Kapitel II – Tief im Wüstensand

 

 

Leomahr wusste dank einer Karte von Lankram, wo sich die Gefängnisse befanden.

Doch wusste er auch, dass die Zirkelmagier dieses Wissen auch bereits besaßen.

Lankram hatte Leomahr sein Anwesen in den hohen Norden mit all seinem Besitztümer hinterlassen und so suchte Leomahr nach Hinweisen dafür, wer der erste Gefangene war. Nach tagelangem Suchen in der Privatbibliothek seines verstorbenen Meisters entdeckte er eines Nachts einen Auszug aus dem Tagebuch Lankrams, der sehr interessant erschien. Folgendes war dort verewigt:

 

Zweimal wegen Mordes falsch beschuldigt und bestraft.

Beim ersten verlor er sein Leben, doch gewann er nicht den Tod.

Beim zweiten wurde er wieder dort eingesperrt, wo er einmal befreit.

Nun ist sein Seele dort, wo ich sie stehen gelassen habe.

Sein Name eine Legende, sein Wesen ein Triumph.

Vergangenheit des Amon und Zukunft des Amen.

Ein und derselbe sie sind, doch einer in Vergessenheit geriet.

Diener des Anubis und sein Vollstrecker.

Die Magie als Gefährte er hat, doch des Schwertes Freund er war.

 

„Seltsam“ dachte sich Leomahr. „Das hier ist wie ein Rätsel… Er muss entweder Amon oder Amen heißen… Diener des Anubis? Das war doch ein Gott der Alten Welt, wenn ich mich nicht irre. Also kommt er aus dem Wüstengebiet, dass bedeutet, dass das erste Gefängnis im Tal des Schlafes sein muss.“

Mit Eile packte Leomahr verschiedenes in einen Rucksack ein, so als wollte er lange verreisen.

Mit einem Rucksack auf dem Rücken begab er sich in das Gewölbe des Anwesens. Der Eingang dahin wurde von einem Bücherregal verborgen. Durch das Ziehen eines Buches bewegte sich das Regal unter lautem Poltern zur Seite. Eine in Stein gehauene Treppe führte nach unten. Um etwas zu erkennen, nahm er eine Fackel mit. Die Dunkelheit wich dem Licht der Fackel. Die Luft in diesem Gang war feucht und kalt. Quietschende Geräusche waren ab und zu zuhören. Die Stiefel waren nass von den Pfützen, die gelegentlich auftauchten. Die Luft wurde immer modriger je tiefer es ging. Viele Gänge und Abzweigungen wurden passiert, bis Leomahr vor einer Eisentür stand.

Sie war massiv und ein wenig mit Pflanzen überwuchert. Beim Öffnen gab es ein Quietschen, doch das war nichts Ungewöhnliches. Es offenbarte sich eine große Grotte, in der hier und da Kristalle aus der Decke sprossen. Ein Portal aus Stein war inmitten des Raumes, das nirgends hinführte.  Um zu diesem Portal zu gelangen, musste man eine Treppe hochgehen. Vor dieser Treppe war ein Pentagramm mit vielen Symbolen im Boden eingraviert. Leomahr stellte sich inmitten des Pentagramms und mit erhobenen Händen fing er an zu sprechen.

 

„Tief im Wüstensand ist es verborgen, das Ziel, das ich mir erhoffe. Tiefe Ströme der Kraft leiten mich dahin. PORTALIS APRIUM!!!“

 

Während er die Formel sprach, kamen azurblaue Lichter aus dem Pentagramm heraus und gingen zum Portal über. Als würde ein Orkan toben, wehte seine Robe durch die Luft. Seine Augen, zuvor noch hellgrau und schön, wurden ein Zucken aus Blitze. Das Pentagramm färbte sich hellgrau und ein weißblaues Wabern war nun zwischen den Steinsäulen des Portals zu sehen. Der Wind legte sich und die Lichter erblassten. Das Portal war nun offen, aber Leomahr füllte sich sehr schwach. Sein Meister hatte ihm bereits gesagt, dass der PORTALIS sehr anstrengend sei. Doch er hatte keine Zeit zu verlieren und so betrat er ohne zu zögern das Portal. Es war ein seltsames Gefühl. Kaum hatte er sein Gesicht hindurch, war selbiges schon an einem anderen Ort. Er fühlte Sand unter seinen Stiefel und konnte noch Sanddünen erkennen, da der Mond hier besonders hell zu sein schien. Doch es war ungewöhnlich kalt. Obwohl er in der Wüste war, fror er. Es war sehr still. Nicht einmal der Wind schien hier zu sein. Es gab kein Gras und kein Getier, das Geräusche von sich gab. Nur Stille in der unendlichen Tiefen der dunklen Nacht.

