Gefährlicher Besuch - Tag 4:

 

Dies ist eine reine Spaßgeschichte. Die Eigenschaften und Verhaltensweisen die den Bandmitgliedern hier angedichtet werden, dienen einzig und allein der Unterhaltung, und entsprechen in keinster Weise der Wirklichkeit.

 

   "…rst du endlich mal aufwachen!" hörte ich jemanden brüllen, und spürte plötzlich wie ich kräftig durchgeschüttelt wurde. Die unsanfte Behandlung zeigte Wirkung, denn ich begann träge den Schlaf abzuschütteln.

   "Hmmm… wasisn?" murmelte ich schlaftrunken, und versuchte die Hände die schmerzhaft fest meine Schultern umklammert hielten abzustreifen.

   "AUFWACHEN SAGTE ICH!" brüllte jemand direkt an meinem Ohr, in einer Lautstärke die mir fast die Trommelfelle zerriss. Das hatte gesessen. Schlagartig war ich hellwach, und riss erschrocken die Augen auf. Im gleichen Moment wünschte ich mir auch schon, ich hätte es nicht getan, denn als Erstes fiel mein Blick in die weißen Augen Amens, der mich Unheil verkündend anstarrte.

   "Also, WO ist er?" fragte die Mumie mit gefährlichem Unterton in der Stimme, löste aber bei der Gelegenheit gleichzeitig seinen schmerzhaften Griff.

   "Wo ist wer?" fragte ich verwirrt, und rieb mir gähnend die klebrigen Augen.

   "Die eierlegende Wollmilchsau!" knurrte Amen "Stellst du eigentlich immer so dämliche Fragen?"

   "Was für eine Sau?"

   "Kita, du Blödmann!"

   "Was ist mit ihm?" fragte ich.

   "Er - ist - weg!"  buchstabierte der altägyptische Untote, während seine Hände bereits drauf und dran waren zuckend nach meinem Hals zu greifen. Ich wich instinktiv ein Stückchen zurück, und warf einen kurzen Seitenblick auf die Stelle an der das Manbeast gelegen hatte, kurz bevor ich eingenickt sein musste. Kita war tatsächlich nicht mehr da. Einzig einige Spuren eingetrockneten Blutes auf dem Felsenboden wiesen noch darauf hin das er hier gelegen hatte.

   "Äh… wo ist er hin?" fragte ich etwas kläglich.

   "DAS FRAGTE ICH DICH!" brüllte die Mumie, nun wieder in ohrenbetäubender Lautstärke. "ICH SAGTE DU SOLLST AUFPASSEN!"

  "Jaja, schon gut… brauchst ja nicht so zu brüllen…" brummte ich, und griff mir an den Kopf, in dem just in diesem Moment ein grässlicher, ziehender Schmerz zu erwachen begann.

   "Ich sollte dich…"

   "Ja, ich bin wohl eingeschlafen. Entschuldige. Ich war müde. Ich bin nun mal ein Mensch, und ich muss auch ab und zu mal schlafen." leierte ich herunter. Sollte er mir doch den Kopf abreißen wenn es ihm Spaß machte… dann hätte ich endlich meinen Frieden vor diesen ganzen Wahnsinnigen hier unten! Und der Kopfschmerz wäre außerdem noch weg…

Man sah es Amen an, das es ihm schwer fiel sich nicht auf mich zu stürzen, und mir gröbere Beschädigungen zuzufügen. Aber aus irgendeinem Grund hielt er sich in Zaum. Er drehte sich lediglich mit einem genervten "Pfah!" von mir weg, und begann dann mit den beiden Koffern zu hantieren, die ich ihm noch wie befohlen eingeräumt hatte bevor ich in den Schlaf der Erschöpfung gefallen war.

Ächzend rappelte ich mich vollends auf, und streckte mich sodass es in meinen Gelenken kräftig knackte. Meine blutbesudelte Kleidung war inzwischen getrocknet und dabei steinhart geworden, sodass der Stoff unangenehm kratzend über meine Haut scheuerte.

Ich blickte noch immer ein wenig schlaftrunken an mir hinunter, und wäre beinahe erschrocken, so zerzaust sah ich aus. Zusätzlich zu den großen eingetrockneten Blutflecken, hatte meine Kleidung von den sich überstürzenden Ereignissen des gestrigen Tages auch noch jede Menge Schmutz und mehrere, teils recht große Risse und Löcher abbekommen. Ich musste in etwa so aussehen, als ob ich geradewegs von einem Schlachtfeld hierher gekommen war.

   "Übrigens" meldete sich Amen plötzlich wieder, ohne sich die Mühe machen sich zu mir umzudrehen, "du beim Chef vorbeischauen, und zwar ein bisschen plötzlich."

   "Äh… w-warum das denn?"

   "Find's selber raus!" schnauzte mich die Mumie an, während sie sich mit ihren beiden Koffern in der Hand wieder zu mir umdrehte. Jetzt bemerkte ich dass der altägyptische Untote schon wieder vollkommen wiederhergestellt war - zumindest fast. Einzig die Haut an seinem Unterkiefer, die er durch die Beißattacke des Manbeasts eingebüßt hatte, fehlte noch immer, was ihm ein noch unheimlicheres und gefährlicheres Aussehen gab. Beim Sprechen schien ihn die fehlende Unterlippe inzwischen auch nicht mehr zu stören…

   "Sofort?" fragte ich vorsichtig.

Der missmutig an mir vorbei schlurfende Amen maß mich mit einem Blick der nur zu gut verdeutlichte was er von mir hielt. Ich deutete den Gesichtsausdruck des Monsters als ein nur zu deutliches 'Ja', und verkniff mir jeglichen weiteren Kommentar. Ich dachte noch kurz daran ob es sich vielleicht auszahlte mich vorher noch umzuziehen, aber ich verwarf den Gedanken gleich wieder. Ich hatte doch ohnehin nur noch eine Garnitur zum Wechseln mit, und wer weiß was diese Irren heute wieder mit mir vorhatten…

Seufzend folgte ich der Mumie die die Felsnische inzwischen verlassen hatte und in der weitläufigen Höhle auf mich wartete.

   "Geht's nicht noch langsamer?" ätzte er.

   "Komme ja schon…" seufzte ich.

   "Du solltest dich glücklich schätzen, normalerweise empfängt Lordi nämlich niemanden von deiner Sorte in seinen Privaträumen. Es sei denn… na, du weißt schon."

   "Fühle mich geehrt…" murmelte ich, um nur ja nichts Falsches zu sagen. Was das kryptische 'es sei denn…' zu bedeuten hatte, wusste ich inzwischen nur zu genau. Es hing im Normalfall mit Essen zusammen, und zwar in einer Art und Weise die mir und Meinesgleichen gar nicht behagte.

   "Dann schwing die Haxen… he, was starrst du mich schon wieder so blöd an?"

   "Äh… hinter dir…" Mein Blick hatte sich an dem festgesogen, was sich, ohne dabei auch nur das kleinste Geräusch zu verursachen, hinter dem altägyptischen Untoten aufgebaut hatte.

   "Glaubst du etwa ich falle auf diesen uralten Trick rein? Ich hab den Scheiß doch selber erfunden!" Das ich die Mumie nicht (warum auch immer) austricksen wollte, bemerkte diese spätestens als ein leises, schnell lauter werdendes Grollen hinter ihm erklang. Jetzt dämmerte es auch den eingetrockneten Gehirngängen Amens, das tatsächlich jemand hinter ihm stand, und er drehte sich um.

Es war Kita. Aber nicht mehr der Kita den ich kannte…

Er hatte sich verändert. Es waren nicht einfach nur die körperlichen Veränderungen, von denen ich gestern einige hautnah miterlebt hatte. Sein ganzes, zuvor schon ausnehmend furchterregendes Auftreten, wirkte irgendwie ungezähmter, wilder… und gefährlicher.

Aus seinem Mundwinkel hing ein blutiges Ding, das ich erst nach mehrmaligem Hinsehen identifizieren konnte, und das mir einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Es war eine Hand. Eine menschliche Hand, die Kita jetzt mit einer grauenvoll nebensächlichen Bewegung zur Seite hin ausspuckte.

   "GRRRRR…"

An seinen Zähnen, seinen Klauen, überall an seinem Körper klebte Blut. Mit unbestimmter Sicherheit wusste ich, dass es nicht sein eigenes war. Ein Übriges zu seiner grauenerregenden Erscheinung trug die Tatsache bei das er seinen Lendenschurz nicht mehr trug, also quasi nackt war, was den Aspekt des Tierischen nur noch bestärkte.

   "Schon wieder auf den Beinen?" fragte Amen, als er sich von der Überraschung des urplötzlich hinter ihm aufgetauchten Manbeasts wieder erholt hatte. Er stellte seine Koffer ab, und maß das Biest mit einem langen, abschätzenden Blick. "Hast dich ja wieder gut erholt, wies aussieht."

   "GRRRRR…"

Kita begann die Mumie mit geschmeidigen Bewegungen zu umkreisen, sein Mitmonster dabei ständig im Blick habend. Trotz des seltsamen, weichen Kristallichtes das die Höhle erhellte, war dabei jede kleinste Bewegung der dicken Muskelstränge unter der rötlichen Haut ersichtlich. Und die gut zweihundert Kilo Muskelmasse wandten sich nun mir zu, und begannen mich genauso wie Amen zuvor zu umkreisen.

   "GRRRRR…"

Nur ganz leise, kaum wahrnehmbar, kratzten die messerscharfen Krallen des Manbeasts über den felsigen Boden der Halle. Ich blieb ganz ruhig stehen, als Kita seine Kreise um mich zog, und mich dabei unverwandt mit kleinen, blutunterlaufenen Augen anstarrte in denen dumpfe Wut brodelte. Jede Faser des Körpers des Biestes schien angespannt zu sein, und selbst das Fell an seinem Rücken sträubte sich deutlich erkennbar. Unwillkürlich begann Angst in mir aufzusteigen.

Dieses Verhalten… es erinnerte auf fatale Weise an eine Raubkatze. An eine, die sich gerade auf der Jagd befand…

   "GRRRRR…"

Mit tödlicher Eleganz wandte sich Kita wieder der Mumie zu, der die Situation inzwischen auch unbehaglich zu werden schien. Es war geradezu unwirklich still in der Höhle, als das Manbeast wieder begann Amen lauernd zu umkreisen, jederzeit zum Sprung bereit.

Unwillkürlich tat ich einen Schritt rückwärts, war zur Folge hatte das der Kopf Kitas sofort in meine Richtung ruckte, er mich wieder in seinen Blick fasste. Ich erstarrte mitten in der Bewegung, und alle Farbe begann aus meinem Gesicht zu weichen. Er wusste es. Es gab keinen Zweifel. Er wusste dass man ihm die Eier gestohlen hatte…

Nach einigen Augenblicken, die sich wie Stunden anfühlten, verlagerte das Biest sein Interesse wieder auf den altägyptischen Untoten, der sich bereits unauffällig nach einem Fluchtweg umsah. In diesem Moment erinnerte ich mich wieder an die Worte Amens, die er gesprochen hatte kurz bevor er mich mit Kita allein gelassen hatte.

   'Vielleicht wird er zu einer reißenden Bestie die alles angreift das sich bewegt… oder zu einem brabbelnden Wrack das nichts mehr mitbekommt… vielleicht aber bleibt sein Charakter gleich, und wir machen uns umsonst Sorgen…' hallten die Worte der Mumie in meinen Gedanken wider.

   "GRRRRR…" machte das Manbeast erneut. Auf einmal war mir eiskalt.

   "Ähm… hör mal…" begann die Mumie, und ich bemerkte überrascht dass sich ein seltsamer, nie gehörter Unterton in seine Stimme geschlichen hatte. Aus seinen Worten sprach… Furcht. Aber vor was konnte sich ein Untoter, der keinen Schmerz empfand und nicht sterben konnte überhaupt fürchten?

Als mein Blick nun wieder auf Kita fiel, dessen Gebaren, sofern das überhaupt möglich war, noch bedrohlicher geworden war, begann ein flüchtiger Gedanke in mir aufzusteigen. War es möglich dass diese wandelnde Killermaschine ihn… vernichten konnte?

   "Graurgrr! Grarr!" machte das Biest in meine Richtung, und mein Herz verabschiedete sich irgendwo hinunter in die Tiefen meiner Hose. Was wenn Amen recht gehabt hatte? Wenn sich Kita wirklich in eine Bestie verwandelt hatte…

   "Graurgrr!" wiederholte das Manbeast, und warf mir dabei einen fast schon bittenden Blick zu, aber ich war unfähig zu reagieren. Meine Beine waren wie festgefroren, und ich konnte nichts tun außer ihn mit schreckgeweiteten Augen anzustarren.

   "Gruoarrr! Hrrrgarg Garaff!" knurrte Kita weiter, dieses Mal jedoch an Amen gewandt.

   "Was?" fragte die Mumie.

   "Grrr… GROOOARRRR GRAAAARR!!" brüllte das Biest plötzlich in ohrenbetäubender Lautstärke. Ich duckte mich furchtsam, und registrierte aus dem Augenwinkel dass auch Amen merklich zusammenfuhr, und einen instinktiven Schritt rückwärts tat.

   "Schon gut, ich mach ja schon…" sagte das Wickelpaket, und wich noch einen Schritt zurück, sodass er nur noch etwa eine Armlänge von der Wand in seinem Rücken entfernt war. Bildete ich mir das nur ein, oder schwang jetzt echte Angst in seiner Stimme mit?

   "Er sagt du sollst verschwinden, Mensch." sagte Amen, während er seinen Blick nicht von Kita nahm, der drohend vor ihm auf und ab lief. Das Manbeast hatte sein Mitmonster fixiert wie... wie Beute…

   "Graurgrr!" bekräftigte Kita. Noch während ich ihn verständnislos anstarrte, sprang er ohne jegliche Vorwarnung auf die Mumie zu.

Ich keuchte erschrocken auf, als das Biest sein Mitmonster ohne Rücksicht und ohne sichtliche Anstrengung gegen die Wand schmetterte. Mit einer Bewegung, zu schnell für meine Augen, trieb er die langen Dornen an seiner linken Schulter durch den Körper der Mumie hindurch, und nagelte sie damit buchstäblich an die Wand. Amen blickte mit weit aufgerissenen Augen in denen die nackte Panik geschrieben stand auf seinen Angreifer hinunter.

In diesem Moment trafen sich mein und Kitas Blick, und das pure Grauen erfasste mich. In seinem wutschäumenden, fast hasserfüllten Blick war nicht mehr der kleinste Funken Menschlichkeit. Ich zweifelte nicht daran, dass er vernichten würde was immer ihm in die Fänge kam.

Dann war der Bann gebrochen. Mit einem erstickten Aufschrei fuhr ich herum, und rannte.

  

Noch während ich mit weit ausgreifenden Schritten über den unebenen Felsenboden jagte, hörte ich im Hintergrund bereits das Reißen ausgedörrten Fleisches, und dazwischen trockenes Krachen, als jahrhundertealte Knochen barsten.

Das Herz in meiner Brust raste wie wild vor Angst, als ich in kopfloser Flucht auf den Ausgang zu hielt. Irgendwo weit hinter mir erschallte ein gellender Schrei, der von den Wänden der weitläufigen Höhle gebrochen, und in hundertfachem Echo zurückgeworfen wurde. Das Grauen schnürte mir buchstäblich die Kehle zu, sodass ich das Gefühl hatte keine Luft mehr zu bekommen. Keuchend schnappte ich nach Luft, und zertrümmerte beinahe den Kristall der den Öffnungsmechanismus in Gang setzte, so hart schlug ich darauf.

Ein weiterer, gellender Schrei begleitete mich, als ich durch die herunterfallenden Trümmer in den Gang hinaus stürzte. Ich wusste dass die Angstschreie, die nun in dem ohrenbetäubenden Gebrüll des wütenden Manbeasts untergingen, nur von Amen stammen konnten. Vielleicht war ich der Nächste…

Mein Körper schien auf Fluchtautomatik umgeschaltet zu haben, denn es brauchte nicht einmal einen Befehl an meine Beine alles zu geben dessen sie fähig waren. Alls ich um eine Biegung des Ganges hastete, bemerkte ich das ich wieder den Weg zur Küche eingeschlagen hatte. Im nächsten Moment hätte ich beinahe laut aufgelacht, als ich mir des Déjà-vu bewusst wurde. Aber gestern war ich gerannt um Kita zu retten - jetzt war er die Gefahr vor der ich auf der Flucht war…

Ich riss die Küchentür auf, und stolperte prompt wieder über den noch immer im Weg herumstehenden Napf. Wenigstens stand mir dieses Mal kein Stuhl im Weg, sodass ich lediglich einen unfreiwilligen Purzelbaum hinlegte, und sofort wieder auf die Beine kam. Natürlich war niemand anwesend. Also tat ich dasselbe wie schon gestern - ich schoss wieder durch die Tür nach draußen, und war fast schon verwundert dass dieses Mal niemand dahinter stand. Doch ich dachte nicht lange darüber nach, und setzte meine kopflose Flucht fort.

Während ich mit brennenden Lungen um die nächste Biegung des Ganges hetzte, schob sich plötzlich ein Stück weit vor mir ein Teil der Wand in den Gang, und versperrte mir den Weg. Gleichzeitig öffnete sich aber rechts neben dem plötzlich aufgetauchten Hindernis ein Durchgang, in den ich mich ohne zu Zögern wandte.

Verwirrt bremste ich ab, als ich erkannte dass ich in einer großen Höhle gelandet war. Ein Stück weit vor mir erhob sich eine große Treppe, die nach einigen dutzend Stufen in einem Podium endete. Auf dieser Plattform, mit mehreren imposanten Tropfsteinsäulen im Hintergrund, stand ein einziger, ausladender und reich verzierter Stuhl, der mich irgendwie an einen Thron erinnerte. Wo war ich jetzt wieder gelandet?

Ein Krachen hinter mir ließ mich erschrocken herumfahren. Der Durchgang hatte sich wieder geschlossen, und, wie es hier anscheinend üblich war, in massiven Fels verwandelt. Und vor dieser Wand, die Arme vor der Brust verschränkt, und einem wütenden Funkeln in den rötlichen Augen stand - Lordi.

   "Wurde auch Zeit." knurrte der Höllenfürst, und maß mich mit einem langen Blick, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. "Wärst wohl sehenden Auges an meiner Tür vorbeigelaufen, oder wie sehe ich das?"

   "Ääh…" Ich brauchte einen Moment, um mich erst einmal wieder richtig zurecht zu finden, und um zu verstehen worauf das Obermonster überhaupt hinaus wollte. Keuchend presste ich die Hand auf meine Brust, und rang ein weiteres Mal nach Luft. Mein Herz hämmerte noch immer als ob es zerspringen wollte, gleichzeitig meldete sich auf einmal knurrend und grollend mein Magen zu Wort. Ich begriff erst jetzt wie hungrig ich eigentlich war, und setzte einen verlegenen Gesichtsausdruck auf.

Wie aus dem Nichts erschien plötzlich ein Tischchen vor mir auf dem sich ein großer Krug mit Wasser befand, dazu noch einige Scheiben Brot, und etwas das aussah wie ein halbes Hühnchen. Ohne groß nachzudenken griff ich zu. Zuerst leerte ich den Krug fast bis zur Hälfte, dann stürzte ich mich auf das Essen, und stopfte es unter Missachtung jeglicher Manieren in mich hinein. Erst als ich das Gefühl hatte platzen zu müssen, nahm ich wieder etwas von meiner Umgebung wahr.

   "Wieder ansprechbar?" fragte die Stimme Lordis, und ich starrte das Monster, das sich während meiner Heißhungerattacke nicht von der Stelle gerührt hatte, erschrocken an. Ein lautes Rülpsen entkam meiner Kehle, und ich hielt mir verlegen die Hand vor den Mund.

   "Hat's geschmeckt?" fragte der Höllenfürst.

   "Äh- ja!" antwortete ich verwirrt.

   "Gut. Hättest du dann die Güte mir endlich zuzuhören, oder willst du zuerst noch so ein Vieh verdrücken?"

   "Äh… na ja… ich, äh… eigentlich nicht, nein." stotterte ich.

   "Dann komm mit." forderte Lordi, und deutete mir ihm zu folgen. Etwas zögernd kam ich der Aufforderung nach, und trottete hinter dem Obermonster her wie ein Lamm zur Schlachtbank.

Der Weg führte quer durch die einem Thronsaal ähnliche Halle, an der großen Freitreppe vorbei, zu einem kleinen Durchgang der von mehreren dicken Tropfsteinsäulen effektiv vor neugierigen Blicken verborgen wurde.

