Meter lang und ebenso viele Meter breit. Die Wände waren vom Boden bis zur Decke mit aufwändig gemalten Hieroglyphen versehen, die wahrscheinlich viele Begebenheiten aus dem Leben des Pharaos zu berichten wussten. In jeder Ecke des Raumes stand eine Büste, die Götter wie Horus oder Seth abbildete. An den Wänden standen viele steinerne Truhen, die kunstvoll mit Farbe und Edelsteinen verziert waren – In ihnen befanden sich sicherlich die vielen Grabbeigaben, die den Pharaonen stets für ihren Weg ins Jenseits mitgegeben wurden.

 

Stets waren viele wertvolle Kunstgegenstände und Schätze darunter zu finden, wo einer schöner als der andere war und man sich gar nicht satt sehen konnte. Und von früheren Funden wusste Prof. Brennigan, dass die Anubisdynastie besonders üppige Kleinode und Schätze zu bieten hatte, die im Vergleich zu den anderen Dynastien regelrechte Kronjuwelen darstellten – So reich waren die Gegenstände, die in den restlichen Kammern entdeckt worden waren, verziert und ausgestattet gewesen.

 

Auf jeden Fall hatte die Grabkammer noch mehr zu bieten: Große Bilder mit Motiven der Göttergeschichten, eingerahmt in Gold, Mosaike in den bezaubernsten Farben, Ausgefeilte Muster auf den Bodenplatten – Und schließlich, die Krönung der Kammer:

 

Mitten in dem Raum, der ein einziges Kunstwerk war, war eine erhöhte Plattform, zu der eine breite, niedrige Treppe führte. Hinter der Plattform, die circa 3 mal 3 Meter maß, stand eine überlebensgroße Statue aus hochwertigem Gestein, mindestens 2 Meter hoch, die wahrscheinlich Pharao Morathep selbst darstellte. Und auf der Plattform selbst lag das Herzstück der ganzen Kammer:

 

Ein sehr kunstvoll angefertigter Sarkophag , in dem der letzte Pharao der Anubisdynastie, Pharao Morathep höchstpersönlich, seinen ewigen Schlaf verbrachte.

 

Prof. Brennigan war zwar vollkommen fasziniert von den atemberaubend schönen Schätzen der Grabkammer, aber er wandte seinen Blick davon ab, ging zur Plattform und stieg die Stufen hinauf, um sich den alten ägyptischen Herrscher mal näher anzusehen.

 

Still und prachtvoll ruhte der Sarkophag zu Brennigans Füßen. In diesem geschmückten Sarg musste der Pharao liegen – Und zwar der Pharao, der alle Zweifler Brennigans Lügen strafen würde.

Die Bestätigung, das Beweisstück von Prof. Brennigans lang verteidigter Theorie lag zum Greifen nah vor ihm. Brennigan atmete tief durch, wischte sich den Schweiß von der Stirn und kniete sich hin, um den schweren Deckel des Sarkophags zu öffnen...

 

Der Deckel ließ sich nur schwerfällig bewegen, aber dennoch fiel nach und nach immer mehr Licht in den Sarkophag. Prof. Brennigan schob den Deckel beiseite und richtete seinen Blick auf das, was er eben aufgedeckt hatte.

 

Da lag er, Pharao Morathep, perfekt mumifiziert und in Bandagen eingepackt, die Ruhe bis in alle Ewigkeit verbringend.

 

Prof. Brennigan war überwältigt und war einen Moment lang nicht fähig, seinen Blick von dem schlafenden Pharao abzuwenden.

Er konnte es nicht fassen; endlich, nach so langer Zeit, war Brennigan erfolgreich gewesen.

Endlich hatte er den Beweis für all seine Vermutungen, Hypothesen und Theorien gefunden!

Endlich war er in der Lage, es allen zu zeigen!

 

Nachdem der Professor sein Glück richtig begriffen hatte, war er hochmotiviert, seine Arbeit zu vollenden. Er packte einen Schaber, eine Lupe, und eine Handlaterne aus seinem Rucksack. Er zündete die Laterne an und positionierte sie so, dass er jedes kleine Detail der Sarkophag-Verzierungen erkennen konnte. Mit dem Schaber und der Lupe fing er an, mit viel Fingerspitzengefühl Proben des Materials zu nehmen und sie zu untersuchen. Dabei war der Professor perfekt gelaunt und summte leise vor sich hin.

 

Huff...Huff...

 

Professor Brennigan horchte auf – Irgendein seltsames Geräusch hatte sich in sein Summen eingeschlichen.

 

Huff...Huff...

 

Der Professor versuchte herauszufinden, aus welcher Richtung das Geräusch kam – Auch wenn es leise war, es musste in der Nähe sein.

 

Huff...Huff...

 

Es klang wie der Atem eines Menschen – Aber Brennigans Atem konnte es nicht sein.

 

Huff...Huff...

 

Prof. Brennigan schaute beunruhigt in den Sarkophag. Aber das konnte doch nicht...