 

„LUMINIS ILLUMINARE“, flüsterte Leomahr. Ein weißblaues Licht erschien auf seiner rechten Handfläche und erleuchtete die Umgebung. Das Gefängnis zu finden war das einzige, was er noch im Kopf hatte. Er folgte stundenlang den Anweisungen der Karte und hoffte, dass die Zirkelmagier nicht in der Nähe lauerten. Als die Karte das Ende der Sucherei kündete, schaute Leomahr auf. Er stand vor einer riesigen Sanddüne. Am Fuße der Düne war ein Eingang zu erkennen. Runde Säulen hielten den Eingang offen. Doch was er gerade erblickte, ließ ihn einen Moment die Luft anhalten: Vor dem Eingang waren drei Gestalten zu erkennen. Eine davon schien Licht auf ihrer Handfläche zu tragen.

„Verdammt! Sie sind schon hier. Mmmmhhh… Sie gehen rein, das bedeutet, ich bin noch nicht zu spät“, vermutete Leomahr und löschte das Licht in seiner Hand, um nicht entdeckt zu werden.

Als die Gestalten das Grab betraten, rutschte Leomahr die Düne hinunter und folgte leise den Gestalten. Er folgte einem dunklen Gang in die Tiefen. Der Geruch von Moder wurde stärker. Ihm schien, es als wären Stunden vergangen, bis er ein Licht erkannte, das wohl den Zirkelmagier gehören musste. Nun konnte Leomahr genau erkennen, wer die Gestalten waren. Ein Zirkelmagier in weißer Robe, gefolgt von zwei Männern, die völlig mit Eisenrüstungen gepanzert waren.

„Sie haben sich Unterstützung vom Ritterorden der Ordnung geholt“, schoss es ihm durch den Kopf, als er das Wappen der Ritter erkannte. Eine Waage auf purpurnem Hintergrund. Sie schienen einen großen Steinsarkophag zu bestaunen, der mit allerlei Symbolen und Runen versehen war. Inmitten des Sarges befand sich ein Edelstein in der Öffnung. „Das Siegel!“, erkannte Leomahr. Er versuchte zu hören, was die Gestalten denn beredeten.

„Sobald ich das Siegel entfernt habe, müsst ihr sofort zuschlagen. Er wird nicht sehr viel Kraft haben“, sagte der Magier im weißen Gewandt. Leomahr konnte sehen, wie sich der Magier dem Sarkophag näherte. Er wartete, bist das Siegel entfernt worden war. Der Magier hatte einige Mühe, das Siegel zu entfernen. Leomahr konnte nun, nachdem der Magier vorgetreten war, die Kammer genau betrachten.

Es war eine recht kleine Kammer und die Wände bestanden aus Gestein in einer sandigen Farbe. Auch der Steinsarkophag hatte diese Farbe. In den Ecken waren zwei Becken zu sehen, und Leomahr vermutete Wasser darin.

„Geschafft!“, triumphierte der Magier, als er das Siegel herauslöste. Jetzt dürft ihr ihn richten!“

„Ihr werdet ihn nicht vernichten können“, rief Leomahr mit seiner ruhigen Stimme und trat hervor.

Überrascht von Leomahrs Stimme drehte sich jeder um.

„Dich kenne ich doch!“, stellte der Magier fest. Leomahr konnte Verwunderung in den braunen Augen des recht kleinen Magiers erkennen. Dieser hatte einen geflochtenen Bart aus braunen Haaren und sein Gesicht erinnerte an das einer Schlange. „Du warst doch beim Rat und hast gedroht, die Hinrichtung zu verhindern!“

Leomahrs Augen änderten die Farbe und wurden golden wie die Sonne.

„Genau das, was ich jetzt machen werde“, sagte Leomahr mit kalter Stimme.

„Das werden wir noch sehen, Grünschnabel“, drohte der Magier und richtete seine Handfläche gegen Leomahr. Dabei sprach er die Worte „ARUNDO FLAMMA“. Wie aus dem Nichts erschien ein Flammenstrahl aus der Hand des Magus, gerichtet auf Leomahr.

Leomahr erkannte die Gefahr und reagierte sofort. Beide Hände von sich weisend sprach er die Formel „REFLECTIO MAGIA“ aus. Prompt prallte der Strahl gegen eine unsichtbare Mauer und flog in die Richtung eines Ritters.

Ein Schmerzensschrei war zu hören und der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllte die Luft.

Einer der Krieger war auf die Knie gegangen und hielt seine Hand vor die Brust.

„Wie kann es sein, dass du dieses Spruch beherrscht! Dieser Spruch ist selbst für mich zu schwer!“, versuchte der Magier zu sagen, ohne dabei seine Verwunderung preiszugeben.

„Ich beherrsche recht wenige Spruche, doch die, die ich beherrsche, sind mächtig. Ich habe nicht so wie du versucht, soviel wie möglich zu lernen, sondern habe mich auf das Wenigste konzentriert“, antwortete Leomahr. Er schien wie verändert. Eine deutliche Kampfeslust durchflutete seine Falkenaugen.

„Trotzdem wirst du untergehen. Wir sind zu dritt und du alleine!“, rief der Magier siegessicher.

„Ich korrigiere, zwei gegen drei“, antwortete Leomahr mit mörderischem Lächeln auf den Lippen.

