Gefährlicher Besuch - Tag 1:

 

Dies ist eine reine Spaßgeschichte. Die Eigenschaften und Verhaltensweisen die den Bandmitgliedern hier angedichtet werden, dienen einzig und allein der Unterhaltung, und entsprechen in keinster Weise der Wirklichkeit.

Viel Spaß!

 

 

Hier befand ich mich also, vor einer harmlosen grauen Tür, die ich in wenigen Augenblicken durchschreiten würde. Eine Tür die gleichzeitig ein Tor in ein Universum der Finsternis darstellte, voll von grässlichen Alpträumen, lähmendem Grauen und blutigem Entsetzen. Bevölkert von Kreaturen, deren bloßer Anblick die Gedanken eines Menschen mit purem Schrecken füllte, und imstande war seinen Verstand in die glühende Hölle des Wahnsinns zu stürzen. Und dennoch, ungeachtet aller Schrecken die mich erwarten mochten, erfüllte mich diese absolute, undurchdringliche Dunkelheit, gepaart mit abgrundtiefem Hass und purer Bosheit, mit einer nicht zu leugnenden Neugierde. Eine Art von… morbider Faszination ging davon aus, ergriff von mir Besitz und machte mich wie trunken.

Wie in Zeitlupe drückte ich die Klinke hinunter, und öffnete die Tür einen Spalt. Wollte ich das wirklich tun? War es wirklich mein Wunsch die Welt hinter dieser Tür zu betreten? Einen Augenblick zögerte ich noch - dann wurde die Tür mit einem so heftigen Ruck aufgerissen, dase es mir beinahe die Schultern ausgekugelt hätte, hätte ich die Klinke nicht noch rechtzeitig losgelassen. Dafür zeigte nun die Spitze eines Schwertes auf meine Brust, bereit mich bei der kleinsten unbedachten Bewegung zu durchbohren.

   "Wie oft muss ich es verdammt noch mal noch sagen?! ICH BRAUCHE KEINEN STAUBSAUGER!" tönte es mir in ohrenbetäubender Lautstärke entgegen. Vor mir hatte sich eine Walkyrenkriegerin in voller Rüstung aufgebaut, die mich mehr als nur drohend anfunkelte. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich wohl auf der Stelle tot umgefallen.

   "A… aber…" brachte ich, mit Blick auf die messerscharfe Klinge des Schwertes, zitternd hervor. Einen Augenblick später, drückte der kalte Stahl der Walkyrenklinge auf meine Kehle, und ich begann innerlich bereits mit meinem Leben abzuschließen.

   "Was?" knurrte die Kriegerin, in der ich nun unzweifelhaft Enary erkannte.

   "I… ich bin kein Vertreter." stotterte ich. "Ich bin doch nur… Reporter." Was wenn sie Reporter noch weniger leiden konnte als Vertreter? Wahrscheinlich begnügte sie sich nicht damit, mir einfach nur die Kehle durchzuschneiden...

   "Oh." Der Druck des Schwertes von meiner Kehle verschwand, und ich getraue mich meine angstvoll zusammengekniffenen Augen wieder zu öffnen. "Dann komm ruhig rein!" wurde ich freundlich aufgefordert. "Aber mach die Tür zu, sonst zieht es hier so."

   "S- selbstverständlich." murmelte ich, und beeilte mich die schlichte graue Tür zu schließen. Kaum war sie geschlossen, verschwand sie und an ihre Statt trat eine grobe Steinmauer. Jetzt gab es kein zurück mehr.

Wie in Zeitlupe wandte ich mich um, darauf gefasst im nächsten Moment angefallen und in Tausend Fetzen zerrissen zu werden. Doch nichts dergleichen geschaht.

Mein Blick fiel auf einen Tisch in der Mitte des großzügigen Raumes, den ich als Küche identifizierte. Ein widerlich süßlicher Duft lagt in der Luft - der Geruch von Aas und faulem, verbrennendem Fleisch, wurde mir klar. Die Gestalt am Tisch wandte mir den Rücken zu, aber ich wusste auch so wen ich vor mir hatte. Lange, klauenartige Finger erschlossen sich für einige Sekunden meinem Blick, als das Wesen nach etwas zu greifen schien.

   "Setz dich." wurde ich von einer rauen Stimme aufgefordert. Gehorsam, und mit nicht zu leugnendem, mulmigem Gefühl im Magen, trat ich an den Tisch. Ich griff nach einem Sessel, führte die Bewegung jedoch nicht zu Ende. Mein Blick fiel auf die dämonische Erscheinung, der ich nun zum Greifen nahe war, und meine Kinnlade klappte herunter.

Ein grässliches, verwüstetes Gesicht starrte mich über den Rand einer Hornbrille hinweg missbilligend an. Geräuschvoll wurde ein Buch zusammengeklappt, und auf dem Tisch abgelegt. Aus dem Augenwinkel erhaschte ich einen Blick auf den Titel: "Shakespeare".

   "Was?!" fragte Lordi, und funkelte mich mit glühend roten Augen an.

   "Oh… äh… nichts!" beeilte ich mich zu sagen, während ich hastig nach dem Stuhl griff, und mich mit übertriebenem Schwung setzte.

   "Hmmm…" brummte das Obermonster.

   "Ich… äh…" begann ich, kam jedoch nicht weiter, da just in diesem Moment ein Teil der Wand, der sich plötzlich in eine Tür verwandelte, zerbarst. Ein monströses, mit gewaltigen Klauen und Zähnen bewehrtes Etwas stürmte in den Raum. Aus dem Maul hing dem Biest ein ausgerissenes Bein.

   "Nicht in der Küche, böser Kita!" schimpfte Enary halbherzig.

Noch während das Manbeast versuchte sich mit seiner Beute unter dem Tisch zu verkriechen, arbeitete sich eine Mumie mit ungelenken Bewegungen durch die Reste der Tür.

   "Kita! Aus! Komm sofort her! Bei Fuß!"

Der Mumie folgte ein Zombie, der mit wutverzerrtem Gesicht in der Tür auftauchte. Der ehrfurchtgebietende Effekt seines Erscheinens wurde lediglich ruiniert durch die Tatsache dass er auf einem Bein hüpfend in die Küche stolperte. "GIB MIR SOFORT MEIN BEIN ZURÜCK, DU DIEBISCHES MISTVIEH!!!!" brüllte er.

   "Hör auf das arme Schnuffelchen so anzubrüllen!" schrie Enary zurück, und baute sich drohend zwischen dem etwas ramponierten Bikerzombie und dem in Deckung gegangenen Manbeast auf.