Dahinter lag ein mittelgroßer Raum, der von einem großen Kamin beherrscht wurde, in dem ein anheimelndes Feuer loderte. Vor dem offenen Kamin gruppierten sich mehrere ausladende Sitzmöbel, die mit Fell bezogen waren und den Eindruck erweckten sehr gemütlich zu sein. In einen dieser großen Sessel ließ sich der Höllenfürst nun fallen, und wies mit einer einladenden Geste auf einen ihm gegenüber liegenden Platz.

Etwas zögernd tat ich es dem Obermonster gleich, und ließ mich auf dem massigen Fauteuil nieder. Es war tatsächlich so bequem wie es den Anschein hatte, und ich versuchte mich wieder ein wenig zu entspannen, als ich den flammenden Blick Lordis auf mir spürte.

   "Dann erzähl mal." forderte der Höllenfürst.

   "Was erzählen?" fragte ich verwirrt.

   "Wie es Kita geht." sagte Lordi überraschend ruhig. "Und was da gestern alles an mir vorbeigelaufen ist." 

In diesem Moment fiel mir der Grund für meine kopflose Flucht, die mich letztlich hierher in die Privaträume des selbsternannten Vaters aller Monster geführt hatte, wieder ein. Kita! Und augenblicklich wusste ich auch wieder, was ich über meine Heißhungerattacke vollkommen vergessen hatte. Amen, der in diesen Momenten vermutlich von dem Manbeast buchstäblich auseinander genommen wurde.

   "Oh nein…" flüsterte ich "Das habe ich vollkommen vergessen?" Das Obermonster sandte mir einen fragenden Blick der eher zur Grimasse geriet, von dem ich mich aber nicht beeindrucken ließ.

   "Kita ist wieder aufgewacht!" sprudelte ich hervor "Ich glaube er ist gewaltig sauer! Er hat Amen angegriffen, und nimmt ihn auseinander - bestimmt! Ich… äh… ich bin weggerannt. Jemand sollte Amen helfen… glaube ich…"

   "Krieg dich mal wieder ein." meinte Lordi, und vollführte eine wegwerfende Geste. "Wäre ja nicht das erste Mal das er ihn in seine Einzelteile zerlegt. So lange er ihn nicht wieder über das gesamte Höhlensystem verstreut…"

   "Aber… er hatte ANGST." rief ich, und wollte aufspringen. Aber als ich den Gesichtsausdruck meines Gegenübers sah, beschloss ich dass es doch gesünder wäre sitzen zu bleiben. "Zumindest… hat es so ausgesehen." fügte ich leiser, und etwas kläglich hinzu.

   "Fühlt sich ja auch für einen Untoten nicht unbedingt toll an, wenn man Stück für Stück auseinander gebaut wird." kommentierte das Obermonster trocken.

   "Äh… wird er… ich meine… kann er ihn umbringen?" getraute ich mich zu fragen.

   "Stelle ich mir schwierig vor, jemanden zu töten der schon tot ist." meinte Lordi schmunzelnd.

   "Naja, ich meine, kann er ihn… wie soll ich sagen… vernichten?" versuchte ich es mit einer anderen Formulierung.

   "Es ist im Bereich des Möglichen, ja."

   "WAAAS? Aber dann… dann ist Amen wirklich in Gefahr!" rief ich, und wollte schon fast wieder aufspringen, besann mich aber noch rechtzeitig. Und plötzlich begriff ich, dass ich mir tatsächlich Sorgen machte - und zwar nicht um Kita, sondern um Amen! War ich wirklich schon so lange hier unten, dass ich begann etwas wie Sympathie für diese wahnsinnigen Kreaturen zu empfinden?!

   "Nein, das ist er nicht." widersprach Lordi.

   "Aber… aber du hast…" begann ich

   "Was fällt dir eigentlich ein mich zu duzen?" brüllte der Höllenfürst plötzlich, und in seine Augen trat ein unheilvolles, rötliches Glühen. Zuerst war ich einfach nur erschrocken, und wusste gar nicht was den unvermittelten Wutausbruch Lordis ausgelöst hatte, doch dann schoss es mir ein. Augenblicklich begann ich eine Entschuldigung zu stammeln.

   "E- entschuldigung! Ich… ich bin noch so durcheinander von Gestern… es… es wird nicht mehr vorkommen. Ehrenwort!"

   "Na gut. Ich will AUSNAHMSWEISE darüber hinweg sehen." Die besondere Betonung mit der das Obermonster gesprochen hatte war mir nicht entgangen, und mir war sofort klar dass er die Ausnahme auch wirklich als solche sah. Wahrscheinlich hätten sich andere angesichts solch einer Unhöflichkeit bereits am Spieß bratend wieder gefunden.

   "Was ich sagen wollte… Sie haben ihn nicht gesehen! Er weiß dass man ihm die Eier gestohlen hat. Er weiß es! Und dieser Blick… Ich schwöre er wollte ihn vernichten!"

   "Wir sind hier eine Gemeinschaft, auch wenn es für dich nicht so aussehen mag. Auch wenn wir uns gelegentlich ein wenig beschädigen, wir würden uns nicht gegenseitig vernichten."

   "Nicht gegenseitig…?" fragte ich. "Heißt das… ihr könntet es tatsächlich? Ihr seid nicht irgendwie… unsterblich oder so?"

   "Unsterblich?" Der Höllenfürst ließ ein ärgerliches Fauchen hören. "Wer hat dir denn diesen Schwachsinn erzählt? Wir leben einfach länger, als ihr euch das vorstellen könnt."

   "Aha." machte ich. Insgeheim wunderte ich mich darüber, warum mir Lordi auf meine Fragen so bereitwillig, und wie es schien, ehrlich Auskunft gab. Ich beschloss die ungewöhnliche Redefreudigkeit zu nutzen, und die Fragen zu stellen die mir am brennendsten auf der Zunge lagen.

   "Das heißt also… Auch für so mächtige - ich hoffe das ist jetzt keine Beleidigung - Monster wie sie gibt es… Bedrohungen?" fragte ich vorsichtig.

   "Durchaus." meinte das Obermonster kryptisch. "Und, nein, dieses Wort ist keine Beleidigung. Wir bezeichnen uns selbst so."

   "In Ordnung… Aber was mich trotzdem interessieren würde… Was kann so bedrohlich gewesen sein, dass sie und Amen von Kita gerettet werden mussten?"

   "Woher weißt du das?" schnappte Lordi sofort, und sein Blick umwölkte sich wieder.

   "Ich… äh… hab's so aufgeschnappt…" stotterte ich, während mir abwechselnd heiß und kalt wurde "Amen hat es gestern erwähnt… kurz…"

   "Alte Plaudertasche." knurrte der Höllenfürst. "Möchte wissen was dich das überhaupt angeht."

   "Naja, ich bin Reporter. Fragen stellen ist mein Job." wagte ich kühn zu entgegnen.

   "Gutes Argument." gab mein Gegenüber widerwillig zu. "Aber das ist eine Privatangelegenheit, und die geht dich einen Dreck an, klar?"

   "Klar." sagte ich, und wunderte mich insgeheim ein weiteres Mal darüber wie ruhig und beherrscht das Obermonster noch immer war. Er hatte noch nicht ein einziges Mal versucht mir an die Gurgel zu gehen, und auch mit keinem Wort und keiner Geste angedeutet es auf mich abgesehen zu haben. Das machte mich misstrauisch. Spielte er etwa mit mir?

   "Dann… ähm… ich habe schon noch ein paar Fragen, die ich ihnen gerne stellen würde…" meinte ich, etwas verunsichert.

   "Dann leg los. Ich bin gerade in der Stimmung für ein Interview." meinte Lordi lapidar, und machte es sich in seinem großen Sessel noch ein Stück bequemer, indem er die Beine kurzerhand auf einen in der Nähe stehenden Hocker ausstreckte. Das Obermonster wirkte… entspannt. Und es sah nicht danach aus als ob es vorhatte sich in absehbarer Zeit auf mich zu stürzen.

Schließlich gab ich meine etwas unbequeme, verspannte Sitzposition doch auf, und rutschte in eine bequemere Lage. Das weiche, flauschige Fell mit dem die Möbel bezogen waren trug sein Übriges dazu bei, das ich mich schließlich auch entspannte. Und ich musste zugeben, dass die Monster doch etwas auf Bequemlichkeit zu halten schienen, denn ich hatte das Gefühl auf Wolken zu sitzen. Solche Sitzmöbel suchte man in den Möbelhäusern vergebens…

   "Tja.. also, falls irgend eine Frage dabei sein sollte die ihnen… unangenehm ist, dann müssen sie die natürlich nicht beantworten."

   "Worauf du einen lassen kannst." meinte Lordi.

   "Ok… also, zuerst würde mich natürlich interessieren wie sie zu dem wurden was sie heute sind. Sie waren ja auch einmal Menschlich, wenn ich das richtig in Erinnerung habe?"

    "Naja, das waren wir ja alle einmal. Kita übrigens auch, nur so zur Information."

   "Das… äh, weiß ich schon. Er hat es mir erzählt." sagte ich.

   "Ach, tatsächlich? Normalerweise plaudert er nicht aus dem Nähkästchen." meinte der Höllenfürst, und zog bedeutsam eine Augenbraue hoch.

   "Hmja, kann ich mir vorstellen." murmelte ich. "Aber apropos… das treibt mich zu einer anderen Frage. Warum hat er ein Stachelhalsband getragen?"

   "Woher weißt du das schon wieder?" fragte Lordi argwöhnisch.

   "Naja… ich… äh, habe es ihm doch abgenommen."

   "Du hast WAS?" Das Obermonster fuhr auf, und ich glaubte schon fast es würde sich auf mich stürzen… als es sich dann doch wieder in die weiche Polsterung seines Sessels zurückfallen ließ. Die Spitzen der ekelhaft langen Finger aneinander gelegt, musterte er mich undeutbarem Blick.

   "Amen hat es mir aufgetragen!" verteidigte ich mich.

   "Soso… na, den werde ich mir Mal zur Brust nehmen." brummte er. Schön langsam begann es mir wirklich unheimlich zu werden. Warum war er so ruhig?

   "Ich… ich möchte gerne wissen warum er es getragen hat." sagte ich leise. "Bitte."

   "Hmmm… meinetwegen. Es war Teil der Abmachung, als er hier eingezogen ist."

   "Ein Teil der… Abmachung? Er hat dem zugestimmt?" keuchte ich "Aber sie sagten doch gerade ihr wärt so etwas wie eine Gemeinschaft. Für euch ist er dann doch keine Bedrohung! Das… das ist grausam ihm so ein… ein Ding aufzuzwingen! Das ist Folter!"

   "Wir sind Monster, was erwartest du eigentlich?" konterte Lordi trocken.

   "Ja, aber… äh…" stotterte ich.

   "Hast du vielleicht schon einmal daran gedacht, dass wir nicht so plemplem sind wie man uns hält?" fragte der Höllenfürst. "Es ist auch zu seinem eigenen Schutz. Damit er kein Massaker anrichtet, für das man ihn dann zwangsläufig zur Verantwortung ziehen würde."

   "Hmm… von der Seite habe ich es noch nie betrachtet…" musste ich zugeben.

   "Ihr Menschen habt ein Talent euer Gehirn nicht zu benutzen."

   "Trotzdem ist es grausam." beharrte ich.

   "Das kannst du halten wie du willst." meinte Lordi achselzuckend. "Übrigens, bevor ich deine Frage von vorhin beantworte, möchte ich jetzt doch erst einmal wissen was gestern los war."

   "Ok…" Ich bemühte mich den Gedanken an das Folterwerkzeug aus meinem Gedächtnis zu verbannen, und rief mir in Erinnerung was am Vortag passiert war, als sich die Ereignisse plötzlich so überstürzt hatten. Schließlich berichtete ich dem Höllenfürsten  möglichst ausführlich was gestern in der Höhle des Manbeasts geschehen war.

 

Als ich geendet hatte, starrte das Obermonster mit undeutbarem Gesichtsausdruck ins Feuer, und kaute nachdenklich an seiner Unterlippe. "Das verspricht noch ein interessanter Tag zu werden heute…" murmelte er.

   "Ja… äh… also jetzt wissen sie alles." sagte ich. "Darf ich jetzt auch auf eine Antwort hoffen?"

   "Jaja, sicher… wie war die Frage noch mal?" meinte Lordi abwesend.

   "Wie sie zu dem geworden sind was sie heute sind. Zu einen Monster." Ich überraschte mich selbst, indem ich dieses doch eher negativ behaftete Wort auf einmal so unverblümt, und vor allem ohne schlechtes Gewissen in den Mund nahm.

   "Ahja, genau…" meinte der Höllenfürst "Also eigentlich war das relativ unspektakulär… Irgend einer von euch findigen Menschenkreaturen hat in ein bisschen abgewandelter Form sogar mal ein Buch darüber geschrieben. War recht erfolgreich soweit ich mich erinnere - wurde sogar verfilmt." Bei diesen Worten, aus denen doch so etwas wie Stolz sprach, zwinkerte Lordi verschwörerisch.

   "Ein Buch?" fragte ich ungläubig "Verfilmt? Kenne ich den Streifen zufällig?"

   "Bestimmt." meinte das Obermonster. "Der dürfte ja schon ein Klassiker sein. Obwohl der Film eigentlich ziemlich mies war - so dilettantisch hätte ich nie gearbeitet! Aber kann mir ja egal sein… Hauptsache ihr Menschen fürchtet euch tüchtig, und kriegt schöne Alpträume davon."

Inzwischen war ich, gelinde gesagt, sehr neugierig geworden, und brannte geradezu darauf zu erfahren was geschehen war. Im Geiste ging ich alle Horrorfilme durch die ich kannte (und das waren eine ganze Menge!), aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen mit welchem Film ich Lordi assoziieren sollte. Ich hing geradezu an den Lippen des Höllenfürsten, als er endlich weiter sprach.

   "Damals, als ich noch menschlich war, hatte ich ziemlich große Träume, weißt du… Ich war ziemlich fasziniert von der Alchemie, und habe eine Menge herumexperimentiert. Meinem damaligen Brötchengeber dürfte das nicht so gepasst haben, deswegen wurde ich mehr oder minder unehrenhaft entlassen.

Danach habe ich mich einige Zeit als freier Alchemist auf einigen Königshöfen herumgetrieben. Dort bin ich aber immer spätestens dann rausgeflogen, wenn ich etwas in die Luft gejagt habe. Irgendwann habe ich dann so eine stinkreiche, spleenige Gräfin geheiratet, die unbedingt in die Geheimnisse der Alchemie eingeweiht werden wollte. Die hat mich ganz schön Nerven gekostet… aber dafür hat sie mir ein anständiges Labor eingerichtet, und mir sogar einen Assistenten besorgt. Gut, der Kerl war verkrüppelt, geistig nicht gerade helle, aber er tat wirklich alles, und verschwiegen war er außerdem noch. Und das war auch gut so… Wenn meine Frau gewusst hätte was für Experimente ich durchgeführt habe wenn sie gerade nicht da war… Schätze die hätte mich sofort vor die Tür gesetzt.

Naja, irgendwann ist sie dann an so einer heimtückischen Krankheit gestorben - nein, ich war nicht daran schuld wenn du das glaubst - und ich hab den ganzen Krempel, Schloss und so geerbt. Dann konnte ich endlich frei experimentieren! Bloß ist das im Dorf das ganz in der Nähe war nicht so gut angekommen… Die wussten zwar nicht was ich vorhatte, aber sie waren ein wenig sauer, weile ich mir auf ihrem Friedhof ein paar frische Leichen ausgebuddelt hatte, weil ich ein paar Teile  gebraucht habe.

Und gerade als ich vor dem endgültigen Durchbruch gestanden bin, mir aus menschlichen und tierischen Teilen eine lebende Kreatur zu erschaffen, haben sie mir doch tatsächlich ins Handwerk gepfuscht. In der Nacht als ich meine Schöpfung mithilfe eines Blitzes zum Leben erwecken wollte, haben diese Idioten einfach mein Schloss gestürmt!

Und wies der Teufel wollte hat mich einer dieser vertrottelten Kerle in den Bottich geschmissen, wo ich das Ergebnis meiner jahrelangen Forschung aufbewahrt habe - und zwar just in dem Moment als der Blitz eingeschlagen hat! Was bei der Reaktion die dadurch entstanden ist herausgekommen ist, sitzt gerade vor dir."

Der Höllenfürst teilte seine Lippen zu einem spöttischen Lächeln, und zeigte mir dabei eine Reihe hässlicher Zähne. Ich starrte ihn in einer Mischung aus Schrecken und Faszination an.

   "Jedenfalls hat den Dorfbewohnern das Ergebnis nicht so gut gefallen. Mir ja anfangs auch nicht, aber nachdem ich diese ganze Bagage erst einmal niedergemacht hatte, fing's mir doch an zu gefallen. Besonders nachdem ich gemerkt habe um wie viel ich stärker geworden bin, und was für Dinge ich nun machen konnte, die ich als Mensch niemals gekonnt hätte…

Weil die Deppen aber meinen Assistenten gekillt haben, musste ich mir einen neuen besorgen. War aber irgendwie nicht der Weisheit letzter Schluss, die Kerle waren alle unfähig und haben sich nur permanent in die Hosen gemacht.

Eigentlich wollte ich ja nicht mehr als in Ruhe meine Experimente weiterführen, aber irgendwie dürften diese Kirchenfuzzis davon Wind bekommen haben, denn die haben mir eine ganze Abordnung Exorzisten geschickt. Irgendwie haben sie es tatsächlich geschafft mich dann in die Hölle zu verbannen.

Das war dann im Endeffekt gar nicht mal so schlecht… Ich hab dann als erstes einmal diesen stockkonservativen Kerl vom Höllenthron geschmissen, ihn zum Putzteufel degradiert, und mir da unten ein lauschiges Plätzchen eingerichtet. Eigentlich müsste ich den Menschen dafür schon fast dankbar sein, soviel Spaß wie in der Hölle hatte ich noch nie!

Tja, und dann hab ich mich auf die Suche nach ein paar Kumpels gemacht - den Rest kannst du dir denken. Jedenfalls geht’s mir jetzt blendend."

Wie um die Worte zu unterstreichen streckte sich der Höllenfürst genüsslich in seinem Sessel, und verschränkte dann die Hände hinter dem Kopf.

Ich brauchte einige Zeit bis das ich bemerkte das Lordi seine Erzählung beendet hatte. Und er hatte nicht übertrieben - die Geschichte kam mir tatsächlich bekannt vor! Sie erinnerte frappierend an ein gewisses Standardwerk der Horrorliteratur das schon auf duzende verschiedene Weise verwurstet worden war. Und das Werk kannte tatsächlich beinahe jeder.

Bis jetzt hatte ich es für ein reines Hirngespinst eines phantasiebegabten Schriftstellers gehalten, aber jetzt… Die ungeheuerliche Geschichte die mir der Höllenfürst aufgetischt hatte ließ einen der wohl bekanntesten Horrorschinken plötzlich in einem gänzlich anderen Licht erscheinen.

   "Dann… dann waren SIE das Vorbild für Dr. Frankenstein?!" fragte ich ungläubig.

War das wirklich die Wahrheit? Oder schwindelte mir das Obermonster etwas vor? Aber andererseits… warum sollte er lügen? Es sah nicht so aus als ob ihn die Tatsache dass er sich in ein Monster verwandelt hatte sonderlich störte…

Lordi schenkte mir ein weiteres, zähnestarrendes Grinsen. "So in etwa, ja. Überrascht?"

   "Ja… ziemlich." antwortete ich wahrheitsgemäß. "Das ist… unglaublich!"

Ich hatte ordentlich mit mir zu ringen um meine Fassung wieder zu erlangen. Es war aber auch zu ungeheuerlich. Unwillkürlich begannen meine Gedanken abzuschweifen, zu anderen Horrormärchen aus meiner Zeit - und ich entdeckte immer mehr Parallelen und frappierende Ähnlichkeiten. Viele Dinge die ich für reine Phantasie gehalten hatte, erschienen mir nun in gänzlich anderem, viel wirklicheren, und vor allem schrecklicheren Licht. Wenn ich es recht bedachte, dann hatte diese Monstertruppe wahrscheinlich die Ängste und Phantasien von Generationen von Menschen beeinflusst…

   "Noch Hunger?" fragte Lordi beiläufig, und maß mich mit einem Blick der verhaltenes Interesse, allerdings ausnahmsweise nicht in Form einer Mahlzeit, bekundete.

   "Äh… ja, schon." sagte ich etwas verspätet, und mein Magen honorierte es, trotzdem ich vorhin eine nicht unbedingt kleine Portion verdrückt hatte, mit einem bestätigenden Grollen. Etwas zu Essen konnte ich momentan wirklich gut gebrauchen, immerhin würde ich mich, während sich meine Kaumuskeln betätigten, von den neuesten, fast einem Schock gleichkommenden Erkenntnissen erholen können. "Noch so eine Portion wäre wirklich nicht schlecht." murmelte ich.