 

Huff..Huff...

 

Langsam und auf den ersten Blick kaum zu erkennen bewegte sich der Brustkorb der Mumie auf und nieder.

 

Prof. Brennigan schrie laut auf – Das war doch nicht möglich, das konnte doch nicht sein! Und doch...Nein, auch wenn es eigentlich nicht sein konnte, war kein Zweifel möglich:

 

Die Mumie atmete.

 

Prof. Brennigan fühlte seine Euphorie schwinden, ihn packte die nackte Angst. Der Pharao war tot, seit tausenden von Jahren, da konnte sein mumifizierter Leichnam doch nicht atmen!

Sowas hatte Brennigan nicht mal in seinen obskursten Vorstellungen für möglich gehalten.

Brennigans Puls raste, sein Herz klopfte so stark, als würde es jede Sekunde seine Brust sprengen. Der Mund des Professors wurde trocken und er musste mehrfach schwer schlucken.

 

In seiner Angst beschloss der Professor – als gläubiger Christ – das Vaterunser zu beten. Das würde ihm sicher Frieden und Trost spenden.

 

Prof. Brennigan schloss die Augen, faltete die Hände und begann zu beten.

 

„Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name...“

 

Brennigans Idee war gar nicht mal so dumm gewesen – der Glaube kann wirklich Trost spenden.

 

„...Dein Reich komme, dein Wille geschehe...“

 

Aber es gibt Momente, in denen der Glaube eher schadet als hilft.

 

„...Wie im Himmel, so auf Erden...“

 

So verhält es sich auch in diesem Moment.

 

„...Unser tägliches Brot gib uns heute...“

 

Hätte Brennigan die Hieroglyphen an den Wänden genauer studiert, wüsste er besser Bescheid.

 

„...Und vergib uns unsere Schuld...“

 

Die Hieroglyphen waren nämlich Warnhinweise bezüglich Pharao Morathep.

 

„...Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern...“

 

Zu Lebzeiten war er mit schwarzen Mächten im Bunde, was seinen Untertanen gar nicht gefiel.

 

„...Und führe uns nicht in Versuchung...“

 

Daher wurde der Pharao von seinen Untertanen verzaubert – Er wurde in eine ewige Lähmung versetzt.

 

„...Sondern erlöse uns von dem Bösen...“

 

Dann mumifizierte man ihn und setzte ihn in sicherheitshalber in einer sehr tiefvergrabenen Grabkammer bei.

 

„...Denn dein ist das Reich...“

 

Die vielen Schätze in der Kammer waren eine Sicherheitsvorkehrung. Denn falls die magische Lähmung irgendwann aus einem unerfindlichen Grund von selber enden sollte, wollte man den Pharao mit den Schätzen milde stimmen.

 

„...Und die Kraft...“

 

Aber die magische Lähmung ist nur mit einem bestimmten Wort zu beenden.

 

„...Und die Herrlichkeit...“

 

Genauer gesagt, mit dem wahren Namen des Pharaos.

 

„...In Ewigkeit...“

 

Und der wahre Namen Pharaos Moratheps lautet-

 

„...AMEN!“

 

Prof. Brennigan atmete langsam einmal aus und wieder ein. Das Gebet hatte ihm die Aufregung genommen und seine Ruhe wiederhergestellt.

 

Er drehte sich um, öffnete die Augen und stand auf, um zu einer der Truhen herüberzugehen. Den Sarkophag wollte er sich später noch einmal näher ansehen – Aber er war sich nun sicher, dass er sich das mit der Mumie nur eingebildet hatte. Die schlechte Luft hier unten musste seinen Verstand vernebelt haben.

 

Der Professor öffnete die Truhe. Seine Augen gingen über, als er all die Kostbarkeiten sah. Die vielen Vasen, Ketten, Masken, Ringe und anderen Dinge sahen einfach fantastisch aus. Alles war aus Gold und Edelsteinen gefertigt, die mit viel Mühe geschliffen und bearbeitet waren.

Prof. Brennigan war begeistert – Allein für den Inhalt dieser einen Truhe würde ihm jedes Museum Unsummen bezahlen! Von den restlichen Truhen, sicherlich Zehn an der Zahl, ganz zu Schweigen...

 

Prof. Brennigan nahm eine der Masken aus purem Gold hoch und wiegte sie in den Händen. Er betrachtete sie von allen Seiten. Wie beeindruckend sie glänzte!

 

Plötzlich warf sich ein Schatten auf die wertvolle Maske.

 

Prof. Brennigan glaubte ein Schlurfen zu hören.

 

Er lies die Maske fallen und drehte sich verwundert um-

 

Dann gefror ihm das Blut in den Adern.

 

Vor ihm stand Pharao Morathep. Die Bandagen aus seinem Gesicht waren abgebröckelt, und gaben die Sicht auf ein vollkommen verzerrtes Gesicht frei. An machen Stellen fehlte die Haut, und das Fleisch war nackt und rot zu sehen. Zerblättert und zerfurcht war das Gesicht kaum noch als solches zu erkennen.