   "Ist ja schon gut." knurrte Kalma. "Ich will aber trotzdem mein verdammtes Bein wiederhaben, bevor er es komplett abgenagt hat!"

   "Dann pass eben besser auf deine Körperteile auf!" gab die Walkyre schnippisch zurück. "Beschwer dich bei Amen, er war heute mit Gassi gehen dran."

   "Wieso ich? DU wolltest doch mit ihm spielen!" wehrte sich die Mumie.

   "Ja, mit einem Stöckchen, aber nicht mit meinem Bein! Ich BRAUCHE es noch!" schimpfte der Zombie.

   "Warum hast du es ihm dann gegeben?"

   "Ich habe es ihm nicht gegeben! Es ist abgegangen, weil du mir hinten drauf getreten bist!"

   "Ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass du es besser annähen sollst, Kalma." mischte sich Enary ein. "Das hast du davon."

   "Genau, hättest du Enary nähen lassen, wäre das alles nicht passiert."

   "Das sagt mir jemand, der seit ein paar tausend Jahren in denselben stinkenden Klamotten rumläuft!" ätzte der Bikerzombie.

   "Wer stinkt hier?"

   "Könntet ihr vielleicht endlich einmal DIE KLAPPE HALTEN?!" brüllte Lordi plötzlich. Augenblicke später herrschte betretenes Schweigen in der Küche. Enary versuchte verzweifelt einen drohend zum Schlag erhobenen Kochlöffel hinter ihrem Rücken zu verstecken, Amen war plötzlich konzentriert damit beschäftigt seine Binden zurechtzurücken, und Kalma kippte mit rudernden Armen um. Von unter dem Tisch ertönte lediglich noch das glückliche Schmatzen Kitas, der sich am Bein des Bikerzombies gütlich tat.

   "Wir haben einen GAST." erklärte das Obermonster mit Nachdruck. Wie auf Kommando richteten sich mehrere mehr oder weniger interessierte (oder eher hungrige?) Augenpaare auf mich.

   "Grff?" ertönte es neben mir. Ich wandte meinen Blick zur Seite, dem Ursprung dieses Geräusches zu, und sah noch wie ein geifernder Kita auf mich zusegelte. Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen, als mir das Manbeast begeistert sabbernd das Gesicht abschleckte. Mich dagegen wehren konnte ich nicht, denn das Biest hatte meine Arme mit seinen Klauen im Boden festgenagelt. Und so suizidgefährdet, zu versuchen ihm Befehle zu erteilen, war ich auch nicht.

Plötzlich wurde das Manbeast mit einem gewaltigen Ruck von mir hinunter in eine Ecke des Raumes gewuchtet. Ich öffnete vorsichtig meine Augen, hob meinen Kopf und als ich mir den Sabber größten Teils aus dem Gesicht gewischt hatte und zur Seite blickte, erkannte ich dass Kalma wohl den Begeisterungsausbruch von Kita dazu genutzt hatte, sich sein fehlendes Bein wiederzubeschaffen. Denn dieser stand, zwar noch etwas unsicher aber trotzdem äußerst respekteinflössend, direkt neben mir. Seinen Blick, zuerst auf das in der Ecke umhertaumelnde Biest gerichtet, richtete er nun auf mich. Unfähig etwas unter seinem knechtendem Blick zu sagen, versuchte ich meine an Angst grenzende Nervosität hinunterzuschlucken, als er seine trockene, tiefe Stimme erhob. „Ich würde ihm gegenüber an deiner Stelle nicht allzu sorglos werden, kleines Menschlein. Er testet manchmal seine Mahlzeiten vorher gern aus, bevor er sich den Bauch vollschlägt.“

Ich hatte es doch geahnt, dass diese überschwängliche Begrüßung einen Haken hatte. „D-d-danke f-für den Hinweis.“ antwortete ich zitterig. Erst jetzt fiel mir auf, dass das Bein des Bikerzombies an der Stelle, an der es abgetrennt wurde, tiefrot glühte. Kalma wandte sich wieder Kita zu und wollte gerade noch einmal zum Revancheangriff übergehen, als Lordi sich entnervt brüllend von seinem Platz erhob. „VERDAMMT NOCHMAL, KALMA!! HALT GEFÄLLIGST STILL WENN ICH VERSUCHE DIR DEIN BEIN WIEDER ANZUPFLANZEN, ZUM LETZTEN MAL!!! SONST WIRD’S SCHIEF!!!"

Erschrocken verlor Kalma erneut das Gleichgewicht und stürzte auf den leicht staubigen Boden. Im nächsten Moment sah ich das Manbeast wütend brüllend durch die Luft auf Kalma zufliegen. Doch kurz bevor es auf ihm landete, wurde es vom Obermonster an seinen Ketten erneut durch die Luft in einen anderen teil des Raums verfrachtet. "AUS!!! ODER ICH LASS DICH DOCH NOCH KASTRIEREN!!!“

Kaum dass Lordi diesen Satz zu Ende geführt hatte, konnte ich in Kalmas Hand eine riesige Sense sehen. „Lass nur, das übernehme ich auch gern. Dann sparen wir nicht nur die Kohle für die OP, sondern beschaffen mir seit langem endlich mal wieder `nen freien Tag. Das letzte Mal als du mit ihm zu einem menschlichen Arzt gegangen bist, konnt ich das ganze Praxispersonal und sogar die Patienten allesamt frühzeitig ins Jenseits kutschieren.“

   „Kommt nicht in Frage!“ zischte Enary zurück. „Du lässt deine Brachialsense mal schön stecken, oder du bekommst es mit mir zu tun!! Magnum ist wegen dir auch schon in Reparatur und kommt erst in ein paar Tagen wieder!!!!“

Plötzlich erfüllte ein ohrenbetäubendes Gebrüll den großen Raum, scheinbar war dem Obermonster nun endgültig die Geduld ausgegangen. „HALTET VERDAMMT NOCHMAL DIE SCHNAUZE!!!!!!!!“

Unter seiner gewaltigen Stimme schien der Boden zu beben.

   „Ok, ok. Ich lass ihm sein Gehänge noch, aber sollte er mir noch mal ein Körperteil klauen, zahl ich’s ihm mit gleicher Münze zurück.“

Knurrend quittierte Lordi diese Bemerkung des Zombies mit einem bedrohlichen Blick. „Also gut,“ begann er. „ Amen wird unserem Snack…ähm, nein, unserem Gast selbstverständlich eine kleine Räumlichkeit zuweisen und hmm, Enary macht ihm erst mal `nen Snack. So ist’s richtig.“ Der kleine, für mich aber SEHR bedeutsame Versprecher von Lordi war mir nicht entgangen.