   "Hahaha! Na endlich mal einer mit gesundem Appetit!" meinte das Obermonster lachend, und klatschte in die Hände.

Augenblicklich materialisierte sich vor ihm ein großer Teller in der Luft, der leicht trudelnd in seine erwartungsvoll ausgestreckten Hände fiel. Augenblicke später erschien das dazugehörende Essen ebenfalls in der Luft, und klatschte auf den Teller herunter. Das Gleiche wiederholte sich auch bei mir, nur das ich beinahe daneben griff als der Teller herab trudelte, und ich einige akrobatische Verrenkungen vollführen musste um zu verhindern das sich das von Lordi spendierte Essen auf dem Boden verteilte.

   "Gutes Reaktionsvermögen. Nicht schlecht." meinte der Höllenfürst mit süffisantem Grinsen. "Mahlzeit!"

Ich brauchte sein Grinsen nicht einmal sehen, um mit unerschütterlicher Sicherheit zu wissen, das die unkoordiniert herunterprasselnden Fleischbrocken, Kartoffeln und Brotscheiben mit Absicht so dirigiert worden waren. Aber es verwunderte mich nicht - im Gegenteil. Auf verrückte Weise war ich fast schon beruhigt, das sich Lordi diesen kleinen Spaß mit mir erlaubt hatte. Denn die entspannte Lockerheit mit der mir der Höllenfürst über seine Vergangenheit berichtet hatte, und all die kleinen Dinge über die er so offensichtlich hinweggesehen hatte, waren mir unheimlich.

   "Mh, lecker." sagte ich anerkennend, und mit vollen Backen kauend. Von welchem Wesen die Fleischbrocken die ich in mich hinein schaufelte stammten, wollte ich aus gutem Grund nicht wissen. Ich ahnte nämlich dass es mir möglicherweise nicht gefallen würde.

   "Also." sage ich schmatzend. "Dann sind sie also für die Frankenstein-Geschichte verantwortlich. Wie kam es eigentlich dazu? Haben sie ihre Geschichte früher schon einmal einem Reporter erzählt, der sie dann so verunstaltet hat?" Ich wählte bewusst die Formulierung 'verunstaltet', um mich gleich von vornherein mit Lordi solidarisch zu stellen.

   "Ach, der Kerl der den Blödsinn verzapft hat, war einer meiner besten Abnehmer für Alpträume." erklärte der Höllenfürst. "Der Typ konnte so herrlich abdrehen, da konnte ich einfach nicht widerstehen, ihm den ultimativen Alptraum zu bescheren. Das er’s aufschreibt, daran hätte ich nicht gedacht…"

   "Und das haben sie ihm einfach so durchgehen lassen?" fragte ich neugierig.

   "Klar, was hätte ich denn machen sollen? Außerdem war's praktisch, weil es dadurch erst recht zu einem richtigen Schub an Alpträumen bei allen möglichen anderen Menschen gekommen ist. So gesehen war's gar nicht mal so übel."

   "Naja, aber sie hätten doch Lizenzgebühren verlangen können, dafür das er ihre Lebensgeschichte verwenden darf." meinte ich.

   "Hahahahaha! Du beginnst mir zu gefallen, Mensch!" lachte Lordi. "Aber ich brauch die Gebühren nicht, mir reicht es schon wenn möglichst viele Leute, möglichst grässliche Träume haben."

   "Hmm, auch eine Form der Gebühr, nicht wahr?" sagte ich vorsichtig grinsend.

   "Hahaha! Gut erkannt!" lobte das Obermonster. "Der einzige den ich allerdings liebend gerne zerlegen würde, ist dieser dämlich Kerl der sich die Sache mit dem grässlichen schwarz-roten Pulli ausgedacht hat. Und noch dazu quer gestreift, das macht doch dick!"

   "Schwarz-roter Pullover?" fragte ich, und dachte nach. Die Erkenntnis fiel mir wie Schuppen von den Augen, und ich schnappte überrascht nach Luft. "Freddy Krueger? Wollen sie damit sagen sie sind auch für Freddy Krueger verantwortlich?!"

   "Na logisch, was hast du denn gedacht?" fragte Lordi, und setzte eine gespielt beleidigte Miene auf, während er an seiner Haxe weiterkaute.

   "Mannometer, jetzt wird mir einiges klar…" sagte ich kopfschüttelnd.

Darauf brauchte ich erst einmal einen Bissen. Meine Gedanken drehten sich wie ein wirres Kaleidoskop im Kreis, als ich diese neuerliche Überraschung verarbeitete. Aber so abwegig war sie nicht einmal - immerhin hatte allem Anschein nach auch Lordi die Fähigkeit im Traum zu morden… beziehungsweise hatte der berühmte, mit rabenschwarzem Humor gesegnete Kindermörder Freddy Krueger dieselbe Eigenschaft zugesprochen bekommen. Warum war mir das nicht schon früher aufgefallen?

   "Haben die Anderen dann auch irgendwelche Geschichten beeinflusst?" fragte ich schließlich.

   "Na Klar!" bestätigte der Höllenfürst. "Amen zum Beispiel sorgt noch immer dafür dass ihr Menschen die Legenden über den Fluch der Mumie nie vergessen werdet. Kalma hat sogar schon in einigen Zombiefilmen mitgespielt, indem er ein paar Darsteller ins Jenseits befördert hat und einfach ihren Platz eingenommen hat. Die Oscars und sonstigen Auszeichnungen fürs MakeUp hat er natürlich im Nachhinein auch einkassiert - solltest mal seine Sammlung sehen. Und das Kita an den Alien- und Predator-Filmen nicht so ganz unschuldig war, ist wohl auch nahe liegend…"

   "Wahnsinn…" meinte ich beeindruckt, und schaufelte fasziniert die letzten Reste meiner Portion in mich hinein "Dann seid ihr ja alle richtige Filmstars!"

   "Eigentlich nur Kalma, wenn man's genau nimmt. Amen hat es zwar auch mal versucht, aber aufgegeben als die halbe Filmcrew abgekratzt ist, und der Rest vor dem angeblichen Fluch der Mumie geflohen ist. Aber richtig in Streifen die ins Kino gekommen sind, hat nur Kalma wirklich mitgespielt. Aber sprich ihn bloß nicht darauf an, sonst kriegt er wieder einen Anflug von Größenwahn."

   "Ich werd's mir merken…" sagte ich, und grinste insgeheim. Kalma als Filmschauspieler! Die Vorstellung das dieser Choleriker am Set eines Films stand, und sich dort mit dem Regisseur um die richtige Inszenierung seines Auftritt stritt, hatte schon etwas…

   "Danke, hat wirklich gut geschmeckt." lobte ich, als ich den inzwischen leeren Teller auf einem nebenstehende kleinen Tischchen abstellte. Anschließend wischte ich mir die Hände an der mit getrocknetem Blut besudelten, ohnehin schon so gut wie ruinierten Hose ab.

   "Übrigens…" meinte das Obermonster plötzlich "Heute Abend gibt’s was zu feiern. Wir schmeißen eine Willkommensparty für Awa und Ox, die werden nämlich bei uns einziehen. Hab gehört du hast die beiden schon kennen gelernt?"

   "Äh… ja." bestätigte ich.

   "Dann braucht's ja wohl keine großartige Vorstellung mehr, sehr schön." sagte Lordi. "Du bist übrigens auch zu der Party eingeladen, also untersteh dich, dich davor drücken zu wollen!"

   "Das würde ich nie wagen…" wehrte ich ab "Ich fühle mich geehrt dass ich eingeladen bin."

   "Hmja, und eins noch…" der Höllenfürst wirkte plötzlich verlegen, und kratzte sich nervös an der Stirn, und blickte von einer Seite zur anderen "Der Grund warum ich dich eigentlich sehen wollte… Also… Amen und Kalma haben mir auch ein bisschen was erzählt, von gestern und so. Wies aussieht hast du Kita mehr oder weniger das Leben gerettet. Deswegen… ähm… sollte ich mich wohl, stellvertretend für uns alle hier unten, bei dir… bedanken."

Es war Lordi anzusehen wie schwer es ihm fiel sich dazu durchzuringen. Nach allem was ich bis jetzt über ihn und all die Anderen erfahren hatte, war es ihnen zutiefst zuwider in der Schuld eines Menschen zu stehen. Umso mehr beeindruckte es mich, dass er es tatsächlich tat. Es wäre doch viel einfacher gewesen, mir das alles einfach zu verschweigen…

   "Ist es denn wirklich so schlecht um ihn gestanden?" fragte ich.

   "Er hat es nur knapp überlebt… aber das fragst du am besten Amen." wehrte Lordi ab. "Der kennt sich damit besser aus. Jedenfalls, wenn du nicht gewesen wärst…"

   "Ich… äh… ja… gern geschehen." murmelte ich. Einmal mehr wirbelten die Gedanken in meinem Kopf durcheinander. Ich hatte Kita das Leben gerettet? War es wirklich so schlimm gewesen?

   "Tja, jedenfalls hab ich beschlossen dass du bei der Feier heute Abend Ehrengast sein wirst. Das heißt, dass dir vorläufig keiner auf den Pelz rücken darf. Aber das wird nicht zur Gewohnheit, klar? Und ich hab auch nicht gesagt, dass ich dich nicht irgendwann doch fressen werde!"

   "Äh.. vollkommen klar. Ok."

   "Dann ist ja alles geklärt. Dann geh ich mich jetzt um die Organisation der Party kümmern."

Der Höllenfürst stand auf, und ich beeilte mich es ihm gleich zu tun. Ich folgte ihm wortlos aus dem Raum hinaus, zurück in den Thronsaal. Ich schwankte irgendwo zwischen Erleichterung und tiefer Verunsicherung, die die Worte Lordis in mir ausgelöst hatten.

Dann plötzlich schoss mir ein Gedanke ein, und ich warf einen kurzen Seitenblick auf den neben mir gehenden Höllenfürsten, der noch immer ausnehmend guter Laune zu sein schien. Und das obwohl er gerade dafür gesorgt hatte das ich für den Rest des Tages meine Ruhe vor diversen Monsterattacken hatte…

   "Hm, was ich aber trotzdem gerne wissen würde…" getraute ich mich schließlich zu fragen  "Was habt ihr eigentlich mit Kitas Eiern gemacht?"

   "Was würdest du denn mit frischen Eiern machen?" konterte Lordi mit einer Gegenfrage.

Ich überlegte kurz, und dann wich mir alle Farbe aus dem Gesicht, als mich die Erkenntnis wie ein Blitz traf. Es gab nur eines um das sich hier unten anscheinend alles zu drehen schien.

   "Ihr… ihr habt sie… GEGESSEN?!" flüsterte ich fassungslos.

   "Hast ja doch mehr Grips als die meisten anderen deiner Art!" lobte Lordi, und klopfte mir anerkennend auf die Schulter.

   "Aber… aber warum?" fragte ich.

   "Amen hatte wohl seine Gründe." meinte das Obermonster schulterzuckend.

   "Das ist doch…" begann ich noch immer fassungslos ob dieser furchtbaren Tat, wurde aber durch ein markerschütterndes Gebrüll unterbrochen.

Erschrocken wandte ich meinen Blick zum Eingang, wo sich zweihundert Kilo Muskelmasse aufgebaut hatten, und sowohl mich als auch Lordi mit unverhohlener Wut musterten. Ein kurzer Seitenblick auf den Höllenfürst zeigte mir, dass auch dieser aufgrund des Erscheinens Kitas ein wenig… nervös zu sein schien.

   "GRRRRRRRR!" knurrte das Manbeast, und schleifte mit seinen Klauen etwas geräuschvoll über den Boden. Ich erstarrte als ich in dem bräunlich-vermoderten Etwas, das ich zunächst für eine zerschlissene Decke gehalten hatte, Amen erkannte.

Der Körper der Mumie war nicht einfach nur beschädigt… er war geradezu zerfetzt. Das einzig heile an Amen war der Kopf, der Lordi und mich in stummer Resignation anstarrte.

Das Manbeast hielt die Reste des altägyptischen Untoten demonstrativ hoch, und schleuderte sie dann mit bösem Grollen zu Boden. Sein wütender Blick erfasste das Obermonster, als er eine seiner Pranken über das noch unversehrte Haupt Amens herab bewegte. Dieser musterte seinen unbarmherzigen Gegner lediglich mit stummem Blick aus weit aufgerissenen Augen, unfähig sich zu wehren. Es gab ein hässliches Knacken, als das verschobene Gesicht der Mumie von den Klauen Kitas ohne sichtliche Mühe eingedrückt wurde.

Eiseskälte schlich sich in mein Herz, als ich sah wie sich das Biest nun langsam auf Lordi zu bewegte, und auch ihn mit geschmeidigen Bewegungen zu umkreisen begann. Der Höllenfürst betrachtete den sprungbereiten Kita mit glühenden Blicken, schien aber nicht sonderlich beunruhigt ob der Tatsache dass ihn das Manbeast mit tückischen Augen mordlüstern musterte.

Ich für meine Person zog mich möglichst geräuschlos an den Rand der Treppe zurück, die auf die Plattform mit dem Thronähnlichen Gebilde hoch führte. Kita streifte mich zwar kurz mit seinen Blicken, doch er schien es nicht wirklich auf mich abgesehen zu haben, was mich aber nicht unbedingt beruhigte.

Wer konnte schon wissen was in seinen Gedanken vor sich ging? Wer sagte, dass er sich nicht plötzlich auch auf mich stürzte? Vielleicht war er wirklich endgültig zur Bestie mutiert…

   "Du scheinst dich ja wieder recht gut erholt zu haben." stellte Lordi fest, und verschränkte die Hände vor der Brust.

   "GRRRRR…." machte das Manbeast, und duckte sich. Doch die Geste war nicht im Mindesten unterwürfig - im Gegenteil. Die deutlich hervortretenden Muskeln des Biests deuteten darauf hin, das es sich zum Sprung bereit machte.

   "Was wird das jetzt wieder?" fragte das Obermonster lauernd.

   "GRRRRR…" bekundete Kita noch einmal, und duckte sich noch ein Stück tiefer. Dann schnellte er wie eine Sprungfeder los, und verfehlte den flink ausweichenden Lordi nur um ein kleines Stück.

Geschmeidig wie eine Katze landete das Biest wieder auf den Beinen, und wandte sich augenblicklich wieder dem Höllenfürsten zu. Mit einem dumpfen, bedrohlichen Grollen fletschte es die Zähne, und begann zu geifern.

   "GRRRRR…"

   "Schätze wir haben doch ein kleines Problem…" murmelte Lordi noch, ehe er von einem wütend brüllenden Manbeast umgerissen wurde.

Es krachte, als die Beiden aufeinander trafen, und ein Teil der Armpanzerung des Obermonsters splitterte und zerbarst unter dem kräftigen Biss Kitas. Keuchend und knurrend begannen die beiden Monster miteinander zu ringen, wobei Lordi jedoch die eindeutig schlechteren Karten zu haben schien. Immer wieder und wieder schnappte das Biest nach dem Hals seines Mitmonsters, und der Höllenfürst konnte sich nur mit Mühe den Attacken erwehren, wobei er mehrere Teile seiner an und für sich sehr robusten Panzerung einbüßte.

Flammende Ketten erschienen aus dem Nichts, und begannen mit peitschenartigen Bewegungen nach dem wie besessen kämpfenden Biest zu greifen. Dieses jedoch zeigte sich von dem Fesselungsversuch Lordis kaum beeindruckt, und hieb mit seinen Klauen nach den Ketten, wobei es einige glatt durchtrennte. Augenblicke später war Kita wieder über dem Obermonster, und versuchte ein weiteres Mal nach seiner Kehle zu schnappen.

Der Höllenfürst wehrte sich, indem er seinen Angreifer nach einer geschickten Drehung, die ihn dem Zugriff der messerscharfen Klauen für einige Sekunden entzog, mit einem kräftigen Fußtritt zur Seite beförderte.

   "Spinnst du?!" keuchte Lordi, während er sich, schon deutlich angeschlagen, wieder aufrappelte.

Ich war die ganze Zeit über wie erstarrt auf der untersten Stufe der Treppe gestanden, und getraute mich auch jetzt noch nicht mich zu bewegen, als sich Kita ein weiteres Mal knurrend und geifernd auf das Obermonster stürzte. Fast gelang es diesem der Attacke auszuweichen, doch das Biest reagierte mit unglaublicher Schnelligkeit und Gewandtheit auf das Ausweichmanöver, sodass es seinen Gegner trotzdem voll erwischte. Lordi wurde von seinem eigenen Mitbewohner zu Boden geschmettert, und das Manbeast versenkte seine Klauen mit triumphierenden Brüllen im Oberarm des Höllenfürsten.

   "AAAAARGH!" brüllte Lordi, und trieb das Biest im gleichen Atemzug mit einem sengenden Feuerball von sich herunter. "Hast du sie nicht mehr alle?" schnaufte er, während er noch einmal Ketten aus Feuer entstehen ließ, um Kita damit zu bändigen. Doch dieser wich den zuckenden, nach ihm greifenden Dingen mit geradezu spielerisch anmutender Leichtigkeit aus.

Mit einer überraschenden Richtungsänderung segelte das Biest noch einmal mit vorgestreckten Klauen auf das Obermonster zu. Dieses Mal glückte das ebenso schnell ausgeführte Ausweichmanöver, und Kita stieß ins Leere. Ein kräftiger, von hinten ausgeführter Schlag zwang ihn zu einem Überschlag, nach dem er jedoch mit einer eleganten Drehung wieder sicher auf den Klauen landete.

   "Jetzt reichts!" knurrte Lordi, und ließ links und rechts in seiner Hand zwei Feuerbälle erscheinen, die er gleichzeitig auf das Biest abfeuerte. Dieses wich den beiden Geschossen mit einem Sprung aus, musste aber im gleichen Moment einen schweren Treffer einer dritten, plötzlich aus dem Nichts erschienen Feuerkugel einstecken.

   "GRUOARRRR!" brüllte Kita schmerzvoll, und streifte die großflächige Wunde an seinem rechten Oberarm mit gereiztem Blick. Fast augenblicklich begann die Brandverletzung Schorf auszubilden, der abzufallen begann, als er seinen wütenden Blick wieder auf den Höllenfürsten wandte.

   "GRRRRR…" Ohne erkennbaren Ansatz tat das Biest einen mächtigen Sprung, und verfehlte das Obermonster nur um Haaresbreite. Dennoch gelang es ihm mit seinen Klauen im Flug Lordi zwei tiefe Schnittwunden auf dem ohnehin schon verletzten Oberarm beizubringen.

   "GRAAAAAAAAH!"

Mit einem Donnerschlag erschienen Kalma und Enary in den Privaträumen des Obermonsters, und hatten die Situation sofort erfasst. Zu dritt stürzten sie sich auf das Biest, das sich seinerseits gerade wieder einmal zum Sprung auf den schon deutlich mitgenommenen Lordi bereit machte. Krachend trafen die Körper der Monster aufeinander, und verwandelten sich ein Knäuel aus zuckenden Leibern

Mit schreckgeweiteten Augen bewegte ich mich rückwärts dem Ausgang zu, als sich die Monster mit vereinten Kräften abmühten den tobenden Kita zu bändigen. Doch nicht einmal die gewaltige Stärke der Drei schien auszureichen, das außer Kontrolle geratene Manbeast in seine Schranken zu weisen.

Etwas packte mich um das Fußgelenk, und ich wäre um ein Haar gefallen. Torkelnd fing ich mich wieder, und bemerkte dass ich mitten in den Resten von Amens Körper stand. Um meinen linken Fuß schloss sich die zerfetzte Hand der Mumie, und ein paar weißer Augen in einem zersplitterten Schädel blickten mich fast flehend an.

   "Xfffffr… Ssss… Chrrr…" drang es mir aus dem zermatschten Etwas entgegen, das einmal Amen gewesen war. Zuerst wollte ich mich in Panik losmachen, doch dann begriff ich das mir die Mumie irgend etwas mitteilen wollte. "Ssssie warrrrcccchen niiiiiiccccccht…"

   "Er will etwas sagen!" schrie ich. "Aber ich verstehe ihn nicht!"

Lordi, der sich verzweifelt damit abmühte das wie besessen kämpfende Manbeast mit flammenden Ketten zu fesseln schrie irgendetwas Unverständliches. Eine rotglühende Kugel schoss an meinem Fuß vorbei, und hüllte den arg beschädigten Kopf des altägyptischen Untoten ein. Knackend begannen sich Knochen wieder zusammenzufügen, und zerrissene Haut mit einem Rascheln wie von Papier wieder zusammenzuwachsen. Die zerfetzte Hand schloss sich fester um mein Fußgelenk.