Die Augen sahen so aus, wie man sie sich bei einer Mumie eben vorstellt – Glasig, verdreht und krank.

Und das grausige Grinsen verstärkte den fratzenartigen Eindruck des Gesichts noch mehr.

 

Prof. Brennigan schluckte.

 

Unvermittelt, von einer Sekunde auf die andere, packte der wiedererwachte Pharao den Archäologen am rechten Arm, riss ihn hoch in die Luft, holte weit aus und schmetterte den Menschen mit voller Kraft auf den harten Steinboden. Prof Brennigans Knochen zerbarsten sofort mit einem lauten Krachen. Und sein Genick brach geräuschvoll.

 

Amen gähnte genüsslich.

Nach über sechstausend Jahren unfreiwilligen Schlafes tat ein wenig Bewegung gut – Und dieser komische, überneugierige Futzi hatte sich einfach perfekt zur Wiederbelebung von Amens Assasinen-Fähigkeiten geeignet. Außerdem war er selber Schuld; niemand wühlte ungestraft in den Sachen des Pharaos!

 

Amen streckte sich noch ein paar Mal und sah sich dann um. Er hatte die Kammer ja noch  nie mit eigenen Augen gesehen – Als er hierher kam, lag er bereits in seinem ewigen Schlaf.

Die vielen Kostbarkeiten und Schmuckstücke beeindruckten ihn zwar schon, aber glücklich war er darüber trotzdem nicht. Er hatte es damals schon geahnt, seine Untertanen waren ihm nicht wohlgesonnen gewesen. Und das nur, weil Amen im Bund mit Lordi stand...

 

Die Mumie kratzte sich am Kopf. Amen wollte hier langsam mal raus, er hatte sowieso schon viel zu viel Zeit hier unten vor sich hingemodert. Und er musste sich dringend auf die Suche nach Lordi machen. Amen hatte miterlebt, wie Lordi nach schier endlosem Widerstand von ihrem Nemesis in das magische Gefängnis gebannt worden war. Ob Lordi sich inzwischen wieder einen Weg ins Diesseits gebahnt hatte? Wenn ja, würde er den Ancient Assasin von damals brauchen.

 

Es stand fest, Amen musste den Weg zur Zivilisation wiederfinden. Sein Blick fiel auf den Eingang, dessen Steinplatte noch immer zur Seite geschoben war. Die Mumie ging darauf zu, genauer gesagt, sie versuchte es – Amens rechtes Bein wollte nicht so recht, wie er es wollte. Es wollte sich einfach nicht richtig bewegen, er hatte kein Gefühl in dem Bein. Verärgert stellte Amen fest, dass er höchstens darauf stehen konnte, aber zur Fortbewegung musste er es wohl oder über „mitschleifen“.

Wahrscheinlich hatte die Mumie während der langen Zeit im Sarkophag ungünstig gelegen – Dabei wurde das Bein in Mitleidenschaft gezogen. Na ja, damit würde er auch noch zurecht kommen.

 

Auf jeden Fall durchquerte er den Durchgang. Nun fand er sich in einem kleinen Raum wieder, der am Fuße einer Treppe lag. Sie führte stetig nach oben. Amen trat näher heran und sah die Stufen hinauf; es schien verdammt hoch zu sein, ein Ende war nicht zu sehen. Leise fluchend fing die Mumie an, die Treppe hinauf zu schlurfen.

 

Fred goss sich noch ein Glas von dem angenehm kühlen Bier ein, dass Ralph mitgebracht hatte.

„Na, dir schmeckt es ja!“, lachte Tom.

Die drei Ausgrabungshelfer, alle um die dreißig Jahre alt, saßen in gemütlicher Runde um das Lagerfeuer. Um sie herum ruhte in der stillen, geheimnisvollen Wüstennacht die Ausgrabungsstelle von Prof. Adam Brennigan.

Es war völlig ruhig, nur das leise Knistern des Feuers und das Reden und Lachen der Männer durchbrachen die Stille.

Die Männer waren bester Laune, was nicht zuletzt an dem Kasten Bier lag, den Ralph aus dem Zelt des Professors „geliehen“ hatte. Es wurde gescherzt und gelacht, Geschichten erzählt und gegen alles mögliche gewettert, was nicht niet- und nagelfest war.

 

Nach einer Weile kam das Gespräch auf die Arbeit von Prof. Brennigan.

„Der Professor ist ja schon ziemlich lange da unten, oder?“, bemerkte Tom.

„Ach, der kommt auch nicht mehr wieder, bis der nicht seine komische Anubisdynastie gefunden hat“, witzelte Ralph und nahm sich noch ein Bier.

„Lasst den alten Mann doch, wenn es ihm Spaß macht – Haben wir nicht alle unsere durchgeknallten Hobbys?“, scherzte Fred, was ihm die Lacher seiner beiden Freunde einbrachte.

