Gefährlicher Besuch - Tag 2:

 

Dies ist eine reine Spaßgeschichte. Die Eigenschaften und Verhaltensweisen die den Bandmitgliedern hier angedichtet werden, dienen einzig und allein der Unterhaltung, und entsprechen in keinster Weise der Wirklichkeit.

Viel Spaß!

 

 

Ich erwachte von einer kitzelnden Bewegung am Oberschenkel. Grummelnd drehte ich mich um, und vergrub meinen Kopf im Kopfkissen. Ich hatte keine Lust aufzustehen. In der Redaktion wartete niemand auf mich, wozu hatte ich Urlaub…

Eine erneute Berührung, dieses Mal am linken Arm, trug mich noch ein Stück weiter weg von den Bildern eines verrückten Traums, in dem ich auf dem Rücken Kitas durch einen düsteren Wald ritt. Brummend griff ich nach der weggerutschten Decke, und zog sie mir über den Kopf. Durch das dicke Fell gedämpft, konnte ich eine Frauenstimme hören.

   "Mmmh… das wird exzellent. Aber mit welcher Fülle? Apfel-Knoblauch oder doch Peperoni-Zimt?" drang es an meine Ohren.

Im gleichen Moment war ich hellwach, und riss mir mit einem erstickten Schrei die Decke vom Körper. Ich blickte direkt in die Augen Enarys, die mich mit mehr oder weniger mordlüsternem Blick anstarrte. In der Rechten das zum Schlag erhobene Schwert, in der linken ein Maßband, starrte die Walkyre auf mich herab. Die Spitze ihres Schwertes senkte sich drohend auf meine Kehle herab… und nagelte im nächsten Augenblick ein etwa fingerlanges Insekt an die Wand.

   "Blutsaugende Mistviecher!"

   "Äh… wa- was?" wimmerte ich.

   "Mistviecher." wiederholte Enary, und wischte mit einer lässigen Bewegung das Blut von der Klinge. "Schwirren hier überall herum, diese kleinen Biester. Kein Wunder, wenn Schnuffelchen andauernd Teile seines Futters versteckt. Das lockt die Viecher immer wieder an…"

   "Äh… aha?" sagte ich vorsichtig.

Die Walkyre hatte ihr Schwert wieder weggesteckt, und auch das Maßband in ihrer Hand war verschwunden. Stattdessen hielt sie nun etwas in der Hand, das ich als Putzlappen identifizierte. Diesen Schwang sie nun mit Wucht, aber weniger um den allgegenwärtigen Staub zu beseitigen, denn ihn gründlich zu verteilen, damit er eine dekorative Schicht über allem bildete.

Langsam ließ ich mich aus dem Bett gleiten, und ließ es zu das mir ein gedehntes Gähnen entwich. Trotzdem ich noch immer Müdigkeit in meinen Knochen spürte, war an Schlaf nicht mehr zu denken.

   "Was sind das für… Dinger?" fragte ich, einfach nur um Irgendetwas zu sagen.

   "Hm?" fragte Enary

   "Na, diese… Insekten?"

   "Ach so, die meinst du…" Die Kriegerin schnaubte abfällig. "Das sind nur Aashüpfer. Vollkommen ungefährlich - zumindest für uns. Bei dir bin ich mir da nicht so sicher. Ein paar von denen, und du hast wahrscheinlich keinen Tropfen Blut mehr im Leib. Am besten du erschlägst sie gleich, wenn du einen von ihnen findest."

Na toll. Die Liste an kreativen Arten auf die man hier sein Leben verlieren konnte, war um einen weiteren Eintrag länger.

   "O-ok. Ich werds mir merken." sagte ich.

   "Ach übrigens…" Enary stoppte mit ihrer Tätigkeit den Staub gründlich zu verteilen, und drehte sich plötzlich zu mir um. Die Walkyre schenkte mir ein liebreizendes Lächeln, das nur von der Tatsache zerstört wurde, dass sie damit spitze, und äußerst scharf aussehende Zähne entblößte. Zu viele Zähne, für menschliche Verhältnisse. Nur für alle Fälle wich ich zurück. "Bist du nur Schreiberling, oder bist du zufällig auch Fotograf?"

   "Äh…" Der plötzliche Themenwechsel irritierte mich ein wenig, ich fasste mich jedoch sofort wieder, und versuchte ganz Profi zu sein. "Eigentlich bin ich rein fürs schriftliche zuständig, gn'ä Frau."

   "Gn'ä Frau? Willst du mich verscheissern?!" fauchte die Walkyre plötzlich. "Ich bin keine Oma, schreib dir das hinter die Ohren, oder du landest in der Pfanne!"

Das Schwert war bereits auf dem Wege aus der Scheide, als ich geistesgegenwärtig in einer abwehrenden Geste die Hände vors Gesicht riss. "Das lag mir fern, Miss! Entschuldigung!" kreischte ich.

   "Will ich auch hoffen." knurrte Enary, und ließ ihre Mordwaffe mit leisem Scharren wieder zurück gleiten. Ich war gerade dabei aufzuatmen, als mir die Kriegerin ein weiteres Mal ihr erschreckendes Lächeln schenkte. "Willst du mich nicht endlich interviewen?"

   "Äh.. j-ja, natürlich." beeilte ich mich zu sagen.

Aber womit sollte ich anfangen, und vor allem, was sollte ich eigentlich fragen? Einer Dame, selbst einer wie Enary gegenüber, war es bestimmt unhöflich nach dem Alter zu fragen. Ich musste irgendeinen unverfänglichen Einstieg wählen…

   "Hmm… was für Hobbies haben sie?" fragte ich.

   "Soll dass ein Witz sein?" fragte die Walkyre gereizt. "Hobbies? Kochen und Putzen für diesen chaotischen Männerhaushalt hier! Da bleibt keine Zeit für so einen Schwachsinn!"

   "Oh… äh…" Ich fand mich eindeutig in die Defensive gedrängt vor. "Naja, dafür werden die anderen aber doch bestimmt froh sein, das sie das alles machen, oder?"

   "Froh? In was für einer Welt lebst du Freundchen?" Die Kriegerin fletschte die Zähne, und schnaubte abfällig. "Kalma schleppt seine gesamte Motorradgang hier an und feiert Partys, Amen meckert wegen seinem nervösen Magen pausenlos am Essen rum, und Lordi darf ich alle Nase lang ins Bett schleppen, weil er sich wieder übersoffen hat! Nicht mal Magnum bedank sich, wenn ich ihm wieder mal die Battierien wechseln muss! Nennst du das etwa idyllisch?"

   "Äh… nein. Nicht wirklich. Da haben sie Recht Miss. Und sie lassen sich das gefallen?"

   "Natürlich nicht, du Schmierfink! Ich geb' ihnen immer wieder ordentlich eins auf den Deckel, aber hilft's was? Nein!"

Irgendwie erfüllte es mich doch mit etwas Genugtuung, zu sehen dass es selbst in so einem ungewöhnlichen Haushalt fast dieselben Reibepunkte gab wie in der normalen Welt auch. Trotzdem beschloss ich lieber das Thema zu wechseln, bevor Enary noch auf die Idee kam ihre Wut an mir auszulassen. Ihr Schwert saß für mein Gefühl ein bisschen zu locker.

   "Eine Frage, Miss Enary. Sie sind doch eine Walkyre, wie kommt es, das sie dann nicht in Walhalla weilen, sondern hier?"

   "Ah, das ist schnell erklärt. Ich war vor ein paar Jahrhunderten mal mit einem Magier zusammen, so einem richtig schmierigen Ekelpaket, der mir auch noch ein Kind angehängt hat. Natürlich hab ich ihm den Laufpass gegeben, weil ich den Kerl einfach nicht ausstehen konnte. Darauf hat er mich umgebracht, wieder zum Leben erweckt und wollte mich zu seiner Sklavin machen."

   "Oh… wie schrecklich…" murmelte ich.

   "Ach halt die Klappe. Naja, jedenfalls hat er dann meinen Sohn abkratzen lassen, dafür hab ich ihn umgebracht. Bloß hat er mich, bevor er endlich verreckt ist der arrogante Hund, verflucht."

   "… wie furchtbar…"

   "Schnauze! Man unterbricht eine Dame nicht, wenn sie was zu erzählen hat! Auf jeden Fall hab ich danach ein paar Dörfer niedergemacht, um wieder ein bisschen klarer denken zu können. Als ich dann nach Walhalla wollte, haben mich diese blöden, selbstherrlichen Götter einfach rausgeschmissen! Kannst du dir das vorstellen? Die Kerle mit ihren hässlichen Bärten und Schmalzlocken haben mich einfach rausgeschmissen!"

   "So eine Frechheit." stimmte ich zu.

   "Sag mal, hörst du nicht zu? DU SOLLST MICH NICHT UNTERBRECHEN, VERDAMMT!"

   "Ups… ok." Mit einem Satz war ich hinter einem der massigen Sessel in Deckung gegangen, als ich das Zucken in Enarys Schwerthand bemerkt hatte. Doch zum Glück sah die streitlustige Amazone dieses mal davon ab, Gebrauch von ihrem Mordwerkzeug zu machen.

   "Also, die Schweine haben mich davon gejagt. Dann hab ich mich halt ein paar Jährchen als Blutsauger durchgebracht - war ziemlich schwierig. Die wollten mir andauernd einen Pflock durchs Herz hauen, haben sie aber nie geschafft! Na ja, und dann ist schon Lordi aufgetaucht, der war total begeistert von mir. Und jetzt bin ich hier!"

   "Ahja."

   "Kannst du doch bestimmt verstehen, oder? Weißt du, ich war eine echt scharfe Braut damals. Ich bin's doch auch heute noch, oder?!"

   "Natürlich Miss. Überwältigend." sagte ich glatt.

   "Was?" bohrte die Walkyre nach.

   "Sie sind wundervoll!" beeilte ich mich hinzuzufügen.

   "Verarscht du mich?"

   "Nein! Das würde ich niemals!" jammerte ich.

Enary hatte wieder nach ihrem Schwert gegriffen, und es erneut gezogen. Nur Bruchteile eines Augenblicks später, erscholl der spitze, durchdringende Kriegsschrei der Walkyren durch meine Unterkunft. "SPRICH DEINE LETZTEN WORTE! JETZT LANDEST DU IN DER PFANNE DU SCHMIERFINK!"

   "AAAAAAAAH! NEIIN!" kreischte ich, und wich vor der drohend näher kommenden Enary zurück, bis ich mit dem Rücken an die Wand stieß. Es gab keinen Ausweg, als die Walkyre mit verrücktem Gekicher auf mich zu sprang.

Leicht knarrend glitt die Tür auf, und ein ziemlich gereizt aussehender Zombie erschien. Durch das unverhoffte Erscheinen ihres Mitmonsters, wurde Enary gerade genug abgelenkt, um das Schwert nur Millimeter neben meinem Kopf in die Wand zu treiben.

   "WAS SOLL DIESER VERDAMMTE KRACH AM FRÜHEN MORGEN?!" brüllte Kalma. "HAT MAN HIER NIE SEINEN FRIEDEN?"

   "Beruhig dich wieder du hysterischer Kerl. Ich hab unseren Gast doch nur gefragt was er zum Frühstück möchte." knurrte Enary, und zog die Waffe, die neben meinem kalkweißen Gesicht tief in der Mauer steckte, mit einem kraftvollen Ruck heraus.

   "Dann mach das gefälligst leise!" brummte der Bikerzombie, und griff sich mit bedeutsamer Geste an den Kopf. "Wie soll man hier sein Kopfweh auskurieren, wenn hier andauernd jemand rumbrüllt?"

   "Kopfschmerzen, pah!" schnaubte die Walkyre. "Wohl vom gestrigen Saufgelage mit Lordi, was?"

   "Rmpf." gab Kalma zur Antwort.

   "Schon gut, komm, ich mach dir einen Kaffee."

Der Zombie und die Walkyre schickten sich an den Raum zu verlassen. Doch noch im Hinausgehen, drehte sich Einary noch einmal um, und funkelte mich mit wutsprühenden Augen an. Doch dann teilten sich ihre Lippen plötzlich zu einem erneuten Lächeln das ihre spitzen Zähne entblößte. "Magst du lieber Apfel-Knoblauch oder Pepperoni-Zimt?" fragte sie mit so zuckersüßer Stimme, dass es mir kalt den Rücken hinab lief.

   "Äh, w-was?"

   "Mit welcher Fülle du deine Pfannkuchen haben willst." sagte die Kriegerin genervt.

   "Apfel…" antwortete ich verwirrt "Aber bitte ohne Knoblauch, wenn es keine Umstände macht." fügte ich kleinlaut hinzu.

   "Auch noch wählerisch, was?" knurrte Enary gereizt. "Na egal. Ich muss ohnehin für jeden was anderes machen, da kommts auf einen mehr auch nicht mehr an. Das wird aber nicht zur Gewohnheit, klar?"

   "S-sonnenklar." antwortete ich.

Als sich die Tür endlich hinter den beiden Monstern geschlossen hatte, lehnte ich noch immer an der Wand, hielt meine Augen geschlossen, und versuchte mein unkontrolliert hämmerndes Herz dazu zu überreden sich zu beruhigen.

Aber selbst wenn ich es geschafft hätte, wäre es im nächsten Moment wieder zu Hochtouren angelaufen, denn plötzlich stürmte Kalma erneut in den Raum und brach dabei sogar ein Stück der halbgeschlossenen Wandtür heraus. Mit einem äußerst bösartigem Blick blieb er vor mir stehen.

   „DU WOHNST JA GENAU NEBEN MIR!!!!!!!“ brüllte er. Mein Gesicht, dass gerade wieder dabei war Farbe zu erlangen, erblasste augenblicklich wieder. Kalma folgte Enary schnaubend durch die Tür.

   „Ach, fällt dir das auch schon auf?!?! Blitzmerker, über ’nen brummenden Schädel klagen aber trotzdem so ein Theater hier veranstalten und die Tür kaputt machen!!! Die können wir nicht wie Magnum zur Reparatur schicken!!!“

   „AUA!!! Brüll nich so, ich hab verdammt noch mal Kopfschmerzen!!!“

   „Soll ich ihn dir abschlagen?!?! Vermutlich denkst du ohne ihn besser als mit!!! Und jetzt komm, sonst gibt’s keinen Kaffee!!!“

Murrend gab Kalma der Aufforderung der Walkyre nach. „Na gut…“ brummte er. „Aber du!! Sollte ich diesen Tag auch nur einen zu lauten Mucks von dir hören dann wird nicht mal mehr Kita deine Reste fressen wollen, so grässlich werde ich dich zurichten!!!!!!!“ Der Blick, mit dem er diese Worte begleitete, lies darauf schließen dass er es ernst meinte.

Da ich eh zu keinerlei Worten fähig war, wartete ich bis Enary und Kalma gegangen waren. Ich betete in diesem Moment zu allen guten Geistern der Welt, dass ich beim Frühstück so weit weg von diesen beiden Irren saß wie nur irgendwie möglich.

 

Als ich mich nach einem Bad in frischen Klamotten auf den Weg zur Küche machte, überlegte ich ob ich überhaupt etwas essen könnte, wenn eine gereizte Walkyre oder ein extrem schlecht gelaunter Zombie mit Kopfschmerzen, der sowieso nicht gut auf mich zu sprechen ist, neben mir sitzen würden. Aber in Anbetracht dessen dass Enary für das Frühstück verantwortlich war, würde ich wahrscheinlich alles in mich hineinstopfen, nur um nicht noch mehr ihre Missgunst auf mich zu ziehen.

Völlig in Gedanken versunken bemerkte ich nicht, dass ich schon so gut wie in der Küche war. Erst als ich in etwas feuchtes, glitschiges trat wurde meine Aufmerksamkeit zurück geholt. Ich blickte an meinem Bein hinunter und sah zu meinem Schreck, dass ich in einer großen Schale, randvoll mit Fleischfetzen und Eingeweiden, stand.

   „Ach, verdammt!! Jetzt ist meine Hose voll mit Rohstoffen für Hundefutter und …“

   „GRRRRRRRRRR…“ ertönte es laut neben mir.

Mit einer bösen Vorahnung schaute ich auf und erblickte Kita, der missmutig knurrend vor mir hockte und mich mit seinen kleinen Augen gereizt anstarrte. Ein Blitzgedanke schoss mir durch den Kopf und ich wandte meinen Blick dem übergroßen Napf zu. Auf der Frontseite stand in großen Buchstaben „Kita“, ich war in das Frühstück einer hungrigen Tötungsmaschine getreten!! Auch wenn ich in unserem Interview sehr positive Erfahrungen hatte, einen derartigen Fehltritt würde er mir nie verzeihen!!
   „Soso…“ vernahm ich es neben mir. Ich wendete mich wieder um… und sah geschockt einen sehr unzufriedenen Kalma vor mir stehen, die Hände drohend in die Hüften gestemmt. „Erst machst du meine Kunstwerke kaputt… und jetzt… JETZT TRITTST DU NOCH IN UNSER ESSEN?!?! MIT DIR FAHR ICH SCHLITTEN, KOMM HER DU WURM!!!!!"

   „AAHHH, NICHT; NEEIIIN!!!!! DAS WAR DOCH NUR EIN VERSEHEN!!!!“ Meine verzweifelte Entschuldigung und mein flehender Blick schienen den aufgebrachten Zombie nicht wirklich zu interessieren.

Erneut erschien die Sense in seiner rechten Hand und er holte zum Schlag aus, diesmal schien er mich von oben in zwei Hälften schlagen zu wollen. Mit einem panischen Aufschrei kniff ich die Augen zusammen und hielt meine Arme schützend vor mich, obwohl das auch nicht viel nützen würde. Aber seit Kalma ausgeholt hatte, war schon zu viel Zeit vergangen. Und allem Anschein nach lebte ich noch.

Zögernd blickte ich auf und sah zu meinem großen Erstaunen, dass Kita sich vor mir aufgebäumt und den Schlag mit seinen Pranken abgefangen hatte. Er selbst schien von ihm jedoch auch nicht unberührt geblieben zu sein, denn aus seiner rechten Handfläche bahnte sich ein etwa zeigefingerdickes, tiefrotes Blutrinnsal seinen Weg über den Unterarm des Manbeasts und tropfte von seinem Ellenbogen auf den staubigen Boden.

Kalma stand verwundert vor ihm und starrte Kita mit ungläubigem Blick an, bis er nach einigen Sekunden des Schweigens dann doch seine Waffe zurückzog. Das Biest nahm seine Klauen wieder runter und leckte sich das Blut aus der Hand und vom Arm. Im nächsten Moment hatte Kalma ihn an der Kette vorne an seinem Halsband gepackt und auf Augenhöhe gezerrt.

   „Was sollte das denn!?!?! Ich hätte ihn diesmal erwischt und du mischst dich ein!!!! Du kannst ihn auch noch fressen wenn ich mit ihm fertig bin und jetzt geh mir aus dem Weg… AAUUUAAA!!!!!“

Hinter dem Zombie hatte Enary ihr Schwert gezogen und es Kalma von oben zwischen die Schultern getrieben. Das Manbeast hockte sich wieder hin und begann gierig zu fressen. Nun zog die Walkyre Kalma am Griff der Waffe von Kita zurück.

   „Halt endlich die Klappe!!! Es war doch nicht dein Essen und Kita scheint’s auch nichts ausgemacht zu haben, also reiß dich zusammen und setz dich hin!!!!!“ Mit einem kraftvollen Ruck beförderte Enary den Zombie auf einen der Fellstühle im Raum und zog gleich darauf ihr Schwert mit einer schnellen, fließenden Bewegung wieder aus ihm heraus.

Dann drehte sie sich wieder zu mir um und schmunzelte. „Setz dich, ich habe einen Stuhl für dich dazugeholt. Er steht dort an der linken Ecke neben Lordis Platz.“

Natürlich war der protzige Thron am Kopf des Tisches der Platz des Obermonsters. Aber ich wollte auf keinen Fall dort sitzen, denn gegenüber befand sich offensichtlich der Stammplatz von Kalma, der noch damit beschäftigt war seine ramponierte Wirbelsäule wieder zurechtzurücken.

   „Ähm, könnte ich vielleicht einen anderen Platz haben… M-Miss Enary?“

Aus dem leichten Schmunzeln der Walkyre wurde ein böser, schmollender Blick. „Tze, erst Sonderwünsche beim Essen und jetzt ist der Platz nicht fein genug? Sieht’s hier vielleicht so aus wie in ’nem Luxushotel? Du solltest dich geehrt fühlen, sonst darf nur Kalma als Lordis rechte Hand so nahe bei ihm sitzen.“

   „Ach… e-eben, des-w-w-wegen möchte ich ja woanders sitzen. Ich f-fühle mich diesem Platz nicht würdig.“ entgegnete ich stammelnd.