   "Nicccccccccht… lebensfähig…" begann die Mumie "Miss… missgebildet… sie wären… nicht… lebensfähig… gewesen…" brachte der inzwischen fast vollständig wiederhergestellte Kopf angestrengt hervor.

Verwirrt und bestürzt blickte ich auf Amens Kopf hinunter, während sich die Hand von meinem Fuß löste, und kraftlos auf den Boden zurück fiel. "Ist wahr…" würgte der Kopf noch hervor, ehe ihn die Kraft zu verlassen schien, und er zur Seite rollte wo er wippend liegen blieb. Einen Augenblick starrte ich noch auf die zerschmetterten Reste des altägyptischen Untoten hinab, dann fuhr ich herum.

   "Kita!" brüllte ich, so laut ich konnte. "KITA!" Ich hoffte insgeheim dass noch genügend von seinem Verstand übrig war, dass er meine Stimme noch erkannte. Andernfalls waren das wohl die letzten Worte, die ich je in meinem Leben sprechen würde.

   "Sie wären nicht lebensfähig gewesen!" schrie ich. "Sie waren missgebildet… sie wären gestorben!"

Das Biest reagierte überhaupt nicht auf meine Worte, schien im Gegenteil nur noch wütender zu werden, und stemmte sich mit aller Kraft gegen die vereinten Kräfte seiner Mitmonster. Fast wäre ihm der Durchbruch gelungen, als mit einem sirrenden Geräusch in Kalmas Hand die Sense erschien, deren Klinge sich nur Bruchteile eines Augenblicks später durch den rechten Oberschenkel Kitas bohrte.

Der plötzliche, scharfe Schmerz drang sogar in das wutvernebelte Denken des Manbeasts vor, und ließ seine Gegenwehr kurzzeitig schwächer werden. Das genügte dem Bikerzombie um ihn mit der Hilfe der anderen Monster niederzuringen.

   "Nicht lebensfähig, hörst du?!" brüllte Kalma, während er Kita an den Schultern gepackt hielt. Das Biest bäumte sich unter dem Griff auf, und schleuderte sowohl Enary als auch Lordi, die seine Arme und Beine fixiert hatten, mit einer einzigen Bewegung zur Seite.

   "Nicht lebensfähig!" brüllte der Zombie noch einmal, während er sich wie der reinste Rodeoreiter mit akrobatischem Geschickt auf dem windenden Manbeast hielt "Missgebildet!"

Und plötzlich erstarb die Gegenwehr. Etwas wie Verstehen trat in die Augen des Biests, und ein lang gezogener, klagender Schrei entrang sich seiner Kehle. Es wehrte sich nicht, als sich die flammenden Ketten Lordis wieder um seinen Körper schlagen, und es fesselten.

Kalma riss seine Sense aus dem Oberschenkel des Manbeasts, dessen Wunde daraufhin fast augenblicklich zu bluten aufhörte, und sich zu schließen begann. Es wimmerte nur leise vor sich hin, als sich der Zombie wieder erhob, und es mit misstrauischem Blick musterte.

   "Ist er wieder normal?" fragte Enary vorsichtig.

   "Ich glaube schon…" sagte Lordi.

   "Dann haben wir ja noch einmal Schwein gehabt." meinte Kalma, und wischte das Blut von seiner Sense.

   "Oink, oink!" machte Kita plötzlich, begann sich in seinen Ketten zu winden, und gab dabei zusätzlich noch Geräusche von sich als ob er nach etwas schnüffeln würde. "Grunz!"

Ich starrte abwechselnd die Monster und das Manbeast an, während Lordi, Kalma und Enary abwechselnd Kita, mich und sich selbst anstarrten. Die Gesichter aller Anwesenden waren in diesem Moment gleich - nämlich schlichtweg fassungslos. Wobei bei mir zusätzlich noch Unverständnis hinzukam, während die Monster durchaus zu wissen schienen was hier vorging. Aber was ging hier eigentlich vor?

   "Auch das noch…" stöhnte Lordi "Bleibt mir denn diese Woche gar nichts erspart?!"

   "KITA!" rief Enary, mit irgendwie befehlendem Unterton. Augenblicklich schien das Biest in die Wirklichkeit zurückzukehren, und starrte die Walkyre verständnislos an.

   "Schaut ganz danach aus, Chef." kommentierte Kalma trocken.

   "Was… äh, was war DAS jetzt wieder?" fragte ich, nachdem ich mich von dem Schock wieder ein klein wenig erholt hatte. Das Manbeast gab ein kurzes, leises Knurren von sich, gefolgt von einem Geräusch das wie ein Seufzen klang.

   "Was war was?" fragte Lordi.

   "Äh… Kita… was ist mit ihm?"

   "Ach so, das meinst du." mischte sich Enary ein "Das nennen wir die All Animal-Tage. Immer wenn er den Namen eines Tieres hört, dann beginnt er sich so zu verhalten wie das entsprechende Tier. Erst wenn du ihn mit seinem eigenen Namen rufst, wird er wieder normal. Frag mich aber nicht wieso… das hängt auch irgendwie mit seinem Gengemisch zusammen, das kann dir unser Kurpfuscher aber bestimmt besser erklären…"

   "Äh… danke."

   "Apropos…" warf Kalma ein "Unseren alten Knacker scheint's ziemlich erwischt zu haben." Mit diesen Worten wies er auf die zerschmetterten Reste Amens, die noch immer in der Nähe des Eingangs lagen. Lordi hatte zwar seinen Kopf notdürftig repariert, aber das hatte wie es aussah auch keine große Verbesserung gebracht.

   "Ist er… na ja... kann man ihn noch reparieren?" fragte ich, und war im gleichen Moment selbst überrascht über meine Wortwahl. Ich begann mich ja schon selbst wie einer dieser Verrückten anzuhören.

   "Xffffffbrrrrr." meldete sich Amen, wie um mir zu bestätigen das ihm, bis auf die Tatsache das er buchstäblich in seine Einzelteile zerlegt worden war, ansonsten nicht viel fehlte.

   "Tja, das könnte bis zum Abend dauern, bis er wieder mobil ist." meinte Lordi nachdenklich.

   "Kein Problem, dann übernehmen wir die Organisation für die Party, nicht wahr Schatz?" meinte Enary, und warf bei der Gelegenheit einen nicht zu übersehenden, warnenden Blick auf den Bikerzombie. Diese gab ein genervtes Knurren von sich, und verdrehte die Augen, brachte aber keine Widerworte vor.

   "Ja, macht das mal." sagte der Höllenfürst, und schien sichtlich erleichtert zu sein.

   "Dann komm du mal mit." sagte die Walkyre, packte ihren Verlobten am Ärmel, und zog ihn energisch mit sich. Auf halbem Wege machte sich der Zombie jedoch los, und trat an mich heran.

Im Hintergrund zerrte das Manbeast hörbar an seinen Ketten und stieß ein drohendes Knurren aus, als sich Kalma vor mir aufbaute und mich mit seinen furchtbaren grünlichen Augen anstarrte. Als er seine Hand hob, duckte ich mich unwillkürlich und bereitete mich wieder einmal auf das Schlimmste vor.

   "Kalma…" zischte das Obermonster bereits gefährlich leise, doch der Zombie klopfte mir lediglich auf die Schulter.

   "Nicht schlecht, Menschlein." presste er sichtlich widerwillig hervor. Dann wandte er sich ohne weiteren Kommentar von mir ab, und verließ mit Enary die Höhle.

   "Tja… äh… und was machen wir jetzt mit Kita?" fragte ich an Lordi gewandt vorsichtig.

In diesem Moment erklang aus dem Gang hinter dem geöffneten Durchgang ein surrendes Geräusch, gefolgt von einem verhaltenen "Oh Scheisse!" von Kalma. Im nächsten Moment war auch schon die Quelle des seltsamen Geräusches zu sehen. Es war Magnum, der wie ein Brummkreisel auf Fingern und Zehenspitzen balancierend um die eigene Achse wirbelte, und dadurch das Surren erzeugte.

   "Was zum…" begann Lordi, kam aber nicht weiter, als der Magnum-Kreisel mit dem nicht schnell genug ausweichenden Bikerzombie kollidierte. Eine von Kalmas Ketten verhakte sich dabei so unglücklich in den Fugen der Panzerung des mechanischen Monsters, sodass der Zombie mitgerissen wurde.

   "AAAAAAAH!!! HILFEEEEEEEEE!!!" kreischte Kalma, während er hilflos an Magnums Hinterteil hängend durch die Gegend gewirbelt wurde.

   "HAB ICH NICHT GESAGT WAS PASSIERT WENN DU IHN DAS NÄCHSTE MAL KAPUTT MACHST?!" brüllte der Höllenfürst in ohrenbetäubender Lautstärke.

   "Iiiiiich wawawawar dadadas nininininicht chechechef!" verteidigte sich der auf dem Magnum-Kreisel fest hängende Zombie. "HILFEEEEEE!"

Enary war inzwischen durch den Durchgang in die Höhle Lordis zurück geflüchtet, und vorsorglich in Deckung gegangen. Ich überlegte nicht lange, und tat es ihr gleich, denn die inzwischen rot glühenden Augen des Obermonsters deuteten auf einen bevorstehenden Wutausbruch hin.

Im gleichen Moment schoss irgendetwas Großes aus dem Gang, und verfehlte den ungleichmäßige Kreise ziehenden Magnum mit seinem unfreiwilligen Passagier nur um Millimeter. Als der Schemen nun ein Stück weit hinter dem Durchgang, in der direkten Nähe von Amens zerschmetterten Resten stoppte, erkannte ich Ox.

Im Hintergrund wurden die Kreiselbewegungen des defekten mechanischen Monsters zusehends langsamer, bis es schließlich zum Stillstand kam. Kalma nutzte die Gelegenheit, und befreite sich von dem stahlummantelten Hinterteil. Magnum fiel daraufhin leblos zusammen, und landete scheppernd auf dem Boden.

   "Wie zum Henker hast du das geschafft?!" fragte der Bikerzombie, während er sich ächzend und schwankend an der nächstbesten Wand festhielt.

   "Ich hab ihn bloß ausgeschaltet." meinte der Bullendämon. "Darauf hättest du auch kommen können."

   "Moment mal!" mischte sich Lordi ein. "Seit wann hat Magnum bitte einen Aus-Schalter?"

   "Würde mich… auch interessieren." stöhnte Kalma.

   "Der muss doch schon immer vorhanden gewesen sein." sagte Ox. "Alles was elektronisch funktioniert kann man bekanntlich irgendwo ausschalten."

   "Soll das heißen du kennst dich mit sowas aus?" fragte der Höllenfürst.

   "Klar." meinte der Dämon. "Wofür hab ich Elektrotechnik studiert?"

   "Du hast - WAS?" fragten Lordi, Kalma und Enary beinahe gleichzeitig.

   "Na, irgendwas muss man doch machen damit's einem nicht stinklangweilig wird." meinte der Bullendämon.

   "Dann kannst du ihn reparieren?" erkundigte sich das Obermonster.

   "Logisch! Wenn’s gewünscht ist motz ich ihn auch ein bisschen auf, und spiel ihm ein Software-Update ein."

   "Na, das wäre ein Ding!" meinte Lordi, und klang dabei höchst erfreut. "Wann kannst du anfangen?"

   "Sofort, ich hab alles dabei." sagte Ox, während er sich das bewegungslose mechanische Monster auch schon auf die Schultern lud. "Mann, der hat ein Gewicht…" ächzte er, als er die metallische Last auf seinem Rücken zurecht rückte.

  "Wie lange brauchst du dafür?" fragte der Höllenfürst.

   "Och, ich schätze bis heut Abend schaffe ich das schon." meinte der Dämon. "Gibt’s hier ein Plätzchen wo ich mich damit ausbreiten kann?"

   "Da runter, den vierten Gang rechts, und dann die zweite Tür links. Da ist eine alte Werkstatt die von uns keiner mehr benutzt, die kannst du benutzen."

   "Verbindlichsten Dank." sagte  Ox, und stapfte mit dem beschädigten Magnum auf den Schultern davon.

   "Ich kann den Kerl nicht ausstehen." knurrte Kalma. "So ein Schleimer!"

   "An deiner Stelle wäre ich froh, dass ihn jemand zum Nulltarif repariert. Ich weiß ganz genau dass du schon wieder dafür verantwortlich warst." gab Lordi gereizt zurück. "Und jetzt kümmert euch um die Organisation, bevor ich es mir anders überlege und dir doch noch einen Denkzettel verpasse!"

   "Jaja, schon klar." brummte der Bikerzombie, und stapfte gefolgt von Enary davon.

   "Was machen wir jetzt wirklich mit ihm?" fragte ich noch einmal, und warf einen kurzen Seitenblick auf Kita, der noch immer gefesselt an der Stelle lag an der ihn die vereinten Kräfte seiner drei Mitmonster niedergerungen hatten. Die Wunde an seinem Oberschenkel war inzwischen gänzlich verheilt, und hatte lediglich eine schmale Narbe zurückgelassen, die auch schon wieder zu verblassen begann. Er knurrte leise und kontinuierlich.

   "Naja, ich könnte ihn so lassen, bis er sich wieder normalisiert hat…" meinte der Höllenfürst achselzuckend "Aber das würde ihm nicht sonderlich gefallen. Also werde ich ihn wieder loslassen - unter der Bedingung dass du ein Auge auf ihn wirfst, und ihn im Falle des Falles flott wieder in die Wirklichkeit zurück beförderst. Ich habe nämlich keine Lust das er sich wieder für irgend ein Viehzeugs hält, und mir dabei die gesamte Einrichtung zertrümmert, klar?"

   "Sonnenklar." bestätigte ich.

   „Gut, ich will ihn nämlich nicht noch einmal als E L E F A N T hier rumlaufen haben.“

   „Ähm, sie meinen er war auch mal ein Ele…“

   „Hältst du wohl die Klappe!! Was meinst du warum ich das Wort buchstabiert habe!?“ fuhr Lordi mich mit glühenden Augen an. Es wäre aber auch wirklich eine verdammt große Dummheit gewesen, den Tiernamen auszusprechen. Wer weiß ob die Ketten des Höllenfürsten einen Kita, der sich für einen Elefanten hielt, überhaupt noch hätten bändigen können.

   „E-es tut mir Leid… kommt nicht wieder vor…“ stotterte ich erschrocken.

   „Ich weiß echt nicht ob ich dir das abkaufen soll, vielleicht ist es doch besser ich lasse ihn erst mal am Boden…“

   „Graarr grarf!“ gab das Manbeast plötzlich von sich und rutschte unter den Ketten am Boden herum. Es war ganz offensichtlich dagegen, noch weiter angekettet zu bleiben.

   „Na gut… aber wehe dir passiert sowas wie eben noch mal, Mensch!“

   „I-ist klar…“ stammelte ich.

Mit einem Zischen lies Lordi die Flammenketten um Kita herum verschwinden, ging dabei aber vorsichtshalber noch in eine Verteidigungsposition. Aber das Biest erhob sich langsam und mit einem leisen Knurren, schaute das Obermonster kurz an und schritt dann gemächlich in Richtung eines Ganges, wobei er mir beiläufig ein Zeichen gab, ihm zu folgen. Ich meinerseits folgte dieser Aufforderung gerne, denn die Laune des Höllenfürsten hatte sich merklich verschlechtert. Mit schnellen Schritten lief ich Kita nach und schon bald waren wir ausserhalb der Sicht von Lordi.

Wir liefen eine ganze Weile still nebeneinander her, bevor mir auffiel dass das Manbeast seit der ganzen Zeit irgendwie bedrückt wirkte und manchmal kaum hörbar traurig seufzte. Warum sollte er auch nicht, nach allem was er mitmachen musste.

   „Geht es dir nicht gut?“ fragte ich besorgt und versuchte in seine Augen zu sehen. Aber Kita drehte den Kopf zur Seite, als er es bemerkte.

   „Ist schon ok, ich bin nur etwas kaputt. Das ist alles.“

Ich glaubte ihm diese Antwort nicht, denn sein Tonfall war gefühllos und er klang sehr mitgenommen. Also hakte ich nach.

   „Das glaube ich dir nicht. Du bist traurig wegen der Eier, das verstehe ich doch vollkommen.“

Auf einmal blieb das Manbeast abrupt stehen und drehte sich zu mir um. Dabei knurrte es wieder, aber es war ein genervt wirkendes Knurren, was in mir starkes Unbehagen auslöste.

   „So, du glaubst also du verstehst mich…das glaube ich nicht. Ich glaube nicht, dass du verstehst wie man sich fühlt, wenn man von seinen Freunden und seiner Familie weggerissen und als Versuchsobjekt für irgendwelche Kriegsexperimente benutzt wird. Ich glaube nicht, dass du verstehst wie es ist, sich als Killermaschine wider Willen durch eine verständnislose, von Unwissenheit verseuchte Welt schlagen zu müssen und ständig gejagt zu werden, obwohl man nur Verständnis, Nähe, Geborgenheit und Freundschaft sucht und nicht findet! Und ich glaube auch nicht dass du verstehst, wie es ist kurz davor zu stehen wieder eine Familie zu besitzen, sogar Kinder zu bekommen, und sie dann zu verlieren bevor du sie überhaupt gesehen hast und wieder allein bist!! Und hast das Gefühl niemanden die Schuld dafür geben zu können, ausser dir selbst!!

UND DAS SOLLST VERSTEHEN KÖNNEN!?!?!“

Die stetig zunehmende Lautstärke, mit der Kita mich anfuhr, bewirkte dass ich mich mit dem Rücken angstvoll an die Wand hinter mir gepresst hatte. Kita stand nun aufrecht vor mir, schnaubte hastig und bebte am ganzen Leib. Sein Blick war aggressiv auf mich gerichtet.

Ich starrte ihn nur mit weit aufgerissenen Augen und kreidebleich an und war bereits kurz davor, einfach schreiend die Flucht zu ergreifen.

Aber dann veränderte sich die Miene des Biestes. Sein Blick wurde wehleidig, er sank in die Hocke, wobei er sich halb an einen Felsen lehnte, und begann schluchzend zu weinen. Als bei mir die Angst verflogen war und ich langsam näher kam, hielt er sich verschämt die Pranken vors Gesicht.

   „Hey, ist schon gut. Ich bin’s mittlerweile gewöhnt hier unten bedroht zu werden.“ witzelte ich. Aber es half nichts. Es führte nur dazu, dass Kita sein Gesicht nur noch mehr versteckte.

Ich konnte ihn aber unmöglich in diesem Zustand lassen. Also kniete ich mich neben ihn.

   „Hör mal. Du bist doch gar nicht alleine. Du hast hier unten doch Freunde, die dich verstehen müssen. Immerhin sind die auch nicht normaler als du. Und wenn du bei den Idioten da oben keine Freunde findest, dann liegt es nur daran dass sie bloß auf deine Erscheinung achten und deine immer noch stark vorhandene, menschliche Seite nicht kennen.“

Langsam begann Kitas Wimmern leiser zu werden und er lies vorsichtig seine Pranken sinken. Ich redete weiter auf ihn ein.

   „Sie denken halt, dass du eine alles tötende Bestie bist und haben Angst vor dir. Aber du bist einfach nur einzigartig. Menschen haben auch Angst vor Lö… ähm, vor L Ö W E N, aber die haben ihr Rudel, genau wie du hier unten deine Freunde hast. Und über ihren gelegentlichen, dummen Fieselleien stehst du drüber. Das hast du mir gezeigt. Und ich bin auch ganz sicher dein Freund und daran wird sich so schnell auch nichts ändern.“ Ich stand auf und ergriff sachte die Klauen Kitas und führte sie von seinem Gesicht weg. Er hatte aufgehört zu weinen und schaute mich nun hilfesuchend an.

   „Na also, ich wusste doch dass du dich nicht so leicht unterkriegen lässt.“ Mit diesen Worten umarmte ich ihn tröstend und begann dabei mit einer Hand seinen Nacken zu kraulen. Das Manbeast tat nichts, es saß einfach nur da und grollte gelegentlich wohlig.

Dann nach einigen Minuten lies ich ihn wieder los.

   „Danke, das war nett von dir.“ sagte Kita nun sichtlich entspannter.  „Lass uns in meine Höhle gehen, du musst dich dringen umziehen.“    

   "Ohja… ähm… ich glaube du hast recht." meinte ich, und blickte unwillkürlich an mir herunter. Eigentlich war mein zerfetztes, blutgetränktes Gewand eine Zumutung, da hatte er Recht.

   "Hmm… daran war wohl ich schuld, oder? Tut mir leid…" entschuldigte sich das Biest, während es sich wieder in Bewegung setzte.