   „Ähem, vielleicht sollte ich doch lieber gehen… ich meine… vielleicht störe ich hier nur…und…“

   „Unsinn! Sie bleiben, wir bekommen sooo selten Besuch von Sterblichen, ich weiß nicht warum. Wir waren immer nett, auf unsere Weise. Unsere Gäste durften sogar mit Kita Gassi gehen, wenn von uns keiner Zeit (bzw. keine Lust auf’s Laufen oder Lust auf Frischfleisch) hatte.“

Grauenvolle Bilder malten sich vor meinem inneren Auge. „I-ich würd…würde gerne bleiben, a-aber…“

   „Nix da, du würdest gern! DU BLEIBST!!!!!“ dröhnte es mir von Seiten aller Monster entgegen. Somit war ein unfreiwilliger, längerer Aufenthalt für mich leider unausweichlich.

   „Sag mal, warum bist du eigentlich hier?“ wurde ich von der Mumie trocken gefragt.

Ich wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, da fiel Enary mir ins Wort. „Also Amen, ist doch wohl klar, was er will. Er ist einer dieser fotografierenden Reporter und will mich endlich groß als Model rausbringen."

   „So schmierig wie der Kerl aussieht arbeitet er eher für’n Playboy als für ‚ne Modelagentur.“ „Na und wenn schon, ich kann doch zeigen was ich hab, oder?“

   „Ja schon, aber…“

Enarys Blick verfinsterte sich. „Aber, was!?“

Amen warf Kalma einen fragenden Blick zu. „Hm, na ja…“ begann dieser. „Wenn man dich nackt sehen will, muss man aber nicht extra Geld für so’n Heftchen ausgeben.“

   „Man muss sich bloß in deiner Badelagune auf’m Grund einquartieren und warten, is sehr praktisch wenn man da als Untoter keine Luft zum atmen brauch.“ sprach Amen schief grinsend weiter.

   „WAS!?!?!?! IHR MIESEN SPANNER!!!!!“ brüllte die Walkyre wütend mit gezücktem Schwert zurück. Sie wollte zum Schlag ausholen, als…

   „RUUUUUUUUHEEEEEEEEEE!!!!!!!!!!!!!!!!!“ Vor Schreck fiel ich vom Stuhl, als Lordi vor meinen Augen plötzlich  von einem Flammeninferno umgeben war und boshaft knurrend mit blutrot leuchtenden Augen in die Runde blickte.        

Kita, der bis zu diesem Augenblick damit beschäftigt war sich wieder an den Bikerzombie heranzupirschen suchte schnellstmöglich Deckung unter dem Tisch, Enary versuchte mit hektischen Bewegungen ihr Schwert einzustecken, Kalma ließ seine Sense verschwinden und versuchte sich unauffällig in eine dunklere Ecke des Raumes zu verziehen. Und ich, ich wurde plötzlich kräftig am Arm gepackt und von Amen hastig aus dem Raum geschleift.

 

Nach einigen Minuten waren wir vor einer dicht bewucherten Wand angekommen. Die Mumie, die meinen Arm immer noch im eisernen Griff hatte, drückte einige der groben Backsteine in einer bestimmten Reihenfolge in die Wand. Nur Sekunden später tat sich die Wand auf und eine Art kleine Höhle war zu erkennen. In der rechten hinteren Ecke erkannte ich ein Gebilde aus Holz und Knochen, das scheinbar ein Bett darstellen sollte. Gleich gegenüber liegend befand sich eine Art Badewanne, jedenfalls ein großer ausgehöhlter Fels mit Wasser gefüllt. Ein kleiner runder Tisch und zwei mit Fellen bespannte Stühle befanden sich ziemlich genau in der Raummitte auf einem großen, schon leicht zerfilzten Perserteppich. Auf dem Tisch stand eine große, dicke schwarze Kerze in einem steinernen Ständer und an der Wand schwebten in regelmäßigen Abständen ganz von allein mehrere kleine Feuerbälle.

   „Hast du dir die Kombination der Steine gemerkt, Mensch?“ Ich schaute auf und blickte in das auf eine Antwort wartende Gesicht der Mumie.

   „Ähm,… ja, ich denke schon.“

   „Gut, mein Gehirn is nämlich nicht mehr das neueste, darum vergesse ich den Mist manchmal selbst. Und ich hab’s satt die Wand einschlagen zu müssen um irgendwelche stusslabernden Touris aus den Höhlen zu befreien. Die letzten hab ich hier verrecken lassen, wäre auch nicht weiter aufgefallen wenn Kita sich nicht hier rein gegraben und die Reste rausgeholt hätte.“

Verdammt, wo war ich hier nur gelandet. Und das alles nur wegen einer kleinen Story, bei der ich mein dummes Mundwerk zu weit aufgerissen hatte.

Die Story!! Richtig, die musste auch noch irgendwie her. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und versuchte, ein Interviewgespräch zu beginnen. „Äh, Verzeihung… Mr. Amen…“

Scheinbar etwas verwundert schaute die Mumie auf mich hinunter… und ließ mich bei der Gelegenheit auch endlich los.  „Was?”

Ich rappelte mich auf. „Ähäm… mich würde interessieren…“ Ich stoppte. Sollte ich diese Frage die ich im Kopf hatte, wirklich stellen? Würde er es mir übel nehmen, könnte ich mich auch gleich vor Kalma auf die Knie werfen und ihn anflehen, mich aus dieser Welt zu befördern.

Amen wurde anscheinend ungeduldig. „Was willst du!?!?!?“

Ich setzte erneut an. „Ich… ich würde gerne wissen warum sie noch ein Gehirn haben, wo sie doch allem Anschein nach eine Mumie aus dem alten Ägypten sind. Die Ägypter haben die Organe doch immer entfernt und…“

   „Ach, halt die Klappe du Wicht. Wie bist du denn Reporter geworden? Hast dich ja noch nicht mal richtig informiert. Ich hab noch ’n Hirn weil ich lebendig begraben wurde.“

Mir stockte der Atem. „L-lebendig?“

   „Ja, war dieser verdammte Hondai-Fluch, der wird allen auferlegt die irgendwie besonders großen Scheiß bauen.“

   „Ach so, und.. was haben sie…?“

   „Ich hab meinen spießigen Zwillingsbruder, den Pharao, umgebracht, mich als er ausgegeben, das Volk tyrannisiert und mich hemmungslos mit seiner Alten vergnügt, was dagegen!?!?! Is leider aufgeflogen, weil mein Bruder eine Narbe hatte die mir fehlt. Und jetzt halt’s Maul oder ich mach dich trockener als Kalmas Humor!!“