   „Ach, Quatsch. Jeder Gast darf hier neben mir sitzen.“ Lordi war in diesem Moment in die Küche getreten und steuerte gleich auf seinen Thron zu. Mit einem zufriedenen Gesicht nahm er darin Platz. „Jetzt sei nicht so unhöflich und schlag meine Bitte ab, klar? Das hat hier bisher nämlich noch niemand überlebt.“ meinte der Höllenfürst mit einem hämischen Grinsen.

Eine Drohung vom Monster aller Monster persönlich genügte mir ehrlich gesagt als Grund um mich meinem selbsternannten Henker namens Kalma gegenüber zu setzen. Mit langsamen Schritten hielt ich auf den Stuhl zu, Kalma, der sich mittlerweile wieder geradegerückt hatte, musterte jede einzelne meiner zaghaften Bewegungen stumm mit einem äußerst missmutigen Blick. Ich vermied es ihm in die Augen zu schauen, denn vermutlich könnte er mich sogar mit Blicken töten.

An meinem Platz angekommen rutsche ich schnell auf die dortige Sitzgelegenheit, meine Augen immer noch auf alles andere als auf den innerlich wahrscheinlich brodelnden Bikerzombie gerichtet. Obwohl ich nicht zu ihm hinsah, wusste ich dass er mich noch immer, steif mit verschränkten Armen auf dem Stuhl mir gegenüber sitzend, grollend anstierte.

   „Was seid ihr denn verdammt noch mal so still?!?!“

Durch Amens lautstarken Auftritt erschrak ich und achtete einen Moment nicht auf mein Blickfeld. So schaute ich den Untoten mir gegenüber auf einmal direkt an. Sofort verfinsterte sich dessen Miene merklich und er gab ein trockenes Knurren von sich. Starr vor Schreck dachte ich, er würde sich jeden Moment auf mich stürzen, als plötzlich…

   'PFLATSCH!!'

Ein riesiger, bluttriefender Fleischfetzen landete direkt im fauligen Gesicht des Zombies. Mit einem lauten Schlag auf den Tisch und einem wütenden Funkeln in den grünen Augen erhob er sich von seinem Platz.

   „WER WAR DAS?!?!?!?!?!?!?!?!“ Sein Augenmerk fiel auf Amen, der sich gerade von Enary einen Teller mit etwas zu essen hatte geben lassen, darunter auch etwas Fleisch. „Gehört das dir?“ Kalma hielt der Mumie das Stück vor, welches ihn getroffen hatte. Ich sah dass Amen allerhand Mühe hatte, sich ein schadenfrohes Lachen zu verkneifen, stattdessen schüttelte er nur hastig den Kopf.

   „Hinsetzen!!!!“ schrie Enary. „Jetzt wird gegessen, zanken könnt ihr euch später noch.“

Die Mumie kam dieser Aufforderung prompt nach und verschlang einige Stücke von etwas, das wie gebratene Calamaris-Arme aussah. So unterband Amen zumindest sein Gelächter erfolgreich. Kalma nahm auch widerwillig Platz. Doch kurz bevor sich alle an das von der Walkyre servierte Mal machen konnten…

   'PFLATSCH!!'

 Diesmal konnte ich aus dem Augenwinkel sehen, dass es Kita war, der mit seinem Essen Anschläge auf den Bikerzombie verübte. Doch scheinbar war ich der einzige, der dies bemerkt hatte, denn diesmal verlor Kalma kein einziges Wort sondern griff gleich sauer über den Tisch nach der Mumie, die ihr Lachen nun nicht mehr zurückhalten konnte.

   „GIB’S ZU!!! DU WARST DAS!!!!!“

Von den anderen Monstern machte keines auch nur die geringsten Anstalten, sich einzumischen. Dafür schienen sie selbst zu viel Vergnügen am Schauspiel zu haben, was sich vor ihren Augen abspielte. Amen bekam sein Gelächter nicht unter Kontrolle und Kalma verlor die Geduld. Mit einem heftigen Zug knallte er den Kopf der Mumie auf den Tisch.

Mich wunderte es, dass dieser nicht aufgrund der Wucht des Aufpralls und der Tatsache, dass er schon einige tausend Jahre alt war, zerstört wurde. Jedenfalls wurde Amen durch diesen Angriff wieder ernst genug um normal(für seine Verhältnisse) zu reden.

   „Verflucht, ich war das nicht!!! Ich würde ja manchmal so einiges gern mit Enarys Essen machen, aber damit rumwerfen…“

   „Vorsicht…“ mischte sich die Walkyre schnippisch ein. „Nörgel heute besser nicht am Essen, ich bin schlecht drauf!! So, und jetzt setzt euch beide wieder hin, was soll denn unser Gast denken!?!?!“ Kalma und Amen schauten mich beide kurz an, wobei das Missgefallen natürlich weit aus dem Blick des Zombies hervorstach. Dann setzten sie sich und endlich konnte jeder anfangen zu essen… jedoch nur kurz. Ich sah gerade noch wie Amen mit einem großen Klumpen Rotkohl zu einem Wurf ausholte… und zum dritten Mal:

   'PFLATSCH!!!!'

   „HÄHÄ, ich hab’s mir anders überlegt, mit dem Essen kann man doch eher spielen als sich dran zu vergiften und noch mal zu sterben!! HAHAHA!!!!“

Bis auf’s Äußerste nervös schaute ich Kalma an, dem einige Rotkohlfäden vom Rest der nicht mehr vorhandenen Nase rutschten. Nicht mal Enary schien Amens Kommentar bezüglich ihres eigentlich sehr schmackhaften Essens zu interessieren. Lordi saß grinsend und sichtlich gespannt mit einer gebratenen Schweinshachse zwischen den Zähnen auf seinem Thron, Kita starrte den Zombie an während er sich mit einer Hand immer wieder eine Portion Fleisch ins Maul schaufelte und Amen hatte mit einem Lachkrampf zu kämpfen.

Was dann passierte war mehr oder weniger nicht zu erwarten. Im nächsten Augenblick hatte Kalma meinen noch fast vollen Teller in der Hand… und die Mumie ihn noch eine Sekunde später im Gesicht.

   „Mach weiter, wenn du dich traust.“

Kalma hatte die Arme wieder vor seiner Brust verschränkt und schaute Amen erwartungsvoll an. Dem fielen gerade die Pfannkuchen aus dem Gesicht, da hatte er sich auch schon die Portion Gulasch von Enary geschnappt und ausgeholt. Doch der Zombie konnte dem Wurfgeschoss ausweichen, zuerst. Denn dem Teller folgten einige wie von Zauberhand verlängerte und gelenkte Bandagen von Amen, die ihn genau auf den überraschten Kalma zurücklenkten.

   „HA!!! Damit hast du nicht gerechnet, nicht wahr du Grünschnabel?!?!?! HAHAHA…URGS…“

In einem unachtsamen Moment der Mumie hatte Lordi dem Zombie mit einem verheißungsvollen Schmunzeln die angekaute Schweinshachse in die Hand gedrückt, die wenig später Amen in den Rachen gestopft wurde.

   „So nicht!!! Such dir jemandem in deinem Alter wenn du gewinnen willst, du Greis!!!“ Amen torkelte zurück und suchte nach etwas zum Werfen. Und vermutlich allerseits unerwartet hielt Kita ihm seinen noch fast halbvollen Napf entgegen.

Ungläubig riss Kalma die Augen auf, als ob ihm die normale Sehperspektive nicht genügen würde um das zu glauben, was er sah. Lange Zeit um den Schock zu verdauen hatte er sowieso nicht, denn die Mumie ließ sich diese Chance nicht entgehen und eröffnete sofort ein Trommelfeuer auf den perplexen Bikerzombie.

   „HEY, DAS IST UNFAIR!!! HILFESTELLUNG ZÄHLT NICHT!!!!“ brüllte Kalma wütend während er in Richtung eines Küchenschrankes gedrängt wurde.

   „Das sagt der Richtige, wer hat sich denn hier zuerst helfen lassen?“ meinte Enary verbessernd.

   „ACH, SEI STILL!!!! ICH LASS MIR DAS JEDENFALLS NICHT GEFALLEN!!!!“ Kalma ergriff eine hinter sich auf dem Schrank liegende Fleischgabel und ging, den noch immer fliegenden Fleischbrocken zum Trotz, damit auf Amen los.

Dieser wich allerdings aus… unzwar in meine Richtung!! Der Zombie folgte seiner Bewegung, die Mumie konnte sich nochmals knapp aus dem Weg drehen… und ich musste im nächsten Augenblick schreiend eine Streifwunde in Kauf nehmen.

   „AAAAAHHHH!!! VERDAMMT PASS DOCH AUF DU…“ Erst jetzt bemerkte ich, wen ich gerade anschrie. Mit wutlodernden Augen stierte Kalma mich an und leckte etwas von meinem Blut von der Gabel.

   „Lecker…AUCH NOCH VORLAUT WERDEN, WAS?!?!?!“ Und zum erneuten Male…

   'PFLATSCH!!'

   „Kümmere dich nicht um diesen Wurm, sondern um deine Sicherheit!!!!“

Amen hatte wieder das Feuer auf den Bikerzombie eröffnet und mich so vermutlich gerettet, denn Kalma antwortete prompt mit einem Hagel aus ganzen Walnüssen, Orangen und einigen vollen Kellen Gulaschsuppe. Der Topf wurde ihm natürlich von Lordi gereicht und Enary begann schon jetzt entmutigt aufzuräumen, während Kita mit lautem Gebrüll Amen anfeuerte. Scheinbar wollte er sich auf diese Art für die Wunde rächen.

   „Nicht schlecht, was?“ fragte mich Lordi von der Seite. „Die beiden bringen immer herrlich Schwung in die Bude, wenn Magnum dabei ist sind sie erstrecht nicht zu toppen. Wenn ich z.B. dran denke, wie die drei wegen einer fiesen List von Enary in ein Seniorenheim eingebrochen sind… eigentlich wollten sie ja in ein Krankenhaus, weil Amen neue Bandagen und Magnum Ersatzteile vom EKG gebraucht hat. Und Kalma wollte sich in der Blutbank einen hinter die Binde kippen, nachher hatte er nur Arbeit am Hals.“

Irritiert versuchte ich Lordis Erzählungen zu lauschen, was sich wegen des Tumults aber als sehr schwierig erwies. „Oder als Kalma, dieser Weiberheld, Amen und Magnum auf die Reparbahn geschleppt hat… und er hattte wieder nur Überstunden, ich sollte ihn besser bezahlen.“

Auch wenn mich die Geschichten ein wenig ablenken sollten, verabschiedete ich mich kurz von Lordi, der mir ein wenig verwundert nachsah. Dann widmete er sich wieder seiner Unterhaltung und seiner Position als Kalmas Helfer.

Ich jedenfalls verließ eiligst das Schlachtfeld, schließlich wollte ich nicht auch irgendwie in den Kampf verwickelt werden. Sei es als Werfer… oder, was mir denkbarer erschien, als noch lebendes Wurfgeschoss in einer Essenschlacht.

Ich war fast draußen, kurz vor dem rettenden Ausgang drehte ich mich noch mal um, um sicher zu sein dass mir niemand folgte. Doch dann…

   'KLONG!'

Ich war gegen irgendetwas hartes, scheinbar aus Metall bestehendes gerannt und fiel zurück in den Raum. Mit Mühe konnte ich mich kurz vor dem Boden abfangen und schaute nun benommen in die Küche. Obwohl ich die Bilder allesamt nur etwas verschwommen wahrnehmen konnte, registrierte ich jedoch dass ich von allen Monstern angeschaut wurde.

War es denn wirklich so interessant, dass ich hingefallen war? Nein, für sie war es wohl eher wichtiger mit was (oder wem) ich zusammengestoßen war, denn sie schauten alle an mir vorbei bzw. über mich hinweg.

Als ich meinen Blick dann auch hob, stand ein riesiges Etwas, das aussah wie eine Mischung aus einem Gladiator oder Ritter und einem Roboter, vor mir. Das ganze Metall an ihm wirkte wirklich wie eine Rüstung. Dort wo es kurz aufhörte, also an einigen Stellen den Armen und den Händen, konnte man seine grüngräuliche Haut sehen, die aneinigen Punkten von Drähten durchzogen war. Um den Kopf des Ungetüms, bei dem es sich nur um Magnum handeln konnte, schloss sich ein Helm mit einem Glasvisier, durch das ich sein markantes Gesicht zum Teil erkennen konnte. Hinten aus dem Helm hingen seine langen, schwarzen Haare. Das einzige Makel an ihm war die kleine Delle in seinem Brustpanzer, die scheinbar von dem Zusammenstoß mit mir herrührte.

Genau in diesem Moment wandte Magnum seinen Blick erst auf mich, dann auf die Delle und dann wieder auf mich, nur diesmal ließ er dabei ein leises aber bedrohliches Knurren von sich hören. In mir keimte ein schlechter Gedanke, aber es sollte noch schlimmer kommen.

   „SPINNST DU, DU TOLLPATSCH?!?! HAST DU EINE AHNUNG WIE VIEL MICH DIE REPARATUR AN IHM GEKOSTET HAT ?!?!?!“ Lordi hatte sich schnaubend von seinem Platz erhoben und funkelte mich mit seinen roten Augen wütend an. Langsam aber sicher geriet ich in Panik, hatte ich es mir gerade innerhalb von nur ca. 3 Minuten gleich mit zwei Monstern verscherzt?

Mein Gedanke, und wahrscheinlich auch die Mordpläne der Monster gegen mich, wurde just unterbrochen als Lordi und Magnum beide eine Portion Apfelmus abbekamen.

   „ESSENSSCHLAAAAAAAACHT!!!!!“ Kalma und Amen waren scheinbar zu sehr ihrem Spieltrieb verfallen, als dass sie mein Ungeschick interessieren würde. Das war mir jedoch im Großen und Ganzen egal, denn nun hatte ich die Chance um endlich zu verschwinden. Und ich nutzte sie auch.

Bei einer günstigen Gelegenheit spurtete ich los, am vollgeschmierten Magnum vorbei aus der Küche.

 

Ich rannte eine ganze Weile lang, denn ich hatte noch immer das Gefühl Kalmas stechenden Blick im Nacken zu haben. Dann, nach einigen Minuten, konnte ich nicht mehr. Erschöpft ließ ich mich auf einen Fels sinken und fragte mich insgeheim, ob ich hier noch einmal lebend herauskommen würde.

Erst nach einigen tiefen Atemzügen war ich fähig weiterzugehen.

Stöhnend wankte ich durch den Gang, und ließ ab und zu ein hingebungsvolles Rülpsen erklingen. Enarys Pfannkuchen waren wirklich ein Gedicht gewesen, nur hatte ich gerade mal einen von diesen drei Riesendingern geschafft. Ich fühlte mich, als ob ich gleich platzen müsste.

Wenigstens hatte ich das Frühstück ohne größere Schäden überlebt, sah man einmal von meinem zum Bersten gefüllten Magen und der Schramme die mir Kalmas etwas zu forscher Umgang mit der Gabel bei der Essensschlacht zwischen ihm und Amen beschert hatte. Ich seufzte. Der Bikerzombie und die Mumie waren wirklich ein Duo Infernale. Wenn man allerdings Lordis Berichten glauben schenken konnte, mussten die Beiden im Verein mit Magnum noch um ein vielfaches Schlimmer sein.

Ich war zerrissen zwischen dem Wunsch auch das mechanische Monster trotz des kleinen… Unfalls vorhin einmal näher kennenzulernen, und besser nicht zu erfahren wie viel schlimmer das Trio, im Vergleich zu den Beiden die ich bis dato kannte, noch sein konnte…

Ächzend stützte ich mich an der nächstbesten Wand ab. Mir war kotzübel von der Menge die ich gezwungenermaßen in mich hinein geschaufelt hatte. Unter dem Druck meiner Hand gab plötzlich ein Stein in der Wand nach, und ein kreisförmiger, etwa zwei Meter durchmessender Teil der Wand brach ein. Mit einem Laut der Überraschung stürzte ich den fallenden Steinen hinterher, und landete in einer staubigen Wolke ziemlich unsanft auf dem mit rohen Ziegeln übersäten Boden.

Als sich der Staub halbwegs verzogen hatte, rappelte ich mich hustend wieder auf. Ein heißer Schmerz tobte in meinem linken Ellbogen, und ich spürte warmes Blut meinen Arm hinab rinnen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht umfasste ich die Wunde die ich mir bei dem Sturz geschlagen hatte, und taumelte von dem Steinhaufen herunter. Unversehens fand ich mich in einer großen Grotte wieder.

Mannsgroße Kristallformationen an den Wänden spendeten ein angenehmes, gelblich-rötliches Licht, und brachten die riesigen Tropfsteinsäulen die die hoch über meinem Kopf schwebende Decke trugen eindrucksvoll zur Geltung. In einer Nische zwischen zwei der gigantischen Tropfsteine befand sich eine Art erhöhtes Podium das eine Mulde bildete. Diese war mit mehreren Fellen und gemütlich aussehenden Decken ausgelegt. Viele abenteuerliche Konstruktionen aus Seilen, Netzen, Leitern und Stegen gliederten sich in die natürlichen Formationen der Grotte ein.

Überall an Decken und Wänden, und sogar am Boden, wuchsen verschiedenfarbige, funkelnde Kristalle. Einige von ihnen waren abgebrochen, und lagen herum. Neugierig hob ich einen Hellblauen auf, der direkt vor meinen Füßen lag, und drehte das funkelnde Stück mehrmals um es selbst, um es zu begutachten. In den glatten, wie poliert wirkenden Seiten des Kristalls spiegelte sich eine Gestalt.

Erschrocken fuhr ich herum, und ließ dabei den Kristall fallen, der klirrend am Boden aufschlug. Hinter mir hockte Kita, und musterte mich neugierig. Hinter dem Manbeast schloss sich die Lücke im Gestein, die ich versehentlich geöffnet hatte von selbst. Mit leisem Kratzen und Schaben glitten die zuvor auseinander gefallenen Steine wieder an ihren Platz, und ließen eine solide Felswand zurück.

   "Gefällt's dir?" fragte Kita mit der ihm eigenen kratzigen Stimme.

   "Whow." machte ich. "Das ist ja… richtig schön hier! Wo.. Wo sind wir?"

   "Bei Mir." antwortete das Biest.

   "Das… äh… ist DEIN Zimmer?" fragte ich ungläubig.

   "Ja."

   "Wahnsinn…" ächzte ich. Erneut ließ ich meine Blicke durch die Höhle schweifen, und entdeckte neben den allgegenwärtigen Kristallformationen, noch einige gemütlich aussehende 'Verstecke', die sich harmonisch in die Klettergerüstartige Einrichtung eingliederten. Irgendwie wirkte die große, fast schon domartige Halle wie ein überdimensionales Katzenparadies…

Das einzige was das Bild ein wenig störte, war der zwar ordentliche, aber ziemlich Angst einflößende Haufen an zerkratzten und zersplitterten Knochen links neben dem Eingang. Ein Gedanke klopfte an. Irgendetwas war da doch gewesen…

   "Ach du Scheiße!" entfuhr es mir.

   "Grarff?" fragte Kita.

   "Verdammt! Ich… hier… Zimmer… Hausordnung… Amen… Tabuzone…" stammelte ich verzweifelt.

   "Grumm… Na, mach dir mal keine Sorgen, der Kerl übertreibt ohnehin immer maßlos."

   "Es… es stört dich nicht, dass ich hier… eingedrungen bin?" fragte ich überrascht.

   "Nein." winkte das Manbeast ab. "Oh… was ist das?"

Das Biest erhob sich, und nahm plötzlich Witterung auf. Mit geblähten Nasenflügeln sog es die Luft ein, und bewegte sich dabei langsam auf mich zu. Schluckend wich ich Millimeter für Millimeter zurück, und sah mich unauffällig nach einem Versteck um. Aber welchen Zweck hätte es schon, mich hier, in seiner ureigensten Behausung, vor ihm verstecken zu wollen? Er würde mich hier überall finden…

Mein Gedankengang wurde unterbrochen, von einer rauen Zunge, die mir über den linken Arm fuhr. Während ich meinen panischen Gedanken gefrönt hatte, war Kita an mich herangetreten, und musste meinen Arm untersucht haben.

   "Mmh, lecker." brummte er grollend.

Mit einem erstickten Aufschrei riss ich meinen Arm hoch, und erwartete schon nur noch einen blutigen Stummel zu Gesicht zu bekommen. Doch wider erwarten, war der Arm noch dran. Das Manbeast hatte sich lediglich darauf beschränkt das frische Blut wegzulecken. Die Wunde blutete immer noch ein wenig, wie mir die frische rote Spur zeigte, die wieder über die Haut zu wandern begann.