   "Ach wo." wehrte ich ab. "Wenn es nur ein Bisschen Dreck ist, das macht mir nichts aus. Dumm ist nur, dass ich nur noch eine Garnitur zum Wechseln mithabe."

   "Grrff… na ja, du kannst sie doch einfach ein Bisschen auswaschen." schlug Kita vor.

   "Hm… da hast du recht." stimmte ich ihm zu. "Das werd ich machen."

Das Manbeast schlug mit der Faust vorsichtig auf den Stein, der den Eingang zu seiner Behausung öffnete. Ich war einigermaßen überrascht, denn mir war nicht bewusst gewesen das wir bereits so nahe an seiner Höhle gewesen wären.

Auf meine dementsprechende Frage hin, antwortete das Biest nur mit einem kryptischen "Die Grotte hat mehrere Eingänge."

Ich überlegte einen Moment, und kam dann zu dem Schluss das ich die Aussage nicht verstand - zumal wir die Höhle gerade eben durch denselben Eingang betraten den wir bis jetzt eigentlich immer verwendet hatten.

   "Willst du einen Vortrag über das Raumparadoxon hören, oder willst du lieber ein Bad nehmen?" fragte Kita, als er meinen fragenden, verständnislosen Blick sah.

   "Äh…letzteres wäre mir doch lieber." sagte ich.

   „Dann komm mal mit. Die Grotte kann man vor hier auch als Mensch bequem und sicher erreichen, da führt nämlich ein Weg runter.“ erklärte das Biest, und zeigte mir sogleich einen schmalen Pfad, der sich zwischen den zerklüfteten Felsen zu einem anderen, ein wenig niedriger gelegenen Höhleneingang schlängelte.

Kita setzte sich wieder in Bewegung und ich folgte ihm. Auch wenn der Pfad breit genug war zum sicheren Laufen und ich mich an der Felswand festhalten konnte, so hätte ich mich angesichts der Höhe in der ich mich bewegte wohl auf dem Rücken meines Begleiters um einiges sicherer gefühlt.

   „Wir sind da, du Traumtänzer! Pass auf dass du nicht über die Böschung da runter rollst!“ rief mir das Manbeast plötzlich zu. Ich unterbrach meine Gedankengänge und registrierte verblüfft, dass sich Kita schon weiter im Inneren der Grotte befand und ich mich, noch immer vor dem Eingang, auf eine ziemlich steile Felsböschung zu bewegt hatte.

   „Oh, d-danke…“ stammelte ich und lief so schnell wie möglich zum Monster, bloß weg vom Abgrund.

Nach einem kurzen Marsch standen wir in einer urgemütlichen, kleinen Höhle mit leicht gewölbter Decke. Überall aus der Wand ragten bläuliche Kristalle, die mithilfe der dazwischen platzierten Flammenbälle den ganzen Raum in ein gleichfarbiges Licht tauchten. Das Licht brach sich ebenfalls auf der Wasseroberfläche und erschuf einen beruhigenden, seichten Schimmer an der Decke.

Der See an sich war leicht türkis und wunderbar klar, ich konnte sogar bis auf den sandigen Grund sehen.

   „Hrm, ich könnte auch mal wieder ein Bad vertragen…“ hörte ich Kita noch sagen, bevor er blitzartig an mir vorbei sauste und mit dem Kopf voran ins Wasser hechtete.

Und `pflatsch`…schon war ich von oben bis unten durchnässt.

   „Hrhrhr… ups. Na ja, du wolltest die Sachen ja sowieso waschen.“ kicherte das Manbeast auf dem Rücken schwimmend.

   „Stimmt, von daher ist es egal.“ antwortete ich und begann, mir die nassen Klamotten auszuziehen. Bei den Boxershorts stoppte ich allerdings etwas unschlüssig.

   „Was ist? Keine Sorge, ich guck dir nix ab. Ich bin schließlich auch ’n Kerl!“ rief Kita und tauchte im nächsten Moment rückwärts unter. Ich war mir noch immer nicht sicher was ich tun sollte. Aber eigentlich hatte er ja recht. Ich musste mich wirklich nicht unwohler fühlen, als wenn ich im Schwimmbad mit anderen Besuchern im Duschraum stand. So legte sich auch das letzte ungute Gefühl und ich entledigte mich auch dem letzten Kleidungsstück.

Gerade hatte ich es beiseite gelegt, da schoss das Biest plötzlich vor mir aus dem Wasser, packte mich kurzum mit beiden Pranken und warf mich über seinen Kopf in den See. Nachdem ich mit einem erschreckten, aber nicht von Angst erfüllten Schrei im Wasser gelandet und kurz danach keuchend wieder aufgetaucht war, sah ich Kita, wieder kichernd, auf einem Fels am Ufer hocken.

   „Hrhr, tut mir leid. Das konnt ich mir nicht verkneifen. Alles ok?“

   „Pfff…“ machte ich und spuckte noch etwas Wasser aus. „Ja, alles in Ordnung. Ich habe mich nur ziemlich erschreckt.“

   „Na dann ist ja gut…hrhr, Achtung! BOMBE!“ brüllte er auf einmal, sprang aus der Hocke ca. 3 Meter in die Luft und segelte als Kugel zusammengerollt auf’s Wasser zu. 

Im ersten Moment war ich erst einmal zu perplex, um überhaupt zu reagieren. Doch das änderte sich sehr schnell, als ich von einer wahren Flutwelle erfasst wurde, und alle Hände damit zu tun hatte nicht mehr Wasser zu schlucken als mein Magen aufnehmen konnte.

   "Pfrrrrt!" kommentierte ich, als ich mich endlich wieder zur Wasseroberfläche emporgearbeitet hatte, und hustend und spuckend den Kopf hinaus streckte.

   "Hrhrrr!" machte das Manbeast, und paddelte in einiger Entfernung auf dem Rücken liegend um mich herum.

   "Sehr witzig." brummte ich, und trat Wasser. Der See schien hier ganz ordentlich tief zu sein, aber dafür war er perfekt temperiert, besser noch als ein Schwimmbad. Fast wie eine überdimensionale, herrlich warme Badewanne.

Nachdem Kita keinen weiteren Versuch kindlich anmutender Streiche zu planen schien, kraulte ich zum Ufer zurück, und kletterte über die zerklüfteten, vom Wasser rund geschliffenen Felsen aus dem Wasser heraus. Ich schnappte mir meine zerrissene, blutbefleckte Kleidung, und kehrte damit zurück ins angenehm warme Wasser. Während ich begann den verschmutzten Stoff mangels Waschmittel aneinander zu reiben, um zumindest die gröbsten Flecken herauszubekommen, kam das Manbeast wieder angepaddelt.

   "Grlllbbpfss!" blubberte es, und erhob sich dann halb aus dem Wasser. "Warte kurz, ich gehe dir deine anderen Klamotten holen. Die können glaube ich auch einen Waschgang vertragen…"

   "Da hast du recht…" meinte ich "Könntest du mir vielleicht auch gleich meine sauberen Sachen mitbringen, damit ich nachher was zum anziehen habe?" fragte ich, während Kita bereits mit einem einfachen Satz das zerklüftete Ufer erklommen hatte.

   "Klar, kein Problem!" meinte das Biest, und begann sich gleich darauf in Manier eines Hundes kräftig zu schütteln, um das Wasser aus seinem Fell zu bekommen. Das führte dazu dass ich von einer Menge feiner Wassertropfen überschüttet wurde. Ich nahm es allerdings gelassen zur Kenntnis - nass war ich doch ohnehin schon.

Während Kita weg war, beschäftigte ich mich, bis zur Hüfte im Wasser stehend, mit der von Blut und Schmutz geradezu verkrusteten Jeans, und dem zerrissenen, ebenfalls komplett verdreckten Pullover. Ich war überrascht wie gut ich die Flecken tatsächlich herausrubbeln konnte. Zwar blieben noch immer einige Ränder und Schlieren übrig, aber auf den ersten Blick sahen sie binnen kürzester Zeit fast schon sauber aus. Ich beschloss es dabei bewenden zu lassen, denn ich ahnte dass sie bestimmt bald wieder voll Dreck waren.

Ich warf die ausgewaschenen Kleidungsstücke über die zerklüftete Uferböschung nach oben, und ließ mich dann wieder in das warme Wasser zurück gleiten. Mit ein paar kräftigen Zügen beförderte ich mich in einen Teil des Sees wo ich keinen Grund mehr unter meinen Füßen spüren konnte, und streckte dann entspannt alle Viere von mir, um mich auf dem Wasser treiben zu lassen.

Das herrlich warme Nass sorgte dafür dass ich alles um mich herum vergaß. Ich genoss mit geschlossenen Augen die Stille um mich herum, und wunderte mich am Rande, warum Kita noch nicht wieder zurückgekommen war.

Als ich die Augen wieder aufschlug, und mich herumwälzte um wieder ans Ufer zurück zu kraulen, bemerkte ich überrascht dass er mich beobachtete. Er lag bäuchlings auf einer etwas ins Wasser hinaus reichenden Felsenzunge, die linke Pranke ins warme Wasser gestreckt, und blickte mich an. Jetzt wurde mir auch klar warum ich ihn nicht bemerkt hatte - mit dem Kopf halb unter Wasser hätte ich ihn gar nicht kommen hören können…

   "Oh… bist du schon lange wieder da?" fragte ich, und gab mir Mühe meine Überraschung zu verbergen.

   "Ja, ich wollte dich nicht stören." antwortete das Biest, und ließ sich mit einer eleganten Drehung von dem Felsen herunter ins Wasser gleiten. "Dein Gewand hab ich übrigens mitgebracht." sagte er, und deutete dabei auf eine tiefe Einbuchtung in den Felsen die das Ufer darstellten. "Ich habs dir dort hingelegt. Das Saubere hab ich in dem Regal beim Eingang gelassen."

   "Danke." sagte ich.

   "Keine Ursache." Das Manbeast paddelte ohne Hast ein Stückchen in den tieferen Bereich des Sees, und tauchte dann unter, nur um einige Meter weiter prustend wieder hochzukommen und die Prozedur gleich noch einmal zu wiederholen.

Ich grinste schief, und wandte mich dann meinen schmutzigen Klamotten zu. Mit ein bisschen Körpereinsatz hatte ich es binnen kürzester Zeit geschafft sie wieder einigermaßen ansehnlich zu machen. Ich warf sie nacheinander zu den anderen Sachen ans Ufer hinauf, als Kita wieder angepaddelt kam.

   "Du kannst das Zeug dort hinten in der Ecke auf den Steinen ausbreiten." meinte er. "Dort trocknen sie am schnellsten, die Felsen sind dort nämlich ganz warm."

   "Echt?" fragte ich.

   "Na klar, siehs dir doch an!"

   "Ok…" murmelte ich, und kletterte die Felsen hoch. Oben angekommen wrang ich das triefend nasse Gewand zuerst einmal gründlich aus, ehe ich mich mit dem Arm voller nasser Klamotten in die zerklüftete Ecke bewegte in die Kita gezeigt hatte.

Schon von weitem spürte ich die Wärme auf meiner nackten Haut, die zweifelsohne von den bizarren Felsformationen ausgestrahlt wurde. Als ich probeweise die Hand auf das Gestein legte, zog ich sie schnell wieder weg. Die Felsen waren wirklich heiß!

Vorsichtig, um nicht zu oft in Berührung mit dem heißen Gestein zu kommen, und mich dabei womöglich noch zu verbrennen, breitete ich meine nassen Klamotten über die kleine bizarre Felslandschaft aus. Diese Steine mussten tatsächlich in etwa so wirken wie ein natürlicher Wäschetrockner.

Nachdem ich alles ordentlich ausgebreitet hatte, kehrte ich wieder zum Wasser zurück. Zuerst wollte ich mich vorsichtig über die Felsen hineingleiten lassen, aber dann siegte doch das Kind in mir. Ich nahm einen kurzen Anlauf, und sprang.

Als ich nur noch Millimeter von der Wasseroberfläche entfernt war, brach plötzlich Kita aus derselben hervor, und packte mich mit beiden Klauen um die Mitte. Ich keuchte mehr überrascht denn ängstlich, als mich das Manbeast breit angrinste (zumindest wusste ich das die eigentlich furchterregende Grimasse die er dabei schnitt ein Grinsen darstellen sollte), und mich dann herumdrehte um mich mit dem Kopf voran ins Wasser zu tunken.

   "Blb! Hrk!" hustete ich, als ich um mich schlagend wieder zur Wasseroberfläche zurückkehrte.

   "Hrhrrr!" lachte Kita.

   "Na warte…" knurrte ich, und beförderte ihm mit einem gezielten Schlag einen Schwall Wasser direkt ins Gesicht. Das Biest zeigte sich jedoch davon nicht wirklich beeindruckt, und schleuderte mich mit seiner Antwort, die aus nichts geringerem als einer kleinen Flutwelle bestand, gleich ein paar Meter zurück.

   "Pfrt!"

   "Hrhrr!"

   "Unfair!" murrte ich gespielt beleidigt.

   "Hrhrr! Noch eine Runde?"

   "Nein danke, ich verliere ja doch wieder…" sagte ich, und grinste dabei breit. Fürs erste hatte ich genügend Wasser geschluckt.

   "Ok." brummte das Manbeast, und wollte sich gerade wieder rücklings ins Wasser zurück gleiten lassen, als es plötzlich den Kopf schief legte und zu lauschen schien.

   "Was ist?" fragte ich, während ich mit langsamen Schwimmbewegungen auf ihn zu pflügte.

   "Frrrrt!" befahl Kita, und ich verstummte Augenblicklich. Mit gerunzelter Stirn, was ihn dank der neuen Verhornungen nur noch furchterregender aussehen ließ, schien er sich auf ein Geräusch zu konzentrieren, das allem Anschein nach nur er vernehmen konnte.

Auch ich lauschte gespannt, aber außer dem leisen Murmeln des Wassers konnte ich nichts hören. Vorläufig. Denn kurz darauf, als sich Kita gerade mit einem eleganten Sprung aus dem Wasser beförderte, hörte ich ein dumpfes Grollen, und gleich darauf identifizierte ich die genervt klingende Stimme Lordis.

   "Wo steckst du schon wieder?" hörte ich den Höllenfürsten rufen, während ich von einem Schauer aus feinen Wassertropfen überschüttet wurde als sich Kita ausgiebig schüttelte.

   "Gragraul! Gruaff!"  machte das Biest, und bewegte sich zum Eingang der kleinen Seegrotte hin. Aus einer reinen Instinkthandlung heraus, ging ich vorsorglich hinter der ein Stückchen in den See hineinragenden Felsenzunge in Deckung. Dabei stützte ich mich, parallel zum Ufer bis zum Hals im Wasser liegend an dem buckligen, glattgeschliffenen Gestein unter mir ab. Ein tiefer Einschnitt im Gestein sorgte dafür dass ich, wenn ich mich um wenige Zentimeter nach vorne schob, sogar einen Teil dessen beobachten konnte was in der Höhle vor sich ging. Und in diesem Moment marschierte auch schon das Obermonster persönlich in mein Blickfeld.

   "Da bist du ja! Was versteckst du dich hier unten?"

   "Gruaff? Krrr garaul grarff!" bekundete Kita.

   "Naja, auch wieder wahr." brummte Lordi, dann verschwanden die Beiden aus meinem Blickfeld. Ich veränderte meine Position ein wenig, um vielleicht doch noch einen Blick auf die Beiden zu erhaschen um meine berufsbedingte Neugier die ich einfach nicht ablegen konnte zu stillen, aber es gelang mir nicht. Also verharrte ich in der Stellung, und hoffte insgeheim dass sie bald wieder in mein Sichtfeld traten.

   "Das da hab ich dir von Enary mitgebracht." hörte ich den Höllenfürsten sagen. "Sollte eigentlich passen."

   "Gruograrr. Grff!"

   "Sehr schön."

   "Grarr."

   "Also gut, du weißt warum ich da bin. Also machen wirs kurz."

   "Gruff… Ggroarr hrrgrarr krr garrrroll grfz?"

   "Du kennst die Abmachung."

   "Gruargrumm? Groooll graruff hgrarg?"

Eine Bewegung erregte mein Aufsehen, und ich bemerkte gleich darauf dass es Kita war, der rückwärts gehend wieder in mein Blickfeld kam. Seine Körperhaltung verhieß gespannte Ablehnung, und versetzte mich in Alarmbereitschaft. Ich erstarrte, und konzentrierte mich darauf meine Atmung möglichst flach und geräuschlos zu halten. Allem Anschein nach war hier eine Auseinandersetzung im Gange, in die ich wohl besser nicht hineingezogen werden wollte.

   "Bleib da!" forderte Lordi, und bewegte sich, da er dem sich vor ihm zurückziehenden Biest folgte, nun auch wieder in mein eingeschränktes Blickfeld.

   "Garaugrr!" knurrte Kita gereizt. Er befand sich schon gefährlich nahe an dem Abgrund, in den ich zuvor sehenden Auges fast gelaufen wäre, wenn er mich nicht rechtzeitig gewarnt hätte.

Als er mit den Hinterpranken an die Felskante gelangte, stoppte er, und begann sein Rückenfell zu sträuben, während er mit den Pranken nervös und aggressiv am Boden scharrte. Sein Blick ging in Richtung des Ausgangs, doch diesen hatte das Obermonster in weiser Voraussicht kurzerhand mit seiner beeindruckenden Präsenz versperrt.

   "Willst du es unbedingt auf die harte Tour?" fragte Lordi, und verschränkte die Arme vor der gepanzerten Brust. Dabei fiel mein Blick auf etwas das der Höllenfürst in der Hand hielt, und an dem sich der gereizte Blick des Manbeasts festgesogen hatte. Es war eine kurze und dicke, ziemlich widerstandsfähig aussehende Kette, an der ein schmales, nicht minder stabil wirkendes Schloss hing.

Ich brauchte keine allzu große Phantasie, um zu wissen was das war. Ein neues Halsband.

   "Grrrr!" grollte Kita, und bleckte herausfordernd die Zähne.

Ich musste mich zusammenreißen um nicht dem Reflex nachzugeben aus meinem Versteck hervorzuspringen, und mich schützend vor ihn zu stellen. Zumal dass eine wirklich dämliche Idee war, weil ich absolut keine Chance gegen ein wütendes Monster hatte, und es auch überdies rein gar nichts an der Sache ändern würde - außer vielleicht das ich mir dabei mindestens eine tödliche Verletzung einhandelte. Angespannt und mit unter Wasser zu Fäusten geballten Händen verfolgte ich die weiteren Geschehnisse.

   "Also?"

   "Grrarrf. Grooarr gruff krrgrr krargh?"

   "Nein."

   "Groarrgraul? Grugroarr?"

   "Das ist jetzt auch nicht mehr nötig."

   "Hrffgrr? Gragroarr hrrgrarr kruoar grr." fragte Kita, und trat unruhig auf der Stelle.

   "Ich will das nicht noch einmal erleben."

   "Grffgruff?"

   "Ja."

   "Grarr?"

Statt einer weiteren Antwort, streckte der Höllenfürst lediglich auffordernd die Hand mit dem Halsband aus, und sandte gleichzeitig einen fragenden Blick aus. Das Manbeast zögerte, und bewegte sich dann aber langsam und vorsichtig auf Lordi zu. Misstrauisch und mit noch immer gesträubtem Fell beäugte es die Kette in der Hand des Obermonsters, und schnüffelte kurz daran, ehe es wieder einen schnellen Schritt rückwärts tat.

Ich rechnete schon fast damit das Lordi die Gelegenheit nützen, und sein Mitmonster mit einem durchschlagenden magischen Trick überwältigen würde um ihm das Halsband anzulegen, doch nichts dergleichen geschah. Die Beiden standen einige Zeit einfach nur da, und starrten sich aus einer Entfernung von weniger als zwei Schritten an.

Dann tat Kita etwas das mich überraschte. Sein Fell glättete sich von einem Moment auf den anderen, und er tat einen langsamen, stockenden Schritt auf Lordi zu. Mit einem leisen, ergebenen "Grff…" senkte er vor dem Höllenfürsten den Kopf, und ließ sich widerstandslos das Halsband anlegen.

In mir kämpften Unverständnis und ein Anflug von Wut um die Vorherrschaft. Warum musste ihm Lordi unbedingt wieder ein Halsband anlegen? Und vor allem, warum tolerierte das Manbeast diese erniedrigende Behandlung überhaupt?

Ich musste mich ein weiteres Mal mit Macht beherrschen, um nicht aus meinem Versteck hervorzuspringen, und das Obermonster augenblicklich zur Rede zu stellen, selbst wenn es, außer das ich mir damit Probleme einhandelte, rein gar nichts brachte.

