Kapitel III – Gesang der Einsamkeit

 

 

Als Leomahr und Amen am Eingang der Gruft standen, wurden sie von den warmen Strahlen der Morgensonne empfangen. Es war ein Segen, der in die Herzen sprang.

„Nach langem darf ich wieder die Sonne erblicken“, sagte Amen mit seiner sonst so kalten Stimme. Doch es war keine Kälte zu spuren, es war vielmehr ein zufriedenes Geflüster. „Ich habe wirklich vergessen, wie wunderschön sie sein kann, die Sonne. Es ist so, als würde die Wärme mich neu aufleben lassen.“

„Einsamkeit und Kälte… in jedem Traum dasselbe… Schreie… Zerstörung… Verzweiflung…“, flüsterte Leomahr geistesabwesend. Seine Augen schienen glasig zu sein und er bemerkte nicht, was um ihn herum geschah. Der Gedanke, dass Amen Jahrhunderte lang in der Dunkelheit verbracht hatte, hatte Leomahrs eigenen Ängste ausgelöst. Nein, es war viel mehr als Angst. Es war eine Erinnerung.

„Was faselst du da?“ Die schwere und emotionslose Stimme von Amen holte ihn zurück in die Wirklichkeit.

„Wie? ...Oh…Entschuldige, ich war abwesend“, antwortete Leomahr verlegen.

Amen bohrte auch nicht weiter nach und wechselte das Thema.

„Ich habe gesehen, wie du gezaubert hast, und ich muss sagen…das war nicht schlecht.“

„Danke.“ Nun war Leomahr endgültig überrascht. Er hätte nicht erwartet, dass Amen zu solch einem Kompliment fähig wäre. „Doch die Kampfmagie ist nicht mein Gebiet. Ich bin eher ein Spiritist.“

„Ein was?“, fragte Amen diesmal wieder mit seiner gefühlslosen Stimme. Durch das Morgenlicht konnte Leomahr ihn genauer unter die Lupe nehmen. Amen strahlte beim ersten Blick so etwas wie blanke Furcht aus. Seine fehlende Unterkieferhaut und die ganzen Verbände verstärkten diesen Eindruck. Doch Leomahr entdeckte auch Ehre und Anmut in Amens Gestalt, aber auch Trauer und Rache in seinen Augen. Leomahr wandte sein Gesicht sofort von Amens Augen ab.

„Beinahe wäre es wieder passiert!“, dachte er sich und versuchte diesen Gedanke sofort zu verdrängen. Es war schon öfters vorgefallen, dass er in fremde Gedanken hineingesehen hatte, doch immer ohne Absicht. Er wusste nicht einmal, warum er so was konnte.

„Bist du noch da? Ich habe dir eine Frage gestellt!“, sagte Amen mit Ungeduld.

„Oh…Ja… Also, ein Spiritist ist eine Person, die die Mächte der Natur- und Elementargeister verwendet. Besser gesagt in Anspruch nimmt, denn diese Mächte kann man nicht kontrollieren.“

Die Antwort rutschte ihm nur so raus. Erst zu spät bemerkte er, dass Amen nun mehr wusste als die restliche Welt zusammen. Nur sein Meister hatte gewusst, dass er die Gabe hatte, mit diesen Geistern zu reden.

„Seltsam“, entgegnete die Mumie. „Von solch einer Zauberei hab ich nie was gehört.“

„Es ist auch keine Zauberei, sondern eine Gabe“, erklärte Leomahr. „Jetzt sollten wir aber in die Gänge kommen, bevor jemand uns noch entdeckt.“

Das Tal war ruhig. Überall wehte der Sand vom feinen Wind. Alles strahlte golden von der Morgensonne. Selbst der Eingang des Grabes schien jetzt einladender zu sein. Am Himmel waren keine Wolken zu erkennen. Amens Stimme unterbrach die Ruhe.

„Wohin sollen wir überhaupt gehen? Ich werde bestimmt nicht irgendwohin ziellos fliehen!“

„Werden wir auch nicht. Am besten gehen wir dahin, wo ich hergekommen bin. Dort werde ich ein Portal öffnen, das uns direkt zum Anwesen meines Meisters führt“, erklärte Leomahr der Mumie. „Von dort aus kann ich neue Kräfte sammeln und mehr über das zweite Gefängnis herausfinden. Du kannst dich so lange ausruhen.“

„Ausruhen?“, fragte Amen mit Sarkasmus in der Stimme. Was glaubst du habe ich die letzten 200 Jahre gemacht?“

Sarkasmus hätte Leomahr von der Mumie nicht erwartet. Ohne eine Antwort von sich zu geben, fing er an, in eine Richtung zu laufen. Amen schien es nicht zu stören und folgte ihm stumm. Sie wanderten über verschiedene Dünen.

Der Sand und der Wind zauberten ein Schauspiel, das für nicht aufmerksame Augen verborgen blieb. Leomahr konnte aber die Gestalten erkennen, die dort tanzten. Sie waren aus Sand und Wind.

„Wüstengeister“, dachte Leomahr mit Sehnsucht an diese Gestalten. Sie schienen so fröhlich zu sein. Ihre geschmeidigen Bewegungen strahlten inneren Frieden aus. Sie schienen so gebrechlich zu sein und doch von Macht durchflutet. Gerne hätte er mit in diesen Tanz eingestimmt und alle Sorgen vergessen. Eins mit der Natur zu sein, welch herrliches Gefühl. Durchflutet von Wärme und von Licht.