Bevor der Magier begreifen konnte, was er damit meinte, spürte er einen stechenden Schmerz in seiner Brustgegend. Er fasste hin und spürte eine warme Flüssigkeit. Als er seinen Kopf senkte, sah er, dass seine Hände mit Blut beschmiert waren. Seinem Blut. Er konnte noch eine Klinge erkennen, die aus seine Brust ragte, bevor alles dunkler und sein Blick glasig wurde. Seine letzten Gedanken erloschen in der Dunkelheit, bis selbst das Leben sein Körper verließ.

Leomahr sah jetzt, wie die Klinge aus dem Körper gezogen wurde und der Magier zusammenbrach.

Vor ihm stand ein Wesen dem eisigem Blick wie der eines Toten. Sein Gesicht war teilweise mit Bandagen versehen. Die Kinnhaut fehlte vollkommen und er war gekleidet wie ein König. Lankram hatte von solchen Königen erzählt. Er nannte sie Pharaone. Doch dieser hier schien mehr ein Krieger zu sein. Bevor Leomahr fertig denken konnte, bewegte sich die Gestalt mit dämonischer Geschwindigkeit auf die Ritter zu. Ein kurzer Aufschrei war zu hören, danach nur Stille. Blut strömte über den Boden. Beide Ritter waren zusammengebrochen. Ihre Rüstungen waren mit nur einem einzigen Stich durchbrochen worden. So etwas hatte Leomahr noch nie gesehen. Er hatte nicht einmal den Angriff gesehen.

Diese Gestalt wollte wieder attackieren.

Doch sie brach sofort ab, und mit einer trockenen und kalten Stimme fragte sie:

„Deine Augen… Sie ändern ihre Farbe… Du bist keiner von ihnen… Was hast du hier gesucht?“

Zuerst zögerte Leomahr doch schließlich.

„Ich bin hierher gekommen, um deine Hinrichtung zu verhindern. Die Ablenkung hat perfekt geklappt.“ Er schaute sich die Gestalt noch einmal genauer an, bis er wieder fortfuhr.

„Meine Augen ändern ihre Farbe je nach Gefühl, das ich empfinde.“

„Hinrichtung? Unmöglich, wir haben den Mord nicht begangen, es können keine Beweise da sein“, sprach die Gestalt, zwar immer noch in kaltem Tonfall, aber dafür ein wenig energischer.

„Es gibt auch keine Beweise… Mein Meister Lankram ist ermordet worden… Damit ist auch das Versprechen gestorben, das die Hinrichtung verhinderte“, sagte Leomahr mit Trauer in seiner Stimme. Es war seltsam, in diese Kammer zu stehen und mit diesem Wesen zu reden. Nun konnte er auch die Lichtquelle in diesem Raum ausmachen: Es waren Öllampen. In Gedanken war er bei seinem Meister, als dieser starb. Seine letzten Worte gingen ihm noch einmal durch den Kopf. Doch seine Grübeleien wurden von einem Geräusch unterbrochen. Die Gestalt hatte wieder ihre Waffe erhoben.

„Dein Meister ist Lankram!“, grollte das Wesen. „Dieser verfluchte Magier hat uns eingesperrt! Gib mir einen Grund, warum ich dich am Leben lassen soll!“

„Weil du ohne mich die andere nicht retten kannst!“, antwortete Leomahr mit nicht geringerer Lautstärke. „Ohne mich hätten sie dich vernichtet! Ich sage nicht, dass du mir einen Gefallen schuldest, aber ein Danke würde auch ausreichen! Mein Meister hat Beweise gefunden, die eure Unschuld beweisen, doch bevor er sie vorzeigen konnte, wurde er ermordet! Er hat mich geschickt, um euch zu retten, und das ist der Dank?!“ Doch bevor Leomahr weiter etwas sagen konnte, ließ die Kreatur ihre Waffe sinken.

„Deine Augen… sie färben sich rot…“, meinte die Gestalt in beinahe lässigem Ton. „Es ist eine Spur deiner Wut und deiner Ehrlichkeit, nicht war?“, fuhr das Wesen fort.

Leomahr war verblüfft. So schnell hatte es bisher keiner geschafft, seine Gefühle allein durch das Beobachten seiner Augen zu erkennen. Dann begann er mit Unsicherheit zu reden.

„Ähm ja… Wir müssen hier weg, bevor ein Aufklärungstrupp hierher kommt. Unterwegs werde ich dir alles erklären …“ Leomahr hielt inne. Er beobachtete das Wesen und seine Reaktion. Doch zu seiner Überraschung sagte dieses:

„Amen. Mein Name ist Amen.“

„…Ja…Amen… Also, Amen, mein Name ist Leomahr und wir sollten jetzt gehen.“

„Ich werde dir folgen, Leomahr“, antwortete Amen.

„Da habe ich aber doch eine Frage, wenn du erlaubst“, setzte Leomahr an. „Woher hattest du das Schwert?“

„Das war bereits bei mir, als ich aufgewacht bin… Ich weiß nicht, woher“, stellte Amen fest.

Doch Leomahr war sonnenklar, wer die Waffe dahin gelegt hatte.

Und so gingen sie den Gang nach oben in die Freiheit, wo das Morgenlicht sie bereits erwartete.

 

 (c) XES_Hunter 2006