   "Ist zwar nicht tief, aber mach lieber was drüber." meinte Kita in seiner eigentümlichen, abgehackten Sprache, und reichte mir etwas das wie ein Tuch aussah. Ich fragte mich nicht woher er es so schnell hatte, (hier tauchten ohnehin ständig irgendwelche Dinge aus dem Nichts auf, oder verschwanden spurlos in selbigem…) sondern nahm es dankbar entgegen, und  verband damit die Wunde an meinem Arm.

Derweilen hatte sich das Manbeast in eines der ebenerdigen ebenfalls mit Fellen ausgelegten Verstecke zurückgezogen. Nachdem ich momentan ohnehin nicht hinaus konnte, weil ich keine Ahnung hatte wie ich die Wand wieder öffnen konnte, folgte ich ihm zögernd. Mit mulmigem Gefühl ließ ich mich auf das flauschige Fell nieder, und war überrascht wie gemütlich die etwa drei mal drei Meter durchmessende Felsennische war.

   "Wirklich gemütlich hier." sagte ich ehrlich.

   "Ja, nicht wahr? Kannst du dir vorstellen wie die Anderen sauer waren, weil ich die Grotte gekriegt hab?"

   "Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen." antwortete ich, noch immer zutiefst beeindruckt.

   "Naja, eigentlich hat mir Lordi die Grotte ja nur deswegen gegeben, weil mein Brüllen hier so gut zur Geltung kommt. Willst du's mal hören?"

   "Äääh… warum nicht?" antwortete ich vorsichtig. Es schien mir nicht sehr klug zu sein Kita hier in seiner ureigensten Behausung widersprechen zu wollen - wer konnte schon wissen was die Bestie dann mit mir anstellte? Vor allem nach meinem kleinen… Missgeschick beim Frühstück. Und außerdem war er jetzt nicht mehr angekettet, so wie gestern…

Das Manbeast stolzierte (anders waren seine Bewegungen nicht zu bezeichnen) an mir vorbei, und erklomm mit einem einzigen kraftvollen Satz eine der kleinen Plattformen, etwa vier Meter über dem Boden. Die gesamte Konstruktion in der Höhle erzitterte, als er wieselflink zwei Leitern und ein dickes Tau überwand, mit einem waghalsigen Sprung über einen schmalen Steg hinweg setzte, und sicher auf einer der gewaltigen Tropfsteinsäulen landete.

Unsicher verließ ich das gemütliche Versteck, und blickte hoch zu Kita, der sich auf einem Felsvorsprung niedergelassen hatte. Ich kam nicht umhin zugeben zu müssen, dass er, als er so dasaß, perfekt in Szene gesetzt von dem seltsamen Kristalllicht, ziemlich beeindruckend aussah.

Tief und machtvoll dröhnte das Gebrüll des Manbeasts durch die Grotte, wo es von den Gesteinsformationen der Wände und Decken zurückgeworfen wurde. Die tiefen, vibrierenden Töne waren sogar noch in meinem Magen spürbar, schnürten mir die Luft ab, und erfüllten mein Herz mit Angst. Ich verspürte plötzlich das drängende Bedürfnis mich auf die Knie zu werfen, und um Gnade zu betteln.

Als das Gebrüll Kitas verklang, hatte ich tatsächlich das Gefühl, einen spitzen, angstvollen Schrei gehört zu haben. Hämmernden Herzens hielt ich mich an einem neben mir in die Höhe ragenden Holzbalken ab, und blickte verwirrt auf, als dieser erzitterte. Auch das Biest schien etwas gewittert zu haben, denn es bewegte sich mit tiefem Grollen und konzentrierter Zielstrebigkeit auf einen Punkt im hinteren Teil der Grotte zu, die ich von hier aus nicht einsehen konnte. Es sah so aus als ob er sich an etwas… heranpirschte?

Die Neugier siegte über meine Furcht, so folgte ich dem sich hoch über mir sicheren Trittes bewegenden Monster. Ich blieb stehen, als ich vermeinte eine Bewegung hinter einem mit Haut bespannten Gitter zu ersehen. Ein kurzer Blick auf den über meinem Kopf befindlichen Kita, zeigte mir dass er, mit reiner Mordlust in den Augen, direkt auf das scheinbar besetzte Versteck zu hielt. Obwohl ich bereits ahnte was passieren würde, fuhr ich zusammen als das tierartige Geschöpf mit einem weiteren ohrenbetäubenden Brüllen herunter stieß.

In diesem Moment schoss etwas aus dem Versteck hervor. Mein Herz setzte einen Moment aus, als das Wesen meiner ansichtig wurde, und kurz verharrte. Es war ein Mensch. Natürlich, was hatte ich erwartet - es war mir immer klar gewesen das solche wie ich hier auf dem Speisezettel standen. Aber es war nicht das Aussehen des in zerfetzte Lumpen gehüllten Mannes, das mich so erschreckte. Es war sein Blick. Furcht, Panik, nackte Todesangst… ich wusste nicht wie ich es beschreiben sollte. Wie auch sollte man es beschreiben, wie sich jemand fühlen musste der kurz davor stand von einer gnadenlosen Tötungsmaschine zerrissen zu werden? Keine Worte konnten ausdrücken, was in dem Blick des Mannes geschrieben stand.

   "Hilf mir! Bitte…" flüsterte der Mann noch, kaum hörbar, ehe ihn der wütend knurrende Kita mit einem gezielten Prankenhieb von den Füßen riss, und an eine der dicken Säulen schmetterte. Schneller als das meine Augen ihm folgen hätten können, war das Manbeast an der Stelle an der der Mensch zu Boden sackte.

Ein scheußliches Knacken und ein erstickter Aufschrei ertönten, als irgendetwas im Körper des Mannes brach. Unbarmherzig bohrten sich die Klauen der Bestie in seinen Leib, noch bevor er überhaupt den Boden berührte. Ich schlug die Hand vor den Mund, um den entsetzten Schrei zu ersticken der sich meiner Kehle entrang, als Kita einen mehr als handgroßen Brocken aus der Schulter seines noch lebenden Opfers riss, und mit einem einzigen Biss verschlang.

Ich blieb wie angewurzelt stehen, als sich das Manbeast nun mir zuwandte. Ich rechnete schon damit das ich der nächste war, der auf grausame Art aus dem Leben zu scheiden hatte, als ich seinen Blick bemerkte. Er war verlegen - nein - bestürzt. Im nächsten Moment durchtrennte er mit einer fast beiläufigen Bewegung den Hals seines Opfers, und erlöste den Mann damit von seinen Qualen.

Dann tat er etwas das mich überraschte. Anstatt den Kadaver mit dem Maul zu packen und wegzuschleppen, richtete er sich auf, nahm den leblosen, blutüberströmten Körper fast sanft auf seine Arme, und trug ihn weg. In einer kleinen, nackten Felsnische ließ er den Toten wieder auf den Boden gleiten, und deckte ihn mit einem Tuch oder einer Decke zu. Die bräunlichen Flecken des Stoffes, sowie die Verschmutzungen des Steinbodens der Nische, zeigten mir dass die kleine Höhle wohl öfters die Kadaver von Opfern aufnehmen musste.

Ich hatte mich die ganze Zeit über nicht bewegt, und auch jetzt war ich unfähig mich zu bewegen, als Kita, nun wieder auf allen Vieren gehend, mit gesenktem Haupt an mir vorbei trabte. Leises Plätschern hinter mir riss mich dann doch aus meiner Starre, und erlaubte mir mich vorsichtig umzudrehen. Was ich vorher nicht gesehen hatte, war ein in den Fels eingelassenes Becken, in das von knapp oberhalb Wasser aus einer kleinen Quelle strömte. An diesem Bottich, der etwa die Ausmaße einer Badewanne hatte, stand das Manbeast, und schien sich das Blut wegzuwaschen. Als er damit fertig war, griff er nach einem schon ein wenig abgewetzten Handtuch, und trocknete sich ab.

Der bizarre Anblick der wilden Bestie, die sich in diesem Moment zivilisierter benahm als alle anderen Monster zusammen, ließ mich beinahe die schreckliche Szene vergessen die ich gerade mit ansehen hatte müssen.

Ich spannte mich wieder, und wich unwillkürlich zurück, als sich Kita wieder mir zu wandte. Er schien den furchterfüllten Blick zu bemerken den ich ihm zuwarf, denn er senkte betreten den Kopf.

   "Tut mir leid." flüsterte er, kaum hörbar. Dann wandte er sich mit gesenktem Kopf ab, und trabte zurück zu dem gemütlichen Versteck, in dem wir noch wenige Minuten zuvor gesessen hatten.

Meine Verwirrung wuchs zusehends. Warum hatte er sein Opfer nicht einfach zerrissen? Und wofür hatte er sich bei mir entschuldigt? Ich schüttelte den Kopf. Dieses Wesen zu verstehen war wirklich nicht einfach. Bei den Anderen war es schon weitaus leichter - sie hatten mich nämlich ohne Ausnahme buchstäblich zum Fressen gern.

Aber ausgerechnet bei Kita schien es sich anders zu verhalten. Er war der einzige, der bis jetzt noch keinen Versuch getan hatte mich um die Ecke zu bringen. Im Gegenteil - er hatte mich sogar vor dem Zorn des Bikerzombies geschützt, und das obwohl ich mitten in sein Essen getreten war.

Ich blieb noch einige Zeit an den dicken Holzbalken gelehnt alleine stehen, und dachte nach. Trotz reiflicher Überlegung kam ich einfach auf keinen grünen Zweig. Schließlich holte ich tief Luft, straffte die Schultern, und folgte dem Manbeast in das Versteck in das er sich zurückgezogen hatte. Es brachte nichts sich das Gehirn zu zermartern, wenn man auch einfach fragen konnte - wozu war ich Reporter geworden? Doch nur um Andere mit Fragen löchern zu können…

Als ich den Stoff zur Seite schob, der den Eingang halb verdeckte, sah ich Kita im inneren der mit weichen Fellen ausgelegten Nische liegen. Er hatte sich zusammengerollt und den Kopf auf die Vorderpranken gelegt, wodurch er gar nicht mehr so gefährlich aussah. Und er blickte mich an. Ich setzte dazu an etwas zu sagen, wurde aber unterbrochen noch bevor ich einen Ton von mir gegeben hatte.

   "Der armgroße blutrote Kristall mit den gelblichen Spitzen öffnet die Tür. Einfach runterdrücken." sagte er in seiner eigentümlichen Art zu Reden.

   "Äh… wie?" fragte ich, kurzfristig aus dem Konzept gebracht.

   "So kommst du aus meiner Höhle raus." fügte das Manbeast hinzu.

   "Oh… danke." antwortete ich ein wenig steif. "Aber ich will gar nicht davon laufen."

   "Nicht?" Er hob seinen Kopf, und blickte mich ehrlich überrascht an. Zumindest deutete ich seinen Gesichtsausdruck als Überraschung, und nicht als gefährliche Drohung, wie es andere wahrscheinlich getan hätten.

   "Nein." Ich ließ mich wieder auf den dicken, weichen Fellen nieder, und blickte ihn ernst an. "Ich habe da noch ein paar Fragen…"

   "Dann frag."

   "Also gut…" begann ich langsam. Jetzt oder nie. "Warum hast du vorhin dein… äh… Essen nicht zerrissen? Du wolltest es, aber warum hast du es nicht getan?"

   "Hrmm…" Kita überlegte kurz, und legte dann den Kopf wieder auf seine Pranken. "Weil ich keine Lust hatte das du mir die Bude voll kotzt?" antwortete er schließlich. "Und weil ich weiß was Rücksicht bedeutet. Menschen mögen es nicht, wenn man neben ihnen einen Artgenossen reißt, darum habe ich mich beherrscht."

   "Hast du dich deswegen entschuldigt?" fragte ich.

   "Ja." antwortete das Biest. "Ich weiß nämlich wie man sich gegenüber einem Gast benimmt, im Vergleich zu einigen Anderen hier."

Spontan kam mir in diesem Zusammenhang Kalma in den Sinn, der es von Allen am meisten auf mich abgesehen zu haben schien. Meine Gedanken mussten wohl ziemlich genau auf meiner Stirn geschrieben sein, denn ohne das ich ein Wort sagen hätte müssen, nickte mein Gegenüber.

   "Graff. Genau das meinte ich. Keine Manieren diese Zombies."

   "Warum hast du mich eigentlich beim Frühstück vor ihm beschützt?" getraute ich mich jetzt zu fragen. "Immerhin bin ich in dein Essen getreten."

   "Du würdest staunen, wie oft er selber schon reingetreten ist. Oder mir das Frühstück versalzen hat. Oder gleich die ganze Schüssel versteckt hat." Ein tiefes böses Knurren entrang sich seiner Kehle, das jedoch in mir keine Furcht zu wecken vermochte.

   "Im Ernst?"  fragte ich. Kita und der Bikerzombie schienen nicht gerade das beste Verhältnis zueinander zu haben…

   "Groarrr… Ja." Das Manbeast schnaubte verächtlich. "Er kommt sich immer ziemlich witzig dabei vor. Und ausgerechnet so ein alter Knacker wie Amen unterstützt ihn auch noch bei seinen postpubertären Streichen. Und erst Magnum! Man sollte meinen zumindest so ein zusammen geschraubtes Ding würde logisch denken! Eine Schande ist das…"

   "Postpubertär? Wie meinst du das?" hakte ich nach.

   "Na Kalma ist der Jüngste hier, wusstest du das nicht?" fragte das Manbeast zurück.

   "Äh… nein?" sagte ich. "Ich dachte immer er wäre ziemlich alt…"

   "Wenn du knappe 250 als alt bezeichnest…" meinte Kita verwundert. "Er holt momentan seine pubertäre Phase nach, weil sie ihn damals gerade zu der Zeit eingebuddelt haben."

   "Interessant…" murmelte ich.

   "Knurr… Naja, wie das bei den Halbstarken so ist - gib ihnen eine nette Sense und ein bisschen Macht über ein paar altersschwache Seelen, und schon denken sie, sie sind die Größten und Stärksten."

   "Apropos Sense…" begann ich vorsichtig "Wie geht es eigentlich deiner Wunde? Tut es noch sehr weh?"

   "Grff… geht schon."

   "Lass mal sehen." sagte ich, und rutschte zu ihm hin. Ohne selber genau zu wissen was ich da eigentlich tat, griff ich nach einer der großen Pranken der Bestie, dort wo ihn die Sense Kalmas getroffen hatte. Er ließ es ohne Widerstand geschehen, dass ich sie vorsichtig herum drehte, und ihre Unterseite begutachtete.

Ein langer, bereits in der Heilung begriffener Schnitt zog sich vom Fingeransatz, über die Handwurzel, bis mehrere Zentimeter auf die Innenseite des Unterarms. Sogar eine der messerscharfen, mehrere Zentimeter langen Klauen war glatt durchtrennt worden. Vorsichtig betastete ich mit dem Finger die in der dunklen, ledrigen Haut klaffende Wunde. Sie war sehr tief.

   "Rmgrll… Ark!"

   "Oh, entschuldige!" murmelte ich erschrocken, und ließ seine Pranke los. Kita zog sie zurück, und leckte kurz über die verkrustete Wunde, ehe er die Pranke wieder unter seinen Kopf schob. "Das sieht schlimm aus…" sagte ich.

   "Hrmm… Kaum der Rede wert. Ich war schon ärger verletzt."

Eine Gesprächspause entstand, in der ich verlegen an die Wand starrte, während lediglich das ruhige Atmen des Biests neben mir zu hören war. Ich versuchte meine Gedanken so weit zu ordnen, das ich alles was ich während des heutigen Tages schon erfahren hatte, in den Schubladen meines Gedächtnisses verstauen konnte, um später wieder darauf zugreifen zu können. Doch es kreisten mir noch immer zu viele Fragen im Kopf herum, als das meine Neugier endlich befriedigt gewesen wäre. Ich beschloss zumindest einige von ihnen zu stellen, da Kita ja augenscheinlich der Einzige war, mit dem man hier normal reden konnte.

   "Hmmm…" machte ich.

   "Mrh?" brummte das Manbeast direkt neben mir.

   "Warst du… äh… bist du so geboren worden, oder warst du früher… anders?" fragte ich vorsichtig, und mit gedämpfter Stimme.

Das Biest hob seinen Kopf, sodass es mit mir auf Augenhöhe war. Leichter säuerlicher Geruch, der vermutlich von einigen zwischen seinen kräftigen Zähnen stecken gebliebenen Fleischfetzen stammte, wehte zu mir herüber. Ich vermochte den Blick nicht zu deuten, den er mir mit seinen kleinen, blitzenden Augen zuwarf.

   "Du brauchst nicht darauf zu antworten, wenn es dir unangenehm ist..." sagte ich ein wenig unsicher. War es ein Fehler gewesen, das ich diese Frage gestellt hatte?

   "Mmmrrrh… Was denkst du?" fragte er schließlich ernst.

   "Ich… weiß nicht…" begann ich unsicher "Den anderen sieht man an, das sie alle früher einmal menschlich waren…"

   "Ja, das waren wir…" murmelte Kita leise.

   "Du auch…"

   "Ja…"

Betretenes Schweigen breitete sich in der gemütlichen Höhle aus, doch in mir brodelte das Grauen. Unwillkürlich ließ ich meinen Blick wieder auf dem Manbeast verweilen, welches sein Haupt wieder auf seine Pranken gebettet hatte. Ich hatte keine Angst mehr vor ihm.

Einfach um irgendetwas zu machen, ließ ich meine Hand vorsichtig unter den Fellumhang gleiten, begann seine Schultern zu kraulen. Dicke Muskeln unter der ledrigen Haut zitterten, während Kita meine Bewegungen mit einem dumpfen, entspannten Schnurren zur Kenntnis nahm. Dann begann er, nur gelegentlich unterbrochen von seinen typischen Knurrlauten, mit ruhiger, leiser Stimme zu erzählen.

 

Es ging bereits auf Mittag zu, als ich vor dem kristallinen Hebel stand, dessen Betätigung einen Teil der Wand nach innen stürzen ließ, und den Ausgang freigeben würde. Ich hatte die Hand bereits auf den blutroten Kristall gelegt, als sich von hinten eine große Pranke auf meine Schulter legte.

  "Hrrr … Warte… Ich will dir noch einen Rat geben." vernahm ich die Stimme Kitas.

  "Dass ich dir beim Jagen doch lieber nicht in die Quere kommen sollte?" versuchte ich zu scherzen, doch mein versuchtes Grinsen geriet zu einer Grimasse. Das Manbeast schüttelte energisch den Kopf, und umfasste meine Schulter ein klein wenig fester.

   "Pass gut auf deine Träume auf, wenn du am Leben bleiben willst." warnte er mich eindringlich.

   "Wie meinst du das?" fragte ich.

   "Stirbst du im Traum, tust du es auch hier." Er schien meine Verständnislosigkeit zu spüren, denn er fügte nach einer kurzen Pause noch etwas hinzu. "Lordi."

   "Er hat Macht über… Träume?"

   "Grarr… Ja. Pass auf dich auf." Dann ließ er mich los, und wandte sich um. Ich konnte das Kratzen und Schaben seiner Krallen auf dem Boden hören, als er sich entfernte.

   "Danke." murmelte ich. Es war keine aufgesetzte Floskel, sondern wirklich ehrlich gemeint.

Als ich den kristallinen Hebel betätigte, der mir den Ausgang öffnete, hörte ich bereits genussvolles Schmatzen, nur gelegentlich unterbrochen vom krachenden Bersten von Knochen. Ich war darum sehr froh, als sich die Wand hinter mir wieder schloss. Aber trotz der Tatsache, dass Kita hinter ihr gerade damit beschäftigt war einen Menschen zu verspeisen, kam er mir jetzt… fast schon menschlich vor.

Meine Gedanken wurden just von meinem knurrenden Magen unterbrochen. In diesem Moment wunderte ich mich, dass der Riesenpfannkuchen von Enary tatsächlich schon verdaut war.

Plötzlich hörte ich wieder ein schlurfende Geräusch, das mir seltsam bekannt vorkam. Ich drehte mich um und sah Amen, mit einigen Handtüchern (wahrscheinlich für sich um sich vom Essen zu säubern) und einem großen Erste-Hilfe Kasten aus Metall an mir vorbeihumpeln.

   „Was ist?! Seh ich aus wie’n Kino oder warum glotzt du so?!?!“

   „Ähm… Entschuldigung, wollte ich nicht.“ Insgeheim konnte ich mich aber einfach nicht an dieses für mich bedrohlich klingende Schlurf-Geräusch gewöhnen, dass entstand wenn die Mumie ihr linkes Bein über den Boden hinter sich herschleifte. Es klang für mich so, als ob mein Tod versuchen würde sich anzuschleichen.

   „Ach, was soll den der Verbandskasten?“ traute ich mich vorsichtig zu fragen.