Keiner der drei glaubte an die Theorien des Professors, aber sie hatten sich von ihm einstellen lassen, weil der Lohn wirklich fürstlich war. Aber hinter dem Rücken des Akademikers konnte man ja trotzdem über ihn lästern.

„Wir werden alt und grau sein, bis der komische Kauz was findet – Und der ne Mumie“, frotzelte Ralph.

„Meine Güte, wir wissen doch alle, dass der nichts finden wird, außer ein paar eingestaubten Vasen vielleicht; aber die Bezahlung stimmt, und das ist die Hauptsache“, sagte Tom.

Darauf stießen die Männer an.

Dann lachte Fred, bei dem sich der Alkohol schon bemerkbar machte, und gluckste laut: „Hol's der Geier – Sowas Verrücktes hab' ich lange nicht gesehen! Ich meine, sowas Bescheuertes wie ne komische neue Dynastie kanns doch gar nicht geben!

Wenn's ne Anubisdynastie gibt, dann kann ich fliegen!“

 

Kaum hatte er das gesagt, flog Fred im hohen Bogen davon.

 

Ralph und Tom starrten auf die Stelle, an der vor wenigen Sekunden Fred noch gesessen hatte, sahen sich dann an, rieben sich die Augen, und starrten wieder auf die Stelle.

 

Dann fingen sie wie am Spieß zu schreien an.

 

Krrk.

Krrk.

 

„Jupp, ich kann's noch!“

Amen hatte beiden Männern aufeinmal den Hals zugedreht. Die beiden keuchten kurz- Dann lies die Mumie sie wie heiße Kartoffeln in den Sand fallen.

 

Zufrieden gestellt setzte Amen sich an das prasselnde Feuer. „Aaaaah, diese Ruhe“, seufzte er wohlig. Er lachte leise; er hatte dem unflätigen Kerl von eben den alten Menschheitstraum erfüllt, fliegen zu können – Ob er darüber glücklich war, sei einfach mal dahingestellt. Auf jeden Fall waren Amen diese entsetzlichen Proleten furchtbar auf den Keks gegangen, und außerdem war der Ancient Assasin nicht besonders gut gelaunt gewesen; immerhin hatte er sich zweitausend Stufen hochgekämpft, und dass er dabei wegen seinem rechten Bein gehandicapt war, hatte die Sache nicht gerade einfacher gemacht. Daher hatte Amen sich einfach mal abreagieren müssen.

 

Nun lehnte die Mumie, mit sich und der Welt zufrieden, bequem gegen eines der Zelte und entspannte sich. Amens Blick fiel auf die Kiste Bier, die noch halbvoll war. Neugierig nahm er eine Flasche aus dem Kasten und besah sie sich genauer. „Das scheint wohl das neue Lieblingsgetränk der Leute zu sein“, überlegte er. Gespannt darauf, wie es wohl schmeckte, knackte er den Kronkorken mit seinen Zähnen, spuckte ihn fort und nahm dann einen großen Schluck aus der Flasche.

Angesichts der Tatsache, dass Amens Geschmacksnerven längst nicht mehr die besten waren, konnte er höchstens den recht hohen Alkoholgehalt schmecken, aber der mundete ihm gut. Amen seufzte abermals zufrieden, trank noch einen Schluck und sah zum Himmel hinauf.

 

Seit sechstausend Jahren hatte er den Himmel nicht mehr gesehen – Dafür wurde er heute mit einem besonders klaren und schönen Firnament erfreut. Die Milchstraße war problemlos zu erkennen, und die Sterne bildeten gemeinsam ein verzauberndes Bild aus Milliarden von hellen Lichtpunkten.

 

Amen seufzte, diesmal aber aus Wehmut. Er musste an Lordi denken, und an die Zeit damals.

Vor der großen Niederlage war Amen noch Pharao Morathep gewesen, dessen wahren Namen aber niemand außer ihm und Lordi kannte...Und...Moment mal...Genau, wie hatte er SIE vergessen können, die tapfere Walküre...

Als Amen jedenfalls nach der verlorenen Schlacht niedergeschlagen in sein ägyptisches Reich zurückkehrte, wurde er auf hinterhältigste Art und Weise überfallen und verflucht – Von dem Zeitpunkt an hatte er sich nicht mehr rühren können, weil er magisch gelähmt worden war. Dann wurde er mumifiziert, und hätte dadurch an sich sterben müssen; aber die schwarze Macht in ihm erhielt ihn am Leben, auch wenn sie nicht stark genug war, um die Lähmung von dem ehemaligen Pharao zu nehmen.

 

Die Mumie war ernsthaft besorgt um seine Freunde von damals – Wo waren sie nur geblieben? Amen war schon immer ein Mann der Tat gewesen, jemand, der stets handelte und das Planen den anderen überließ, ein in gewisser Weise hyperaktiver Bursche eben. Und dass er nun sechstausend Jahre geschlafen hatte, verstärkte diese Eigenschaft noch, da die Mumie so bald keinen Schlaf mehr brauchen würde – Amen hatte das ewige Schlafen wirklich satt, er steckte voller Tatendrang, und wollte keine Sekunde zuviel zögern!

