Kapitel IV – Schwert und Schwinge

 

 

Wie ein kalter Hauch in einer Herbstnacht fühlte sich der Durchgang des Portals an. Amen war vorausgegangen. Als auch Leomahr das Portal betrat, schloss es sich. Sie befanden sich im Portalraum des Anwesens von Leomahrs verstorbener Meister. Vielmehr als ein Raum war es eine Höhle. Das Schimmern der Kristalle war heller als sonst und durchflutete die Höhle mit einem angenehmen hellblauen Ton.

„Nicht schlecht“, sagte Amen mit Bewunderung in den Augen. „Sieht ziemlich gemütlich aus. Gefällt mir.“

Leomahr wusste nicht, ob er es wieder als Witz verstehen sollte.

„Das hier ist nur das Gewölbe unter dem Anwesen“, erklärte er. „Wir müssen den Durchgang da drüben durchqueren.“ Er zeigte auf eine Eisentür.

Doch keiner der beiden konnte mehr etwas sagen, denn es tauchte ein kleines Etwas aus dem Boden auf. Es war grün, durchsichtig und hatte etwas von einem Wackelpudding. Zwei knopfähnliche schwarze Punkte ließen darauf schließen, dass es Augen hatte. Von Mund und Ohren war keine Spur. Plötzlich gab das Wesen Geräusche von sich, die wirklich so klangen, als würde ein Wackelpudding versuchen zu reden.

Müpopa butupotö! Möpopopopala!”

Amen schaute das Wesen mit geweiteten Augen an.

„Wer oder was ist das?“, fragte er Leomahr, der besorgt dem Wesen zuhörte.

Schließlich wandte er sich der Mumie zu und sprach: „Das ist Bizzu. Ein durch einen Unfall erschaffenes Wesen. Er bewacht das Anwesen, wenn ich nicht da bin.“ Leomahr streckte seine Hand in die Richtung des Wesens, worauf dieses sofort drauf sprang.

„Und du verstehst was er sagt?“, fragte die Mumie ungläubig. Sie näherte sich vorsichtig dem Wesen und stupste es mit dem Finger an, worauf dieses zu wackeln anfing. Es fühlte sich ölig und schleimig an. Ein kurzes Nicken von Leomahr beantwortete seine Frage. Amen hoffte auf etwas mehr, doch es geschah nichts.

„Willst du mir nicht verraten, was er gesagt hat?“ Amen schien sichtlich verärgert zu sein.

„Oh ja … Natürlich…also...“, stammelte Leomahr los und holte tief Luft.

„Bizzu hat fremde Gestalten gesehen, die das Anwesen durchsuchen. Er meinte, die haben eine Kleidung, wie ich sie trage, nur in einer anderen Farbe. Sie haben wohl herausgefunden, wer dich befreit hat… Ich frage mich nur wie.“

Er brauchte nicht mehr lange zu überlegen, denn die Antwort war viel zu leicht herauszubekommen. „Die Schwarzmagier müssen wohl den Geist des Magier gerufen haben, den du getötet hast… Sie werden wohl nach mir suchen, um mich einzusperren… Ich habe kaum Kraft, um weiter zu zaubern. Das könnte zum Problem werden.“

Ein Schleifen war zu hören und Leomahr wandte sich zu Amen um. Die Mumie hatte ihre Waffe gezogen und starrte ihn mit einem grausigem Grinsen auf den Lippen an.

„Wenn es weiter nichts ist!“, sagte Amen mit einer mörderischen Freude. „Für was hast du denn deine Waffe? Wenn du mit Waffen genauso umgehen kannst wie mit deiner Magie, dann sehe ich eigentlich kein Problem.“

Zwar war Amens Vorschlag verrückt genug, um sie beide umzubringen, aber was sollte er sonst machen?

Auch schien es so, als wäre Amens Mordlust und Freude am Töten ansteckend. Er bekam langsam auch diese Lust. Man konnte genau die Gleichheit der Gedanken der beiden sehen.