Die altägyptische Mumie knurrte scheinbar leicht genervt und gab zur Antwort: „Ich spiel den Tierarzt, was dagegen?!?! Kita läuft auf seiner Wunde rum, weil sie in seiner Handfläche ist. Was glaubst du wie viel Dreck da rein kommt?! Wenn du wüsstest was er für ein Theater machen kann wenn er z.B. wegen einer Entzündung Schmerzen hat würdest du’ s auch verstehen.“

Amen ging mit diesen Worten an mir vorbei zur Wand in der Nische neben mir. Es war natürlich die Wand, durch die ich in Kitas Behausung gelangt war. Die Mumie drückte einen bestimmten Stein in die Wand und sie öffnete sich.

Ich stand auf und wollte von Amen wissen, ob Kita denn schon wieder in seiner Höhle sei, um davon abzulenken dass ich bis vor wenigen Minuten noch darin war. Schließlich hatte er mir diese Regel mit drohendem Unterton zu verstehen gegeben.

   „Ja, er ist wieder drin. Er ist kurz nachdem du abgehauen bist durch einen Eingang nahe der Küche in sein Kämmerchen gegangen. Warum?!“

   „Ich… ich würde gern mitkommen.“ Die Mumie zog eine Augenbraue hoch und stemmte einen Arm in die Hüfte. „Ich sagte doch unsere privaten Räume sind tabu. Welchen Teil des Satzes hast du nicht verstanden?!“
In diesem Moment verließ ich mich auf Kitas Wort. „Aber Kita meinte, es würde ihn nicht stören wenn ich ihn besuche.“

   „Ach…“ begann Amen verwundert. „Hat er das? Na dann will ich für dich hoffen das es stimmt. Komm von mir aus mit aber beschwer dich nicht bei mir, wenn du nachher nicht mehr in einem Stück sein solltest.“ Ein kurzes, schnelles Nicken folgte von mir und wir betraten das Reich des Manbeasts. „KITA!!!!! KOMM HER, DER ONKEL DOKTOR IS DA!!!!“

Von Amens plötzlichem Geschrei fuhr ich zusammen. Einen Moment später hörte man aus einer der oberen Felsnischen ein kurzes Schnauben und Kita schaute kurz über den Rand der kleinen Klippe.

   „Na also, da bist du ja.“

Die Bandagen an Amens rechtem Arm wurden wieder länger und machten sich in Richtung Felsvorsprung selbstständig. Die Tücher hatte er sich über die Schulter geworfen, den Verbandskasten auf den anderen Arm genommen und im nächsten Moment hatte sich die Mumie mit einem kräftigen Ruck nach oben gezogen.

Ich wollte ihm erst nachrufen, er habe mich vergessen. Aber vermutlich war er meine Fragerei von vorhin eh schon satt und so wollte ich umkehren. Dann bemerkte ich die Knurrlaute Kitas und kurze Zeit später sprach wieder Amen.

   „Ach ja. Den Knilch hatte ich vergessen. Wenn du ihn unbedingt dabei haben willst…“

Von oben schossen auf einmal einige Bandagen auf mich hinunter, umwickelten meine Beine und dann flog ich auch schon schreiend durch die Luft. Mein Flug endete abrupt als mich die Mumie an einem Bein fing und festhielt, als ob ich hier nicht schon schlechte Erfahrungen mit dem Kopfüberhängen gemacht hätte.

   „Hier hast du ihn, hoffe der Herr ist jetzt glücklich.“ Mit diesen Worten ließ Amen mich unsanft auf den Boden knallen. „So, jetzt hör mal. Kita will dich dabei haben, keine Ahnung warum. Die Rolle der tröstenden Krankenschwester übernimmt sonst Enary, aber die vergnügt sich ja schon wieder mit Kalma… von wegen der Kerl hat Kopfschmerzen. War bloß ‚n billiger Vorwand damit Enary ihn ins Bett bringen kann.“

Verdutzt über Amens Aussage hielt ich mir meinen schmerzenden Kopf. Ob er wohl das mit „vergnügen“ meinte was ich gerade dachte? Wenn ja, dann hatte es der Zerfallsprozess mit Kalma wohl sehr gut gemeint.

   „Aber egal, zur Sache. Solltest du wegen Blut, Eiter usw. kotzen müssen… WEHE DIR ICH KRIEG WAS AB!!!!“ fuhr er mich forsch an.

    „J-jaja, ich pass auf…“ stotterte ich erschrocken.

   „Hmmm…“ brummte die Mumie drohend und öffnete den Metallkasten. In seinem Innersten befanden sich diverse braune Fläschchen mit krakelig beschrifteten Etiketten. Zielsicher griff Amen nach einer Flasche mit der Aufschrift „Jod“ und befeuchtete eines der Handtücher mit dem Inhalt. Kita saß noch relativ gelassen neben ihm auf den weichen Fellen.

   „So, jetzt lass die Pranke rüberwachsen.“ Wort- oder treffender gesagt geräuschlos streckte das Biest der Mumie eine seiner mächtigen Pranken entgegen. „HAHA, sehr witzig!! Die mit dem Schnitt drin du Scherzkeks!!“

Kita zog die Pranke wieder zurück, fügte sich mit einer seiner Krallen selbst einen kleinen Schnitt zu und hielt sie der Mumie wieder vor.

   „Willst du mich verarschen!?!?!?!?! Jetzt rück die richtige Flosse raus du Feigling!!!!!“

Jetzt hielt Kita der Mumie tatsächlich die Wunde entgegen, die er von Kalma hatte… zog sie jedoch gleich darauf wieder zurück. Ich versuchte diesen Gedanken zuerst noch zu verdrängen, aber mittlerweile sah es echt so aus als ob das Manbeast mit allen Tricks versuchte sich vor der Behandlung zu drücken. Und Amen ging nun die Geduld aus.

   „JETZT REICHTS!!!!!! DU SOLLST SIE AUCH VORNE LASSEN!!!!! PFOTE HER ODER ICH WERDE UNGEMÜTLICH!!!!“ Doch Kita wendete sich trotzig von der Mumie ab und verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Ok… dein Pech.“ hörte ich die Mumie noch säuerlich murmeln, dann schlangen sich plötzlich mehrere dicke Bandagenbündel um die Knöchel und den Hals von Kita und zerrten ihn mit einem Ruck in Bauchlage zu Boden.

   „GAAARRRRAAAAARRRFFFF!!!!“ Als das Manbeast versuchte die Bandagen mit einem Hieb seiner gesunden Pranke zu durchtrennen, wurde diese von der Mumie gezielt an einem Fels festgebunden, genau wie die Beine und der Kopf Kitas. Folgend war er nun völlig wehrlos. Nur die verletzte Pranke war noch kurz beweglich, bis die Mumie sich auf den Arm des Biestes setzte und ihn so am Boden hielt.

   „So, hab ich dich! Jetzt halt still, dann hast du’s schneller hinter dir!“

   „GRRRRJARRAFFF!!! GRRAFF!!!!“ Kita versuchte noch immer sich loszureißen, aber vergebens. Es schien sogar so, als ob sich die Bandagen der Mumie mit jeder seiner Bewegungen fester zuzogen. Schließlich gab er auf.

Irgendwie erfüllte es mich mit Wut, zu sehen wie rücksichtslos Amen mit Kita umsprang, obwohl er scheinbar sogar Angst vor seiner Behandlung hatte.

   „Er hat doch Angst!“ platzte es mir ungewollt heraus.

Amen wandte sich blitzartig zu mir um und quittierte meine Feststellung mit einem verächtlichen Knurren. „So stellt er sich immer an, muss an den schlechten Erfahrungen mit Medikamenten im Labor liegen. Eigentlich bist du ja dafür da um ihn zu beruhigen.“ gab er mit gereiztem Unterton zurück.

   „A- ach so…“

Die Mumie richtete ihr Augenmerk wieder auf Kitas Wunde und wollte gerade das mit Jod getränkte Tuch darüber fahren lassen als das Manbeast kurz aber sehr laut aufbrüllte.

„Was ist denn jetzt schon wieder?!?!“ Amen stoppte seine Bewegung. Kurz darauf starrte Kita mich mit einem hilfesuchenden Blick an und gab ein leises „Grrfff?“ von sich.

Obwohl er nicht gesprochen hatte, wusste ich dass er sich Beistand von mir wünschte. Also rutschte ich so nahe wie möglich an ihn heran und begann mit leichtem Druck seinen Nacken zu kraulen und zu massieren. Ich hätte ihm vermutlich auch noch die Augen zugehalten, wenn Amen ihm nicht schon mit seinem Gesäß und Rücken die Sicht auf die verwundete Pranke versperrt hätte. Jedenfalls entspannte sich das Biest zumindest ein kleines bisschen.

Amen, der bis eben noch seine Aufmerksamkeit auf mich gerichtet hatte, konzentrierte sich jetzt wieder auf sein eigentliches Vorhaben und drückte das Jodtuch leicht auf die Wunde. Genau in diesem Moment gab Kita ein an Brüllen grenzendes Knurren von sich und versuchte reflexartig seinen Arm von Amen wegzuziehen, doch der hielt ihn fest am Boden.

   „Ist ja gut, ich bin sicher es dauert nicht mehr lange.“ probierte ich ihn zu beruhigen.

   „Nicht mehr lange? Von wegen, das muss genäht werden.“ mischte sich der altägyptische Untote ein und drehte sich mit einem Arsenal aus dicken und langen Nadeln in der Hand zu uns um.

   „Hrrrrarrrffff?!?!“ Kita stierte mit weit aufgerissenen, erschrockenen Augen auf die spitzen Gegenstände… und fiel gleich darauf in Ohnmacht.

   „Was hast du gemacht?!“ rief ich der Mumie erschrocken zu.

Diese grinste nur schief und meinte dann: „Das klappt immer. Er kann nun mal keine Nadeln oder Spritzen sehen, zumindest nicht wenn sie für ihn in Zusammenhang mit einer Behandlung stehen. Und jetzt halt die Klappe, ich muss mich konzentrieren. Solltest froh sein dass er nichts mehr mitbekommt und du und ich jetzt weniger Arbeit mit ihm haben. Abgesehen davon benutze ich bestimmt nicht Enarys Stricknadeln zum Nähen von Wunden.“

Mit diesen Worten lockerte er seine Bandagen, die Kita bis zu diesem Zeitpunkt gefesselt hatten. „Du kannst jetzt gehen.“

In der nächsten Sekunde wurde ich von selbigen Fesseln nochmals umwickelt und rasant über den Rand der Felsen gehoben. Kurz vor dem Höhlenboden ließen sie mich los und erneut landete ich unsanft, diesmal aber zumindest nicht auf dem Kopf.

   „Wie’s hier rausgeht weißt du ja wahrscheinlich! Sonst musste eben warten bis Kita wieder wach ist, ich nehme dich nicht noch mal ins Schlepptau!“

Etwas stockend rappelte ich mich auf und schaute kurz nach oben. „Danke du alter Stinkstiefel, den Ausgang kenne ich schon…“ murmelte ich noch in mich hinein. Dann ging ich zielstrebig auf den Ausgang zu, drückte den Kristall runter und verließ die Behausung des Manbeasts.

 

Ich irrte nunmehr fast 3 Stunden durch die verwinkelten Gänge der Monsterbehausung. Eigentlich hätte ich jedoch der Karte nach schon vor ca. einer Stunde, kleine Verfransungen mit eingerechnet, bei meinem Zimmer sein sollen.

Mit verwirrtem Blick starrte ich auf die Karte, und kratzte mich am Kopf. Wo war ich hier eigentlich gelandet? Ratlos drehte ich das Pergament nach links und nach rechts, und versuchte verzweifelt einen Anhaltspunkt zu finden. Achselzuckend ging ich schließlich weiter, und bog mit dem Gang um die Ecke. Gleich darauf wäre ich am liebsten aufstöhnend zusammengebrochen. Ich war in einem großen, kreisrunden Raum gelandet, von dem gleich sieben Durchgänge abzweigten!

Seufzend zog ich die Karte zu Rate, doch dort war eine solche Kreuzung nirgends eingezeichnet… Ich musste es mir wohl oder übel eingestehen, dass ich mich verlaufen hatte. Und zwar gründlich.

Erst jetzt fiel mir auf, dass über den Durchgängen etwas in den Fels graviert war. Neugierig trat ich näher heran, und hoffte insgeheim dass die Inschriften so etwas wie Wegweiser waren. Als solche entpuppten sie sich dann auch… nur das ich überhaupt nichts mit ihnen anfangen konnte…

Das einzige was die Inschriften in mir auslösten, war vager Schrecken. Was sollte man auch anderes Empfinden, wenn man Bezeichnungen wie "Weg des Blutes", "Straße der Schmerzen" oder auch "Gasse der Alpträume" las. Da mir die vermutlichen Namen der Gänge kein großes Vertrauen einflößten, beschloss ich kurzerhand den Weg zurückzugehen, durch den ich hierher gekommen war. Es stellte sich in dem Zusammenhang nur ein kleines Problem: nämlich das ich nicht mehr wusste durch welchen Gang ich diesen Raum eigentlich betreten hatte!

Noch während ich überlegte wie ich nun weitermachen sollte, hörte ich Stimmen. Ich spannte mich, und sah mich bereits nach einem Versteck um, als ich das Klirren von Ketten und das unverwechselbare Knurren Kitas vernahm.

   "Zieh doch nicht so, verdammt!" schimpfte jemand. Ich identifizierte die trockene, genervt wirkende Stimme als jene Amens. Vermutlich ging er gerade mit dem Manbeast Gassi. Ich überlegte gerade ob ich auf mich aufmerksam machen sollte, als die Stimme der Mumie ein weiteres Mal durch die Gänge schallte, dieses Mal weitaus näher als zuvor. "Nein, nicht da rein! Wir müssen dort rüber!"

Augenblicke später schoss auch schon ein mit Zähnen und Klauen bewehrtes Etwas hechelnd aus einem der Gänge, den sich verzweifelt dagegen stemmenden Amen kurzerhand hinterher ziehend.

   "Sitz!" heulte Amen. "Wirst du wohl stehen bleiben!"

Kita blieb so abrupt stehen, das die Mumie, die durch ihre Versuche das Manbeast zu halten tiefe Furchen im sandigen Boden hinterlassen hatte, durch den fehlenden Gegendruck einfach nach hinten kippte.

Erst als sich der altägyptische Untote mit einem grässlichen Fluch wieder erhob, wurde er meiner ansichtig, und verzog sein ohnehin schon ziemlich hässliches Gesicht zu einem noch hässlicheren Grinsen.

   "Ach, haben wir uns etwa verlaufen?" fragte er hämisch.

   "Äh… ja…" gab ich zerknirscht zu.

   "Und ich dachte die Karte wäre idiotensicher!" schimpfte die Mumie. "Tust du nur so dämlich, oder bist du es wirklich? Ich sollte dich…" Ein warnendes Knurren Kitas hielt das zornige Wickelpaket davon ab mir an die Gurgel zu gehen. Das Manbeast entpuppte sich immer mehr als mein Beschützer hier unten.

   "Äh… könnten sie mir vielleicht den Weg zurück zu meinem Zimmer zeigen?" fragte ich vorsichtig.

   "Was, den Weg soll ich dir beschreiben?" fragte Amen lauernd

   "J-ja… wenn sie so freundlich wären…"

   "Du verlangst von mir das ich dir eine Wegbeschreibung gebe?!" fuhr mich die Mumie an. "Du kannst nicht einmal eine Karte lesen, und dann willst du dir allen Ernstes eine Beschreibung merken?"

   "Äh… na ja…" begann ich kleinlaut, während ich das Pergament in meiner Hand drehte.

   "WAS?!"

   "Es ist nur so… Die Kreuzung hier ist auf der Karte nicht eingezeichnet, sehen sie?" Wie ein Schutzschild hielt ich die Karte zwischen mich und die Mumie hoch. Diese studierte sie brummend, und kratzte sich dann am Kopf.

   "Hm. Hab ich dir wohl die falsche gegeben, die ist vom letzten Jahrhundert." meinte er schließlich achselzuckend

   "Äh… und wie komme ich jetzt zurück?" fragte ich.

   "DU wirst schön hier warten, bis wir wieder da sind. UND FASS HIER JA NICHTS AN, KLAR?!"

   "Aber…"

   "Groooarr? Grarff?"

   "WAS? Spinnst du, der macht doch schon nach ein paar Metern schlapp!"

   "Graur!"

   "NEIN!"

   "Hrk… Gruff?"

   "NEIN, hab ich gesagt!"

   "GRRR… GROOOOOAAAARRR!"

Ich hatte das eigentümliche Streitgespräch zwischen der Mumie und dem Manbeast mit wachsender Verwirrung verfolgt, und fuhr unwillkürlich zusammen als das ohrenbetäubende Brüllen durch den runden Raum dröhnte und sich noch weit in die Gänge fortpflanzte, wo es gebrochen und mehrfach zurückgeworfen wurde.

   "Na schön, er kann mitkommen." grummelte Amen, und dann, an mich gewandt "Hast du gehört? Schwing die Haxen!"

   "Äh… ja s-sofort!" stotterte ich.

Kita stürmte mit einer Art freudigem Kläffen an mir vorbei, in einen der Gänge hinein. Amen, der die Kette noch immer umklammert hielt, folgte ihm mehr oder minder freiwillig, und versuchte dabei verzweifelt zumindest auf den Beinen zu bleiben um nicht einfach mitgeschleift zu werden. Unwillkürlich stahl sich ein Grinsen auf mein Gesicht. Ich fragte mich wer hier wohl wen Gassi führte.

   "Das hab ich gesehen!" heulte die Mumie, während sie stolpernd in dem Gang verschwand. "Na warte, wenn ich dich nachher in die Finger kriege!"

Das Grinsen gefror mir im Gesicht. Ganz kurz überlegte ich doch besser nicht mitzugehen, aber dann siegte die Vernunft, und ich stürmte los um nicht den Anschluss zu verlieren. So lange Kita dabei war, war mein Leben zumindest nicht in unmittelbarer Gefahr.

 

Ich musste mich beeilen um mit den Beiden überhaupt Schritt halten zu können. Die Monster legten ein derartiges Tempo vor, das ich wie ein Verrückter rennen musste, um sie zumindest nicht aus den Augen zu verlieren. Bereits innerhalb kürzester Zeit war ich nicht nur außer Atem, sondern auch schweißgebadet und wusste erst recht nicht mehr wo ich war. Allein die Furcht dass ich, sollte ich den Anschluss verlieren, womöglich endlos durch diese Gänge wandern konnte bis ich elendiglich verhungerte, ließ mich weiterlaufen.

Irgendwann schien es dann der Mumie zu meinem Glück auch zu bunt zu werden. Bis jetzt hatte sich Amen weitestgehend ziehen lassen, ohne das Manbeast ernsthaft zurückhalten zu wollen. Aber jetzt stemmte er sich plötzlich mit aller Kraft dagegen, wodurch sich seine Füße tief in den Sand eingruben. Ich hatte gerade keuchend zu den Beiden aufgeschlossen, als ich auch schon von einer Sandfontäne getroffen wurde, die Amens tief in den Boden greifende Füße aufwirbelten.

   "Jetzt reicht's mir aber…" hörte ich die Mumie knurren, als ich hustend und spuckend versuchte den Sand aus Nase, Mund und Augen zu bekommen. Kaum konnte ich wieder halbwegs klar sehen, erblickte ich ein Stückchen weiter vorne die Mumie, die noch immer von Kita gezogen wurde. Jedoch hielt sie jetzt die Kette nur noch mit einer Hand fest, während sich die Bandagen ihrer Rechten gerade verselbständigten.

Wie mit einer Peitsche holte Amen mit den Stoffstreifen aus, und ich befürchtete schon dass er das Manbeast damit schlagen wollte. Aus irgendeinem Grund erfüllte mich dieser Gedanke mit Wut. Doch zu meiner Erleichterung hatte Amen keinesfalls vor Kita auszupeitschen, vielmehr ließ er die wie von Zauberhand verlängerten Binden vor die Vorderpranken des Biests fallen. Augenblicke später hatten sich die Stoffstreifen auch schon um die Hände des Manbeasts geschlungen, und fesselten sie fest aneinander. Mit hämischem Gelächter zog die Mumie daran.

Mit einem Laut der Überraschung wurde Kita von seinem eigenen Schwung mitgerissen, und fiel der Länge nach hin. Das Bewegungsmoment sorgte dafür, dass er, als er sich aufbäumte, auch noch einen Überschlag fabrizierte.

   "HAHAHAHAHA!!!!" tönte die Mumie. "Das hast du davon!"

   "Grrrmlgrarff." kommentierte das am Rücken liegende Manbeast, und spuckte Sand.