In diesem Moment tat auch der Höllenfürst etwas das ich nicht erwartet hätte. Er legte einen Arm um Kita, und zog ihn zu sich heran. Es war eine freundschaftliche, fast warmherzige Geste Lordis, die das Biest erwiderte, indem es ihn ebenfalls umarmte. Das war wieder einer dieser Momente, in denen ich rein gar nichts mehr verstand.

Ich konnte die Beiden nur mit mehr oder minder verständnislosem Blick beobachten, während sich Kita neben dem Obermonster auf die Hinterpranken niederließ, und sich mit genüsslichem Grollen im Nacken und am Rücken kraulen ließ. Lordi indes ließ mit leisem Knacken und Rumpeln, dem eine leichte Erschütterung folgte die ich im Wasser deutlich spüren konnte, einen Teil des Felsenbodens unter ihm sich heben, bis das eine Art natürliche Sitzgelegenheit entstand.

Auf dieser ließ sich der Höllenfürst nun nieder, während er gleichzeitig weiterhin mit beruhigenden, fast zärtlichen Bewegungen über das Fell seines Mitmonsters strich. Der Blick den ihm Kita dabei zuwarf, war für mich undeutbar. Doch er schien alles andere zu sein, als feindselig oder ablehnend.

   "Der Mensch kann übrigens ruhig aus dem Wasser rauskommen, ich hab für den Moment nicht die Absicht ihn zu fressen." hörte ich Lordi plötzlich sagen. "Ich hab schon gegessen." Das Herz plumpste mir augenblicklich in die nicht mehr vorhandene Hose. Er wusste dass ich hier war?!

   "Grffz?" fragte Kita.

   "Wenn seine Klamotten hier rumhängen, kann er ja nicht weit sein, oder?"

   "Gragraul."

   "Na also, wo steckt er dann? Ersoffen wird er wohl nicht sein."

Ich seufzte leise, und gab meine Deckung auf indem ich mich erhob. Innerlich bereitete ich mich schon darauf vor das mir gleich gehörig der Kopf gewaschen wurde.

   "Na also."

Mit nervös zitternden Fingern kletterte ich über die hier zwar niedrige, aber tückisch schlüpfrige Felsböschung nach oben. Dort angekommen räusperte ich mich erst einmal verlegen, als mir bewusst wurde das ich ja noch immer nackt war.

   "Sieht nicht nach einem dringenden Fall für's Fitnesscenter aus." kommentierte Lordi trocken, während er mich mit einem abschätzenden Blick maß. Ich wusste ja dass ich mich mit meiner Statur durchaus sehen lassen konnte, aber es war mir mehr als unangenehm das ausgerechnet in so einer Situation, und noch dazu von einem Monster zu hören.

   "Hm… hättest du vielleicht was zum Abtrocknen für mich?" fragte ich peinlich berührt, und mit hochrotem Kopf.

   "Na klar!" meinte Kita, war mit einem schnellen Satz bei dem Regal neben dem Eingang, und warf mir gleich darauf ein Bündel zu. Ich fing es auf, und wunderte mich im ersten Moment wie schwer das vermeintliche Badetuch war - bis ich es ausrollte. Es hatte die Ausmaße einer Decke die locker für zwei Personen gereicht hätte!

   "Äh… ich will ja nicht nerven… aber hättest du vielleicht etwas in meiner Größe?" fragte ich vorsichtig, während ich mich noch mit dem überdimensionalen Badetuch abmühte.

   "Grrff… ups. Entschuldigung!" meinte das Biest, und griff nach einem anderen, deutlich kleiner aussehenden Bündel im Regal, und warf es mir zu. "Ich glaube das ist besser."

Als ich das Tuch ausrollte, erwies es sich immer noch als etwas groß, aber zumindest hatte es annähernd die Ausmaße eines normalen Badetuchs. Ich rubbelte mich schnell ab, und band mir das Tuch dann um die Hüften, wo es bis über die Waden hinab reichte. So fühlte ich mich zumindest wieder etwas wohler.

   "Äh ja…" sagte ich, und räusperte mich noch einmal verlegen. Dann ließ ich mich kurzerhand auf den unordentlichen Haufen des Riesen-Badetuchs nieder, weil ich mir irgendwie dämlich dabei vorkam in der Gegend herumzustehen.

 

Kita hatte sich wieder neben Lordi niedergelassen, und schien es zu genießen von den langen Klauen des Höllenfürsten gekrault zu werden. Etwas scheu streifte ich das neue Halsband mit einem flüchtigen Blick, und registrierte doch etwas überrascht dass es nicht straff saß, wie ich erwartet hatte. Die stabile Kette lag locker um den mächtigen Hals des Manbeasts, sodass sie schon mehr wie ein Schmuck wirkte. Aber es blieb noch immer eine Fessel aus der sich Kita selbst nicht befreien konnte.

Ich beobachtete die Beiden einige Zeit, und dabei kam mir wieder der Ausspruch Lordis in den Sinn. 'Wir sind hier unten eine Gemeinschaft, auch wenn es für dich nicht so aussehen mag.' Während meiner Unterhaltung mit dem Höllenfürsten hatte ich dieser Aussage nicht so viel Gewicht zufallen lassen da meine Gedanken viel zu sehr um alles mögliche Andere gekreist waren, doch nun begann ich über diese Worte zu grübeln.

Je länger ich die beiden Monster beobachtete, desto mehr begann ich zu erfassen das es doch so etwas wie Respekt und gegenseitiges Vertrauen zwischen den Bewohnern hier unten geben musste. Und erst jetzt wurde mir bewusst, wie tief die Freundschaft zwischen dem Höllenfürsten und den Manbeast die hier so offen zur Schau gestellt wurde gehen musste. Besonders nach allem was alleine in den letzten beiden Tagen geschehen war…

Ich begann mich zu fragen ob auch Andere die sich hier herunter gewagt hatten, und nie zurückgekehrt waren, ähnliche Erfahrungen gemacht hatten wie ich. Ich bezweifelte zwar das sie so wie ich live bei der Eiablage eines Monsters dabei gewesen waren, aber hatten auch sie die Monster von einer so persönlichen, ja, fast intimen Seite gesehen, wie ich? Waren sie vielleicht gerade deswegen nie zurückgekehrt, weil sie Dinge gesehen hatten die nicht für die Augen eines Menschen bestimmt waren?

Im gleichen Moment wusste ich mit unerschütterlicher Sicherheit, dass ich nicht mehr lebendig zurückkehren würde. Seltsamerweise erfüllte mich dieser Gedanke aber nicht mit Furcht. Es war als ob ich auf das Schicksal eines Anderen blickte, nicht auf mein eigenes.

Mein Blick kehrte von dem endlosen Schweifen über die Felsformationen, auf die das Wasser hinter mir zuckende Reflexionen warf, wieder zurück zu den beiden Monstern. Lordis Blick ging in die Ferne, und auf seinem Gesicht lag fast so etwas wie ein Lächeln, während das Biest die Augen geschlossen hatte, und die Behandlung seines Mitmonsters sichtlich genoss. Wenn es noch einen Beweis gebraucht hätte was für tiefe Gefühle hier im Spiel waren, dann wäre er spätestens jetzt endgültig erbracht gewesen. Aber gerade deswegen verstand ich noch weniger, warum Kita wieder ein Halsband aufgezwungen wurde.

   "Warum ist es dann noch immer nötig?" fragte ich schließlich, als ich es einfach nicht mehr zurückhalten konnte.

   "Hm?" fragte das Obermonster abwesend.

   "Es ist mir egal ob mich das etwas angeht oder nicht, aber ich will das jetzt wissen. Warum wieder ein Halsband?" sagte ich fest, und bemühte mich dem Blick, den Lordi jetzt wieder mir zuwandte, standzuhalten. Wider erwarten gelang es mir sogar.

   "Ich dachte das hätte ich bereits erklärt." meinte Lordi. "Was verstehst du daran nicht?"

   "Ich bin doch nicht blind." sagte ich. "Ich sehe dass euch beide eine Freundschaft verbindet. Es muss doch auch noch einen anderen Weg geben!"

   "Es gibt keinen." sagte Kita plötzlich leise, und in sanftem Tonfall als würde er mit einem Kind reden. "Jeder muss seinen Platz im Leben finden. Es kommt nur darauf an wie man mit seinem Schicksal umgeht."

   "Wie man damit umgeht… und nicht ob man sich damit abfindet." ergänzte Lordi, während er weiterhin über das weiche Fell des Biests strich.

Ich starrte die beiden Monster einen Moment lang sprachlos an, dann klappte ich meinen offen stehenden Mund wieder zu als mir bewusst wurde wie dumm ich dreinschaute. Ich hatte nicht erwartet derart weise Worte aus dem Mund eines Monsters zu hören. Das nannte man wohl ein klassisches Vorurteil.

   "Ich verstehe es trotzdem nicht." gab ich zu.

   "Dann Bete dass du niemals erfahren wirst, was er angerichtet hat." hörte ich plötzlich eine Stimme flüstern. Ich drehte mich erschrocken um, doch da war niemand. Einzig der Blick des Höllenfürsten ruhte noch immer auf mir, und ich begriff dass es seine Stimme war, die direkt in meinen Gedanken erklang. Das Manbeast saß unberührt davon neben ihm, und genoss weiter seine Rückenmassage.

   "Aber, äh…"

   "Klappe!" fuhr mich Lordi unter normalem, sprich, ziemlich lautem Gebrauch seiner Stimmbänder plötzlich an, und legte den Kopf schief als würde er lauschen. Ich musterte das Obermonster verwirrt, und wollte schon wieder zu einer Frage ansetzen, da ich nämlich rein gar nichts hören konnte.

   "Die machen WAS?" schrie er urplötzlich, sodass ich zusammenfuhr. Kita hielt sich eine Pranke vor den Mund, und begann mit einem Mal verhalten zu kichern, während meine Miene zusehends weiter ins Unverständnis abrutschte. Was war jetzt wieder los?

   "Die sind ja schlimmer als die Karnickel!" schimpfte Lordi, während er sich schwungvoll erhob. "Nichtmal eine halbe Stunde alleinlassen kann man sie! Alles muss man selber machen!" Mit diesen Worten startete er durch, und war im nächsten Moment mit einem Donnerschlag verschwunden.

 

  "Hä?" machte ich, da mir in dem Moment absolut nichts Besseres einfiel. Die so plötzlichen wie unvorhersehbaren Stimmungsschwankungen der Monster waren mir nach wie vor suspekt.

   "Hrg! Mpfgrr! Hrrrhrhrrrr!" Mein Blick fiel auf Kita, der sich inzwischen auf dem Boden wälzte, und dabei mit einer zur Faust geballten Pranke auf den Boden schlug. Es sah so aus als ob er mit einem Lachkrampf kämpfen würde.

   "Was ist denn jetzt wieder los?" fragte ich.

   "Mpf… gruoarr! Hrhrrrr!" gab das Manbeast statt einer Antwort von sich, und schüttelte sich vor Lachen. Ich zuckte seufzend die Achseln, wickelte mich in die riesige Badetuch-Decke ein, und wartete bis sich Kita wieder beruhigt hatte.

   "Hrhrrr! Die Beiden treiben's ganz heiß - auf dem Küchenherd!" kicherte er.

   "Was? Wer?" fragte ich verwirrt.

   "Na wer schon! Enary und Kalma natürlich! Hrhrrr!"

   "Die machen WAS?" ächzte ich genau wie Lordi

   "Anstatt die Party vorzubereiten sind sie ganz in sich versunken - und treiben's auf dem Küchenherd!" wiederholte Kita. "Hrhrr! Heiß, nicht?"

   "Äh... ja… aber woher…?"

   "Amen, der alte Spanner, hat's doch gerade allen brühwarm erzählt." kicherte das Biest

   "Hä? Wie erzählt? Der war doch gar nicht hier?! Wie soll das gehen?"

   "Ach so… ich hab ja ganz vergessen das du ein Mensch bist, grffz. Gut, ich könnts ja auch nicht hören, wenn nicht Lordi dafür gesorgt hätte. Es ist einfach eine kleine Spielerei von den ganzen Zauberpaten."

   "Aha. Das heißt ihr könnt euch untereinander unterhalten, ohne das jemand anderes was davon mitkriegt?"

   "Ja, so ähnlich. Die Anderen zumindest, ich kann es nur hören."

   "Ah, alles klar." sagte ich. Ich wunderte mich schon gar nicht mehr darüber.

   "Ich geh noch eine Runde ins Wasser. Kommst du mit?"

   "Hm… eher nicht, ich werd hier draußen bleiben."

   "Ok."

Das Manbeast schlenderte gemächlich an mir vorbei, und ich kam ein weiteres Mal nicht umhin die kräftigen Muskelpakete zu bemerken, die bei jedem Schritt deutlich erkennbar hervortraten. Mit einem geschmeidigen Satz katapultierte er sich aus dem Stand heraus kopfüber ins Wasser, das platschend über ihm zusammenschlug. Ich beobachtete ihn vom Ufer aus, als er einige Meter weiter wieder auftauchte, und dann begann auf dem Rücken paddelnd gemächlich einige Runden zu drehen. Das Halsband schien er gar nicht mehr zu bemerken.

Mit auf dem Knie aufgestütztem Kinn sah ich ihm einige Zeit zu, dann ließ ich mich nach hinten Sinken. Ich zog mir das zur Decke umfunktionierte Badetuch wieder zurecht, verschränkte dann die Arme hinter dem Kopf, und starrte dann das Felsgewölbe an das über mir schwebte.

Es dauerte gar nicht lange, da hörte ich auch schon das Geräusch von tropfendem Wasser und das leise Schaben von Klauen auf dem Felsboden, als das Manbeast wieder aus dem kleinen See stieg. Als er sich das Wasser aus dem Fell schüttelte landeten ein paar Wasserspritzer auf meinem Gesicht, die ich in einer automatischen Bewegung wegwischte.

Dann ging er zu dem aus dem Felsen gehauenen Regal neben dem Eingang, und nahm sich eines der Riesen-Badetücher, mit dem er sich gründlich abzurubbeln begann. Auch wenn ich darauf vorbereitet war, war es doch einfach bizarr anzusehen wie sich jemand wie Kita mit einer solch selbstverständlichen Normalität menschlich benahm.

Nachdem er sich abgetrocknet hatte legte er sich gemütlich neben mich, wobei er, genau wie ich, das große Badetuch als Unterlage benutzte. Nur, das ich mich zusätzlich noch in das Tuch komplett einwickeln konnte, während er gerade einmal darauf liegen konnte. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich wie er sich mit einer Hand an die rechte Seite griff, und dabei schmerzvoll das Gesicht verzog.

   "Alles in Ordnung?" fragte ich automatisch.

   "Ach, es ist nichts. Es tut bloß ein bißchen weh. Ich muss wohl irgendwo etwas abbekommen haben."

   "Hmm…" machte ich.

   "Erzähl doch mal was von dir." meinte Kita unvermittelt, während er mit einer seiner Klauen seine nassen, wirr herunterhängenden und zu Strähnen verklebten Haare durchkämmte. "Ich kenne ja noch nicht einmal deinen Namen."

   "Äh… Sebastian." antwortete ich. "Ich heiße Sebastian."

   "Sebraff…" begann das Biest, und brach ab als es sich verhaspelte. "Freba… Sebarrg…" setzte er erneut an, doch seine Stimmbänder schienen vor diesem Namen zu kapitulieren. "Grrrff… tut mir leid." meinte er schließlich verlegen und mit seltsamem, traurigen Unterton in der Stimme.

   "Schon gut." sagte ich. "Dafür brauchst du dich nicht zu entschuldigen." Erst jetzt fiel mir auf, das ich mich innerhalb der letzten Tage schon mehr an die seltsame, knurrend und abgehackt klingende Sprechweise Kitas gewöhnt hatte, als ich gedacht hätte. Wie anstrengend musste es eigentlich für ihn sein, ständig mit mir auf eine Art und Weise reden zu müssen, in der er die Laute unter Anstrengung hinauspressen musste?

   "Hm… sag mal, ist es eigentlich anstrengend für dich in menschlicher Sprache zu reden?" fragte ich.

   "Es geht." meinte das Biest, und zuckte mit den Schultern. "Tut mir übrigens leid das ich nicht früher gefragt habe, nichts gegen dich… Aber bei uns hier wird kein so großer Wert auf Namen gelegt. Bei euch Menschen ist das doch anders."

   "Ach, schon in Ordnung." wehrte ich ab. "Aber apropos Namen… du hattest doch bestimmt auch einen, bevor du… na ja, du weißt schon." Ich blickte Kita fragend an, doch dieser wich meinem Blick zur Seite aus.

   "Ja. Aber ich kann ihn nicht mehr…" begann er, und brach dann unvermittelt wieder ab. Ich erschrak, als ich die Traurigkeit bemerkte die aus seiner Stimme sprach. Hatte ich etwas Falsches gesagt?

   "Reden wir von etwas anderem, in Ordnung?" meinte er leise, während er nervös mit einer Strähne seiner Mähne spielte. "Erzähl doch du mal etwas."

   "Hm… ok. Tut mir leid für die dumme Frage…"

   "Grraul… nein sie war nicht dumm. Es ist nur… ggroll… egal. Erzähl einfach. Hast du eine Familie?"

   "Äh… na ja, nicht direkt." antwortete ich, während ich versuchte mit den Gedankensprüngen des Manbeasts Schritt zu halten. "Ich hab ein paar Verwandte, aber ich lebe alleine."

   "Und wie lebst du so, Oben?" fragte Kita.

Zuerst wusste ich nicht so recht was ich erzählen konnte, aber dann beschloss ich einfach ein wenig über mein Zuhause und meine Hobbys zu reden. Es war eine ungewohnte Situation, mit quasi vertauschten Rollen, denn dieses Mal redete ich, während mir das Biest geduldig zuhörte. Als sich meine zugegeben nicht sehr spektakulären Berichte erschöpft hatten, breitete sich Schweigen aus, und nur noch das leise Murmeln des Wassers war zu hören. Aber es war keine unangenehme Stille.

  

Wir saßen bestimmt noch eine lange Zeit schweigend nebeneinander, und ein jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Irgendwann aber erhob sich Kita schwerfällig, und trottete zu dem Regal neben dem Eingang. Ich bemerkte das er bei der Gelegenheit schon wieder eine Hand auf seinen Bauch presste, wie bereits mehrmals seitdem er wieder aus dem Wasser gekommen war und wenn er sich unbeobachtet fühlte.

   "Hast du Schmerzen?" fragte ich erneut, während ich mich aus dem riesigen Badetuch schälte.

   "Geht schon." meinte das Biest. "Ich bin nur ein bisschen verspannt."

   "Hm... ok, wenn du meinst." sagte ich. Ich gab schon nach den ersten vorsichtigen Versuchen das überdimensionierte Tuch zusammenzulegen auf, und knüllte es kurzerhand zu einem unordentlichen Knäuel zusammen.

   "Du kannst es auch einfach liegen lassen. Ich räum es dann später mal weg." sagte Kita, während er sein eigenes Badetuch einige Male zusammenfaltete, und es dann auf den Boden vor dem Regal, auf zwei bereits dort liegende Handtücher fallen ließ.

   "Ich lege es zumindest zu den anderen." sagte ich, und packte mein zusammengeknülltes Tuch daneben. Dann machte ich das deutlich kleinere, aber noch immer reichlich groß genug ausfallende Handtuch von meinen Hüften los, und faltete es provisorisch, ehe ich es auf den Stapel am Boden legte. Ich musste kurz suchen, ehe ich meine Kleidung fand, die Kita fein säuberlich in einem der Fächer abgelegt hatte.

Als ich gerade in meine Hose stieg, bemerkte ich dass sich auch das Manbeast etwas aus dem Regal gegriffen hatte, das es sich jetzt anlegte. Es war wieder eine Art Lendenschurz, ähnlich dem den er zuvor getragen hatte, und den Kalma endgültig ruiniert hatte. Aber im Gegensatz zu dem abgetragenen, lediglich von einer dünnen, verknoteten Schärpe zusammengehaltenen Stoffetzen den er vorher anhatte, sah dieser nagelneu aus. Er war aus schönem, glänzend schwarzem Stoff gefertigt, und wurde von einem dunklen, relativ breiten Gürtel zusammengehalten, der neben drei Reihen Nieten auch noch eine aufwändig gearbeitete Schnalle aus stilisierten Zähnen aufwies.

   "Sieht toll aus." bemerkte ich anerkennend, während ich mein T-Shirt überzog.

   "Ja, nicht wahr? Den hat Enary für mich gemacht."

   "Ah, das war es was Lordi dir mitgebracht hat…" erkannte ich. "Sieht aber wirklich gut aus. Viel besser als der Alte."