Bizzu hatte diese Gedanken wohl auch bemerkt und bekam es mit der Angst zu tun. Er hüpfte auf den Boden und versteckte sich hinter einigen Steine.

Als hätten beide ein unsichtbares Signal bekommen, stürmten sie gleichzeitig Richtung Eisentür. Wie heißes Feuer breitete sich diese Mordlust in Leomahr aus. In Amen brannte eher das Feuer der Vergeltung für all die Jahre der Gefangenschaft.

Sie rannten durch die Gänge und die Stufen hinauf mit unglaublicher Geschwindigkeit. Auch wenn keiner der beiden darauf achtete, wo er hintrat, konnte nur ein geübtes Ohr die intuitiv bedachten Schritte hören. Der lange Lauf schien auch keine Spur der Ermüdung mit sich zu bringen. Genauer genommen konnte Leomahr kaum noch etwas empfinden, auch spürte er nicht, wie er das massive Bücherregal anrempelte und zu Boden stürzen ließ. Er war wie in einer Trance. Amen schien es nicht anders zu gehen.

 

Überrascht drehten sich einige Ritter und Magier um. Die Geräuschquelle war ganz in ihrer Nähe.

„Ihr da! Geht nachsehen, was da los ist“, befahl ein Magier.

„Jawohl Herr!“, antworteten drei der fünf Ritter und zogen ihre Schwerter schnell aus den Eisenscheiden. Mit einem Nicken stellte sich einer der drei vor das Holztor der Bibliothek. Nach einem starken Tritt folgte ein Knarren und mühelos sprang das Tor auf. Doch statt Bücherregale sah der Unglückliche nur die Spitze einer Klinge, geführt von einem Schatten. Keine Reaktion hätte ihm mehr helfen können. Präzise und mühelos durchbohrte die Klinge sein vor Angst noch rasendes Herz. Die Schnelligkeit, mit der sich alles ereignete, ließ die anderen zwei erstarren. Das einzige, was sie noch erkennen konnte, war die mit Bandagen versehene Gestalt, die rasch ihr Schwert aus der Brust des Ordensbruders zog, bevor ein zweiter Schatten aus dem Nichts sprang. Zielgerichtet bohrten sich beide Klingen in den Oberkörper des linken Mannes. Eine schnelle Bewegung, die es ermöglichte, rasch die Schwingen zu ziehen und zum erneuten Schlag anzusetzen, folgte. Der behelmte Kopf des Ritters kullerte sanft zu Boden. Ein schmerzerfülltes Stöhnen von rechts ließ darauf schließen, dass auch Amen sein Opfer zur Strecke gebracht hatte. Blut durchtränkte den Teppichboden der Eingangshalle. Nicht nur der Boden war blutrot gefärbt, sondern auch die Wände. Amen und Leomahr waren selbst von Blut durchtränkt. Süßlich duftete es und warm fühlte es sich an.

Es tropfte langsam von den Händen und Klingen ab. Wie rote Wassertropfen fielen sie hinunter, doch war das Aufprallgeräusch schwerer. Die restlichen Magier und Ritter waren wie gelähmt. Die zwei Gestalten waren schrecklich anzusehen. Der eine wie ein mumifizierter Alptraum, das Schwert hebend. Die hellen, toten Augen verstärkten die Schreckensaura, die von ihm ausging. Der andere versteckte seine todbringenden Werkzeuge unter einem Mantel. Doch was mehr Angst einflößte, waren seine leuchtenden gelben Augen. Sie schienen wie todbringende Sterne zu strahlen.