Ich stand einfach nur da, und starrte, während sich der aufgewirbelte Sand und Staub schön langsam wieder zu legen begannen. Keuchend schnappte ich nach Luft, und genoss es dabei endlich einmal wieder keine knirschenden Sandkörner in die Kehle zu bekommen. Ich benützte die unfreiwillige Pause dazu, meine brennenden Oberschenkel und unkontrolliert zitternden Knie wieder halbwegs unter Kontrolle zu bringen.

Inzwischen hatte Amen das Biest auch wieder von seinen improvisierten Fesseln befreit, und Kita rappelte sich wieder auf. Knurrend wollte er sich zu seiner vollen Größe erheben, wo er Amen um mehrere Haupteslängen überragte, zog seinen Kopf jedoch rasch wieder zurück, als er damit schmerzhaft an die Decke knallte. Zumindest konnte ich jetzt nachvollziehen warum er es vorzog sich auf allen Vieren zu bewegen anstatt wie alle anderen auf zwei Beinen zu gehen, obwohl er das zweifelsfrei beherrschte, wie ich bereits mehrmals mit eigenen Augen gesehen hatte.

Plötzlich stahl sich ein heimtückisches Funkeln in die kleinen Augen des Biests, und er begann sich genussvoll zu schütteln.

   "He, pass doch auf!" schimpfte Amen, als er von dem neben ihm stehenden Manbeast mit wahren Mengen an Sand überschüttet wurde. Auch ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich sah was die Mumie durch den Vorhang an fallendem Sand nicht erkennen konnte - nämlich das Kita mit beiden Pranken nach Kräften nachholf, und dem Wickelpaket den Sand damit buchstäblich ins Gesicht schaufelte.

   "Hrhrrr!" machte das Biest dabei, und ich brauchte nicht viel Fantasie, um zu erkennen dass die Geräusche seine Art zu Lachen waren.

Als er sich endlich den gesamten Sand abgeschüttelt hatte, war dafür die Mumie über und über bedeckt davon. Das verschobene Gesicht des altägyptischen Untoten war geradezu verkrustet mit dem feinen Zeug, das dieser nun mit sichtlichem Ekel ausspuckte.

   "Na warte du… VERDAMMT!" Die Mumie stoppte mitten in der Bewegung in der er sich auf das Manbeast stürzen wollte, und griff sich mit der Hand an die Augen.

   "Grk?"

   "WEGEN DIR HAB ICH JETZT MEINE KONTAKTLINSEN VERLOREN!"

   "Hrhrrr!"

   "UND DU STEH NICHT SO BLÖD RUM! HILF MIR GEFÄLLIGST SUCHEN!!!" wurde ich angefahren.

Ich beeilte mich der mehr oder minder freundlichen Aufforderung Folge zu leisten, und begann den sandigen Boden abzusuchen. Ich bemühte mich dabei möglichst nahe bei Kita zu bleiben und immer ein Auge auf die Mumie zu haben, falls diese mit dem Gedanken spielte mich hinterrücks anzufallen.

Auf allen Vieren dahinrutschend durchwühlte ich den Sand auf der Suche nach Amens Kontaktlinsen. Ich bemühte mich zwar, sah jedoch keine Chance die Linsen noch finden zu können. Es musste ziemlich dämlich aussehen, wie die Monster und ich am Boden hockend den Sand durchpflügten und umschichteten.

Plötzlich spürte ich einen Zug unter dem rechten Knie - ich musste versehentlich auf irgendetwas getreten sein. Nur Augenblicke später sah ich Amen fluchend der Länge nach in den Sand fallen. Schnell nahm ich das Knie von der Binde herunter auf die ich versehentlich gestiegen war, doch es war schon zu spät.

   "Kannst du nicht aufpassen, verdammt?!" fuhr mich die Mumie an.

   "Oh… äh… Entschuldigung." stammelte ich. "Das wollte ich wirklich nicht…"

   "Schwing hier keine Reden, such lieber weiter!" knurrte Amen, und schielte mich wütend an. Sein undeutlicher Blick sagte mir, dass er wirklich schon ziemlich schlecht sehen musste. Auch wenn ich nicht daran glaubte irgendetwas zu finden, wandte ich mich gehorsam wieder dem Boden zu, und suchte weiter. Auch Kita begann wieder im Sand herumzugraben, jedoch genauso erfolglos wie ich.

Irgendwann schien es der Mumie dann doch zu bunt zu werden, denn sie rappelte sich mit einem wütenden Schnauben auf, und schlurfte mit grässlichen Flüchen auf den Lippen davon. Ich blickte dem ägyptischen Untoten nach, und sah plötzlich wie sich ausgerechnet um seine Mitte einige der Binden zu lösen begannen. Allerdings schienen sie sich nicht auf den Wunsch ihres Trägers abzuwickeln…

In diesem Moment bogen Kalma und Enary, eng umschlungen in den Gang ein, den die Mumie  entlang schlurfte. Die Walkyre brach in Gekicher aus, als sie der halb entblätterten Mumie ansichtig wurde, während Kalmas Gesicht in gleichem Maße dazu finsterer wurde. Ich registrierte verblüfft wie mir der neben mir hockende Kita seine Kette in die Hand drückte, und hielt sie reflexartig fest.

   "HAST DU SIE NOCH ALLE?!" brüllte Kalma in diesem Moment. "Leb deine exhibitionistischen Gelüste gefälligst woanders aus, du perverser alter Knacker!"

   "Hör sofort auf mich anzubrüllen du junges Gemüse!" schrie Amen zurück.

Enary hatte Mühe sich das Lachen zu verkneifen, als sie auf den unteren Rumpfbereich des altägyptischen Untoten deutete. Dieser folgte dem Blick der Walkyre, und obwohl er sein Gesicht von mir abgewandt hatte, konnte ich sehen wie ihm die Röte ins Gesicht schoss. In diesem Bereich trug er nämlich… nun… nichts mehr.

   "Soll ich dir…" begann der Zombie unschuldig, als Amen hastig seine verlorenen Binden zusammenraffte, und sich vor die entblößte Stellen hielt.

   "Was immer du auch sagen willst, verkneif's dir." knurrte die Mumie wütend, und drehte sich dann mit reiner Mordlust in den Augen zu mir um. Ich umklammerte die Kette Kitas so fest, das die Knöchel weiß hervortraten, und wünschte mir nichts sehnlicher als weit weg zu sein. "Wenn ich dich erwische du Früchtchen, dann kannst du was erleben. Und eins sage ich dir jetzt schon - es wird langwierig und sehr schmerzhaft werden." knurrte er gefährlich leise, bevor er, so schnell es sein Zustand zuließ durch den Gang verschwand durch den Kalma und Enary gekommen waren.

Der Bikerzombie starrte mich schon wieder so seltsam an, und ich konnte richtig sehen wie er in mir einen leckeren Braten sah. Ein leichter Zug an der Kette ließ mich an etwas erinnern.

   "Tja… äh… dann muss wohl ich mit ihm Gassi gehen." sagte ich, und hoffte inständig das es möglichst ruhig und gelassen klang. Zu meiner Überraschung quittierte es Kalma lediglich mit einem Grunzen, und verschwand gleich darauf mit Enary durch denselben Gang durch den sie gekommen waren. Ich atmete auf, und blickte Kita an, der neben mir hockte und sich mit dem Fuß hinterm Ohr kratzte.

   "Grff?" fragte das Manbeast.

   "Na, dann gehen wir halt…" murmelte ich. "Kontaktlinsen… tsts."

   "Hrhrr. Er will es halt nicht zugeben, das er so schlecht sieht." meinte Kita, und setzte sich in Bewegung. Ich ließ die Kette locker, und ging neben ihm her.

   "Andererseits… eine Mumie mit Brille wäre doch eher gewöhnungsbedürftig."

   "Da hast du Recht. Hrrhrrrr!" stimmte das Biest zu, während es gemütlich neben mir her trabte.

   "Sag mal, wie geht’s eigentlich deiner Pfo… Pra… äh… Hand?" fragte ich.

   "Gut. Ist schon fast verheilt." antwortete Kita.

   "Hats sehr wehgetan? Das Nähen, meine ich."

   "Grrrmm… ging so."

   "Wäre es nicht einfacher gewesen, wenn dich Lordi geheilt hätte? Kalma hat er doch auch das Bein wieder angepflanzt, oder?" fragte ich.

   "Das geht bei mir nicht."

   "Warum nicht?"

Das Biest das bis jetzt neben mir her gelaufen war, blieb plötzlich stehen. Ich bemerkte den plötzlichen Widerstand an der Kette, und blieb ebenfalls stehen.

   "Hast du das noch nicht selbst herausgefunden?" fragte er.

   "Was?" meinte ich verwirrt, und blinzelte ihn verwirrt an. Daraufhin hob das Manbeast seine Pranken, und piekste sich mit einer seiner Klauen leicht in den Handrücken. Ein einzelner Tropfen Blut quoll hervor, und glänzte feucht. Ich erinnerte mich dunkel an etwas, konnte den Gedanken aber nicht erfassen.

   "Hast du die Anderen je bluten gesehen?" fragte Kita.

   "Äh… nein?" sagte ich verwirrt. "Aber wieso…"

   "Weil ich der einzige bin, der lebt."

   "Wie meinst du das jetzt?" fragte ich. Jetzt verstand ich endgültig gar nichts mehr. Das Manbeast setzte sich wieder in Bewegung, und ich ging wieder neben ihm her.

   "Knurr… na, sieh sie dir doch einmal an."

Dann endlich fiel der Groschen bei mir. "Ah, jetzt verstehe ich!" murmelte ich. "Sie sind zwar nicht tot, aber leben tun sie auch nicht mehr wirklich."

   "Graur. Untot." bestätigte Kita. "Wenn sie sich wieder einmal aus Versehen auseinander genommen haben, muss man sie nur wieder zusammensetzen. Meistens besorgt das Lordi, weil er als einziger die Macht dazu hat. Bei mir ist das, ähnlich wie bei dir, nicht so einfach."

   "Kommt das öfters vor? Ich meine… dass sie sich gegenseitig… zerlegen?" fragte ich neugierig. Auf verrückte Weise erfüllte mich die Vorstellung von Untoten die sich gegenseitig auseinander schraubten und anschließend wieder zusammenbauten mit Heiterkeit.

   "Zumindest bei Kalma und Amen andauernd. Hrhrr. Manchmal bin ich auch nicht ganz unschuldig daran."

   "Ahja." machte ich, und grinste vorsichtig.

   "Hrhrr. Da geht’s übrigens lang." meinte das Manbeast, und deutete in einen Gang der nach links abzweigte. Da ich mich hier ohnehin nicht auskannte, überließ ich ihm die Führung, und bog mit ihm um die Ecke.

   "Wo gehen wir eigentlich hin?" fragte ich rein aus Neugier.

   "Gassi." meinte Kita. "Ich muss mal."

   "Äh… ja, das weiß ich schon." antwortete ich. "Aber wohin?"

   "Das wirst du gleich sehen. Wir sind bald da."

   "Ok." Erst jetzt fiel mir auf, dass ich noch immer die Kette die an Kitas Halsband befestigt war, in den Händen hielt. Ich warf einen scheuen Blick auf das Biest das gemütlich neben mir her trottete, doch es schien ihn nicht im Geringsten zu stören. Ich fragte mich ernsthaft, ob er es überhaupt mochte ein Halsband zu tragen, und wie ein Tier an einer Kette herumgezerrt zu werden. Ich jedenfalls stellte es mir sehr... entwürdigend vor.

Andererseits… hatte er doch selbst gesagt, ein genetisch erschaffenes Gemisch aus allen möglichen Bestien zu sein… Ich riskierte einen erneuten verlegenen Blick auf den neben mir gehenden Kita.

   "Sag mal…"

   "Rff?"

   "Äh…findest du das nicht unangenehm? Ich meine… nervt so ein Halsband nicht auf die Dauer?" Das Manbeast zuckte die Schultern, aber erwiderte nichts darauf. Ich beschloss einen weiteren Vorstoß zu wagen. "Stört es dich nicht, wenn du von den Anderen an einer Kette herumgezerrt wirst, als ob du ihr Haustier wärst? Wenn du mal musst, dann kannst du das doch bestimmt auch ganz alleine erledigen, oder? Warum lässt du es dir dann gefallen das du Gassi geführt wirst wie ein Hund?"

   "Hör mal, ich habe auch Instinkte. Einige davon wollen mir zum Beispiel dauernd weismachen dass ich Hydranten anpinkeln soll, oder manchmal verspüre ich auch den Wunsch dass ich den Mond anheulen will. Und weil es die Anderen nun mal nicht so lustig finden wenn ich ihre Zimmertüre markiere, führen sie mich eben Gassi. Irgendwie muss ich das ja mal ausleben."

   "Oh… äh, ja. Vollkommen klar."

   "Ok, manchmal kratzts ein wenig. Und es nervt, wenn man beim Gassigehen halb erwürgt wird."

   "Mh, denk ich mir." murmelte ich.

   "Aber man gewöhnt sich daran. Groarr… Wir sind da."

Das Manbeast stieß mit seinen Klauen ein breites, zweiflügeliges Tor auf, das quietschend und Knarrend aufschwang. Dahinter breitete sich nebelige Düsternis aus, die mich an einen nebeligen Herbstmorgen erinnerte. Etwas zögernd trat ich neben Kita durch das Tor.

Neugierig blickte ich mich in der nebelverhangenen, diesigen Grotte um. Hie und da konnte ich das geschwärzte Skelett eines Baumes in den dahin treibenden Nebelfetzen erkennen, während mir die feuchtkalte Luft einen unwillkürlichen Schauer über den Rücken jagte. Ein Windstoß wirbelte einige Blätter vor meinen Füßen auf, und trieb den Nebel ein wenig auseinander. Erst jetzt sah ich dass ich am Rande eines Waldes befand, der sich bis weit in die Grotte erstreckte. Die Höhle musste riesig sein, denn ich sah weder wo sie endete, noch konnte ich eine Decke über mir ausmachen.

   "Wo sind wir?" fragte ich, während ich noch den Kopf in den Nacken gelegt hatte, und beeindruckt in den sich bis zur Unendlichkeit zu erstrecken scheinenden Nebel starrte.

   "Ach, das war mal Lordis private Spielwiese. Allerdings hat er von dem feuchten Wetter hier immer Rheuma gekriegt, darum hat er’s aufgegeben. Und jetzt darf ich mich hier austoben."

   "Whow. Nicht schlecht." meinte ich, und ließ die Kette des Manbeasts los. "Dann… äh… viel Spaß."

   "Rff - Danke. Alleine findest du wahrscheinlich nicht mehr zurück?"

   "Äh - eher nicht, nein."

   "Dann warte einfach hier."

   "Ok."

Im nächsten Augenblick legte das Biest das hin, was man gemeinhin als 'Blitzstart' bezeichnete. Er schaffte es tatsächlich vom Stand weg auf ein ziemlich beeindruckendes Höchsttempo zu beschleunigen. Kopfüber tauchte er in einen großen Laubhaufen unweit von mir ein, und kam nur Augenblicke später in einer Wolke aus feuchten Blättern, auf der anderen Seite wieder herausgeschossen. Dann verschwand er in den dahintreibenden Nebelfetzen des Waldes, und nur gelegentlich drang noch ein Knurren oder Schnauben an meine Ohren.

Das konnte jetzt wahrscheinlich einige Zeit dauern, darum sah ich mich nach einer Sitzgelegenheit um. Ich fand sie auch, in Form eines etwa kniehohen, schön abgerundeten Felsblocks. Doch kaum wollte ich mich darauf niederlassen, erregte eine Bewegung einige Meter vor mir meine Aufmerksamkeit. Ich sah auf - und erstarrte.

Vor mir hatte sich, mit eindeutig missmutigem Gesichtsausdruck, der Höllenfürst persönlich aufgebaut.

   "Was hast du hier zu suchen?" fuhr er mich an

Zitternd versuchte ich irgendeinen Ton heraus zu bekommen, doch der bohrende Blick von Lordi hielt mich scheinbar davon ab. „Na, was ist jetzt?!?!?! Hat Amen dir die Hausordnung nicht gegeben?!?!“

Stotternd brachte ich zu meinem Erstaunen doch etwas heraus. „Ähm… d-doch, hat er. Aber Kita m-meinte…“

   „Kita?!?! Der is schon wieder hier drin?!?! Du verdammter Vollidiot!!! Bist du etwas auf seine Geschichte mit „Gassi, ich muss mal“ reingefallen?!?! Der macht hier keine Pinkelpause, der sucht meinen Whisky-Vorrat!!!!“ Verschreckt wich ich zurück, als sich der Höllenfürst mit bedrohlichen Schritten näherte, bis mir der Fels den Fluchtweg versperrte.

   „A-a-aber das w-wusste ich doch nicht! Er sagte… sie würden ihn Gassiführen weil er sonst…“

   „Unsere Türen vollpisst?! Da fällt auch jeder von euch dummen Menschen drauf rein!!! Diese laufende Fressmaschine kann überhaupt nicht Wasserlassen, geschweige denn Haufen setzen, hat er den Schlangengenen zu verdanken!!!!“ Ich versuchte zwar Lordi zu verstehen, es gelang mir aber nicht.

   „Was… was haben denn Gene von Schlangen…damit zu tun?“ fragte ich zögernd.

   „Hach, Dummkopf!!!! Schlangen verdauen bis zu 90% ihrer Beute und würgen unverdauliche Reste wieder raus, so ähnlich ist es bei Kita, nur dass er wegen den genetischen Veränderungen halt 100% seines Futters verarbeitet!!!! Hast du in der Schule nicht aufgepasst?!?!“

   „Ich…ähh…“ Lordi stapfte wütend auf mich zu und ich schloss schon mit meinem Leben ab, als ich plötzlich das markerschütternde Gebrüll Kitas vernahm. Dieser war schneller als gedacht aus dem Wald zurückgekehrt… und zog zum Glück Lordis Aufmerksamkeit auf sich.

   „Duuu!!!! Ich hab dir doch gesagt…!!!“

   „Grrrarrrooarr graff groar.”

   „Ja genau!!! Mein Gesöff is tabu!!!“

   „Hrrrarrffff, grarrff groarff graff.“

   „BITTE WAS?!?!?!?! DU WILLST MICH HIER VERARSCHEN!!!!!!!“ Das Manbeast schüttelte energisch den Kopf. „Diese beiden…WAAAAAAAAARRRRRR!!!!“ Ich nächsten Moment war Lordi in Flammen aufgegangen und wie ein Blitz in den Wald gezischt, wobei ein Großteil der Bäume nicht unbeschädigt blieb.

Mein Herz bekam ich langsam wieder unter Kontrolle. Verwundert schaute ich Kita an. „Was hast du ihm denn gesagt?“

Das Biest blickte mich amüsiert an. „Kalma und Enary haben gerade seinen Whisky-Vorrat entdeckt, als sie sich nach ’nem ruhigen Plätzchen zum… du weißt schon was, gesucht haben. Und jetzt besaufen sie sich hemmungslos und treiben’s auf Lordis Opferaltar.“

Vollkommen perplex ließ ich mir diese Worte wieder und wieder durch den Kopf gehen, aber Bilder die mir in diesem Zusammenhang in den Kopf kommen wollten verdrängte ich mit aller Macht.

   „Tja,“ meinte Kita plötzlich. „Lordi hätte Kalma nicht mehr dauerhaft für sowas herrichten dürfen.“

Nun war ich noch verwirrter. „Bitte was? Er hat…“

   „Er hat Kalmas bestes Stück wieder für die nötigsten Funktionen fitt gemacht und ihm die Fähigkeit gegeben, sich die Lippen, seinem restlichen Äußeren angepasst, nachwachsen zu lassen. Zum vollständigen Wiederherstellen hat der Vorrat an Wuchstinktur nicht gereicht, die ist fast komplett beim unteren Teil draufgegangen.“

Gerade als ich begann zu verstehen, gab es in einem hinteren Teil des Waldes eine riesige Explosion und man hörte das wutentbrannte Geschrei Lordis. Scheinbar hatte er den Zombie und die Walküre gefunden… und ich konnte mir ein schadenfrohes Schmunzeln nicht verkneifen.

   „Hrhrhr, lustig die Vorstellung. Nicht wahr? Wir sollten aber trotzdem lieber gehen, sonst bekommst du noch mehr Ärger, wenn Lordi den beiden erzählt dass DU mich hast hierher gehen lassen. War zwar nicht so, aber erstrecht Kalma dürfte das nicht interessieren.“

Da hatte das Manbeast allerdings Recht, der Bikerzombie würde mir eher den Hals mehrmals umdrehen. Also ergriff ich Kitas Kette und wir verschwanden still und schnell, während das Obermonster im Hintergrund seine Untergebenen scheinbar auf’s Feinste auseinander nahm.    