An diese Erfahrung konnte er sich nie gewöhnen. Schon früher war er Teil dieser Gefühle geworden. Jedes Mal, wenn er die Geister um Beistand anrief, konnte er Teil werden von dieser Vollkommenheit.

„Warum bleibst du stehen und schaust verträumt in diese Richtung? Da ist nichts.“ Es war wieder Amens Stimme. Das Eisige in seiner Stimme schien nun zu schmelzen. Vielleicht lag es daran, dass er nicht mehr in einer Gruft eingesperrt war. Leomahr hatte nicht bemerkt, dass er stehen geblieben war.

„Es ist nichts“, antwortete er. Doch die Trauer war nicht zu überhören. „Gehen wir weiter.“

Wieder fragte die Mumie nicht weiter, sondern folgte stumm dem Magier. Dann brach er das Schweigen zum wiederholten Mal.

„Welche Waffe benützt du, wenn deine Kraft nicht mehr zum zaubern ausreicht?“

Leomahr antwortete nicht, sondern warf seinen Mantel zurück. Die Sicht auf seinen Arm wurde frei. Ein Eisenring war um sein Gelenk befestigt. Von dort aus ging eine Klinge, die wie eine Teufelsschwinge aussah, vom Eisenring bis zum Oberarm. Solch eine Waffe hatte er auch auf der anderen Hand, dort sah es aber aus wie eine Engelsschwinge. Dies schien Antwort genug zu sein, denn die Mumie blieb stumm. Es verging einige Zeit bis Leomahr die Stelle erkannte, wo zuvor noch das Portal gewesen war.

„Hier war es“, sagte er mit Gewissheit. „Hier war das Portal. Gib mir ein wenig Zeit und ich werde es wieder öffnen. Hoffe, dass meine Kraft noch ausreicht.“

„Wenn deine nicht ausreicht, kann ich dir mit meiner helfen“, gab Amen kühl von sich.

Leomahr hatte total vergessen, dass in dem Rätsel die Magiebegabtheit von Amen erwähnt wurde.

„Das wäre eine große Hilfe!“, strahlte Leomahr. Ihm kam es vor, als hätte er seit Jahrzehnten nicht mehr so gestrahlt. Aber warum jetzt? Vielleicht, weil seit längerem keine guten Neuigkeiten kamen. Aber vielmehr glaubte er, dass es an der Hilfsbereitschaft Amens lag. Es war lange her, dass jemand seine Hilfe angeboten hatte. Er war lange einsam gewesen. Sein Meister war oft zu beschäftigt gewesen, um mit ihm etwas zu unternehmen. Er hätte bei diesen Worten Freudentränen weinen können, sosehr hatte ihn die Einsamkeit verletzt.

„Sag mir was ich machen muss“, sagte Amen verblüfft, als er die Freude in das Gesicht des Magiers sah.

Schnell zeichnete Leomahr ein Pentagramm in den Sand. Dieses war groß genug für zwei.

„Stell dich hier rein und gib mir deine Hand. Den Rest erledige ich“, sagte er freundlich gestimmt.

Amen beäugte ihn erst misstrauisch, schließlich folgte er den Anweisungen.

Als Amen sehr dicht bei ihm war, schoss ein Gedanke durch Leomahrs Kopf.

„Seltsam… Er riecht nicht nach Verwesung…er riecht nach nichts…aber jedes Geschöpf hat einen Geruch.“

Doch er hörte auf darüber nachzudenken. Er konzentrierte sich auf den Spruch.

„Da, wo ich herkam, will ich nun schwinden. Kraft, banne mir den Weg dahin.

PORTALIS APRIUM.“

 

Der Vorgang wiederholte sich, nur schien Amen sehr überrascht über die Lichter und den Wind zu sein. Auch für Leomahr änderte sich etwas. Durch die Bindung konnte er Amens Nähe deutlich spüren.

Es war so, als würde er wieder ein Kind sein. Ein Kind, das nach Geborgenheit suchte. Er fühlte sich von Amen beschützt. Nichts und niemand konnte ihn nun aus der Ruhe bringen. Dafür war die Wärme, die von der Bindung ausging, viel zu stark. Doch alles verflog von einem Moment auf den anderen. Der Zauber war gewirkt. Das Portal, so bläulich wabernd, schwebte durch die Luft.

Amen schien kein Wort herauszubringen. Dafür war dieses Erlebnis zu einmalig. Leomahr würde dies so schnell auch nicht vergessen. Nach einigen Mühen fand die Mumie ihre Stimme wieder.

„Das war … das war … ich kann das nicht beschreiben. Es war einfach atemberaubend!“

Er schien wirklich begeistert zu sein. Leomahr war noch nicht ganz da. Es brachen so viele Gefühle aus ihm heraus, seit er nicht mehr alleine war. Aber warum? Seit er denken konnte lebte er bei seinem Meister. Über seine Herkunft wusste er nichts. Er besann sich und versuchte wieder normal zu sprechen.

„Wir müssen nur noch das Portal durchqueren.“

So betraten beide das Portal und verschwanden in die Leere. Die Erlebnisse von diesem Tag würde keiner der beide so schnell vergessen.

 

 (c) XES_Hunter 2006