   "Garaul… Naja, der war auch schon ein bisschen mitgenommen. Es war mal wieder an der Zeit für etwas Neues."

   "Hmja… neues…" meinte ich plötzlich wieder nachdenklich. "Sag mal… Ich weiß das hab ich dich schon einmal gefragt, aber stört es dich nicht das du ein Halsband tragen musst?"

   "Man gewöhnt sich daran." antwortete das Biest schulterzuckend.

   "Auch wenn es… Stacheln hat?" fragte ich.

   "Ja, auch dann."

   "Das muss doch furchtbar sein… ständig Schmerzen…" murmelte ich.

   "Nach ein, zwei Jahren spürt man es nicht mehr." meinte Kita.

   "Ein, zwei… JAHRE?" keuchte ich, doch das Manbeast zuckte nur ein weiteres Mal die Schultern.

   "Man gewöhnt sich an alles. Naja… fast alles. Flöhe sind die Hölle."

   "Flöhe?"

   "Ja... grrrgrff… Lordi hat mich damals deswegen sogar zum Tierarzt geschleppt."

   "Zum - äh - Tierarzt?" fragte ich während ich plötzlich gegen ein unvermittelt auftretendes Grinsen zu kämpfen hatte.

   "Ja… grrr! Von dem Kerl war allerdings nachher nicht mehr viel übrig."

   "Kann ich mir vorstellen."

   "Lass uns wieder raufgehen."

   "In Ordnung… hmm, aber wenn wir schon bei Lordi sind… Amen hat etwas in der Richtung erwähnt, das du Lordi und ihm… na ja, wie soll ich sagen, den Hals gerettet hast?"

   "Was, das hat er dir allen Ernstes erzählt?" fragte Kita ungläubig, während er sich in Richtung des Ausgangs in Bewegung setzte.

   "Naja, erzählt würde ich nicht sagen… ich glaube eher es ist ihm so herausgerutscht. Lordi hat nicht so begeistert geklungen, als er erfahren hat dass er es erwähnt hat…" sagte ich, und folgte ihm.

   "Kann ich mir vorstellen." brummte das Biest.

   "Und… hmm… was war da? Oder darfst du nicht darüber reden?"

   "Graff… ich glaube es macht nichts wenn ich es dir erzähle. Komm, steig auf, dann bring ich dich wieder rauf. Dort oben redet es sich gemütlicher."

   "Hmja… und was ist eigentlich mit meinem Gewand?" fragte ich plötzlich, als ich mich wieder der Sachen erinnerte die ich unten auf den heißen Steinen zum Trocknen aufgelegt hatte.

   "Das wird wohl noch ein Bisschen brauchen bis es ganz trocken ist. Du kannst es dir später holen, wo es langgeht weißt du jetzt ja."

   "In Ordnung." sagte ich, und stieg auf. Dabei bemerkte ich wie das Biest unter mir merkbar zusammenzuckte, als ich mit der Fußspitze seine Seiten berührte. Sosehr er es auch bestritt, gab es doch keinen Zweifel daran dass er Schmerzen hatte. Ich überlegte kurz ob ich ihn noch einmal darauf ansprechen sollte, ließ es aber dann doch bleiben. Wahrscheinlich hatte er sich bei dem Gerangel mit den anderen Monstern eine Prellung oder etwas Ähnliches zugezogen.

So legte ich die letzten Meter des ansteigenden Weges der in Kitas Höhle zurück führte auf seinem Rücken zurück. Als es dann über die schwankenden Konstruktionen nach Oben ging, musste ich mich nicht einmal festhalten, so exakt balancierend erklomm das Manbeast die luftige Höhe des Eingangs zu der großen Nische in der er ich untergebracht war.

Dort angekommen holten wir uns Beide erst einmal einige Felle aus den Schlafmulden, die wir über den breiten, sanft ansteigenden Sockel der Felswand, und den Boden davor legten. Dadurch konnten wir, gemütlich nach hinten geneigt, halb liegen und halb sitzen.

   "Also… damals, das kam so…" begann Kita, während er nach einer bequemen Position suchte. "Lordi und Amen wollten mal wieder ein bisschen Spaß haben - in amüsanter Gesellschaft, wenn du verstehst was ich meine."

   "Äh… die beiden?" fragte ich "Wie geht das?"

   "Lordi kann sich und andere für ein paar Stunden mit einem anderen Aussehen tarnen." erklärte Kita. "Und bevor du fragst, das funktioniert nur bei Untoten, nicht aber bei Lebenden."

   "Aha." machte ich. Eine diesbezügliche Frage war mir tatsächlich auf der Zunge gelegen.

   "Also, der langen Rede kurzer Sinn: die beiden haben mal wieder einen auf Götter gemacht, um ein paar Jungfrauen abzustauben. Dabei sind sie in eine ziemlich gemeine Falle getappt."

   "In eine Falle? Von wem? Wie geht das?" fragte ich sofort.

   "Nur die Ruhe, ich erklärs dir. Also, es ist ja nicht so dass niemand wüsste dass wir wirklich existieren, und nicht irgendwie nur Geschichten oder Ammenmärchen sind. Da gibt es durchaus ein paar Spinner die sich in Geheimbünden zusammengeschlossen haben, und die uns ernsthaft an den Kragen wollen. Das an sich wäre ja noch kein Problem, aber diese Verrückten bedienen sich auch der Kräfte der Magie, und haben leider ziemlich gute Forschungsarbeit geleistet. Sie haben Mittel und Wege gefunden wie sie uns gefährlich werden können.

Lordi und Amen haben sie eben eine Falle gestellt, als sie gerade auf der Suche nach ein bisschen Zerstreuung waren. Sie haben sie mit zwei Schwestern aus ihrer Bruderschaft angelockt, um sie dann gefangen zu nehmen."

   "Gefangen?" fragte ich ungläubig. "Amen UND Lordi?"

   "Ja, Beide…" meinte das Manbeast, und wälzte sich ein weiteres Mal in eine bequemere Position. "Sie haben eine Metalllegierung entdeckt die magische Kräfte bannt, und daraus Fesseln hergestellt. Die waren für Lordi bestimmt, und eine der Frauen hat sie ihm während… ähm, ich glaube das brauche ich nicht breitzutreten. Es war ausreichend Alkohol im Spiel - es genügt wenn du dir deinen Teil dazu denkst."

   "Ähm… ja, das ist wohl besser." meinte ich. Es kostete einiges an Überwindung die schmutzigen Phantasien die in dem Moment in mir hochstiegen, zurückzudrängen. "Und Amen?"

   "Amen… ja, irgendwie haben sie es geschafft seine Bandagen unter Kontrolle zu bekommen, damit war er so gut wie hilflos. Du musst wissen, die einzige Möglichkeit ihn effektiv außer Gefecht zu setzen, ist ihn mit seinen eigenen Fesseln zu verschnüren. Aus allem Anderen kann er sich ganz einfach befreien, indem er die Konsistenz von Sand annimmt. Er trägt also das womit man ihn besiegen kann ständig mit sich herum - verrückt, nicht?"

   "Allerdings" murmelte ich.

   "Und was ist dann passiert?" fragte ich, nachdem Kita keine Anstalten machte weiterzusprechen.

   "Grarrf, sie haben sie in eine Festung im Meer verschleppt, und dort eingekerkert." Das Manbeast griff sich ein weiteres Mal an die Seite, und verzog das Gesicht zu einer ärgerlichen Grimasse. Ich wusste nicht ob sich diese auf seine Erzählung bezog, oder auf die Schmerzen an denen er augenscheinlich litt.

   "Nachdem die Beiden nach der vereinbarten Zeit nicht zurückgekommen sind, haben wir uns natürlich Sorgen gemacht. Zwei Tage haben wir nach ihnen gesucht - dann ist einer von diesen Geheimbund-Spinnern aufgetaucht, und hat uns brühwarm erzählt was passiert ist. Dabei hat er auch noch angekündigt dass wir die nächsten sein werden - Kalma wollte ihn daraufhin natürlich sofort auseinander nehmen. Aber der Kerl hatte irgendetwas dabei, eine Art Pulver das er ihm ins Gesicht gestreut hat, das ihn außer Gefecht gesetzt hat."

   "Kalma?" fragte ich ungläubig.

   "Grarr." bestätigte das Biest. "Und zwar gleich für ein paar Stunden. Ich war zum Glück schnell genug ihn zu erwischen, bevor er mich auch damit erwischt hat - dachte ich jedenfalls vorher."

   "Wie meinst du das?" fragte ich.

   "Dazu komme später… Enary und Magnum wollten sofort losziehen diese Verrückten zu suchen, aber ich hab sie überreden können hierzubleiben, und darauf zu warten bis ich sie gefunden habe. Dann bin ich der Spur von diesem Kerl gefolgt - war nicht sonderlich schwer, so wie der gestunken hat, puäh - bis ich dieses Schloss gefunden habe, in das sie die Beiden gebracht haben."

  "Und dann?"

   "Naja, ich hab ein wenig herumgeschnüffelt, weil ich natürlich wissen wollte wo sie sie gefangen halten, damit wir nicht planlos drauflos stürmen, sondern die Befreiung planen konnten. Und ich hab sie auch gefunden… war gar nicht schwer…" Die Stimme des Biests wurde leiser, und ein Ausdruck dumpfer Resignation trat in seine Augen. "Ich musste nur den Schreien nachgehen…"

   "Den… Schreien?" fragte ich. Plötzlich war mir wieder eiskalt, denn ich wusste im gleichen Moment, das Kita damit nicht gemeint hatte das Lordi und Amen unter den Bewohnern der Festung gewütet hätten… Ich schluckte, und zwang mich zur Ruhe. "Was… was haben sie mit ihnen gemacht?"

   "Das weiß niemand…" antwortete das Manbeast "Keiner von ihnen hat je darüber gesprochen was damals passiert ist."

Ich schwieg betroffen, und beschloss nicht mehr weiter zu bohren, denn der Blick des Biests sagte mir  mehr als alle Worte. Er hatte mehr gesehen als er zugeben wollte.

Eine Gesprächspause entstand, in der Kita geistesabwesend seinen augenscheinlich noch immer schmerzenden Bauch massierte. Und ich kämpfte damit mir nicht vorstellen zu müssen, was schrecklich genug war das selbst ein derart mächtiges Monster wie Lordi nicht darüber sprechen wollte. Ich scheiterte schon an der puren Ungeheuerlichkeit des Gedankens.

   "Dann haben sie mich entdeckt." fuhr das Biest irgendwann fort. "Etwa ein Dutzend von ihnen hab ich ausgeschaltet, dann musste ich fliehen, weil es einfach zu viele waren, und sie auch wieder mit diesem seltsamen Pulver angekommen sind. Sie haben gemerkt dass ich alleine war, und haben mich verfolgt. Ich habe keine Ahnung wie sie es angestellt haben, aber kaum hatte ich mich irgendwo versteckt haben sie mich sofort wieder aufgespürt. Tagelang haben sie mich gejagt… bis ich irgendwann nicht mehr die Kraft hatte davonzulaufen."

Gebannt hing ich an den Lippen, oder in Ermangelung selbiger, an den Kiefern des Manbeasts. Es war verrückt und gerade in dieser Situation morbide, aber ich stellte fest dass er ein ausgezeichneter Erzähler war. "Und… dann?"

   "Ich habe gekämpft." sagte er leise. "Alleine gegen dreißig Männer… Dementsprechend viel hab ich abbekommen."

   "Hast du dich dabei schwer verletzt?"

   "Grarr… nein, zum Glück nicht… Aber natürlich haben sie auch wieder mit ihrem k.o.-Pulver angegriffen. Am Anfang konnte ich dem Zeug ausweichen, weil nur ein paar von ihnen damit hantiert haben, oder hantieren durften… keine Ahnung. Vermutlich waren die irgendetwas Höheres oder so. Aber irgendwann haben sie mich dann doch voll erwischt. Ich hab damit gerechnet dass es mir genauso geht wie Kalma - aber komischerweise ist überhaupt nichts passiert."

   "Wie meinst du dass - nichts passiert?"

   "Gruarrgrrr… Es hatte ungefähr soviel Wirkung wie gewöhnlicher Staub - ich musste niesen, aber das wars auch schon. Ich konnte einfach weitermachen ohne dass ich etwas gespürt hätte. Die Kerle die mich angegriffen haben waren daraufhin so perplex, das ich sie dann ganz einfach platt machen konnte. Einer, wahrscheinlich der Hellste von ihnen, wäre mir fast entkommen. Aber ich hab ihn noch erwischt, und die Gelegenheit genutzt ihn ein bisschen auszufragen. Dadurch hab ich dann erfahren, dass dieses seltsame Pulver auch maßgebend dafür verantwortlich war, das es diesen Spinnern gelungen ist Lordi und Amen in ihre Gewalt zu bringen, und sie lange genug außer Gefecht zu setzen, bis sie ihre Kräfte unter Kontrolle gebracht haben. Wie, das hab ich dir ja schon erklärt. Aber sie haben nur mit untoten, magisch begabten Kreaturen gerechnet… nicht mit etwas Lebendem. Deshalb hat es bei mir nicht gewirkt, das war mein Glück."

   "Na zum Glück!" meinte ich aufatmend.

   "Ja, sonst wären wir jetzt vermutlich gar nicht mehr hier."

   "Und dann?"

   "Grapfff… Dann habe ich mir erst einmal ein paar von ihnen genehmigt, um wieder zu Kräften zu kommen - entschuldige dass ich das so direkt sage."

   "Naja, du hast ja recht." sagt ich achselzuckend. "Ich hab mich inzwischen daran gewöhnt das euer Speiseplan ein Bisschen anders aussieht wie meiner."

Das Biest zuckte die Schultern, und fuhr gleich darauf mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen. Ich wollte zu einer Frage ansetzen, doch er kam mir zuvor indem er einfach weiter erzählte als ob nichts gewesen wäre.

   "Als ich mich dann wieder halbwegs fit gefühlt habe, bin ich sofort zu dieser Festung zurück. Ja, ohne die anderen, denn die hätten ja auch gar nichts ausrichten könne, weil sie von diesem Zeug sofort ausgeknockt worden wären. Aber nachdem es bei mir ja keine Wirkung hatte, bin ich da kurzerhand reinspaziert. Was dann war, daran kann ich mich kaum erinnern… Ich war so wütend, das ich einfach alles niedergemacht habe was ich gefunden habe!" Kita ballte eine seiner Pranken zur Faust, und ließ ein dumpfes, drohendes Knurren hören. Doch es ließ mir nur einen vagen Schauer der Furcht über den Rücken laufen, da ich wusste dass es nicht mir gegolten hatte.

   "Leider hab ich nicht alle erwischt, weil ziemlich viele von ihnen geflohen sind. Aber zumindest habe ich es irgendwie geschafft die Beiden zu befreien, auch wenn ich nicht mehr genau weiß wie ich das eigentlich angestellt habe. Genau genommen habe ich gar keine Erinnerung mehr daran wie ich dann mit Lordi und Amen aus der Festung raus bin - ich weiß nur noch das alles gebrannt hat und zusammengefallen ist. Ich habe mir dabei auch ein paar doch recht schwere Verletzungen geholt, aber die Zwei waren in einem noch schlechteren Zustand. Also ist mir nichts anderes übrig geblieben als sie zu tragen. Ich hab es gerade noch so zurück geschafft. Ab dann weiß ich gar nichts mehr…"

   "Und Kalma und die Anderen? Haben sie die etwa ganze Zeit über hier gewartet, bis du zurückkommst, obwohl du so lange weg warst?"

   "Grarr… ja."

   "Hm… das hört sich so an, als ob sie dir sehr stark vertrauen."

   "Ja, das tun sie."

   "Hm… du ihnen auch?"

   "Ich würde jedem von ihnen ohne nachzudenken mein Leben anvertrauen." antwortete das Manbeast ohne zu Zögern, und es klang aufrichtig.

   "Auch… Kalma?" fragte ich vorsichtig.

   "Gerade ihm…" murmelte er mehr zu sich selbst, und presste im nächsten Moment wieder eine Klaue auf seinen Oberkörper "Gaaaaaargh…" stöhnte er gedehnt.

   "Weil du lebst…" sagte ich, kaum das mir der Gedanke gekommen war. "Und er ist der Tod. Das heißt, wenn er wollte, dann könnte er dich ganz einfach -" Ich brach ab, als sich das Manbeast stöhnend krümmte. "Was ist los?"

   "Gnaar, ich… ich weiß es nicht."

   "Du hast Schmerzen." stellte ich fest. "Ich werde Amen holen, in Ordnung?"

   "J- ja… haaaaarg… gruoarr… Warte, ich komme gleich mit…" ächzte er, und erhob sich schwerfällig.

   "Bleib lieber hier, ich bin auch gleich wieder da!" versprach ich ihm. Noch während ich mich schon auf die Strickleiter schwang die vom Eingang in die Tiefe auf einen der vielen Stege der Höhle führte. Ich hatte zwar noch immer ein mulmiges Gefühl in so luftiger Höhe, aber die panische Angst die ich früher empfunden hatte war weg.

Binnen kürzester Zeit war ich so über die diversen abenteuerlichen Konstruktionen am Boden angelangt, und beeilte mich aus der Höhle hinaus zu kommen. Aus einem Reflex heraus schlug ich wieder einmal den Weg zur Küche ein, weil ich genau wusste dass sich im näheren Umkreis dieses, wichtigsten Raumes immer irgendjemand aufhielt.

Während ich zügig dahin ging, überlegte ich mir, wie ich den Monstern am besten beibringen sollte, das Kita schon wieder Hilfe benötigte. Ich erinnerte mich an das Versprechen das mir Lordi am Vormittag gegeben hatte, und zuckte dann die Schultern. Wahrschienlich war es egal wie ich es ihnen beibrachte, denn zumindest heute durften sie mich nicht fressen. Über die nächsten Tage konnte ich mir später auch noch immer Gedanken machen.

Solcherart überlegend, bog ich um die nächste Biegung des Ganges - und fiel der Länge nach hin.

 

   "Verdammt!" schimpfte ich, und spuckte einige Sandkörner aus die zwischen meinen Zähnen knirschten.

Kaum hatte ich mich aufgerappelt, da spürte ich auch schon wie sich etwas Eisiges um meinen Hals legte. Augenblicke später wurde ich auch schon ziemlich derb in die Luft gehievt, und ein grässliches, verfaultes Gesicht rutschte in mein Blickfeld.

   "So, jetzt hab ich dich endlich da wo ich will…" knurrte Kalma, während sich seine graue Hand noch ein Stückchen fester um meinen Hals schloss. Hinter ihm erklang das hämische Gelächter von Amen und Magnum, denen man beiden noch die Nachwirkungen von ihren gestern, bzw. heute Vormittag erlittenen Beschädigungen ansah. Wie es aussah, freuten sie sich geradezu diebisch darüber mich jetzt endlich einmal in die Zange genommen zu haben.

   "Aber wenn ich es doch sage!" beteuerte ich, und rang keuchend nach Luft. "Er hat schon wieder Schmerzen!"

   "Und du meinst im Ernst dass wir dir das jetzt abnehmen?" schnarrte Magnum.

   "Aber warum sollte ich lügen?!" fragte ich mit fast panischem Unterton, und schnappte einmal mehr verzweifelt nach Luft.

   "Ja, warum eigentlich…" fragte Amen plötzlich "Das letzte Mal hatte er doch recht, oder?"

   "Na und?" fragte Magnum.

   "Er hat ihm immerhin wahrscheinlich das Leben gerettet… warum sollte er jetzt lügen?"

   "Ge- genau!" bekräftigte ich.

   "Das spür ich im Urin, wenn der Kerl uns was vorschwindelt!" fauchte Kalma.

   "Als ob du überhaupt noch pissen könntest!" ätzte Magnum.

   "Genau, du hast doch überhaupt keine Körperflüssigkeiten mehr!" setzte Amen nach. "Bloß weil noch was dran ist, muss das noch lange nicht funktionieren!"

   "WAS?" brüllte der Bikerzombie wütend, und bohrte seinen glühenden Blick in die Mumie. "Das musst ausgerechnet du mit deinem erbärmlichen Schrumpelwürstchen sagen?"

   "Schaffst du's denn überhaupt noch deine Verlobte zufriedenzustellen?" ätzte der altägyptische Untote. "Oder geht dir schon die Luft aus?"

   "Wenn's nicht überhaupt nur heiße Luft ist…" warf Magnum hämisch ein.

   "Halt die Klappe du Eunuch, das ist ein Streit unter vollwertigen Männern!" wurde das mechanische Monster von seinen beiden Kollegen fast zeitgleich angefahren.

   "Wie habt ihr mich gerade genannt?" knurrte Magnum wütend.