 

Erfüllt von seinem Aktivitätsschub stand Amen auf, und machte sich kurzentschlossen auf den Weg, um sich darüber zu informieren, was die Menschen denn in den sechstausend Jahren inzwischen so getrieben hatten. Amen sah sich um und entdeckte Spuren, die von Rädern stammten. Er beschloss, ihnen zu folgen, um die nächste Siedlung zu finden.

 

So machte sich die Mumie schlurfend auf den Weg durch die Nacht.

 

„So, hier sind einige exzellente Angebote, die sie sich unbedingt mal ansehen sollten!“, sagte der Mann mit honigsüßer Stimme und einem überspitzen Zahnpastalächeln.

 

Lordi saß auf dem blaugrauen Stuhl im Büro des Immobilienmaklers und fühlte sich mehr als deplaziert. Seine Umgebung war aber auch alles andere als sein Geschmack: Es stapelten sich Aktenordner, wichtige Papiere und Hefter in fein säuberlich gestrichenen Hellholz-Regalen, ein dunkelblauer, akkurat gepflegter Teppichboden war im ganzen Zimmer verlegt worden, ein hochmoderner Computer, diverse Terminplaner, ein Telefon mit allen Schikanen (ebenso wie ein Handy) und ein in Mahagoni eingerahmtes Namensschild mit der Aufschrift „Laurentz Heidenreich, Immobilienmakler“ (der Mann kam offensichtlich aus Deutschland) befanden sich auf dem Schreibtisch aus Edelholz. Die Wände waren blütenweiß und mit einigen Diplomen sowie einem Kalender behängt. Außerdem stand in einer Ecke ein großer Zimmerfarn.

 

Kurzum: Ein waschechtes Klischeebüro.

 

Lordi fühlte sich wirklich deplaziert und schlichtweg lächerlich, und er hatte allen Grund dazu;

ein Monsterkönig, der auf einem billigen Bürostuhl sitzt, welcher ihm viel zu klein ist und ihn dazu zwingt, die langen Beine anzuwinkeln und sich auf den Stuhl zu quetschen, damit er nicht herunterfällt, sieht aber auch einfach zu komisch aus.

 

Zerknirscht und in der Hoffnung, das hier so schnell wie möglich hinter sich bringen zu können, nahm Lordi die Mappe, die der Makler ihm entgegenhielt, vorsichtig in seine großen Hände (er wollte die Mappe ja nicht mit seinen Krallen durchbohren) und blätterte langsam darin.

 

Während der Höllenfürst sich jedes einzelne Angebot in Ruhe ansah, redete der übereifrige Immobilienmakler unentwegt weiter: „Nun, sie sollten wissen, dass ich diese Spitzenangebote längst nicht jedem zeige – Aber sie, ja, sie haben gleich den richtigen Eindruck auf mich gemacht, so dass ich dachte 'Laurentz, DEM musst du doch deine erstklassigen und konkurrenzlos günstigen Sachen zeigen!', und das mache ich wirklich nicht bei jedem! Das sage ich längst nicht zu jedem, ooooh ja, das können sie mir glauben! Wissen sie, es liegt an ihrem Gesicht – Ihr Gesicht ist so sympathisch, vertrauenserweckend, nett, einladend, höflich, freundl--“

 

Lordi sah kurz von der Mappe auf und starrte den Mann mit seinem durchbohrendsten, fiesesten und kältesten Blick an, der sogar den Erdkern hätte gefrieren lassen können.

 

„Freundl—Ähhh...“

 

Leider blieb dem hibbeligen Menschen die Spucke nur für einen winzigen Augenblick weg, dann brabbelte er unerschrocken weiter.

 

„Nun, auf jeden Fall können sie bei meinen Angeboten gar keine falsche Wahl treffen, da ist jedes einzelne ein echtes Schmuckstück und ohne jegliche Bedenken sofort zu empfehlen! Wenn ich nicht selber schon ein feines Haus hätte, würde ich da glatt zuschlagen, das können sie mir glauben!“

 

Lordi wünschte sich inständig, diesem Nervbolzen von einem Mann den Hals umzudrehen – Doch leider konnte er sich das unter keinerlei Umständen erlauben. Er war gerade dabei, sich eine friedliche und unerkannte Existenz unter den Menschen aufzubauen, das durfte er sich keinesfalls selber vermiesen. Für seinen Plan war das unerlässlich.

 

Nach einer Weile sagte Lordi: „Das hier ist genau das, was ich suche!“

Er drehte die Mappe um und wies mit einer Kralle auf das Angebot, das er meinte. Der Makler reckte den Hals, und besah es sich genauer:

 

Es war ein nettes, mittelgroßes Reihenhaus in einer Straße am Rande der Stadt. Nicht besonders auffällig oder besonders, sondern ein ganz gewöhnliches Haus.

