Kapitel V – Selbstopferung des Einsamen

 

 

„Verdammt, Amen! Mach schnell und verschaffe mir Zeit!“, sagte Leomahr aufgeregt. „Solange suche ich die nötigen Hinweise!“

Amen verschwendete keine Zeit und rannte bereits zur Tür. Er stemmte seinen Körper gegen die kalte und robuste Eisentür. Die Schritte waren nicht mehr fern. Amen versuchte die Fußpaare zu zählen und presste sein Ohr gegen die Tür. Da waren zehn… nein, zwölf… oder doch zwanzig?

„Verdammt Leomahr!“, schrie Amen mit besorgter Stimme. „Es müssen über zwanzig von diesen Knilchen sein! Beweg deinen Arsch, verdammt!“

„Ja, ja! Was glaubst du, was ich gerade mache?!“ schrie Leomahr zurück. Er suchte nach einem Pergament , welches die Informationen über die Gefängnisse beinhaltete. Doch ein Gedanke vergnügte ihn.

Selbst die Mumie, die sonst so kühl war, schien langsam mit der Angst zu kämpfen. Amen fluchte und schrie durch die Gegend. Beleidigungen und Aufforderungen sich zu beeilen flogen durch die hellblaue Höhle, die so schön funkelte. Leomahr konnte einen Lachkrampf kaum ersticken. Obwohl die Situation wirklich miserabel war, konnte er nicht anders als sich vor Lachen auf den Boden zu kullern.

Amen starrte zuerst wie gebannt auf das lachende Bündel auf dem Boden. Schließlich explodierte er.

„Hast du jetzt total den Verstand verloren?! Haben dir die Bücher das Gehirn weg geschmolzen?! VERDAMMT, HÖR AUF ZU LACHEN UND SUCH! Sonst reiße ich dich persönlich in Fetzen!“

Die Explosion der Mumie verstärkte aber Leomahrs Lachkrampf. Die Situation war tödlich, doch er konnte nicht anders. Es war so lange her, dass in jemand so zum Lachen gebracht hatte. Er konnte aus dem Lachkrampf lediglich noch einen erstickten Satz herausbekommen.

„Bizzu…such…Rolle…schnell...“

Sofort nickte das grüne Wesen mit einem zustimmendem „Grüüüüü“. Kaum war es im Rucksack verschwunden, flogen bereits Pergamente heraus.

„Oh, ihr Götter… was habe ich nur verbrochen!“, betete Amen. „Mit einem VERRÜCKTEN in einem Raum eingesperrt zu sein und warten, bis die hier rein kommen!“ Dabei schrie er das Wort „Verrückten“ und schaute Leomahr an, der anfing, sich zu beruhigen.

Bizzu balancierte nun mit einer Schriftrolle auf dem Kopf, so als würde er versuchen, auf etwas aufmerksam zu machen. Sofort griff Leomahr nach dem Pergament und überflog es.

„Amen! Ich hab es gefunden!“, rief Leomahr lächelnd. „Das nächste Gefängnis ist im Tal der Gräber! Früher hieß es Transsylvanien oder so!“

Doch Amen schien nicht begeistert von der Neuigkeit. Im Gegenteil, seine Pupillen weiteten sich und er schien sich anzustrengen. Nun konnte man die toten Augen genau sehen. Sie waren von einem sehr hellen blauen Ton wie die Flüsse in den Märchen der Kinder. Sie schienen so rein zu sein wie Diamanten und so schön wie das Antlitz der Sonne. Doch jetzt waren sie angsterfüllt und Leomahr hörte sofort warum.

Ein Hämmern war zu hören. Jemand versuchte die Tür zu rammen und bei jedem Stoß wurde Amen zurückgeworfen. „Verdammt, auch das noch! Ohne seine Hilfe reicht meine Kraft nicht aus! Ich habe keine andere Wahl… Hoffentlich bemerkt er es schnell“, schoss es Leomahr durch den Kopf.

„Amen, ich öffne jetzt das Portal! Wenn es offen ist, schnapp dir meinen Rucksack! Und am besten auch mich hinterher! Wir haben keine Zeit für Erklärungen! Vertraue mir einfach!“, rief er.

 

Amen wollte nicht widersprechen, aus zwei Gründe: Erstens, die Lage war viel zu ernst. Der zweite Grund war Leomahr selbst. In seinem Gesicht war der blanke Ernst und seine Augen waren seltsam. Sie waren von einem wunderschönen Hellgrau geprägt, aber ein Feuer brannte in ihnen. Er nickte kurz und Leomahr begann den Spruch zu zitieren. Diesmal schien aber alles anders zu sein als bei seiner erste Portalreise. Der Pentagramm und die ganze Höhle färbten sich blutrot. Selbst die Kristalle verloren ihren hellblauen und majestätischen Glanz. Sie wurden magentarot. Es waren auch keine blauen Lichter, die zu einem Portal wurden, sondern seltsame und grässliche hellrote Fratzen schossen aus dem Pentagramm und gingen zu den Portalsäulen. Während des ganzen Zaubers, der Amen so ewig erschien, erfüllte ein Schmerzensschrei die Luft. Es war Leomahr.

„Oh, Scheiße! Was macht er da?! Der nippelt mir noch ab!“, konnte Amen nur noch denken, fürs Sprechen reichte seine momentane Konzentration nicht aus. Es wurde immer schwerer, die Tür zu halten. Amen konnte erkennen, wie Bizzu die ganzen Pergamente bereits in der Tasche verstaut hatte und nun verängstigt in selbigem lag.

Langsam hörte das Schreien auf und die Höhle bekam ihre gewohnte Farbe wieder. Leomahr brach zusammen. Seine Augen waren geschlossen, aber aus seinem Mund tropfte Blut. Amen verlor keine Zeit.

So schnell wie er konnte lief er zum Rucksack. Aus dem Lauf schaffte er es, die Tasche zu schnappen. Nun rannte die Mumie zu Leomahrs Körper. Ohne Mühen hob er seinen Körper mit einer Hand und warf ihn über die Schulter. Das sonst so blaue Portal blieb blutrot gefärbt. Ein Poltern hinter ihm war zu hören. Die Tür war aufgebrochen worden. „Jetzt oder nie“, dachte sich Amen und rannte zum Portal. Er konnte noch eine tiefe Stimme hören, die sagte „Feuer frei!!!“, gefolgt von einem Surren. Ein stechender Schmerz war alles, was er noch spürte, bevor alles langsam dunkel wurde. Sein einziger Gedanke war, das Portal zu durchschreiten. Es war nicht weit. Er sprang, doch es wurde alles dunkel. Alle Geräusche verstummten. Dunkelheit breitete sich aus. Kälte… Stille… Finsternis.

 

 

(c) XES_Hunter 2006