 

Die Zeit war rasend vergangen. Kita hatte mit mir einen kleinen Rundgang quer durch die Höhlen unternommen, wobei er natürlich die Privaträume der anderen Monster ausließ. Aber während mir das Biest allerhand Kuriositäten erläuterte, hatte ich meine eigenen Fragen ganz vergessen.

   „Ähm, Kita?“

   „Rrrff? Ja, was ist?“ Ich überlegte einen Moment und stellte mir eine Frage zurecht. „Also, Lordi hat mir erzählt dass du… na ja,… wegen mutierten Schlangengenen …“

   „Ach, das. Du willst wissen warum mich die anderen Gassi führen, wenn schon nicht aus dem Grund. Richtig?“

   „Ah… ja. Genau.“ Das Manbeast nahm seinen Blick wieder von mir. „Weil ich erstens leider manchmal Aussetzer im Gedächtnis bezüglich des Weges habe, z.B. wegen eines Blutrauschanfalles. Und damit… ach, halt damit ich nicht über sie herfalle…aber nicht im Sinne von Auffressen.“

   „Das verstehe ich jetzt nicht.“

Kita schien mit einigen prüfenden Blicken die Umgebung auszukundschaften. „Naja… weißte ich hab auch einige Instinkte die von diversen Hormonen gesteuert werden, verstehst du? Und durch viel Bewegung kommen die halt nicht so schnell in einen Stau, als dass man das mit mir tun müsste, was ihr Menschen fieserweise mit den männlichen Vertretern eurer Haustiere macht. Und da bin ich auch sehr froh drüber. Kalma war mal kurz davor, nachdem ich ihn im halbtrunkenem Zustand überfallen habe.“

Mit offenem Mund und großen Augen blickte ich das nun vor mir laufende Manbeast an und vergaß dabei fast weiterzugehen. Erst als Kita mich beinahe durch seinen Zug umriss, wurden meine Gedanken unterbrochen.

   „Hey, wurzelst du dich grad im Boden ein, oder was? Brauchst keine Angst zu haben, meine Phase hat noch ’n wenig Zeit bevor sie mich wieder verrückt macht. Ausserdem merkt man’s, wenn’s bei mir wieder los geht. Ich werde dann ziemlich anhänglich und kann auch nicht mehr in deiner Sprache reden.“

Ich war erleichtert dies zu hören, wollte es mir aber nicht anmerken lassen um Kita nicht ungewollt zu kränken.

   „Und dann hätten wir da noch meine von Kalma benannten „All-Animal-Tage“. Aber die Chancen stehen 1:10000 dass du die erlebst.“

In meinem Kopf breitete sich erneut Chaos aus. „Was sind denn nun diese…“

   „Meine All-Animal-Tage sind zwei bis drei Tage, an denen meine Gene wegen irgend so’ner Planetenkonstellation und einer davon ausgehenden Strahlung vom Mond verrückt spielen. Ich verhalte mich in dieser Zeit wie jedes Tier, von dem ich den Namen höre. Aber wie gesagt, du wirst das wahrscheinlich sowieso nicht erleben, kommt eher selten vor.“

   „Aha, interessant…“ murmelte ich in mich hinein.

   „Grff, wir sind übrigens grad bei deinem Zimmer. Willst du noch weiter mitlaufen oder…“

Ich schüttelte leicht den Kopf, keinen überflüssigen Meter wollte ich mehr gehen. „Nein danke. Ich glaube ich versuche etwas zu schlafen, auch wenn es noch nicht ganz Abend ist.“

   „Frrff, ok. Aber nimm mir vorher bitte die lange Kette ab, ich stolpere sonst drüber.“ Nickend kam ich Kitas Bitte nach und hakte die ca. zwei Meter lange, schwere Eisenkette von seinem Halsband aus. „Grff, danke.“ sagte Kita, nahm die von mir zusammengerollte Kette zwischen die Zähne und trabte davon.

Ich öffnete die Wandtür zu meinem Zimmer, hielt schläfrig auf das Bett zu und ließ mich, noch bevor sich die Wand wieder komplett geschlossen hatte, hineinfallen. Was ein ausgedehnter Spaziergang mit Kita doch für Kraft kosten konnte…      

 

Brummend zog ich die Decke über den Kopf, aber die Geräusche wurden dadurch nicht leiser. Sie drangen lediglich ein wenig gedämpft an meine Ohren, aber immer noch laut genug um mich nicht einschlafen zu lassen. Was zum Henker war hier los?

Nicht genug damit das ich in den letzten beiden Tagen quasi ständig an der Schwelle zu einem gewaltsamen Tod gestanden hatte, die abscheulichsten und bizarrsten Dinge gesehen hatte, und mit den fürchterlichsten Drohungen konfrontiert worden war, wurde mir jetzt auch noch mein wohlverdienter Schlaf geraubt! Obwohl ich Kitas Warnung nach wahrscheinlich im Traum noch gefährlicher lebte als in wachem Zustand, verlangte mein Körper trotzdem hartnäckig nach der verdienten Ruhe.

Irgendwann wurde es mir aber dann doch zu bunt, und ich beschloss nachzusehen wer da so einen infernalischen Krach veranstaltete. Es klang nämlich ganz nach einer rauschenden Party - und ich schien nicht eingeladen zu sein. Außerdem war ich einfach neugierig zu welchen Anlässen Monster feierten…

Ich zog mir also schnell etwas über, und verließ auf leisen Sohlen mein Zimmer. Den Platz der Feier zu finden war nicht weiter schwer - ich musste einfach nur dem lauten Gelächter und Gegröhle folgen.

Der Krach führte mich durch mehrere Gänge direkt in eine weitere große Grotte, die Kitas Privatsphäre sehr ähnlich war. Lediglich die prächtigen Kristallformationen fehlten, wie ich, gut verborgen hinter einem mehr als einen Meter durchmessenden Stalagmiten, bei einem kurzen Rundblick bemerkte. Der Geruch von Rauch, vermischt mit appetitanregenden Düften von Gebratenem wehte zu mir herüber.

Die Monster saßen im Kreis rund um ein ziemlich großes Lagerfeuer, über dem sich etwas, von dem ich lieber nicht wissen wollte was es einmal war, am Spieß drehte. Eine Menge Teller und Schüssel, voll beladen mit diversen essbaren Dingen, eine Unmenge an Flaschen und kleinen Fässern, sowie mehrere aufgerissene Geschenkskartons lagen herum. Neugierig spähte ich hinter meinem Versteck hervor, wohl wissend das ich eigentlich nicht hier sein sollte.

   "Was haben wir denn da?!" rief Enary plötzlich, und zeigte in meine Richtung. "Noch ein Partygast!" Ich zog meinen Kopf hastig zurück, aber es war natürlich längst zu spät. Die Blicke aller anwesenden hefteten sich auf mich, als ich schließlich verlegen wieder hinter dem Stalagmiten auftauchte.

   "Äh… E- Entschuldigung." stammelte ich. "A- aber ich konnte nicht schlafen, u- und da da- dachte ich…!"

   "Na dann setz dich!" wurde ich von der Walykre aufgefordert.

   "V- vielen Dank, aber ich werde doch besser wieder ins Bett…"

   "SETZEN!!" bellte Lordi. Zumindest interpretierte ich es so, denn durch die große Fleischkeule auf der er herumkaute, klang es ungefähr wie "Ccchepffffen".

Da ich mich für heute schon genug unbeliebt gemacht hatte, beschloss ich der weniger Aufforderung denn Befehl möglichst sofort nachzukommen, und trat an das Lagerfeuer. Dort ließ ich mich möglichst diplomatisch zwischen Lordi und dem höflich ein wenig zur Seite rückenden Kita nieder. Sofort wurde mir von Lordi eine für mich riesige Flasche Wein in die Hand gedrückt, und Kita schob mir eine Schüssel Knabbergebäck zu.

   "Prost!" rief das Obermonster, und hob das kleine Fässchen das er, indem er einfach den Deckel heruntergerissen hatte, zum Becher umfunktioniert hatte. Gehorsam hob ich meine Flasche die mindestens fünf Liter enthielt, und stieß mit den Monstern an.

Schon nach dem ersten Schluck traten mir fast die Augen aus den Höhlen, und ich musste mich beherrschen um nicht einen Hustenanfall zu bekommen. Was auch immer das Zeug in der Flasche war - es war verdammt stark! Irgendwie schien man meine Reaktion erwartet zu haben, denn die gesamte Runde brach in schallendes Gelächter aus, während ich verzweifelt versuchte den brennenden Alkohol in meinem Magen mit Massen an Knabbergebäck zu neutralisieren.

Derweilen hatte Enary begonnen mit ihrem Schwert den inzwischen gut durchgegarten Braten zu zerteilen. Sie ging dabei simpel aber sehr effektiv vor: Sie nahm den Spieß einfach vom Feuer, und schlug ihn dann kurzerhand in sieben Teile, die sie einfach jedem vor die Füße warf. Kita und Kalma stürzten sich sofort auf ihre Teile, während Amen und Magnum das noch fröhlich brutzelnde Fleisch misstrauisch beäugten.

   "Kann man das auch essen?" fragten sie fast gleichzeitig.

   "Was ich koche ist immer lecker!" fauchte Enary, während sie demonstrativ in ihr Stück biss, das ihr der Saft nur so übers Kinn lief.

   "Hört auf euch zu streiten! Heute haben wir etwas zu feiern, klar?!" mischte sich Lordi ein.

   "Und wenn sie mich vergiften will?" fragte Amen.

   "Mein Essen ist einwandfrei!" gab Enary zurück, wobei sie aus unerfindlichen Gründen mit ihrer angebissenen Keule auf mich deutete. "Frag doch den Menschen, dem schmeckt's doch auch!"

Wie auf Kommando wandten sich mir alle Blicke zu, und mir blieb nichts anderes übrig als nach dem vor mir liegenden Stück zu greifen. Ich bemühte mich ein begeistertes Gesicht zu machen, als ich es ganz langsam an meinen Mund führte. Ich kniff die Augen zusammen, tat einen waghalsigen Biss… und wurde angenehm überrascht. Es schmeckte besser als so manches, was ich in diversen Restaurants für teures Geld vorgesetzt bekommen hatte.

   "Aufgepfeichnet!" lobte ich mit vollem Mund. Und ich musste dabei nicht einmal übertreiben. Ich dachte allerdings besser NICHT darüber nach, WAS ich da eigentlich gerade aß…

   "Da hast du's." meinte Enary selbstgefällig.

   "Jaja…" brummte die Mumie, und widmete sich, nicht ohne noch ein weiteres Mal misstrauisch daran zu schnüffeln, auch endlich seinem Stück des Bratens.

Kita und Kalma hatten ihre Portionen inzwischen verdrückt, und vergriffen sich bereits wieder an den in rauen Mengen vorhandenen Getränken. Die beiden tranken bestimmt nichts Anderes als das was man mir in die Hand gedrückt hatte, aber sie schütteten es wie Wasser hinunter. Das bewog mich dazu, doch noch einen weiteren Schluck zu riskieren. Zwar brannte die undefinierbare Flüssigkeit (die wenigstens keine Köpfe oder ähnliches enthielt) noch immer höllisch, aber es war schon deutlich angenehmer als vorher…

Schließlich wandte ich mich aber doch an Kita, und fragte leise, was wir hier eigentlich feierten. Ich musste doch lauter gesprochen haben als ich gedacht hatte, denn das gegenüber sitzende Trio Infernale brach in plötzliche Heiterkeit aus, wobei sie unverwandt auf mich zeigten.

   "Hassu das gehört?" fragte Magnum mit seiner seltsamen, schnarrenden Computerstimme, und stieß Kalma an, der daraufhin schwankte und umfiel. "Hassus gehört?"

Amen ließ ein lautes Rülpsen hören, und kicherte blöd. Dabei fiel ihm der Krug aus der Hand, und blutrote Flüssigkeit ergoss sich über den Boden. "Uh… Oh…" machte die Mumie, und zeigte einen betroffenen Gesichtsausdruck ob es verschütteten Getränks. Doch sofort wurde ihm von Magnum ein neuer Krug gereicht, den Amen kichernd entgegen nahm, mit einem Auge hinein linste, und ihn dann an den Mund setzte.

Inzwischen hatte sich Kalma wieder aufgerappelt, und bewegte sich etwas unsicher auf mich zu. Ich sah mich bereits unauffällig nach einem Fluchtweg um, als der Bikerzombie plötzlich seinen Arm um mich legte, und sich schwer auf mich stützte. Das war es wohl mit der Flucht. Die Alkoholfahne die mir von ihm entgegen wehte, raubte mir fast den Atem. Die glasigen Augen mit denen er mich nun ansah, zeigten mir dass er schon ziemlich etwas intus haben musste. Wenn es etwas gab das noch unberechenbarer war als ein Zombie der mich nicht leiden konnte, dann ein betrunkener Zombie der mich nicht leiden konnte.

   "Weisschu…" begann Kalma lallend "Heudde isch mein Geburtschtag! Aber gein normaler Geburtschtag, schondern ein richtischer runder… isch… isch werd nämlich heudd schweihunderdfünfschig! Kannsch du dir dasch vorschdellen? Schweihu- hunderddfünfschig! Dasch musch gefeierd werden, hab isch nisch rescht?"

Unter gröhlender Zustimmung von allen Seiten, kippte der Bikerzombie den Rest seiner Flasche hinunter, und griff gleich darauf nach der nächsten, um den Hals einfach mit den Zähnen zu köpfen, und weiterzutrinken.

   "Genau, und desweggen lassen wir heudd so richddig die Sau rrraussss!" Amen rülpste erneut hingebungsvoll, und schwenkte seinen Krug durch die Luft. Die Anderen, von denen keiner mehr so richtig nüchtern zu sein schien, verstanden das anscheinend als Aufforderung zum Zuprosten. Mir blieb, vor allem da Kalma sich noch immer schwer auf meine Schultern stützte, nichts anderes übrig als mitzumachen, und einen erneuten Schluck aus meiner Flasche zu nehmen. Inzwischen hatte ich mich an den scharfen Geschmack schon fast gewöhnt, und brauchte nur noch eine kleine Handvoll Knabbergebäck, um das Getränk zu verarbeiten. Angenehme Wärme begann sich in meinem Magen auszubreiten, und ich fühlte mich gleich um einiges gelöster.

   "Oh… na dann… herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!" sagte ich der Förmlichkeit halber, und streckte Kalma die Hand entgegen. Das dass ein großer Fehler war, bemerkte ich erst, als sich die Hand des Bikerzombies um die meine schloss, und sie zu zerquetschen drohte. Mir traten fast die Tränen in die Augen, als meine Knochen unter dem geradezu mörderischen Händedruck gefährlich krachten.

   "Dannge Gleiner… bisch… bisch ja doch nisch so übel…" lallte der Zombie, und schüttelte meine Hand als ob er damit einen Wettbewerb gewinnen wollte. "Weisschu, dasch du der ersche mensch bisch, der mir schum geburschtag graddulierd?"

   "Äh… tatsächlich?" sagte ich vorsichtig, und hoffte insgeheim das Kalma noch genügend von meiner Hand übrig ließ, das ich zurückziehen konnte.

   "E… eigendlich schollt isch disch ja fresschen…" begann der Zombie, und stierte mich mit seinen glasigen grünen Augen an. "A- aber isch grisch beim beschten willen nisch mehr rundder… Alscho ver- glbs ver- sch- schieb ischs hald auf morgen…"

   "Da- danke." stammelte ich, und zog hastig meine schmerzende Hand zurück, als sie der Bikerzombie endlich freigab. Als er sich dann auch noch von mir löste und torkelnd zu Amen und Magnum zurückkehrte, nahm ich erleichtert einen tiefen Schluck aus meiner Flasche. Das Brennen das sich durch meine Kehle bis hinab in den Magen zog, spürte ich schon gar nicht mehr.

Neben mir hielt Kita ein ganzes Fass in seinen Klauen, und trank, nein soff gluckernd daraus. Auch Lordi hatte ein weiteres Fässchen geöffnet, und stopfte abwechselnd die Reste des Bratens in sich hinein, wobei er reichlich nachgoss. Auch Enary schien dem Wein ziemlich zugetan, wie die mehreren leeren Flaschen neben ihr bewiesen.

Kalma war inzwischen wieder bei Magnum und Amen angelangt, wobei er den Rest der Strecke auf allen vieren zurückgelegt hatte, nachdem er mehrmals auf der nicht mehr vorhandenen Nase gelandet war. Ich nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche, und widmete mich dem angebissenen Bratenstück das sich statt in meiner Hand in der Schüssel mit dem Knabbergebäck befand.

   "Ha, ich wer… vergra... verdrag noch immer mehr als du!" hörte ich Amen plötzlich gröhlen.

   "Am meissen bring noch immer ich runder!" antwortete Magnum.

   "Blödschinn! Ihr… ihr wisch doch gansch genau, dasch ich bisch jetsch noch immer gewonnen hab!" lallte Kalma, und schwenkte unkontrolliert seinen Krug. Dabei traf er die Mumie wohl versehentlich am Kopf, was diese aber zu meiner Verwunderung lediglich mit einem schwachen Grunzen quittierte.

   "Wa… srgl… hrk… was hälsd du von n'er wedde?" brachte Amen unter Anstrengung hervor.

   "Jaaa, da iss ne gu… gude idee…" warf das mechanische Monster ein, während es bereits nach dem nächstbesten Fässchen griff, und ohne sichtliche Anstrengung den Deckel einschlug.

   "Dasch maschen wir! Un weil isch heude  gedu… begursch…  geburschdag hab, schbendier isch nen dollen preisch! Wer gewinnd, der grieg dasch armschelige menschlein da!"

   "WA… hrk!" entfuhr es mir. Doch ich verschluckte mich zu meinem Glück an dem Bratenstück an dem ich gerade kaute, so konnte ich lediglich einen neutralen Hustenanfall zu dem Gespräch beisteuern. Wahrscheinlich war es besser so - wer weiß was drei stockbetrunkene Monster mit mir anzustellen vermochten, wenn ich auch nur ein Widerwort verlauten ließ. Wenn ich Glück hatte soffen sie sich gegenseitig ins Koma, und ich kam noch einmal ungeschoren davon.

Gelage dieser Art schienen hier aber gar nicht so selten zu sein, wie mir die Routine zeigte, mit der das Trio Infernale ein Gefäß nach dem anderen leerte. Auch die anderen Monster, vollkommen fasziniert von der Show die die Drei boten, tranken nicht gerade viel weniger.

In dem Zustand in dem sich die gesamte Gruppe inzwischen befand, wäre es mir wahrscheinlich durchaus möglich gewesen mich heimlich davonzustehlen - aber zu so einem Gedanken war ich selbst nicht mehr fähig. In meinem Kopf drehte sich bereits alles, und in meiner Flasche fehlte nämlich schon ein ansehnlicher Teil.

Ich hatte längst begonnen die lautstarke Party lustig zu finden.

Und außerdem… wann hatte man schon einmal die Möglichkeit zu sehen, wie sich mehrere monströse Gestalten mit 10l-Fässern diverser undefinierbarer, aber höllisch starker Gebräue gegenseitig nieder soffen?

Der erste der nach der stolzen Anzahl von fast acht Fässern aufgab war Magnum, der nach einem finalen Rülpsen scheppernd auf den Boden knallte.

   "Isch habsch dosch be… deg… geschagd! Der der… ber… ge… vedrä… schaffsch nisch!" lallte Kalma triumphierend, während er das neunte Fass an die verfaulten Lippen setzte.

   "So leich g… glbs… geb ich mich n… nich geschlaggen…" konterte die Mumie, und versuchte verzweifelt das nächste Fass zu erwischen, wobei er aber jedes Mal um etwa einen halben Meter daneben griff.

   "Nich reden, s- saufen!" lallte Lordi, und schaufelte sich mehrere Hände voll Knabbergebäck in den Mund.

   "Gruoarrr! Grarrfff!!!" meldete sich Kita zu Wort, und versenkte seinen Kopf gleich darauf wieder in einem randvollen Fass. Enary ruhte inzwischen ebenfalls, von allen unbemerkt, friedlich schnarchend auf dem Boden, und benutzte dabei Magnums Bein als Kopfkissen.

Noch während ich überlegte ob ich mir einen weiteren Schluck genehmigen sollte, musste auch Kalma der Kampftrinkerei Tribut zollen. Mit einem leidenden Ächzen verdrehte er die Augen, und kippte unter dem triumphierenden Gejohle der Mumie um.

   "Ich hu… habs doch gesagg… da jungge g'müsse verdragg nichs…"

   "Noch hassu nisch gewrgs… gewonnen!" meldete sich Lordi zu Wort, und hob kampfeslustig sein Fässchen. Die Mumie schien die Herausforderung anzunehmen, und nahm sich das zehnte Fass vor. Als er es mit einem blubbernden Geräusch wieder absetzte, zeichnete sich bereits das Ende dieser Begegnung ab. Von der Suche nach dem elften Fass kehrte das schon ziemlich neben sich stehende Wickelpaket nicht mehr zurück.