 

„Aha, dafür haben sie sich also entschieden“, meinte der Immobilienmakler im fachlichen Ton. „Pekan olevan sairas 71, östlicher Großbezirk, 58452  Helsinki – Ja, da haben sie wirklich eine gute Wahl getroffen, mein Herr – Sie werden damit sehr glücklich sein. Wie gedenken sie zu zahlen, an was für Raten hatten sie da gedacht?“

 

Ausweichend sagte Lordi: „Nun, sagen wir so, ich dachte da an ein paar Jahre Laufzeit ohne Raten, dann, ähm, sehen wir weiter.“

 

Der Makler schaute verdutzt. „Sie können doch nicht einfach ein paar Jahre nichts bezahlen!“

 

Lordi erwiderte schnell: „Nun, in Ordnung, dann bezahle ich die ersten fünf Jahre nichts, und dafür erhalten sie das Geld auf einen Schlag, in Bar und mit 50% Zinsen!“

 

Der Mann war skeptisch, aber die Worte „Bar“ und „50% Zinsen“ klangen einfach zu verlockend, daher antwortete er: „Gut, so machen wir das. Ich schicke ihnen dann jemanden vorbei, der das Geld einkassiert, ich weiß dann ja wo sie wohnen!“

 

Während Lordi bei diesem wirklich platten Witz nur genervt die rechte Augenbraue hob, amüsierte sich der Makler königlich darüber und lachte, dass die Balken bogen.

 

Als er sich wieder beruhigt hatte, übergab er dem Monsterkönig alle notwendigen Unterlagen und sagte: „Sehr schön, damit ist der Handel gemacht! Viel Freude mit dem Haus und empfehlen sie mich weiter!“

Lordi quälte sich erleichtert aus dem Stuhl und wollte gerade aus der Tür gehen, als der Mann ihn doch noch kurz zurückhielt: „Einen Moment noch – Entschuldigen sie die Frage, aber ihr Aussehen ist, nun, eher...also...unkonventionell. Wieso verkleiden sie sich so merkwürdig?“

 

Lordi rang nach Worten; er brauchte schnell eine gute Erklärung, wenn er nicht auffliegen wollte. Daher überlegte er fieberhaft und forstete in seinem Gehirn nach einer Lösung, die er in ein paar Sekunden zusammenzimmern konnte...

 

„Ich bin Präsident eines...Karnevalsvereins!“

 

Der Mann schaute Lordi verdutzt an.

Lordi schaute den Mann verdutzt an.

 

Dann erhellte sich das Gesicht des Maklers und er sagte freudig: „ Ah, das ist ja wundervoll! Ihr Verein wird sicher gemeinnützig sein und dem Bezirk bei Festivitäten unter die Arme greifen!“

 

Lordi machte eine abschätzige Handbewegung und erwiderte halblaut: „Ja ja, was auch immer... Jedenfalls, kann ich nun gehen?“

 

Der Makler hatte nichts dagegen. „Selbstverständlich, sie sollen ihr neues Vereinsheim ja selber begutachten können!“

 

So schnell wie möglich verließ Lordi den Arbeitsplatz des Immobilienmaklers, um sich seine neue Unterkunft anzusehen. Er hoffte stark für die Gesundheit des Maklers, dass er den Höllenfürsten nicht über's Ohr gehauen hatte.

Aber wenn das Haus so war, wie es im Angebot ausgesehen, stand einem verdeckten Leben unter den Menschen nichts mehr im Wege – Und Lordi konnte seinen Plan wieder ins Rollen bringen, wenn er seine ehemaligen Gefährten wiedergefunden hatte.

 

„Wenn sie sich nun nach rechts wenden, können sie die Ruinen der stolzen Stadt Memphis bewundern. Besondere Aufmerksamkeit verdienen der Tempel von Ptah, zwei riesige Statuen von Ramses dem II und eine Alabastersphinx, welche alle im 19. und 20. Jahrhundert entdeckt wurden. Erwähnenswert ist auch, dass die ehemalige Stadt der alten Könige ihre Position im Laufe der Zeit mehrfach gewechselt hat, was auf Änderungen im Flusslauf des Nils zurückzuführen ist. Desweiteren sorgten die Pharaonen für...“

 

Gespannt lauschten die Anwesenden, keiner unter sechzig Jahren alt, den Worten des Touristenführers. Während das Kaffeefahrt-Schiff gemütlich auf dem Nil entlang schipperte, bekamen die Senioren allerlei über die Wunder der Pharaonenzeit erzählt, schwatzten bei Kaffee und Kuchen und genossen die friedliche Reise. Draußen zogen gemächlich alte Ruinen, Pyramiden und andere Sehenswürdigkeiten vorbei.