   „Ja ja, ist schon gut. Ich bin still.“

Amen verließ den Raum und murmelte dabei etwas in sich hinein. „Tze, Pressefuzzis. Als ob’s so abwegig wäre, wenn man mal seinen Spaß haben will. Kann ich doch nix für, dass die olle Ische meines Bruders beim Poppen eher auf’s Gesicht achtet, als auf alles andere. Is sowieso abnormal.“

Da stand ich also nun, mutterseelenallein in dieser Höhle. Kaum das sich die versteckte Tür in der Wand geschlossen hatte, hatte ich meinen zitternden Knien nachgegeben, und war auf einen der Sessel gefallen. Die grauenhaften Visionen von zerstückelten Körpern und herumliegenden Gedärmen kehrten zurück, kaum das ich erschöpft meine Augen geschlossen hatte. Die Vorstellung selbst irgendwo in dieser… dieser Hölle hier als Imbiss zu enden, war so drängend, dass ich sie sofort wieder aufriss. Und es wirkte - die Bilder vor meinem inneren Auge verblassten, wurden wieder abgelöst von dem Anblick einer grob behauenen Felswand.

Ich nahm Notizblock und Stift aus meiner kleinen Umhängetasche, die den Begeisterungsausbruch des Manbeasts wie durch ein Wunder unbeschadet überstanden hatte, und legte Beides auf den Tisch. Erst dann nahm ich meine Tasche ab, und hängte sie über die Lehne meines Stuhls.

Augenblicke später glitt die Steintür mit einem schabenden Geräusch zur Seite, was mich dazu veranlasste aufzuspringen, und vorsorglich Deckung zu suchen. Doch es war nur Amen, der mir einem missmutigen "Mahlzeit!" ein Tablett auf den Tisch knallte. Noch im Hinausgehen brummte er etwas, das wie "Ich werde mich bei der Monstergewerkschaft beschweren! Ich bin doch kein Kellner!" klang.

Als das Türähnliche Gebilde wieder eingerastet war, und sich meinen Blicken nur noch eine nackte Mauer aus grob behauenen, ungelenk zusammengefügten Steinen darbot, getraute ich mich wieder hinter dem massigen Sitzmöbel hervorzulugen, hinter das ich mich geduckt hatte. Auf dem Tisch befand sich ein Tablett, auf dem sich eine große Schüssel, ein unförmiger Krug, und ein ziemlich ungeschlachter Becher befanden. Das verstand man hier also unter 'Snack'. Der Inhalt dieser Schüssel mochte ausreichen um mindestens ein Duzend Personen satt zu machen. Was allerdings die Art des Inhalts betraf…

Ich ließ übertrieben wirkende Vorsicht walten, als ich mich an das Gefäß heranpirschte, und über den Rand hinein lugte, jederzeit bereit mich vor etwas zuschnappenden in Sicherheit zu bringen. Innerlich hatte ich mich schon auf alles Mögliche vorbereitet, Augäpfel, Gedärme, Würmer, rohes, noch blutiges Fleisch, möglicherweise sogar irgendetwas das gerade seine letzten Atemzüge tat… Doch was ich letztendlich in der Schüssel fand, ließ mich einen Moment lang sprachlos verharren. Es war… Gemüse.

Ordinäres, hübsch buntes Gemüse, wie man es in jedem Restaurant der, nennen wir es einmal 'Oberwelt', serviert bekommt. Und es sah nicht nur wie Gemüse aus, es roch auch so. Karotten, Bohnen, Erbsen, Mais, Broccoli… etwas groß geschnitten vielleicht, aber eindeutig normales, nicht lebendiges Gemüse.

Vorsichtig stocherte ich mit etwas das wohl ein Löffel sein sollte, aber für mich eher die Ausmaße eines Suppenschöpfers hatte, in der Schüssel herum. Ich drehte und wendete das Gericht drunter und drüber - aber ich fand zu meiner Erleichterung absolut keine ekligen Dinge darin. Anscheinend wussten diese Monster durchaus wie man Gäste zu bewirten hatte, die, nun, sagen wir einmal nicht unbedingt denselben Geschmack wie sie aufwiesen was das Essen betraf.

Lediglich die weißliche Soße mit der ich das Gemüse durch meine Suchaktion inzwischen über und über bedeckt hatte, war mir ein wenig suspekt. Schließlich verlor ich aber doch den Kampf gegen meinen inzwischen ziemlich heftig knurrenden Magen, und kostete. Ich war auf alles Mögliche vorbereitet, aber nicht darauf, dass es sich um eine äußerst delikate Rahmsoße handelte.

Nach dem dritten Bissen ließ ich dann endgültig alle Vorsicht außen vor, und schlug mir schmatzend und schlürfend so richtig den Bauch voll. Zwar mochte ich vegetarische Kost ansonsten nicht so gerne, aber in Anbetracht der Alternativen hier… Ich hatte keine Lust möglicherweise jemanden den ich kannte als Steak serviert zu bekommen.

Gesättigt griff ich nach dem großen Krug, und mühte mich damit ab etwas daraus in den ungeschlachten Becher der mindestens einen Liter fassen mochte zu füllen. Trotzdem noch mit einem Rest an Vorsicht ausgestattet, schnupperte ich an dem goldgelben Getränk. Mein  Geruchsinn teilte mir mit, dass es Wein sein musste, also nippte ich vorsichtig daran. Mit etwas mulmigem Gefühl ließ ich die Flüssigkeit in meinem Mund herumgehen, und wurde erneut überrascht. Es war ein wirklich guter Weißwein, spritzig und leicht, wie ich ihn vom Gut meiner Eltern gewohnt war.

Als ich den nicht einmal halb vollen Becher mit gebührender Langsamkeit genoss, begann ich mich zusehends zu beruhigen. Der so vertraut schmeckende Wein hatte eine wirklich entspannende Wirkung auf mich, und sorgte auch dafür dass all die Anspannung und Nervosität von mir abzufallen begannen. Wenigstens für den Moment war ich hier sicher.

Nachdem ich in kurzen Stichworten meine Eindrücke er ersten Begegnung mit den Monstern festgehalten hatte, wandte ich mich dem Bett zu, welches, wie nicht anders zu erwarten war, ein wenig nach Moder roch. Als ich die Felldecke zurückgeschlagen hatte und mich einmal probeweise darauf niederlassen wollte, stieß ich mit dem Fuß gegen etwas.