Anstatt das Fass zu öffnen, legte er sich, kichernd und unkontrolliert zuckend, einfach quer darüber, und versuchte mit dem Mund den Korken in der Mitte des Fasses herauszuziehen. Es gelang ihm nicht mehr, denn mit einem "ooouh… is mir schlck… schlechd…" brach er als nächstes Opfer des Gelages zusammen.

   "Jesch sin nur noch wir ba… beide übrich…" lallte das Obermonster über meinen Kopf hinweg Kita zu. "Wie wärsch mid unsch?"

   "Graurr! Hrhrr!" kommentierte das Biest, und warf Lordi ein weiteres Fass zu. Ich nahm noch einen Schluck, und sah den beiden fasziniert zu, wie sie die Holzgefäße mit Brachialgewalt öffneten, und gleichzeitig zu trinken begannen. Trotzdem ich, obwohl ich noch nicht einmal die halbe Flasche geschafft hatte, schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogen war, kam ich nicht umhin zu bemerken, das Kita im Vergleich zu Lordi noch immer ziemlich nüchtern wirkte.

   "Na, da… ba... la... wa... wadde… d- da..." lallte Lordi, und mühte sich umständlich damit ab ein weiteres Fass zu öffnen. Ich tat einen weiteren Schluck.

   "Hrhrr! Grk!" Das Manbeast knackte das nächste Fass, setzte es an die Lippen, und trank es demonstrativ in einem Zug aus. Ich nahm noch einen Schluck. Kitas Fass verdoppelte sich.

   "Ver… verdammd…!" lallten zwei Obermonster, und stierten mit glasigem Blick in ihre eigenen, noch vollen Gefäße. Dann kippten auch sie um. Ich feierte die Niederlage der beiden Lordis mit einem weiteren, tiefen Zug aus meiner Flasche.

   "Hrhrrr!" kommentierten zwei verschwommene Kitas, und warfen ihre Fässer lässig über die Schulter. Ich nahm einen weiteren Schluck. Oder waren es drei Fässer die sie weggeschleudert hatten? Ich tat noch einen tiefen Zug aus der Flasche. Nein, es waren auch drei Kitas die mich anblickten, und mir das Victory-Zeichen zeigten.

   "Hrhrrr… ugh."

Ich sah gerade noch wie die sich immer weiter vermehrenden Manbeasts vor mir zu Boden gingen, dann senkte sich der gnädige Schleier auch auf mein Denken. Ich stürzte weich auf die vor mir liegenden Körper, und fiel auf der Stelle in den komaähnlichen Schlaf eines Alkoholopfers.

 

Nach einigen Minuten…oder waren es Stunden, wurde ich jedoch schon wieder unsanft heraus gerissen, als irgendetwas schwer auf meinen Bauch fiel und mir so die Luft raubte.

Mit einem keuchenden Geräusch wachte ich auf und schnappte nach Luft, aber als ich den grässlichen Verwesungsgestank bemerkte hustete ich sie gleich wieder aus. Und dann erkannte ich auch den Grund für diesen ekelhaften Geruch. Kalma hatte wohl versucht sich in sein Zimmer oder sonst wo hin zu schleppen, war aber nicht weit gekommen. Nach ein paar Schritten war er bauchwärts längs auf mich gefallen und wieder eingeschlafen.

Da lag ich also nun, zwischen zwei Monstern. Unter mir das Manbeast Kita, auf mir der Bikerzombie und Tod persönlich. Ich war zwar etwas arg angeheitert, aber der Gedanke an das, was Kalma mit mir anstellen würde wenn er seinen Rausch ausgeschlafen hätte und sich auf mir liegend finden würde, veranlasste mich einen Befreiungsversuch zu starten. Vorsichtig winkelte ich meine Beine an und wollte den müffelnden Zombie gerade von mir herunter schieben, als dieser begann ich Schlaf zu reden.
   „Mmmm, och Enary… meine süße Emanze du, jetscht hör doch auf so rumzuzappeln…“ säuselte er schläfrig. „…wie soll isch denn da deinen BH aufkriechn…“

Mit diesen Worten begann der scheinbar träumende Bikerzombie tatsächlich an meinem Hemd herumzufummeln. Aus einem Reflex heraus schlug ich einmal mit meiner flachen Hand auf seinen Handrücken um ihn zu stoppen. Aber genau das Gegenteil wurde bewirkt.

   „Oho…hähä, willscht wohl wieda… glbs…fies sein, hä…dann bin isch halt wieda der strähäänge Pollizischt und du…hähä, die böse Verkehrssünderin…hab leider die Handschellschen net dabei…aba Ketten tun’s auch…hähähä…“ Nur eine Sekunde später waren meine Handgelenke über Kreuz mit seinen Ketten gefesselt und Kalmas Gesicht rutschte immer näher an meines heran. „Giff dem nedden Wachmeischder doch ma ein Küsschen, dann lässt a auch de Strafzeddl stecken…*hick*… und nisch nur die, ähähä…“

Als sich die aus dem nichts nachgewachsenen, fauligen Lippen des Zombies meinem Mund näherten, entwickelte ich in Anbetracht dieser „Bedrohung“ plötzlich ungeahnte Kräfte und wuchtete ihn mit einem kraftvollen Beinstoß von mir herunter. Zum Glück lösten sich gleichzeitig die Ketten, sonst wäre ich wohl mitgezogen worden und auf ihm gelandet… nicht auszudenken was dann gefolgt wäre. Ich wollte gar nicht erst darüber nachdenken und versuchte wieder zu schlafen, da die Erschöpfung wieder die Oberhand gewann.

Doch dann wurde ich wieder von dem beunruhigendem Schlafgerede Kalmas munter gemacht, so weit wie dies in meinem Zustand möglich war. Zaghaft drehte ich mich um und bereitete mich schon mal darauf vor vom Zombie mit beiden Armen gepackt und abgeknutscht zu werden…innerlich rüstete ich mich unbewusst vermutlich schon gegen Schlimmeres. Doch wider Erwarten schien sein jetziges Gelaber nicht mir zu gelten… sondern dem noch immer unter mir schlafendem Kita.

   „…Schugglschen, wo bissu denn…“ murmelte er und griff mit einer hand in der Gegend herum, bis er im Gesicht des Biests landete, welches nur ein leises grollen von sich gab. „Aha… da is ja mein bööösches Mädschn… ui, solldest dir ma wieda die Zähnschen feilen…egal, komm gimma Bussi…“ säuselte er noch, bevor er Kitas Kopf mit beiden Händen packte und ihm einen dicken Schmatzer auf die Wange drückte.

Meine Augen weiteten sich auf’s Maximum. Im nächsten Augenblick war das Manbeast hellwach, riss entsetzt die Augen noch weiter auf als ich und schmiss einen Moment später Kalma und leider auch mich, weil ich ja noch auf ihm lag, brüllend ein paar Meter von sich weg.

   „GRRRRLLLLLAARRLLL!!!!!“ gröhlte er sauer und rieb sich wie batteriebetrieben mit einer Pranke die Wange.

Ich versuchte, nach einem ziemlich ruppigen Aufprall, zumindest auf alle Viere zu gelangen. Meine Arme und Beine schienen nur irgendwie noch keine Lust zu haben meinen Körper zu stützen. Kurz bevor ich jedoch wieder auf dem Bauch landete, hatte mich ein muskulöser Arm, der eindeutig zu Kita gehörte, abgefangen.

   „Du bist schon wieder wach? Seltsam, dann war Lordi wohl zum Glück schon zu besoffen um noch an die KO-Tropfen zu denken.“ meinte er.

   „K-KO-Troo…urgs…“ leierte ich müde.

   „Na komm, ich bring dich in dein Zimmer.“ Gleich darauf hatte er mich mit einer lässigen Bewegung auf seinen Rücken gewuchtet, auf dem ich mich allerdings beim besten Willen nicht aufrecht halten konnte. „Na toll, jetzt sind die beiden doch wach geworden…“ hörte ich das Manbeast sagen und schaute unter Anstrengung auf.

Kalma und Enary waren in diesem Moment dabei zu versuchen aufzustehen, was aber keinem der beiden wirklich gelang. Lediglich der Zombie schaffte es mit ein paar wackeligen Schritten zur Walküre zu gelangen.

   „Eäää… ey mein Schneckschn… willssu misch wieda schlarchen oda…hick… lässt disch jet flachleschn?“ lallte Kalma die Kriegerin an.

   „Hmm? Waa…watt dengsd’e denn?“ fragte diese und grinste den Bikerzombie vergnügt an.

   „Isch hab jetze keine Luuhuust sum… dengn…“

   „Mussu aba, eine…glbs…Da-da-dame wie isch lässt sich net einfach sooo… isch bin doch…“

   „Leida noch nisch… naggisch, hähä…“ Im nächsten Moment hatte der Zombie die Walküre mit beiden Armen umschlungen und sich mit ihr hinter einige Felsen fallen lassen.

   „Graaarlll… nicht schon wieder. Die beiden sind ja schlimmer als Karnickel.“ kommentierte das Biest abfällig.

   „Laha…uns…ve-verschwi…“ begann ich.

   „Verschwinden, genau das tun wir jetzt auch. Amen ist ja auch schon weg.“ setzte Kita fort.

Ich hatte kein Interesse daran zu sehen wer noch hier lag und wer schon weg war… oder daran was Kalma und Enary trieben, ich wollte nur noch weiterschlafen. So schlossen sich meine Augenlieder wieder prompt, und ich spürte nur noch einige Bewegungen des Manbeasts.

Das angenehme Schaukeln und Schwanken auf Kitas Rücken, das mir so vertraut war als würde ich zuhause auf einem der Pferde sitzen, ließ mich wieder in den Schlaf zurückgleiten. Doch aus dem erholsamen Schlaf den ich mir nach dieser mehr als verrückten Party erhofft hatte, wurde es nichts…

 

Hässliches Gelächter ließ mich wieder hochschrecken. Fast erwartete ich wieder das grässlich grinsende Gesicht Kalmas über mir zu sehen, der mich noch immer für Enary hielt und mit mir knutschen wollte, doch niemand war zu sehen.

Als ich mich vorsichtig umblickte, fand ich mich in einem düsteren Wald wieder. Tote Bäume streckten ihre kahlen Äste anklagend aus einem Meer von Nebel. Ich fröstelte unwillkürlich, obwohl mir nicht kalt war. Im Gegenteil, mir war angenehm warm, und ich hatte das Gefühl auf etwas weichem, warmem zu sitzen, das sich unter meinen Händen irgendwie flauschig anfühlte.

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich zusätzlich auch noch ein paar Zügel in der Hand hielt. Verwirrt starrte ich auf die Lederriemen in meinen Händen, als ich eine Bewegung unter mir spürte. Reflexartig presste ich die Oberschenkel fest zusammen, und fühlte stahlharte Muskeln unter weichem Fell, als sich das Pferd unter mir aufbäumte. Im nächsten Moment begriff ich, das es keineswegs ein Pferd war auf dem ich saß, sondern das ich mich vielmehr auf dem Rücken Kitas befand, der gerade mit einem weiten Satz über einen Felsen hinweggesetzt hatte.

Links und rechts von mir flogen knorrige Bäume vorbei, und unter den Pranken des Manbeasts stob das Laub. Feuchtkalter Wind wehte mir ins Gesicht, und ließ meine Augen tränen. Vorsichtig verlagerte ich mein Gewicht ein wenig nach hinten, und zog sanft an den Zügeln um den rasenden Ritt ein wenig zu verlangsamen. Tatsächlich wurde Kita zunehmend langsamer bis er nur noch gemütlich dahin trabte. Nach einem weiteren, etwas energischeren Ruck an den Zügeln, blieb er gehorsam stehen.

Ich richtete mich ein wenig auf, und versuchte den dichten Nebel mit meinen Blicken zu durchdringen, doch es gelang mir nicht. Die Sicht blieb durch die ständig hin und her treibenden Nebelfetzen, die zudem noch beunruhigende Bewegung vortäuschten, auf ein paar dutzend Schritte beschränkt. Eine Erinnerung keimte in mir auf, und ich erkannte den Wald wieder, in den mich Kita heute schon einmal geführt hatte. Doch jetzt wirkten die Bäume nicht mehr so harmlos wie bei meinem letzten Besuch. Und es war still, geradezu unheimlich still.

Das einzige Geräusch stammte von Kita, der ungeduldig an seinem Zaumzeug herumkaute. Und im gleichen Moment begriff ich, das ich träumte.

 

Verwirrt kniff ich mir einmal fest in den Arm, doch der erwartete Schmerz blieb aus. Das war unüblich. Denn normalerweise war einem Träumenden die Tatsache dessen das er träumte nicht bewusst.

   "Was ist hier los?" fragte ich Kita, doch ich bekam keine Antwort. "Hallo?" fragte ich vorsichtig. "Kannst du mich verstehen? Kita?"

Ich zog probeweise an den Zügeln, und klopfte dem Manbeast dann auf die Schulter, so wie ich es bei einem Pferd auch getan hätte. Auch das brachte nicht den erwünschten Erfolg, denn er warf lediglich seinen Kopf in den Nacken und schnaubte, wie jedes andere Reittier auch.

   "Willst du nicht mit mir reden, oder kannst du nicht?" probierte ich es noch einmal. Doch erneut kaute er nur weiterhin stoisch an seinem Zaumzeug.

Ich seufzte, und stieß schließlich die Fersen in die Flanken meines stummen Begleiters, und dieser setzte sich gehorsam wieder in Bewegung. Ich ließ ihn in einen schnellen Trab fallen, um zumindest aus diesem feuchtkalten Wald heraus zu kommen.

Doch schon nach kurzer Zeit blieb das Manbeast wieder stehen, dieses Mal jedoch ohne mein Zutun. Gerade wollte ich ihm die Hacken ein wenig energischer in die Seite rammen um ihn zum Weitergehen zu bewegen, als sich jemand aus der nebeligen Düsternis zwischen den kahlen Bäumen löste.

Es war ein Mädchen, kaum 10 Jahre alt, barfuß und nur in ein dünnes, weißes Hemd gehüllt, das den Weg direkt vor mir querte. Mit gesenktem Kopf und leerem Blick zog es an mir vorbei, und schickte sich an auf der gegenüber liegenden Seite wieder in den Nebelwänden zu verschwinden. Kita quittierte das Erscheinen des Mädchens mit einem leisen, warnenden Knurren, und ich konnte spüren wie sich die kraftvollen Muskeln unter mir spannten.

Dem Kind folgten weitere Personen verschiedenen Alters und Geschlechts, allesamt mit bloßen Füßen und in einfache, weiße Hemden gekleidet. So wie bei dem Mädchen auch, waren ihre teilweise blutüberströmten Gesichter leer, und ihre Augen wirkten starr und tot. Wie eine stumme Prozession zogen sie an mir vorbei, und erfüllten mein Herz mit einer Unruhe die schlimmer war als der größte Schrecken.

Das Knurren des Manbeasts wiederholte sich eine Nuance lauter als zuvor, als sich zwei schwebende, halb transparente Gestalten aus den treibenden Nebelfetzen schälten. Eine der beiden alptraumhaften Erscheinungen trieb die lange Reihe der Menschen mit einer mehrschwänzigen Peitsche vor sich her. Ich stöhnte auf, als ich die kriegerische Gestalt auf dem knöchernen Ross, welches mich mit unheimlichen, rotglühenden Augen anstarrte, erkannte. Es war Enary.

Die Erscheinung neben der gestürzten Walkyre brauchte ich nur mit meinen Blicken streifen, um zu wissen wen ich vor mir hatte. Zwar trug er in dieser, seiner wohl wahren, und schrecklichsten Erscheinung, lediglich einen schlichten tiefschwarzen Kapuzenmantel, doch die schimmernde Sense in den faulen Händen, und grünliche Augen in einem Todesgesicht, die gleich zwei Supernoven unter der Kapuze hervor schimmerten, ließen keinen Zweifel mehr offen. Hier zeigte sich mir Kalma in seiner ganzen schrecklichen Pracht.

Ich war wie gelähmt vor Entsetzen, und umklammerte die Zügel so fest das meine Knöchel weiß hervor traten. In diesem Moment schienen mich die Monster zu bemerken, denn ihre glühenden Blicke wandten sich mir zu. Ich konnte mich nicht des Gefühls erwehren, dass ich bis aufs Innerste meiner Seele entblättert wurde.

Mit schrecklicher Langsamkeit hob der Todesbote seine Sense, und ich versteifte mich angstvoll, in der Erwartung er würde sich auf mich stürzen. Doch anstatt eines fast schon obligaten Wutausbruch des cholerischen Zombies, setzte dieser seine furchtbare Sense nicht gegen mich ein, sondern gegen eine der Gestalten aus der stummen Prozession. Mit einem weiten Schwung holte er waagrecht mit seiner todbringenden Waffe aus, und führte sie mit einem schnellen Schlag gegen die mit gesenktem Kopf stehengebliebene Gestalt.

Nur Millimeter vor dem Hals verharrte die rasiermesserscharfe Klinge, während mich die glühend grünen Augen unverwandt anstarrten, und jede meiner Regungen geradezu aufzusaugen schienen. Was er sah, schien ihm zu gefallen.

Ich war zusammengefahren, und starrte die beiden geisterhaften Erscheinungen mit unverhohlenem Schrecken an. Meine Hände hatte ich inzwischen tief in das weiche Rückenfell des Manbeasts gegraben. Die Berührung des warmen Pelzes und der darunter spürbaren, eisenharten Muskeln gaben mir ein Gefühl der Sicherheit in diesem Alptraum.

Dann zwang die Sense Kalmas den gesenkten Kopf seines Opfers in die Höhe. Etwas in meiner Brust krampfte sich zusammen, als mich ein bleiches Antlitz anstarrte. Wimmernd grub ich meine Finger noch tiefer ins Fell des Manbeasts, das darunter merklich zusammenzuckte, und ein gequältes Wimmern entrang sich meiner Kehle. Das Gesicht, das mich vor dem Hintergrund des höhnisch grinsenden Zombies anstarrte, erfüllte mich mit abgrundtiefem Entsetzen.

Denn es war mein eigenes…

Es war zwar bleich, hohlwangig und ausgezehrt, doch es zwar zweifellos mein eigenes Antlitz das mich aus diesem gebückten, misshandelten Körper anblickte. Und das unbeschreibliche Grauen das in diesem Blick lag, grub sich wie ein glühender Dolch in mein Herz.

Einen Augenblick lang war ich noch wie vom Donner gerührt, dann übernahm ein uralter Überlegensinstinkt die Kontrolle über mich. Im nächsten Moment begann ich wie von Sinnen zu brüllen, während ich gleichzeitig meine Hacken tief in die Flanken Kitas stieß.

Dieses Mal gehorchte mir das Manbeast wieder, und legte einen Blitzstart hin, der mich ohne meine Reitererfahrung bestimmt aus dem Sattel geworfen hätte. Mit wütendem Knurren schoss mein treuer Begleiter direkt auf die beiden halbtransparenten Monster zu - und direkt durch sie hindurch!

Wie nebelige Schwaden trieben die beiden Gestalten auseinander, und augenblicklich war der gesamte Spuk verschwunden. Als ich mich umwandte, erblickte ich nichts als einen stillen, leeren Wald, in dem Nebelfetzen einen wirren Tanz aufführten. Durcheinander gewirbelt von dem galoppierenden Manbeast, das mich immer weiter von der Stelle der erschreckenden Begegnung wegbrachte.

Ein klatschendes Geräusch, und ein stechender Schmerz an meiner linken Wange ließen meinen Kopf wieder nach vorne rucken. Ich verzog das Gesicht, und langte mit der Hand nach der schmerzenden Stelle in der Nähe meines Ohrs. Unter meinem Griff fühlte ich etwas warmes, nasses, und als ich die Hand wieder zurückzog klebte ein wenig Blut an meinen Fingern. Ich verzog die Lippen, und ignorierte den scharfen, wütenden Schmerz. Es war nicht das erste Mal das mich bei einem Ritt ein tief hängender Ast im Gesicht getroffen hatte.

Mit einem vorsichtigen Zug an den Zügeln wollte ich Kita dazu bewegen ein wenig Geschwindigkeit wegzunehmen, doch er reagierte nicht. Ich zog noch einmal fester und energischer, doch das Ergebnis blieb dasselbe.

Erst jetzt bemerkte ich, dass sich, während ich mich mit meiner kleinen Wunde beschäftigt hatte, etwas im Gang des Manbeasts geändert hatte. Seine Bewegungen waren nicht mehr so flüssig wie zuvor, und sein geschmeidiger Galopp war arhythmisch und unbeholfen geworden. Dazu winselte er immerfort, und begann jetzt auch noch den Kopf hin und her zu werfen, und damit an den Zügeln zu reißen.