 

Währenddessen hatte es die Schiffscrew äußerst gemütlich – Viel zu tun gab es ja auch nicht. Das Schiff fuhr sehr langsam, und die Fahrgäste waren sehr friedsame Zeitgenossen, bei denen man nicht befürchten musste, dass sie in irgendeiner Weise aufmuckten. Jedenfalls konnten der Kapitän und der Steuermann es sich im Steuerraum des Schiffes gut gehen lassen und ein wenig dösen. Das konnten sie sich durchaus erlauben – Es passierte ja eh nie etwas.

 

RUMPEL!!

 

Nun, sagte ich „nie“?

 

Kapitän John Miller, ein nach Ägypten eingewanderter Amerikaner, schrak aus seinem Schläfchen auf. Der Steuermann Summit Arakshid fuhr ebenfalls hoch.

„Verflucht, was war das?“, fragte Kapitän Miller, während er sich mit einem Ruck aus seinem Stuhl wuchtete.

„Ich weiß es noch nicht – Aber es kommt aus diesem Raum hier“, stellte der Steuermann fest.

Wie zur Bekräftigung rumpelte es nochmals ohrenbetäubend.

 

Der Kapitän glaubte noch zu träumen, als seine Augen die Quelle des Lärms erblickten:

 

Der schwere Metallschrank an der hinteren Wand des Steuerraumes bebte und schwankte – Und zwar mit einer solchen Kraft, als würde sich ein großes Tier im Schrank gegen die Wände seines Gefängnisses werfen.

 

„Haben wir etwa einen Kampfhund an Bord?“, fragte der Kapitän entgeistert – Dabei war die Frage an sich lächerlich, denn kein Kampfhund der Welt konnte den Schrank so zum Schwanken bringen, dass er umzukippen drohte.

Der Kapitän dachte fieberhaft nach, und ließ dabei den rumorenden Schrank nicht aus den Augen.

Miller wollte etwas tun, aber er wusste einfach nicht, was. Ihm war bewusst, dass er die Lage überprüfen musste, doch gegen irgendein hochgefährliches Tier hatte er im Ernstfall keine Chance.

 

„Arakshid, versperren sie zur Vorsicht die Tür des Schrankes mit einem alten Rohr. Wenn sich wirklich etwas Gefährliches dort drinnen befinden sollte, darf es auf keinen Fall herauskommen!“

 

Der Steuermann befolgte die Anweisungen des Kapitäns und schob zwischen die beiden Henkel der eisernen Doppeltür ein Rohrstück, welches neben dem Schrank lag.

Dann machte er schnell ein paar Schritte zurück, da es im Schrank noch immer äußerst bedrohlich polterte. Ein dumpfes Brüllen, welches nur entfernt einem Menschen gleich kam und einen unheimlichen, trockenen Klang besaß, mischte sich unter den Lärm des randalierenden Wesens.

 

Kapitän Miller bekam es wirklich mit der Angst zu tun – Das Gebrüll ging ihm durch Mark und Bein. Er musste sich dringend etwas überlegen...

 

WOMP!

 

Die Augen der beiden Seemänner weiteten sich.

 

Was auch immer sich im Schrank befand, auf jeden Fall schlug es mit so großer Kraft gegen die Schranktür, dass sich das Metall deutlich erkennbar ausbeulte.

 

Es herrschte mit einem Mal eine Art Stille.

Dunkel und mit Nachdruck hallte langsam, aber sicher der wuchtige Schlag im Metall nach, und durchzog mit einer aufreibenden Deutlichkeit die Körper der beiden Männer.

 

Kapitän Miller hielt es nicht mehr aus – Während der Steuermann noch immer regungslos da stand, machte der Schiffskapitän ein paar vorsichtige Schritte auf den Schrank zu. Auch wenn es gefährlich war, er musste einfach wissen, womit er es hier zu tun hatte.

 

„Wollen sie das wirklich-“

„Ja. Es muss sein!“

 

Jeglicher Einspruch von Seiten des Steuermanns war zwecklos. Kapitän Miller trug die Verantwortung für sämtliche Personen an Bord und musste die Lage sondieren.

Etwas, was man nicht kennt, kann man nicht bekämpfen.

 

„Aber wenn sie den Schrank öffnen, dann wird diese...Bestie...da drin herauskommen, und weiß der Himmel, was dann geschieht!“

„Sehen sie doch, wie stark dieses Etwas dort drinnen sein muss!“, erwiderte der Kapitän und bekräftigte seine Aussage, indem er auf die faustdicke Beule in der Schranktür wies. „Früher oder später wird es sowieso einen Weg nach draußen finden, daher kann ich mir das auch einfach jetzt ansehen. Dann habe ich wenigstens den Überraschungsmoment auf meiner Seite.“

 

Kapitän Millers Kollege wusste nun, dass er mit seinen Einwänden auf Granit stieß. Daher schluckte er zwar, sagte aber nichts.

 

Der Kapitän stand nun direkt vor dem Schrank, der das Untier beherbergen musste.

Er atmete einmal tief durch.

Den erneuten Aufschrei aus dem Inneren des Möbels ignorierte er, so gut er konnte.