Neugierig geworden, ließ ich mich auf die Knie sinken, und angelte mit der Rechten nach dem Ding gegen das ich gestoßen sein mochte. Ich bekam tatsächlich etwas zu fassen, und zog an. Was auch immer ich in der Hand hielt leistete Widerstand, obwohl es sich nicht lebendig anfühlte. Es musste sich irgendwo verklemmt haben.

Als ich etwas fester anzog, frage ich mich, ob Monster wohl auch Nachttöpfe benutzten. Bruchteile von Sekunden später, wich ich mit einem heiseren Schrei zurück. Ein Skelett!

Voller Grauen schlug ich die Hand vor den Mund. Die Knochen die ich unter dem Bett hervorgezogen hatte wiesen überall Kratzspuren auf, als ob sie jemand abgenagt hätte. Doch das war bei Weitem noch nicht das Schlimmste. Um den Hals der fleischlosen Leiche schlang sich noch eine ziemlich geschmacklose, grellrote Schleife, an der eine Grußkarte hing. Sie war zwar schon ein wenig zerfleddert und von braunem Blut verkrustet, doch die krakelige Schrift war noch immer deutlich zu lesen.

 

FÜR KITA, ZUM 357. GEBURTSTAG!

 

LASS ES DIR SCHMECKEN!

 

LORDI

 

Ich wich noch einen weiteren Schritt zurück, unfähig den Blick von dem grauenhaften 'Geburtstagsgeschenk' zu wenden. Dabei stieß ich mit dem Rücken gegen den Tisch, und der Krug polterte davon, und zerschellte krachend am Boden.

Meine Blicke fielen auf die geborstenen Reste des unförmigen Kruges. Eine weißliche, aufgequollene Fratze starrte mich vorwurfsvoll an. In ihren Augen stand das nackte Grauen. Einen Moment lang starrte ich noch wie vom Donner gerührt auf den menschlichen Kopf, der in dem Wein eingelegt war. Dann stürzte ich zur Tür.

Wie von Sinnen hämmerte ich an die Wand, während ich mich mit aller Macht dazu zwang nicht laut zu Schreien. Ich wollte raus, einfach nur raus aus diesem verdammten Loch! Raus hier, und nichts wie ab nach Hause! Fern von Mumien und Zombies, fern von herumliegenden Skeletten und in Alkohol eingelegten menschlichen Teilen, und vor allem weit weg von diesem widerlichen, süßlichen Verwesungsgestank, der einem von allen Seiten zugetragen wurde!

Erst als ich mir an den rohen Steinen die Finger blutig geschlagen hatte, ließ ich von der Wand ab, und sank keuchend in die Knie. Der Schleier vor meinen Gedanken lichtete sich wieder, und ließ es zu das ich wieder klare Gedanken fassen konnte. Die Kombination. Ich musste die Kombination der Steine herausfinden, um hier heraus zu kommen.

Vage erinnerte ich mich daran, wie Amen langsam und bedeutsam auf sieben verschiedene Steine gedrückt hatte. Der erste war… ja, er war rechts oben gewesen. Und der zweite… der Zweite war ziemlich in der Mitte, mit einer eigentümlichen, rötlichen Färbung. Mein Gedächtnis arbeitete so klar und präzise wie noch nie, als ich mit mechanischen Bewegungen die richtige Reihenfolge rekonstruierte. Erleichtert atmete ich auf, als ich den letzten, siebten Stein, gedrückt hatte. Doch gleich darauf kam die Ernüchterung, denn nichts passierte.

Erneute Panik regte sich in mir. Aber ich hatte doch die Bewegungen der Mumie bis ins kleinste Detail nachgeahmt! Warum funktionierte es dann nicht? Warum wurde der verdammte Durchgang nicht freigegeben? Ich schluckte den Schreikrampf der sich mir aufdrängte hinunter, und begann erneut zu überlegen. Die Kombination war einwandfrei richtig, aber was hatte ich falsch gemacht?

Dann regte sich in mir plötzlich ein Gedanke. Ich war ja auf der anderen Seite… Ich musste das Ganze doch einfach nur spiegelverkehrt wiederholen!

Dieses Mal flogen meine zerschundenen Finger nur so über die Wand. Und mein Einsatz wurde belohnt! Mit einem kratzenden Geräusch teilte sich die massive Steinmauer, und gab den ersehnten Durchgang frei. Ohne mich noch einmal umzusehen war ich mit einem Satz draußen, wandte mich planlos nach rechts, und rannte den breiten, gewundenen Korridor entlang, der sich mir erschloss.

Die Freude darüber das ich der Höhle, die wohl entweder mein Grab oder auch meine Schlachtkammer sein hätte sollen, entronnen war, verlieh mir Flügel. Ich rannte, wie ich in meinem Leben noch nie gerannt war. Ich hatte zwar keine Ahnung wohin eigentlich, aber es war wenigstens das Gefühl da, sich von der Gefahr zu entfernen. Wenn ich das Ende des Ganges erreicht hatte, gab es bestimmt irgendwo einen Ausgang…

 

Mit meinen Gedanken schon mehr in einer Welt ohne Fäulnisgeruch und monströsen Erscheinungen, rannte ich beinahe gegen eine Wand. Ich war in einer Sackgasse gelandet.

Vorsichtig tastete ich die Wand ab, doch alles was ich fühlte war solider, grober Fels. Suchend drehte ich mich um die eigene Achse, um Nachschau zu halten ob ich vielleicht einen eventuell vorhandenen Durchgang übersehen hatte. Der Gang endete in einer Art kreisrundem Raum, der, anders als der Korridor durch den ich hierher gelangt war, aus dem massiven Felsen heraus gebrochen war. Die Übergänge von Boden, Wänden und Decken waren in dem grob behauenen Gestein, das zudem noch überall von tiefen Kerben übersät war, kaum zu ersehen. Direkt neben dem Übergang von Felsen in gemauertes Gewölbe, befand sich tatsächlich etwas wie ein Durchgang. Der Gang schien sehr niedrig zu sein, sodass ich mich wohl nur gebückt fortbewegen konnte, aber vielleicht führte er hinaus…

Voll der Hoffnungen hielt ich auf die ungleichmäßige, rechteckige Öffnung zu. Ein plötzliches, warnendes Knurren ließ mich gerade noch zurückzucken. Das rettete mir vermutlich das Leben, als Kita mit langsamen, drohenden Bewegungen aus dem Dunkel des Durchgangs in das Dämmerlicht der runden Kammer trat.