„Ich konnte mich 200 Jahre nicht vergnügen, also gehören die mir!“, lachte Amen. Es war ein kaltes Lachen. Kaum war der Satz zuende gesprochen, war die Mumie schon weg. Die überraschten Schmerzensschreie und das Stöhnen erzählten vom Geschehen. Langsam wurde alles still und auch der letzte Lebenshauch verließ die Körper. Leomahr stand verblüfft da. So schnell und präzise hatte er noch keinen töten sehen. Amen schien eins mit seiner Waffe zu werden. Es waren keine Gewissensbisse und auch keine Gnade in seinen Augen zu sehen. Der perfekte Auftragsmörder. War das vielleicht sein „Beruf“ gewesen, als er noch gelebt hatte? Dass er ab und zu auch zur Tötungsmaschine mutierte war ihm nicht neu. Es geschah selten, aber wenn es geschah, dann bebte selbst der Boden. Amens Stimme holte ihn zurück in die Gegenwart.

„Hübsch hast du ihn hingerichtet“, sagte Amen mit einem eiskalten Grinsen im Gesicht. Leomahr war nicht gerade stolz darauf. Immerhin hatte er gerade jemanden schmerzvoll und brutal ermordet. So etwas zu tun war nicht seine Art. Schnell und schmerzlos war ihm viel lieber, wenn es überhaupt notwendig war.

„Kannst du mir verraten, wo ich das Blut abwaschen kann? Ich möchte nämlich nicht blutbeschmiert sein, wenn wir den zweiten Gefangenen befreien.“

Amen sagte dies mit solch einer Gelassenheit, dass es selbst Leomahr eiskalt den Rücken hinunterlief.

„Was werden die andere bloß denken, wenn ich von oben bis unten mit Blut beschmutzt bin?“

 

Es waren nun bereits einige Stunden vergangen. Leomahr und Amen hatten sich notdürftig gewaschen. Für mehr war keine Zeit. Rasch packte Leomahr alle Dokumente über die Gefängnisse ein. Auch Lebensnotwendiges wurde schnell eingepackt. Bald würden noch mehr Ordensritter hier sein. Zu viele, selbst für sie.

Amen stand gelassen in einer Ecke und begutachtete sein Schwert. Bizzu erschien und starrte Leomahr fragend an.

„Bizzu, wir können hier nicht bleiben. Du kommst mit uns mit. Am besten gehst du in meinen Rucksack rein“, sagte Leomahr in schnellem Ton.

„Das ist doch nicht dein Ernst!“, protestierte Amen. „Du willst die Götterspeise mitnehmen? Die steht doch nur im Weg!“

„Ich lasse ihn hier nicht sterben!“, antwortete er wütend. „Dich habe ich auch nicht sterben lassen!“

Dies schien Amens Lippen zu versiegeln. Vergnügt und wieder mit den seltsamen Tönen sprang das grüne Geschöpf in den Rucksack und machte es sich dort gemütlich.

Schnell eilten sie Richtung Geheimgang. Das Buch herauszuziehen war nun überflüssig, denn das Regal wurde buchstäblich von der Wand gesprengt. Es waren bereits Stimmen in der Eingangshalle zu hören. Den Gang zu durchqueren schien jetzt eine Ewigkeit anzudauern. Selbst Amen, der stumm folgte, schien nervös zu werden. Endlich erreichten sie die Eisentür, die sie prompt mit Steinen verbarrikadierten.

„Los, öffne das Portal zum zweiten Gefängnis!“, drängte Amen.

„Ähm...“, gab Leomahr von sich.

„Was heißt hier ähm? Nun mach schon!“, sagte Amen angespannt.

„Ich hatte keine Zeit nachzuforschen, wo das zweite Gefängnis ist…“, antwortete Leomahr kleinlaut.

„WAS?!“, schrie Amen. „Ist denn das zu fassen?! Ich hör wohl nicht recht!!! Hast du jetzt total den Verstand verloren?! Du bist doch…“

Doch er verstummte plötzlich. Dutzende gepanzerte Schuhen waren aus dem Gang zu hören und sie waren nicht mehr fern…

 

(c) XES_Hunter 2006