 

Dann schob er langsam das Rohr beiseite.

 

Im nächsten Moment sprang etwas mit voller Kraft und unter wütendem Geheul dem Kapitän an die Gurgel.

 

Kapitän Miller wurde auf den harten Boden gepresst, er schrie auf vor Schmerzen; doch nicht lange, da er von zwei knochigen Händen gewürgt und geschüttelt wurde. Er röchelte, schlug um sich, doch seine Kräfte schwanden schnell, so dass er sich nicht aus dem Griff befreien konnte.

 

Der Steuermann sah nur, wie dieses zerfurcht aussehende Wesen, welches den Mumien aus den Horrorfilmen recht gleich kam, den Kopf des Kapitäns immer und immer wieder mit Wucht auf den Boden aufschlug, und gleichzeitig die Kehle des Mannes zudrückte. Bei jedem heftigen Aufprall des Kopfes knallte es laut und der Metallboden vibrierte.

 

Der Kapitän hustete und würgte, zuckte mit seinen Gliedmaßen, doch zu mehr an Gegenwehr war er nicht mehr fähig.

 

Nach einer kurzen Weile des ungleichen Kampfes schmetterte die Bestie den Schädel des Menschens noch einmal mit Macht auf den Untergrund. Es knallte abermals.

 

Nun blieb der Kapitän liegen, ohne eine irgendeine Regung. Schlaff drehte sich sein Kopf zur Seite. Blut trat langsam aus der Seite des Schädels aus und floss stetig unter dem Haar hervor, so dass sich eine Pfütze bildete.

 

Völlig schockiert und wutentbrannt stürzte sich Summit Arakshid von hinten auf den Kriminellen, und versuchte ihn nieder zu ringen. Er würgte, zerrte und schlug, absolut wütend und verzweifelt, auf den Peiniger ein – Aber der blieb einfach stehen, rührte sich nicht, während der Kapitän weiter am Boden liegend vor sich hin blutete.

 

Nach einer kleinen Weile schüttelte das Monster den Menschen von sich, so dass der unsanft zu Boden fiel.

Dann drehte es sich um und sagte in einem genervten Ton:


„Was soll das?!“

 

Der Steuermann war viel zu zornig, um sich darüber zu wundern, dass das Mumien-Biest sprechen konnte. Mit Wuttränen in den Augen schrie er:

 

„Du widerliches Miststück hast den Kapitän getötet!! Ich weiß nicht, wer oder was du bist, aber du wirst für diesen Mord bezahlen!!“

 

Die Mumie machte ein äußerst verwundertes Gesicht.

 

„Was faselst du da überhaupt für einen konfusen Blödsinn?! Und überhaupt – Der Kapitän ist gar nicht tot!“

 

Summit Arakshid wandte sich zur Leiche des Kapitäns um, genauer gesagt, zu dem, was der Steuermann für eine Leiche gehalten hatte. Und tatsächlich: Die Blutung hatte aufgehört, die Pfütze war recht klein geblieben, und der Körper des Seemannes begann, sich wieder zu regen.

 

Schon bald stand der Kapitän ein wenig benommen, aber lebendig wieder auf seinen Füßen.

 

„Da hast du es!“, meinte die Mumie triumphierend.

 

Der Steuermann traute seinen Augen kaum. „Aber so wie du ihn gepeinigt hast, müsste er doch tot sein!“

 

„Pff, das sah schlimmer aus, als es war – Ich habe ihn bewusstlos geschlagen und ihm eine Wunde am Kopf zugefügt, das ist auch schon alles. Außerdem frage ich mich, wieso ich jemanden umbringen sollte, den ich noch brauche!“

 

Kapitän Miller, der sich kurzzeitig dem Tode nahegefühlt hatte, strich sich entgeistert über die aufgeplatzte Stelle unter seinem linken Haaransatz und konnte es immer noch nicht fassen, dass er noch lebte.

Doch zur Erholung blieb nicht viel Zeit – Das Monster zog ihn unsanft am Kragen heran, und sah ihm sehr eindringlich in die Augen. Dann blaffte es los:

 

„Dass du noch lebst, verdankst du nur meiner Langmut, und nicht deiner Zähigkeit! Ich hätte dich wie eine Fliege in der Luft erschlagen können! Und jetzt hör gut zu...

Das Schiff fährt von nun an dorthin, wo ich es will – Vergiss irgendwelche komischen Reiserrouten, du wirst mich nun dahin bringen, wohin ich es wünsche! Und wenn dein blödes kleines Papierschiffchen nicht weit genug fahren kann, beschaffst du mir unterwegs ein besseres Gefährt!

Hauptsache, du bringst mich an mein Ziel!!“

 

Mit zittriger Stimme fragte Kapitän Miller:

 

„Und, wohin soll es gehen?...“

 

Amen antwortete wie aus der Pistole geschossen:

 

„Finnland!“

 

©  by Hisui  aka  Spongie *W*   2006