Unwillkürlich wich ich zurück, bis ich mit dem Rücken an die Wand stieß. Das Manbeast schlich mit drohendem Grollen durch den Raum, ehe es sich in dessen Mitte, für meinen Geschmack viel zu Nahe bei mir, niederließ. Ich drückte mich noch enger an die Felswand, und blickte sehnsüchtig in den gegenüberliegenden Korridor, durch den ich zuvor gelaufen war. Aber zwischen mir und dem Fluchtweg hatte sich ein rotgesichtiges, mit gewaltigen Zähnen und Klauen bewehrtes Wesen aufgepflanzt, das vermutlich großen Hunger hatte. Ich saß nicht nur in der Falle, sondern nebenbei auch noch ziemlich tief in der Scheiße.

Ich versuchte meine Chancen abzuwägen, als mich das Biest mit kleinen, tückischen Augen musterte, und kam zu dem Schluss, das es Eins zu einer Million, wenn nicht noch schlechter stand, hier ohne mindestens einen fehlenden Körperteil heraus zu kommen. Umso mehr wunderte mich, wie ruhig ich in Anbetracht der Umstände war. Ich zitterte zwar am ganzen Körper, meine Knie fühlten sich wie Pudding an, und mein Magen revoltierte Angesichts dessen was mich erwarten möchte - aber ich fühlte keine Panik, wie noch zuvor in der Höhle. Wenigstens konnte ich von mir sagen, dass ich dem Tod, wenn schon nicht furchtlos, dann wenigstens ohne Panik entgegen trat…

Erst jetzt bemerkte ich die fast armdicke Kette, die von dem metallenen Halsband des Manbeasts hing, quer über den Boden führte, und irgendwo im Dunkel des Durchgangs verschwand. Ein Schimmer von Hoffnung keimte in mir auf. Vielleicht war sie nicht lang genug, sodass er mich nicht erreichen konnte? Aber er hatte ja nicht einmal versucht mich anzuspringen, so wie bei der 'Begrüßung'… Spielte er mit mir?

   "Was tust du hier?" fragte jemand.

Die Stimme, wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von einer Stimme sprechen konnte, wirkte rau und kratzend, und die Wörter die sie aussprach kamen abgehackt und verzerrt. Es wirkte als ob jemand zu sprechen versuchte, dessen Stimmbänder eigentlich nicht dafür geeignet waren, sich in dieser Sprache zu artikulieren.

Es dauerte einige Zeit, bis ich realisierte, dass der noch immer drohend vor mir hockende Kita gesprochen hatte. Langsam und bemüht zwar, doch trotzdem verständlich. Und seine Worte waren eindeutig an mich gerichtet.

   "Du kannst ja sprechen!" entfuhr es mir ohne mein Zutun. Ich bereute es sofort, diese Worte ausgesprochen zu haben. Das war wahrscheinlich der letzte Fehler meines Lebens, wie mir das wieder erwachende, drohende Grollen des Manbeasts unmissverständlich ankündigte. Ich kniff die Augen zu, und wartete darauf zerrissen zu werden.

   "Hrrrrr… natürlich." gab mir Kita zur Antwort. "Was glaubst du denn?"

Ich war noch immer nicht tot? Langsam öffnete ich ein Auge, dann das Andere. Kita saß noch immer an der gleichen Stelle, und musterte mich unverwandt mit seinen kleinen, blitzenden Augen. Ich konnte allerdings nicht abschätzen, ob das Interesse nun einer potentiellen Mahlzeit, oder doch einem Gesprächspartner galt.

   „Ähm, k-k-önn… könnten sie… ich meine, könntest du mir nicht was von dir erzählen?“

   „Was soll ich groß erzählen, ich bin ein genetisch erschaffenes Gemisch aus allen großen Bestien des Universums, das seine Schöpfer gefressen hat und vom Höllenfürsten Lordi aufgenommen wurde.“

Meine Neugier wuchs und im Gegensatz zu meinem Kurzinterview mit Amen hatte ich seltsamerweise keine große Angst, Fragen zu stellen. „Aha. Und wie waren ihre Schöpfer so?“

Kita entwich ein leises, tiefes Schnurren. „Sie waren sehr lecker, schön zart und saftig! Und es hat ’nen Heidenspaß gemacht sie kreuz und quer durchs Labor zu jagen, die haben so schön geschrieen!“

In diesem Moment kam ein Teil der Angst zurück, die ich glaubte verloren zu haben. „U-und… warum haben sie ihre Schöpfer gefressen?“

„Na ja, zuerst mal hatte ich Hunger und das eintönige Futter aus diesem komischen Automaten in meiner Zelle satt. Abgesehen davon wollten diese Spinner alle möglichen Tests mit mir machen, darauf hatte ich dann echt keine Lust.“

„Und, was für… Tests?“

Das Biest überlegte kurz. "Na, z.B. wie ich auf Dinge wie Kälte, Hitze oder Schlafentzug reagiere und wie stark ich bin.“ Dann schaute er sich kurz um…und kam näher auf mich zu. Diese Unsicherheit war plötzlich wieder da. Aber völlig umsonst, denn das Manbeast flüsterte mir lediglich etwas in mein Ohr. „Abgesehen davon, ich kann auch lesen. Und versuch du mal ruhig zu bleiben wenn jemand mit einem länglichen Gerät in dein Zimmer kommt wo dick und fett 'Analsonde' draufsteht.“

Ich verzog das Gesicht, das würde mir auch Angst einjagen. „Und darum hast du also…“

„Ja, darum habe ich alle die in diesem verfluchten Labor zu finden waren gefressen. Allerdings ist mir der Abteilungsleiter, der für die Sache mit der Analsonde verantwortlich war, zuerst durch die Klauen gegangen.“

Ich war konzentriert damit beschäftigt mir alles stichpunktartig zu notieren. Nebenbei wuchs unauffällig meine Verwunderung, dass man sich mit dem scheinbar wildesten dieser Monster am besten unterhalten konnte. „Was meinst du mit… alles ok?“

Mitten in meinem Satz hatte Kita angefangen sich an einer hervorstehenden Ecke der groben Felswand zu reiben. „Grrff… nein. Wegen dem Fellumhang juckt’s mir zwischen den Schulterblättern. Ich komm nich hin, könntest du mal?“ Das Manbeast drehte mir den Rücken zu. Perplex von dieser Bitte, wusste ich erst nicht was ich tun sollte. Ungewollt schweifte mein Blick wieder in Richtung Ausgang. Stünde ich jetzt noch unter Todesangst, hätte ich die Chance vermutlich blind genutzt, ohne Rücksicht auf Verluste.