   'Er geht mir durch!' dachte ich erschrocken. Im nächsten Moment hatte ich auch schon den Kampf um die Zügel verloren, und krallte mich in der Mähne des inzwischen wild bockenden Kita fest. Ich konzentrierte mich voll darauf nicht abgeworfen zu werden, und achtete nicht mehr auf die vorbei fliegende Umgebung. Das Ergebnis war, das ich einen zweiten Ast ins Gesicht geknallt bekam, der mir die Lippe blutig schlug.

Erst nach einer schier endlos erscheinenden Zeit, schien sich mein durchgehendes Reittier langsam wieder ein wenig zu beruhigen. Das Manbeast hörte mit seinem bockenden Galopp auf, und fiel zuerst in einen unregelmäßigen Trab, bis er schließlich in einen monotonen Schritt überging.

Ich beugte mich nach vorne, und versuchte die über den Boden schleifenden Zügel zu erreichen, schaffte es jedoch nicht. Dabei bemerkte ich, wie angespannt das Biest plötzlich wirkte. Es sah fast so aus, als ob sich die dicken Muskeln Kitas verzweifelt gegen die Bewegung zu stemmen schienen, sie jedoch nicht verhindern konnten. Es wirkte als ob er von jemandem… kontrolliert wurde. Und von wem, das sollte ich schneller erfahren als mir lieb war…

Ich wusste es bereits, als ich nur die Silhouette der Gestalt auf dem Hügel sah. Eine Axt, ein wehender Umhang, und ein paar großer, hornartiger Gebilde, dort wo eigentlich die Schultern sein sollten… Es gab keinen Zweifel. Lordi.

Der Kampf des Manbeasts gegen den Einfluss des Höllenfürsten wurde zunehmend schwächer, je weiter wir uns dem Obermonster näherten. Als Kita mit ruckenden, wie ferngesteuert wirkenden Bewegungen den Hügel erklomm, drehte sich die schreckliche Erscheinung zu mir um - und ich erstarrte augenblicklich in Bewegungsunfähigkeit.

Eine eisig kalte Klaue schloss sich um mein Herz, als mich der Herr der Unterwelt mit glühend roten Augen wild anstarrte. Ich war unfähig den Blick von diesen schrecklichen Augen zu nehmen, und musste mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen, das ich mit ungelenken Bewegungen begonnen hatte aus dem Sattel zu steigen.

Ich wollte aufbegehren, doch ich verlor bevor ich es auch nur versucht hatte. Es gab nicht einmal einen Kampf. Der machtvolle Geist Lordis schob meinen Willen einfach beiseite, wie ein lästiges Insekt. Ich war hilfloser Passagier in meinem eigenen Körper, als ich mich mit steifen Schritten auf den Höllenfürsten zu bewegte, und vor ihm auf die Knie fiel.

Mein Blick richtete sich ohne mein Zutun auf den Boden, und ich konnte den Luftzug spüren als das Monster über mir seine Axt zum Schlag erhob.

Das war eine Hinrichtung, schoss es mir durch den Kopf. Lähmendes Entsetzen begleitete diese Erkenntnis. Und jetzt begriff ich auch die Bedeutung der Begegnung kurz zuvor - Kalma wusste bereits das meine Seele so gut wie ihm gehörte! Er wartete mit gieriger Freude darauf dass mir Lordi den Kopf abschlug, und er sich meiner bemächtigen konnte… und ich war dem allem hilflos ausgeliefert.

Mein Kopf war leer, und ich war nicht einmal mehr fähig Angst zu empfinden, als ich mit gesenktem Kopf auf meinen Tod wartete.

Doch irgendetwas schien nicht zu stimmen. Der Boden vor meinen Augen schien sich mit einem Male zu bewegen, begann zu flimmern und zu verschwimmen, und schließlich sich aufzulösen. Auch der Bann der auf mir lastete verpuffte lautlos, wodurch ich ruckartig meinen Kopf nach oben reißen konnte.

Mein Blick fiel auf einen transparenten, noch immer mit erhobener Axt da stehenden Höllenfürsten. Wie der Boden, hatte auch er begonnen sich aufzulösen, allein seine fürchterlichen roten Augen starrten mich, noch immer deutlich erkennbar, hasserfüllt an.

Mit einem Aufschrei wich ich zurück, und im gleichen Moment begann die Umgebung wieder Substanz anzunehmen, genau wie Lordi selbst. Mit einem markerschütternden Brüllen schwang das Obermonster seine Axt, und verfehlte mich nur um Haaresbreite. Als er mit wutverzerrtem Gesicht ein weiteres Mal mit seiner Waffe ausholte, ergriff ich schreiend die Flucht.

Aus einem Instinkt heraus rannte ich sofort auf Kita zu, der sich hinter einigen Farngewächsen an einem Sumpf scheinbar vor dem Obermonster versteckte. Ich schaute nicht nach hinten, denn das wütende Brüllen Lordis war Beweis genug für seine Präsenz.

Auf meinem Weg zu Kita, der sich immer noch versteckt hielt, durchquerte ich einen kleinen Teil des Sumpfes, was ich allerdings im nächsten Augenblick bereute. Denn durch meine Abkürzung durch die trübe Brühe hatte ich scheinbar die Aufmerksamkeit von etwas, dass in ihr lebte, auf mich gezogen.

Die Pflanzen die um meine Beine herum wuchsen hielten mich plötzlich fest, wodurch ich der Länge nach ins Wasser fiel. Da ich am Ufer entlang gelaufen war, stieß ich natürlich mit meinem Gesicht auf den schlammigen Grund des Sumpfes. Mein Überlebenswille jedoch veranlasste mich, meine Augen zu öffnen und zu versuchen an die Wasseroberfläche zu kommen… doch als ich auf den Grund unter mir blickte, starrten mich zwei hellblaue, fast weiße Augen mordlustig an.

Das hässlich verzogene Gesicht zu dem dieses Augenpaar gehörte, erkannte ich zu meinem eigenen Leid sofort: Es war Amen. Plötzlich schoss aus dem Boden des Sumpfes direkt neben dem Gesicht der Mumie ein bandagierter Arm aus dem Schlamm, der mich mit einem Schlag in die Mitte des Tümpels beförderte.

Als ich mit einem lauten Klatschen im Wasser landete und gleich darauf wieder panisch zur Oberfläche auftauchte, schlug das Wasser um mich herum auf einmal Wellen. Doch diese Wellen waren keine Wellen, wie ich zu meinem Schrecken bemerkte. Es war Sand! Ich steckte bis zur Hüfte in gelblichem, feinkörnigem Treibsand, in den mich jede meiner Bewegungen unerbittlich weiter hineinzog.

Zu meinem Entsetzen formte sich plötzlich über das gesamte, trügerisch fest aussehende Terrain das Antlitz Amens heraus. Und ich, ich stand plötzlich in seinem weit aufgerissenen Mund. Verzweifelt schreiend griff ich nach dem Ast eines kleinen Baumes, der weit auf das Treibsandloch hinaushing. Doch als ich mich daran hochziehen wollte, sauste etwas mit lautem Surren an meiner Hand vorbei und durchtrennte selbigen Ast, in dem ich noch meine letzte Hoffnung gesehen hatte. Sofort rutschte ich noch ein Stück tiefer in den Treibsand, und sank bis zur Brust ein.. Als ich dann wieder aufschaute, erkannte ich mit Schrecken Magnum, der mit einer großen Kettensäge bewaffnet am Ufer stand und das Schauspiel sichtlich genoss. Er war es also der mir den letzten Hoffnungsschimmer buchstäblich zerschlagen hatte.

Und dann vernahm ich aus dem Sand heraus das tiefe, gehässige Lachen der Mumie. Einen Sekundenbruchteil später hatte sich um mich wieder sein Mund mit dem restlichen Gesicht gebildet. Es hob sich mit Knirschen und Mahlen aus dem Treibsand, und ich erkannte mit von Panik erfüllten Augen, wie sich der Mund des altägyptischen Untoten über mir schloss, wie zwei Flutwellen die gleich zwei Stahlplatten aufeinander trafen. Dann wurde es mir schwarz vor Augen.

 

   "He, beruhig dich!" hörte ich jemanden in seltsamer, abgehackter Sprache sagen.

   "AAAAAAAAAAAAAAAAH!" schrie ich.

   "Es ist alles in Ordnung!"

   "AAAAAAAAAAARGH!"

   "Grarrff! Das war nur ein Traum!"

   "UAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!"

   "Ich bin ja da, ganz ruhig!"

   "AAAAAA…" Ich brach ab, und öffnete verwirrt die Augen. Der schmerzhafte Griff an meinen Schultern lockerte sich augenblicklich, und ich erblickte Kita, der sich mit sorgenvollem Blick über mir aufgebaut hatte.

   "Gaaanz ruhig…" meinte das Manbeast beschwichtigend.

Auf meinen Lippen lang der metallische Geschmack von frischem Blut. Ich zitterte am ganzen Leibe, und mein Blick irrte noch immer panisch umher. Wie ein Wahnsinniger wand ich mich unter dem Griff meines Beschützers, trat und schlug nach Kräften um mich. Ein unterdrückter Schmerzenslaut unterrichtete mich davon, dass ich gut getroffen haben musste.

   "Ngrrr… Tut mir leid…" murmelte Kita - und im nächsten Moment gab er mir eine schallende Ohrfeige. Diese ließ meinen Kopf zur Seite fliegen, und hätte mir wahrscheinlich mit Leichtigkeit das Genick gebrochen, wenn das Manbeast dabei nicht für seine Verhältnisse äußerst vorsichtig zu Werke gegangen wäre. Aber die rüde Behandlung tat ihre Wirkung, und ließ mich zumindest wieder klar denken.

   "Alles in Ordnung?" fragte Kita.

   "Äh… j-ja, ich glaub schon…" murmelte ich verstört, und spürte wie der schraubstockartige Griff mit dem mich das Manbeast augenscheinlich am Boden festgenagelt hatte, endlich verschwand. "W-wo bin ich? Und was zur Hölle ist hier los?" ächzte ich.

   "Du hast geträumt." stellte Kita fest.

   "Ja, und zwar verdammt schlecht wies aussieht…" stöhnte ich. Automatisch glitt meine Hand zunächst an meine von dem Schlag schmerzende Backe, und betastete dann meine dick geschwollene Lippe. Als ich meine Finger zurückzog, starrte ich verständnislos auf das frische Blut das daran klebte. "Was…"

   "Grff… entschuldige." murmelte das Manbeast. "Das wollte ich nicht."

   "Nein… das… das ist nicht von dir." widersprach ich, als ich mich augenblicklich erinnerte. "Der Ast…"

   "Was für ein Ast?" fragte er.

   "Der Ritt… d-die Toten… Kalma und Enary… F-flucht… Amen… Sand… Ma- Magnum… Kettensäge… Lordi… A- Axt… köpfen!" würgte ich hervor.

Beschwichtigend legte sich die große Pranke Kitas auf meine Schulter. "Du bist wach. Und damit in Sicherheit." sagte er beruhigend. "Er hat keine Macht mehr über dich… Ungh?!"

Er verstummte mit einem Laut der Überraschung, als ich mich reflexartig an ihn klammerte. Dass ich dabei eine gut zweihundert Kilo schwere Fressmaschine umarmte, die noch einen Tag zuvor jemanden wie mich getötet und verschlungen hatte, störte mich dabei überhaupt nicht. Ich war in dem Moment einfach nur froh, das irgendjemand da war der es zumindest nicht auf MICH abgesehen hatte.

Nach kurzem Zögern erwiderte Kita zu meiner Überraschung die Umarmung.

   „D-darf ich bei dir einziehen?“ fragte ich vorsichtig.

   „Hrrrmpf? Meinst du das ernst?“ antwortete das Manbeast erstaunt und befreite sich aus meiner Umklammerung.

   „Ja, ich meine es ernst. Bei dir in der Höhle würde ich mich bestimmt um einiges sicherer fühlen als hier. Bitte sag ja!“ Mit flehendem Blick schaute ich Kita an, der anscheinend überlegte was er zu meiner verzweifelten Bitte sagen sollte.

   „Hmmm… ok. Du kannst mitkommen. Gesellschaft ist immer gut, erst recht wenn sie nicht säuft wie’n Loch und dabei an meine Hausbar geht.“ Damit spielte er wohl auf die Liebe zum Alkohol hin, die scheinbar alle Monster gemeinsam hatten. Aber von welcher Hausbar redete er?

   „Äh, Hausbar?“ fragte ich.

   „Ist egal, die siehst du noch früh genug. Jetzt pack erst mal deine Sachen und komm mit, du siehst so aus als ob du noch Schlaf gebrauchen könntest.“

Wie Recht er damit hatte. Ich wollte aufstehen um meine Sachen zusammenzusuchen, doch sofort wurde mir schwindelig und ich fiel zurück aufs Bett.

   „Hrrm, dann pack ich halt für dich. Allzu viel liegt hier ja nicht rum. Hast du übrigens das Klo hier gefunden?“

   „Häh, was? Warum fragst du?“ antwortete ich Kita verschlafen.

   „Weil Amen immer absichtlich vergisst, zu erwähnen wo es ist. Und wenn ein Gast hier nicht mehr rauskommt, nicht weiß wo das Klo ist und in der Not in ’ne Ecke macht, dann haben die anderen wieder einen super Grund ihn buchstäblich auseinander zu nehmen. Aber da du noch lebst nehme ich mal an du hast es gefunden.“ Zwar bekam ich nur ungefähr die Hälfte von dem mit, was das Biest mir erzählte, aber es bestätigte nur meine Vermutung dass die meisten Monster hier unten nicht gerade wohlwollende Gastgeber waren.

   „So, fertig.“ ertönte es plötzlich neben mir. Kita hatte schon all mein Zeug zusammengepackt und ich hatte es noch nicht mal mitbekommen. „Fehlt nur noch eins… Achtung!“ Mit diesen Worten zog er mich an einem Arm auf seinen Rücken.

   „Oh… danke…“ murmelte ich müde. „Meine Tasche…“

  „Deine Tapfe haffe ich hier.“ meinte Kita. Ich musste nicht aufsehen um zu wissen, dass er sie im Maul trug.

Dann setzte er sich in Bewegung, während ich nur stumm auf seinem Rücken und dem warmen, flauschigen Fellumhang lag. Die fließenden, gleichmäßigen Bewegungen der harten Muskeln des Manbeasts, sowie seine Atmung und sein Herzschlag deren Geräusche ich noch wahrnehmen konnte, wirkten ungeheuer beruhigend auf mich. Ich hörte wie die steinerne Tür des Raumes aufglitt… doch auf einmal blieb Kita abrupt stehen und knurrte bedrohlich.

Sofort fühlte ich mich wieder an meinen Traum erinnert, riss die Augen auf und richtete mich halb auf. Dann sah ich auch schon den Grund für Kitas Verhalten, und er war kaum ein anderer als in meinem Traum. Von etwas weiter oben starrte mich Kalma missmutig an. Das warnende Grollen des Biestes schien ihn kaum zu interessieren. Schreckensstarr beobachtete ich, wie der Zombie einen Schritt auf uns zutat. Doch genau in diesem Moment wurde Kitas Knurren eine Stufe lauter und energischer und lenkte somit die Aufmerksamkeit des Untoten von mir.

   „Was wird denn das hier?“ fragte Kalma schauderlich leise mit spitzfindigem Unterton.

   „Grrrrr, raraff warrarr raff.“ gab das Biest zurück.

   „Ach, es geht mich nichts an? Mir sieht das hier nach einem kleinen Umzug von unserem Gast aus. Aber warum wohl…“ stichelte der Bikerzombie. Dann schaute er wieder direkt mich an, seine grünen Augen verengten sich und er verschränkte die Arme vor der Brust. „Hatte er vielleicht… einen kleinen Albtraum?“

Die eindeutig gespielte, unwissende Art, der fast geflüsterte Ton und die Betonung auf dem Wort Albtraum machten mir und natürlich auch Kita sofort deutlich, dass er sehr wohl schon von meinem Traum in Kenntnis gesetzt war. Ich starrte Kalma einfach nur mit großen Augen zitternd an, den Blick von ihm weg zu nehmen war mir unmöglich. Es kam mir vor, als wäre mein Geist in diesen beiden glühenden, grünen Pupillen gefangen und mein Körper könne sich ohne ihn keinen Millimeter bewegen.

   „Was starrst du mich so an? Seh ich vielleicht aus wie ’ne Kinoleinwand?!“ fuhr er mich gereizt an.

   „Grrrrrr… rarrrfff!“ schnaubte auf einmal das Manbeast und lief weiter, zielstrebig an Kalma vorbei in den dahinter liegenden Gang. Seine Bewegung erlaubte es mir endlich mein Augenmerk wieder von der grauen Gestalt des Zombies weg zu nehmen. Stattdessen sah ich nun steif auf den Hinterkopf Kitas, doch ich konnte ein leises, bösartiges Knurren von Kalma von hinten hören.

   „Kannst du bitte etwas schneller gehen?“ flüsterte ich de Biest nervös zu.

   „Hrm, klar. Wenn’s dich beruhigt…“ Mit diesen Worten beschleunigte er sein Gangtempo etwas. Ich drehte mich weder um, noch achtete ich auf Geräusche aus dem Hintergrund. Ich konzentrierte mich einfach nur auf die Wand, bzw. auf den Eingang zu Kitas Behausung dem wir uns nun zügig näherten.

Als wir nur noch einige Meter davon entfernt waren wollte ich mich wieder etwas entspannen, da tauchte aus einer Ecke plötzlich humpelnd Amen auf und blieb mit verständnislosem Gesicht vor mir und Kita stehen. Und wieder begann dieser zu knurren, diesmal wirkte es allerdings schon von Anfang an sehr säuerlich und aggressiv.

   „Hey, schön ruhig bleiben Freundchen. Bevor du mich anknurrst könntest du mir ja erzählen warum du dich neuerdings von einem Menschen reiten lässt und wohin ihr mit Sack und Pack wollt.“

   „Frrarrr graff!!“

   „Was heißt hier, es geht mich nichts an?“

   "Grrr raarrrff, graff!”

   „Was bist du denn so angesäuert? Na gut, ich lass euch zwei Turteltäubchen ja schon alleine…“ gab die Mumie stichelnd von sich, worauf er sich ein lautes, scharfes Grollen Kitas einfing. „Ich wollte Kalma sowieso noch bei seinen Schrumpfköpfen helfen…“ Auf einmal schaute Amen mich an. „Die Dinger trocknen ja am besten unter einer schön dicken, trockenen, luftabschnürenden Schicht Sand aus.“ Auch hier bemerkte ich wieder diesen besserwisserischen Tonfall. Scheinbar hatte Lordi sein kleines Späßchen mit mir schon breitgetreten.

Plötzlich machte das Manbeast unter mir einen kleinen Satz nach vorne, wobei er den altägyptischen Untoten beiseite drängte. Dieser lies jedoch auch nur ein beleidigtes Grummeln von sich hören. Wir verharrten nur sehr kurz vor der Eingangswand zu Kitas Höhlen, doch mit Amens Blick im Nacken erschienen mir die wenigen Sekunden wie eine kleine Ewigkeit. Dann, endlich, öffnete sich die Wand und wir betraten das Reich des Biestes.

Ich bekam gerade noch mit, wie sich der Eingang wieder schloss, als Kita mich aufforderte mich festzuhalten und kurz darauf über einige Felsvorsprünge und Holzbauten zu einer etwas höher gelegeneren, breiteren Höhle gelangte.

In der Mitte der Höhle brannte ein Feuer, oben an den Wänden schwebten vereinzelte Feuerkugeln. Den meisten Platz nahm eine große, mit vielen weichen Fellen ausgelegte Mulde nahe am Lagerfeuer ein. An der gegenüber liegenden, mit kleineren Fellen behängten Wand waren Holzscheite aufgestapelt. Davor lagen noch einige Felle auf einem Haufen.

   „So wir sind da. Schlaf dich hier erst mal aus, dann machen wir einen kleinen Spaziergang.“ meinte Kita, nachdem er meine Tasche abgelegt hatte. Allerdings war ich schon fast eingeschlafen und so ließ mich das Biest kurzerhand von seinem Rücken vorsichtig auf die Felle in der Mulde rollen.

Meine Augen wurden schwerer, ich bemerkte nur noch zwei Dinge. Einmal, wie Kita zu der anderen Seite der Höhle sprang und mit Fellen zurück kam, die er über mich legte und wie er sich mit einem tiefen Schnurren dicht neben mir niederließ, zusammenrollte und ebenfalls einschlief. Danach fiel ich in die entspannende Schwärze des Schlafes, die mir diesmal nicht durch Albträume gestört werden sollte.

 

Fortsetzung: Siehe Tag 3!