   "Eunuhuch, Eunuhuuuuuch!" wiederholte die Mumie gehässig.

   "Klappe du notgeiler alter Sack!"

Im nächsten Moment hatten sich die zerfetzten Binden Amens um den Hals des mechanischen Monsters geschlungen, und Magnum seinerseits hatte die Finger seiner rechten Hand in dünne, flexible Schläuche verwandelt, die sich ebenfalls um den Hals seines Kontrahenten schlangen. Mit wutsprühenden Blicken begannen die Beiden miteinander zu ringen.

   "HRRRRGL! HRRRRRCH!" keuchten die beiden Monster, die sich augenscheinlich in einer Pattstellung befanden. Mit einem sirrenden Geräusch erschien in der freien Hand Kalmas wieder die Sense, und in Panik sah ich schon mein Haupt ohne dazugehörigem Körper über den sandigen Boden rollen. Doch der Zombie verwendete die Sense wider erwarten nicht dazu mich mit einem gezielten Schlag zu enthaupten, sondern vielmehr dazu die beiden miteinander ringenden Monster voneinander zu trennen.

   "He, was soll das!" schimpfte Magnum, als seine verlängerten, jetzt abgehackten Finger in den Sand fielen "Die waren ganz neu!"

   "Willst du mir jetzt auch noch meine letzten Klamotten zerschnipseln?" beschwerte sich Amen, als auch seine Binden durchtrennt zu Boden sanken.

   "Warum haltet ihr Streithähne euch nicht an dem da schadlos?" fragte Kalma gehässig, und hielt mich daraufhin wie einen Schutzschild vor sich.

   "Gute Idee. Zuerst erledigen wir den Knilch, und dann kommst du dran, du Lederfetischist!"

   "Genau, dann schnipseln wir mal an deinen Klamotten rum!"

   "Hähä, na komm schon, wenn du dich traust!" lockte Kalma, und hielt mich weiterhin mit ausgestrecktem Arm wie einen Schild vor sich. Zumindest hatte er seinen Griff um meinen Hals wieder ein klein Bisschen gelockert, sodass ich wieder ein wenig Atem schöpfen konnte.

   "A- aber Lordi hat euch doch verboten…" begann ich panisch, als sich die beiden Monster mir in eindeutig mordlüsterner Absicht näherten.

   "Weißt du eigentlich wie verdammt egal mir das ist?" knurrte der Zombie hinter mir gefährlich leise, und schüttelte mich dazu grob. "Deine erbärmliche Seele gehört mir! Was die Beiden da mit deinem Körper veranstalten wird mich nur noch mehr erheitern…"

   "A- aber das könnt ihr doch nicht machen…" wimmerte ich.

   "Und ob wir das… AAAAAAAH! AUAAAA!" Hinter dem Bikerzombie erklang etwas wie ein schwaches Knurren, gefolgt von einem hellen Kläffen. Als ich meinen Kopf vorsichtig zu drehen wagte, und über die Schulter nach hinten schielte, fielen mir beinahe die Augen aus dem Kopf. An Kalmas linkem Fuß hing ein etwa 30 cm großes Ewas das nur aus Schuppen und borstigem Fell zu bestehen schien, und mich mit großen Kulleraugen treuherzig musterte. Seine kleinen Zähnchen hatte es in der Hose, bzw dem Fußgelenk des Zombies versenkt.

   "He, lass meine Hose los du blödes Vieh!" schimpfte Kalma, und versuchte das Tier abzuschütteln. Doch das führte nur dazu dass sich das kleine Vieh mit noch immer treuherzigem Blick mit seinen ziemlich kräftig aussehenden Krallen am Bein des Bikerzombies festkrallte.

   "Hähähähähä!" machten Amen und Magnum fast gleichzeitig. "Mach ihn fertig, Kleiner!"

Ich, der ich noch immer von Kalmas grauer Hand in die Höhe gehalten wurde, schien mit einem Mal nicht mehr interessant zu sein. Ich konnte nicht sagen, dass ich darüber unglücklich war.

   "Lacht nicht so blöd! Macht dieses Vieh ab, und zwar dalli!" knurrte der Zombie, und schoss gleich danach noch ein "AUAAAA!!" hinterher, als sich das kleine Tier noch fester in seine Hose und seine verfaulte Wade krallte.

   "Stell dich nicht so an." schnarrte Magnum. "Du kannst doch gar nichts spüren."

   "Aber das Mistvieh zerlegt meine Hose, du Trottel! Nehmt es WEEEEEEG!"

   "Jaja, beruhig dich du Choleriker." brummte Amen, und griff mit seiner unversehrten Rechten nach dem Wesen das sich anscheinend in Kalmas Bein verknallt hatte. Mit kundigem Griff packte er das kleine Tier im Nacken, und löste es ohne größere Anstrengung von dem Zombie. Dieser streifte seine Hose mit kurzem Blick, und schrie dann wütend auf.

   "DA! Da, seht ihr?! Das Mistvieh hat meine Hose zerrissen! Meine LIEBLINGShose!"

   "Hast ja auch nur die eine." kommentierte Amen trocken, während er das knurrende und zappelnde Schuppen- und Fellbündel von sich weghielt.

Magnum indes klappte ein Lupenähnliches Gerät aus seinem Helm, mit dem er die Hose des Zombies zu untersuchen begann. "Nicht der Rede wert." sagte er schließlich, und fuhr sein Instrument wieder ein. "Das flickt dir dein Schätzchen flott wieder zusammen, darauf möchte ich wetten."

   "Äh… Entschuldigung…" meinte ich vorsichtig.

   "WAS?" Schon im nächsten Augenblick war mein Gesicht nur noch Millimeter von dem des Zombies entfernt, und eine Wolke Verwesungsgestanks betäubte meine Geruchsnerven. "DU bist schuld!"

   "A- aber…"

   "KEIN ABER! Du bist schuld das mir das Mistvieh die Hose perforiert hat! Dafür mach ich dich fertig!"

   "WIFF!" machte etwas ziemlich laut.

Wie auf Kommando wandten sich alle Blicke dem um sich schnappenden Bündel zu, das Amen noch immer am Nackenfell gepackt hielt. Als würde es spüren das sich aller Augen auf es richteten, hörte es plötzlich auf zu zappeln, und blickte die Monster mit riesengroßen, treuherzigen Augen an. Ohne mein Zutun entwich mir ein leises Seufzen ob des irgendwie niedlichen Tiers. An irgend etwas erinnerte es mich…

   "Was ist das da überhaupt?" fragte Kalma, und deutete mit seiner freien Hand auf das Wesen in Amens Hand, das nun leise zu winseln begonnen hatte.

   "Keine Ahnung." meinte Magnum

   "So eine Spezies hab ich noch nie gesehen…" sagte Amen, und zuckte die Schultern.

Mit seiner noch immer etwas beschädigten Linken begann er das kleine Tier zu untersuchen, welches ihn dabei nur unverwandt mit großen Kulleraugen anblickte, und auch noch einige Krokodilstränen herausdrückte. Doch die Monster schienen immun zu sein, gegen die geballte Ladung an Niedlichkeit die ihnen das kleine Wesen entgegenbrachte. Plötzlich durchzuckte mich ein Gedanke.

   "Äh… i- ich glaube ich weiß was das ist…" begann ich.

   "Dann raus mit der Sprache!" fuhr mich Kalma sofort an.

   "Kö- könntet ihr mich vorher nicht…"

   "ABGELEHNT!"

   "O- ok…"

   "Also?"

   "I- ich glaube ich habe so etwas schon einmal gesehen…" sagte ich, und schluckte hart "I- ihr kennt doch bestimmt Nightwish, oder?"

   "Klaro, mit denen sind wir mal aufgetreten." sagte Amen.

   "Scharfe Braut, die Sängerin." meinte der Zombie.

   "Sag das bloß nicht neben Enary." meinte Magnum gehässig grinsend.

   "Was willst du jetzt wieder…" begann Kalma, wurde aber von der Mumie unterbrochen.

   "Was hat das überhaupt mit dem Vieh da zu tun?" wollte Amen wissen.

   "J- ja, also… In einem Video von denen kommt e-etwas vor das genauso aussieht wie das da… nur äh… ein bisschen g- größer."

   "Stimmt, daran erinnere ich mich sogar." meinte das mechanische Monster. "Die hatten doch Lordi gefragt ob er ihnen ein paar Viecher vermitteln kann…"

   "Genau, und die Biester haben ihnen dann die halbe Crew aufgefressen…" kicherte Kalma gehässig "Hatte ziemlich viel Arbeit an dem Tag…"

   "Ähm… ja, und das da dürfte dann wohl ein Junges sein…" schlussfolgerte Amen, während er auf das Wesen nieder blickte, das inzwischen an seinem Daumen zu nuckeln begonnen hatte. "Ziemlich jung sogar noch." korrigierte er.

   "Wo kommt das her?" fragte Magnum. "Die gibt’s doch bei uns gar nicht."

   "Ist doch egal… Hauptsache man kann's essen!" warf Kalma ein.

   "Genau, das ist bestimmt noch ganz zart und weich, genau richtig für deine morschen Zähne!" ätzte Magnum.

   "WAS?" brüllte der Zombie. "Komm her du, dir werd ich…" Im nächsten Moment hatte mich Kalma auch schon achtlos fallen gelassen, um sich auf das mechanische Monster zu stürzen. Mit metallischem Krachen landeten die beiden Kontrahenten am Boden, und begannen dort knurrend miteinander zu ringen.

   „Hört doch mal auf mit dem Mist!! Das hält ja keiner aus!!“ brüllte die Mumie.

Im nächsten Moment wurde die Streiterei jedoch vom Auftauchen Enarys unterbrochen, die mit einer Art Bademantel bekleidet, nassen Haaren und wütendem Gesicht aus einem Gang auftauchte und dabei ziemlich laut den Namen des Zombies rief.

   „KALMA!!! DU NICHTSNUTZ, WO ZUM… DA BIST DU JA!!!“

   „Was? Ich, äh…“ brachte Kalma verwirrt hervor und rappelte sich wieder hoch.

   „Ich hab gewonnen!“ triumphierte Magnum.

   „Hast du nicht, das war mindestens ein Unentschieden!“ Der Bikerzombie wollte sich gerade wieder auf das mechanische Monster stürzen als…

   „Och, ist der süüüüüüüüüüß!!!“ kam es plötzlich von der Walküre, die nun auch das kleine Etwas in Amens Hand entdeckt hatte. „Das is ja ein niedliches kleines Ding, ich will’s mal haben. Gib her.“ Mit einem flinken Griff hatte sie der Mumie das kleine Biest abgenommen und hielt es jetzt wie ein Baby im Arm.

   „Ohh, hallo du putziges kleines Tierchen du. Bist ja richtig knuffig, am liebsten würde ich mit Sahne bestreichen und dir eine Kirsche auf den Kopf setzen. Aber du bist auch schon so süß genug, kille, kille, kille…“

   „Weff, weff…hrmmm“ machte das Kleine als die Walküre begann, es am Bauch zu kraulen und kuschelte sich in ihre Arme.

   „Hey, Moment. Was soll das?“ mischte sich Kalma ein.

   „Was regst du dich denn so auf? Als ob ich das niedliche Ding nicht hätte sehen dürfen…aha, jetzt verstehe ich.“

   „Hä? Also…ich…“ stammelte der Zombie.

   „Und ich dachte schon, dass du unseren Jahrestag vergessen hast! Aber dann kommst du mir mit so einem süßen Geschenk an, du bist der Beste mein Schatz!“ Freudig lächelnd drückte Enary das Fell-Schuppenbündel an sich.

   „Was? Ach, JA GENAU! Alles Gute zum Jahrestag, Liebling!!“ rief Kalma mit einem verlegenen Lächeln.

Magnum und Amen zogen verständnislos eine Augenbraue hoch und kommentierten die flüchtige Rettung der Lage von Kalma nur mit einem besserwisserischem „Hmm?“.

   „Tja also, wo waren wir? Ach ja, beim Menschlein…“ stellte der Untote fest und wandte sich mit einem Mix aus Mordlust und Wahnsinn in den Augen wieder zu mir um.

   „GRRAAAUUURROOO!!!!“ ertönte es plötzlich hinter Enary und Kita erschien mit stockendem, fast gezwungenem Gang aus der gleichen Abzweigung, aus der sie zuvor gekommen war. Seine Mimik war noch immer vom Schmerz versteinert und gequält.   

  "KALMA!" schimpfte Enary sofort. "Was hast du schon wieder mit dem armen Schnuffelchen aufgeführt? Los, RAUS MIT DER SPRACHE!"

  "Äh… a-aber ich…" stotterte der Zombie verdattert. Ich nützte die Gelegenheit in der Kalmas Aufmerksamkeit gerade nicht auf mir lag dazu, mich rückwärts von ihm fortzubewegen, bis ich mit dem Rücken an eine Wand stieß.

   "REDE! WAS HAST DU GEMACHT!" schimpfte die Walküre, und ich registrierte überrascht das sich Kalma tatsächlich unwillkürlich duckte.

   "A- aber ich hab doch überhaupt nichts getan…" verteidigte sich der Bikerzombie. Er wirkte dabei fast ein wenig kleinlaut, das war das erste Mal das ich den ständig polternden Kalma so sah.

   "Hör mal Enary, dieses Mal kann unser Sensenschwinger wirklich nichts dafür." kam ihm Amen überraschend zu Hilfe.

   "Und wer hat Kita dann schon wieder so zugerichtet?" fragte die Verlobte des Zombies scharf. "Er hat Schmerzen, das sieht man doch!"

Und damit übertrieb die Walküre keinesfalls, denn das Manbeast konnte sich kaum noch auf dem Beinen halten. Schwer atmend, vor Schmerzen zitternd und sich mit einer Hand auf der Wand aufstützend starrte es die Gruppe seiner Mitmonster Hilfe suchend an.

   "Bestimmt hat der da schon wieder was damit zu tun!" meinte Kalma, und wies mit seinen verwesten Fingern auf mich. "Der klebt dieser wandernden Kauleiste doch ständig an den Beinen!"

   "Dieser Schwächling da? Nie im Leben!" mischte sich Magnum ein. Einerseits war ich froh darüber, andererseits empfand ich die Worte des mechanischen Monsters doch auch als Beleidigung. Aber ich hielt vorsorglich meinen Mund, um diesen Wahnsinnigen nicht noch mehr Gründe zu liefern, dass sie morgen wieder die Jagd auf mich eröffneten wollten.

   "Und wer soll's dann gewesen sein?" fragte Enary.

   "Hm, vielleicht sollte ich ihn zuerst mal untersuchen…" murmelte Amen, und ging auf das Manbeast zu. Dieses wollte zuerst vor der Mumie zurückweichen, schien es sich aber dann doch anders zu überlegen, und blieb gekrümmt stehen, eine der Klauen auf seinen augenscheinlich schmerzenden Brustkorb gepresst.

   "Wiff!" machte das kleine Tier in den Armen der Walküre, und begann zu strampeln.

   "Ach, du willst wohl runter mein Kleiner…" meinte Enary sanft, und setzte das Junge vorsichtig auf den Boden "Aber nicht weglaufen!"

   "Grouarr… ooouh…" stöhnte das Biest, während der altägyptische Untote mit kundigen Griffen Bauch und Brustkorb seines in letzter Zeit Dauerpatienten abtastete.

   "Tja… da ist eigentlich soweit ich beurteilen kann alles in Ordnung… aber da ist etwas… hmm… das kann eigentlich nicht sein."

   "Garaul? Gruff?"

   "Ich weiß nicht so genau… fühlt sich irgendwie an wie…" murmelte die Mumie, und drückte vorsichtig zu.

   „GRAAAAAUL! GRAAAAAR!“ brüllte das Manbeast und schlug aus. Amen, der diese Reaktion schon kommen gesehen hatte, konnte trotzdem nicht mehr rechtzeitig ausweichen, und wurde von den Pranken Kitas von den Füßen gerissen und durch die Luft geschleudert. Mit einem dumpfen Geräusch landete die Mumie an der gegenüberliegenen Wand, und ich erwartete schon ihn wieder einmal langsam auf den Boden herunter rutschen zu sehen. Doch das geschah nicht.

   „Ach mist…“ murrte die Mumie, und verschränkte, kopfüber an der Wand hängend, die Arme vor der Brust. Jetzt sah ich auch, was den altägyptischen Untoten an der senkrechten Fläche hängen bleiben ließ, denn aus seinem Unterbauch ragte ein verrostetes Teil das ich erst nach mehrmaligem Hinsehen als Fackelhalter identifizierte. "Das hast du ja wieder toll hingekriegt. Vielen herzlichen Dank auch."

   "Grrrf… ups." machte das Manbeast verlegen.

   "HAHAHAHAHA!" ließen sich Kalma und Magnum vernehmen. Auch Enarys Mundwinkel hatten zu zucken begonnen, aber die Walküre schluckte das Lachen das ihr zweifellos auf der Zunge lag gekonnt hinunter.

   "Sowas würd ich mir ja nie an die Wand hängen!" spottete der Zombie.

   "Vielleicht kann ihn Kita als Kratzbaum brauchen?" meinte das mechanische Monster.

   "Haltet die Klappe!" fauchte Amen. "Und du, hol mich gefälligst wieder runter da!"

   "Grraul.."

   "HÄHÄHÄ!"

Meine Aufmerksamkeit wurde abgelenkt von dem kleinen bizarren Tier, welches mich inzwischen für sich entdeckt hatte, und begonnen hatte an meiner Hose zu schnüffeln. Jetzt begann es an meinem Schuh zu knabbern, und ich hoffte nur inständig dass es nicht die Absicht hatte seine Zähne in meinem Fuß zu versenken so wie es das bei Kalma getan hatte. Denn im Gegensatz zu dem Zombie war ich nicht immun gegen Schmerzen. Zum Glück schien das Interesse des niedlichen, aber nichtsdestotrotz mit kräftigen Beißerchen ausgestatteten Wesens an mir genauso schnell wieder nachzulassen wie es begonnen hatte, und es trottete nach einem traurigen Blick auf meinen angekauten Schuh in Richtung des Manbeasts davon.

   "Nun sag schon, Amen! Was hat er?" fragte Enary, während die Mumie gerade von Kita wieder auf die Beine gestellt wurde.

   "Genau, sag uns gefälligst was dieses überdimensionale Schoßhündchen hat, anstatt nur komische Andeutungen zu machen!" forderte Kalma ungeduldig.

   "Also ich kapier es ja selbst nicht…" begann Amen, während er stirnrunzelnd eine vertrocknete Darmschlinge die sich selbstständig gemacht hatte wieder zurückstopfte, und dann eine seiner Bandagen darüber zog. "Aber es sieht ganz danach aus als ob…"

   "Wiff! WAWAWAFF!" ließ sich plötzlich das begeisterte Kläffen des kleinen Tiers vernehmen. Wie auf Kommando richteten sich alle Augen auf Kita, um den das bizarre Wesen herum sprang.

   "Grrff?" machte das Manbeast fragend, und ließ sich langsam und unter Schmerzen wieder auf alle Viere herab. Das Babymonster schlüpfte behände zwischen den Pranken des Biests durch, und sprang mit weit heraushängender Zunge unter Kita auf und ab.

   "Weff! Wiff!"

   "Ach, ist es nicht süß…" seufzte Enary entrückt.

   "Graur…" brummte das Biest leise, und glitt mit langsamen Bewegungen seitwärts zu Boden. Das kleine Wesen stürzte sich sofort mit begeistertem Kläffen auf Kita, und begann an ihm herumzuschnüffeln. Wenig später begann es irgendwo im Bereich des Oberbauchs des Biestes zu nuckeln.

Fassungslos standen die Monster und ich da, und starrten das Manbeast und das kleine bizarre Tier an das jetzt laut zu schmatzen begonnen hatte. Ich hatte nicht die mindeste Ahnung was in den Köpfen der anderen Monster jetzt wohl vorgehen mochte, doch ich für meinen Teil fühlte mir nun endgültig jeglichen Bezug zur Realität zu entgleiten. Das war… VERRÜCKT!

   "Grugroarr, grarrf? Grrr!" knurrte Kita. Obwohl er in seiner eigentümlichen Monstersprache gesprochen hatte, brauchte ich keinen Übersetzer um zu wissen was er gesagt hatte. Das er etwas in der Richtung 'Was glotzt ihr so blöd?' von sich gegeben hatte, war nicht unbedingt schwer zu erraten gewesen.

   "Das… das is'n Scherz, oder?" fragte Kalma, der als erster seine Sprache wieder fand, verdattert. "Das… GEHT doch gar nicht!"

   "Doch." meinte Amen trocken. " Und ich glaube er hat es adoptiert."

   "WAS?" entfuhr es allen gleichzeitig.

 

 

[...]

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