   „Hey, was ist jetzt? Ich werde hier fast wahnsinnig. Wovor hast du Angst, dass ich dich fresse? Keine Sorge, mach ich nicht. Aber kratz jetzt mal endlich!“

Wortlos und etwas zögernd kam ich der Aufforderung des Manbeasts nach. Mein Herz schlug im Akkord als ich von hinten langsam an Kita heran trat und mich neben ihn stellte. Erst jetzt fiel mir auf wie groß und muskulös diese Kreatur war. Vorsichtig, etwas zitterig streckte ich meine freie Hand aus, lies sie zwischen dem Umhang und dem Rücken Kitas verschwinden und begann langsam mit leichtem Druck ihn zu kraulen.

Ein entspanntes Seufzen war von Kita wahrzunehmen. „Hmmmm, ja das ist genau die richtige Stelle.“ Entspannt atmete er ein und aus, wobei ich merkte wie sich sein Rücken abwechselnd leicht hob und wieder senkte. Seine Muskulatur lockerte sich merklich, trotzdem hatte ich noch immer das Gefühl einen behäuteten Fels zu massieren.

   „Danke, das reicht.“ sagte das Biest auf einmal.

   „Oh… ok. Können wir weiter machen?“

   „Ja, können wir. Also, du wolltest wissen ob ich diesen Kerl mit der Sonden-Idee noch gekriegt habe?“

Ich zückte wieder Stift und Papier. „Ja, das würde mich interessieren.“

Kita hockte sich direkt vor mich. „Nun, die Antwort lautet: Ja, ich hab den Mistkerl noch bekommen!! Letztes Jahr zu meinem 357. Geburtstag, von Lordi!!“

Ich erschrak, in meinen Gedanken tauchte wieder die am Skelett befestigte Karte auf. Meine Gedanken wurden von Kita unterbrochen.

   „Hab gehört du hast die Reste gefunden? Tja, mein Fehler. Ich hätt’ die Knochen eben nicht in einem der Gästezimmer verstecken dürfen, jetzt sitz ich hier wieder zur Strafe weil ich mit dem Essen gespielt hab.“

Ich stand zögernd auf und wollte den Raum verlassen, als sich Kita plötzlich vor mir zu seiner vollen Größe aufrichtete. Beinahe kippte ich nach hinten über, weil ich so stark nach oben schauen musste.

   „Wo willst du hin? Sind wir schon fertig?“

   „Ähäm, j-ja… sind wir. Ich gehe jetzt zurück in m-mein Zimmer.“

Kita schaute mich noch einige Sekunden starr an, dann hockte er sich wieder auf den Boden. „Ok, dann geh. Aber du solltest dich noch bei Enary bedanken, dass sie dein Zimmer sauber gemacht hat. Und ich muss mich noch bei dir bedanken, dafür dass du den Krug kaputt gemacht hast. Kalma und Amen legen manchmal Köpfe im Wein ein, sie meinen das intensiviere den Geschmack. Scheinbar haben sie diesmal Wein genommen, der für Gäste reserviert war, weil Lordi alles andere mal wieder beim Lesen weggesoffen hat. Tja, den Kopf hab ich bekommen, war lecker.“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren verließ ich mit schnellen Schritten den Raum, das Manbeast starrte mir nur leicht verwundert hinterher. In meinem Kopf drehte sich alles. Scheinbar waren die Mumie und der Zombie, vor allem zusammen, weitaus abgedrehter und gefährlicher als die drei… nein, vier anderen. Ein Wesen Namens Magnum gab es ja auch noch. Und ich hoffte inständig dass ich noch lange genug leben durfte, um es zumindest mal zu sehen. 

Obwohl ich wie wahnsinnig von meinem Zimmer aus durch die Gänge bis hin zu Kita gerannt war, konnte ich mich noch soweit an den Weg zurück erinnern dass ich mich nur zweimal in einer Sackgasse wieder fand.

Vor der mit trockenen Ranken bewachsenen Wand atmete ich tief durch, nur noch einmal musste ich mein Gedächtnis für heute anstrengen, dann würde ich hoffentlich endlich ruhig schlafen können. Ich gab langsam die Kombination ein, diesmal auf Anhieb richtig und die Wand öffnete sich vor mir. Erschöpft war ich gerade dabei mich zum Bett zu bewegen, als ich hinter mir ein schlurfendes Geräusch wahrnahm. Als ich mich umdrehte stand Amen mit einer Schriftrolle vor mir.

   „Hier.“ fing er brummig an. „Die Hausordnung, wichtigster Punkt: Das betreten aller privaten Zimmer der Gastgeber, das sind in diesem Falle wir, ist strengstens verboten. Zuwiderhandlung wird mit einem grausamen Tod bestraft.“

Na großartig, jetzt hatte ich noch eine Möglichkeit hier durch die Hand bzw. Klaue oder Waffe eines der Monster zu sterben.

Mit einem matten „Verstanden.“ nahm ich die Rolle entgegen. Aber die Mumie war scheinbar noch nicht mit seiner Nachricht fertig.

   „Übrigens, Gefahr auf Todesstrafe besteht hier auch wenn das Eigentum von einem Gastgeber zerstört wird.“ Damit ging er.

Als er den Raum vollständig verlassen hatte, schloss sich die Wand hinter ihm und ich war allein mit einer erdrückenden Stille.

Die nächste halbe Stunde verbrachte ich damit, mich in meiner Unterkunft so gut es ging einzurichten. Das erste was unbedingt aus meinem Blickfeld verschwinden musste, war ein großes schweres Holzbrett über dem Kamin, an welchem mehrere so genannte Schrumpfköpfe festgenagelt waren. Ich stieg auf einen der Stühle und machte mich ans Werk. Aber wie gesagt, das verdammte Brett war sehr schwer und so war es quasi vorprogrammiert, dass bei meinem amateurhaften Versuch es allein abzunehmen etwas schief gehen musste.

Als ich die bizarre Wanddekoration von den beiden, an den obern zwei Ecken platzierten Haken herunterheben wollte, verlor ich das Gleichgewicht und fiel vom Stuhl, mit samt dem Brett was natürlich auf mir landen musste.

Einige Sekunden war ich benommen, aber ich hörte im Hintergrund trotzdem das gleiche Geräusch, als sich die Steinwand vor Amen und mir zum ersten Mal öffnete. Kein Wunder, sie hatte sich ja auch geöffnet. Und für wen sollte ich schneller als es mir lieb war erfahren. Denn als ich meine Besinnung wiedererlangt hatte und die Augen zur Decke gerichtet öffnete, starrte mich der Bikerzombie Kalma mit verschränkten Armen, direkt an meinem Kopf stehend, von oben mehr als unfreundlich an.

Dann ging es schnell, aus dem Mantelärmel des Zombies schnellte eine scheinbar aus Knochen bestehende Kette, die sich wie von selbst erst über einen Felsvorsprung in der Höhle warf und sich schließlich um meine Beine wickelte. Im nächsten Moment hing ich auch schon schreiend kopfüber vor Kalma in der Luft.

   „Kannst du mir mal verraten, was meine Lieblingsschrumpfköpfe da unten auf dem Boden suchen!?!?!?!?!?! AMEN!!!! Warum hast du ihm nicht verboten, meine Sachen anzugrabbeln?!?!“

Jetzt wo Kalma den Namen aussprach, bemerkte auch ich die Mumie, die, scheinbar sehr am Schauspiel interessiert, in der Öffnung der Wand stand.

   „Ich hab halt gedacht, dass er nicht so unhöflich ist und einfach unsere Einrichtung durch die Gegend räumt.“ Kalma trat nach diesem Satz so nah an mich heran, dass mir vom von ihm ausgehenden Verwesungsgestank schon übel wurde und blickte mich mit einem äußerst beunruhigenden Hauch von Wahnsinn in den hellgrünen Augen an.

   „Dann haben wir hier aber scheinbar ’nen sehr unhöflichen Gast.“ raunte er trocken. „Ich mag fast nie unhöfliche Gäste, und wenn ich sie mag… DANN HÖCHSTENS GUT DURCHGEBRATEN!!!!!!!!“ In Kalmas Hand erschien wieder die große Sense.

   „NEEEEEIIIIIIIIIN!!!!!!!! NIIIICHT, ICH WOLLTE IHRE KÖPFE NICHT ABNEHMEN, NUR SAUBER MACHEN, WIRKLICH!!!!!“

   „ERZÄHL DAS DEN RADISCHEN WENN DU SIE DIR VON UNTEN ANSCHAUST!!!!“ Kalma holte zum Schlag aus, ich war vor Panik nicht mal mehr in der Lage zu schreien, als mir plötzlich mein Schlüsselbund aus der Hosentasche fiel. Kurz vor meinem Körper stoppte Kalmas Schlag und die Sense verschwand. Seltsamerweise schien sich seine Aufmerksamkeit nun auf die am Boden liegenden Schlüssel zu richten.

   „Goldwing?“ fragte er.

Zuerst wusste ich nicht was er damit meinte, bis mir wieder einfiel dass ich einen sehr auffälligen Anhänger dieser Motorradmarke am zu einem Bike gehörenden Schlüssel besaß. „Ähm, j-ja, Goldwing. Mein Onkel ha-ha-hat mir eins von diesen halben Autos vererbt, noch gut in Schuss, aber ich weiß nichts damit anzufangen, weil…AAAHHH!!!“

Der Zombie ließ die Kette los und ich fiel zu Boden. Als ich zu meinen Schlüsseln schaute sah ich, wie Kalma sich den Goldwinganhänger inklusive dem dazugehörigen Schlüssel abriss und einsteckte.

   „Das Ding behalt ich, als Entschädigung für die demolierten Schrumpfköpfe.“ Mit diesen Worten verließ er den Raum wieder.

   „Aber… aber ich wollte sie doch verkaufen, ich brauch doch Geld.“ jammerte ich.

Amen blickte mich an. „Lass ihm das Teil lieber, sonst kannst du dir deine Einzelteile bald bei e-bay wieder zusammenkaufen, Mensch.“ Damit ging auch er und ich blieb mit Kopfschmerzen zurück. Nach einer Weile stand ich wankend auf und versuchte Halt zu gewinnen.

Plötzlich, kurz bevor sich die steinerne Tür mit einem Knarzen wieder vollständig schloss, öffnete sie sich wieder etwas und Amen trat nochmals ein. „Übrigens, ich an deiner Stelle würde hier im Zimmer schön still sein, sonst wird dein Nachbar sauer.“

Etwas verwirrt blickte ich die Mumie an und fragte nach. „Nachbar? Welcher Nachbar?“

Amen deutete auf die Schriftrolle, die ich auf den Tisch gelegt hatte. "Bei unserer Hausordnung ist ein Plan, in dem all unsere privaten Zimmer mit verschiedenen Farben gekennzeichnet sind. Welcher Name zu welcher Farbe gehört steht übrigens drunter.“

Immer noch ein wenig wackelig steuerte ich auf den Tisch zu, ergriff die Rolle und öffnete sie. Das Geschriebene übersprang ich erst einmal und widmete mich gleich dem Plan der Höhlen.

   „Du bist in diesem Raum.“ Die Mumie deutete auf eines der zahlreichen Felder.

Als ich dann genauer hinsah, fiel mir auf dass die beiden Räume neben meinem dunkelblau eingefärbt waren. Nach entsprechender Farbe suchte ich dann bei den Zuordnungen unter dem Plan… und ich fand sie auch. „O Gott, bitte nicht.“ seufzte ich. Neben dem dunkelblauen Kästchen stand in dicken, groß und deutlich geschriebenen Buchstaben „KALMA“.

Amen trat einen Schritt auf mich zu. „Tja, der größere der beiden Räume ist Kalmas Wohnraum, der ist natürlich wie all unsere anderen tabu für dich, Mensch. Und der andere Raum… das ist dem Herrn Zombie seine Hobbywerkstadt. Wenn du also nicht willst, dass deine Eierbirne auch als Schrumpfkopf endet, solltest du dich insbesondere von diesem Zimmer fern halten. Es wundert mich immer noch dass Kalma dich nicht in der Luft zerrissen hat. “

Mit fahlem Ton antwortete ich: „Dafür hätte er mich fast in der Luft zersäbelt.“

   „Hm, sein Interesse für Motorräder ist einfach zu groß. Spielzombie halt.“ Mit diesen Worten ging Amen endgültig. Die Wand schloss sich und ich war mit meinem Kummer allein.

Kalma, der eh schon wegen seiner verdammten Schrumpfköpfe nicht gut auf mich zu sprechen war, nun als Zimmernachbarn zu haben… bei diesem Gedanken drehte sich mir der Magen um. Ich schmiss die Pergamentrolle auf den Tisch und bewegte mich zum Bett, die Strapazen der letzten Stunden hatten ganz schön geschlaucht.

Nachdem ich die Felldecke zurückgeworfen hatte, ließ ich mich auf die Matratze, die wie ich bei meiner ersten Ruhe schon bemerkte, erstaunlich weih und bequem war, fallen. Die Decke zog ich mir bis zu den Ohren hoch, denn an Heizungen hatten diese Monster scheinbar nicht gedacht.

Und trotzdem schlief ich relativ schnell ein.

 

 

Fortsetzung - siehe Tag 2