Kapitel VI – Requiem des Mondes

 

„Es musste so geschehen…“, keuchte die sanfte Frauenstimme. „Lieber ich als du, Liebster.“

Was geschah? Warum starb gerade diese Frau in Leomahrs Armen? War es ein Traum? Nein, es war eine Erinnerung. Er war auf die Knie gegangen und hielt den Oberkörper dieser wunderschönen Frau in den Armen. Ihre Augen waren smaragdgrün und ihre Haare hell wie das blasse Mondlicht. Hier war er nun, mitten in einem Hain in tiefster Nacht. Der Mond erhellte diesen verzauberten Ort der Trauer. Eine Quelle sprudelte in der Nähe. Der traurige Gesang des Windes hallte durch den grünen Hain. Die wunderschönen weißen Blumen öffneten sich und verstreuten ihre Pollen, die wie Sterne glitzerten.

Leomahr spürte heiße Tränen sein Gesicht heruntertropfen und auf das makellose Kleid der Braut fallen. Auch sie weinte. Blut befleckte ihre Mundgegend, die doch ein Lächeln offenbarte. Ihre zarte und warme Hand strich über sein Gesicht wie die Berührung eines Engels.

„Es musste so sein. Wir wussten, dass der Tag kommen würde…“, lächelte die Frau.

„Nein… verlasse mich nicht… Warum hast du das getan… Warum?!“ Leomahr konnte sich nicht beherrschen. Tränen rannten seine Wangen herunter und seine Stimme zitterte.

Die Frau schaute ihn mit ihren sanften Augen an. Das perfekte Gesicht schien auch im Sterben so wunderschön zu sein. Ihre helle Haut reflektierte das blasse Licht des Mondes.

„Du musst mich gehen lassen, Liebster…“, hustete sie. „Du wirst ohne mich weiterleben müssen… Du wirst das zuende führen, was ich nicht geschafft habe…“

„Du bist aber mein Leben!“, schrie Leomahr verzweifelt. „Ohne dich hat alles keinen Sinn… Bitte lasse mich nicht allein…“

„Leomahr… ich werde immer bei dir sein… nun lass mich glücklich in die Armen von Natu gehen. Küss mich, damit ich glücklich sterben kann“, sagte dieses wunderschöne Geschöpf.

Er näherte sich den kirschblütenfarbenen Lippen und küsste sie mit Leidenschaft. Jede Sekunde war wie eine Ewigkeit und Leomahr hoffte, dass dies auch so war.

Wärme und Leidenschaft entfachte sich in beide Körper, gefolgt von Trauer. Langsam spürte er, wie die Frau aufhörte zu atmen. Ihr Leben erlosch wie die Hoffnung in Leomahr selbst. Sie sah so glücklich aus, selbst im Tode. Ein Lächeln prägte ihr von Tränen durchströmtes Gesicht. So wunderschön wie eine Rose im Frühling lag sie in seinen Armen. Leomahr senkte seinen Kopf in die wohlgeformte Oberkörper seiner Liebsten. Er ließ seinen Gefühlen freien Lauf. Selbst der Hain und seine Lebewesen schienen in Trauer zu verfallen. Der Mond, so bleich und schön, weinte seine silbernen Tränen der Trauer. Einsam stand er mit ihrem wunderschönen Körper im Hain. Er schrie aus voller Kraft ihren Namen in die Nacht hinaus, auch wenn er wusste, dass sie dadurch auch nicht zurückkehren würde.

 

„Was ist los? Geht es dir gut? Tut dir irgendetwas weh?“ Es war Amens Stimme, die er hörte.

Leomahr öffnete die Augen und sah das besorgte Gesicht der Mumie. Er musste irgendwo liegen, denn hinter Amens Gesicht konnte er einen bewölkten Himmel sehen. Graue Wolken waren am Firmament. Er spürte auch vertrocknete Erde unter sich. Als Amen sicher war, dass Leomahr ihn hören konnte, fragte er: „Wer ist denn diese Helen, von der du vorhin im Schlaf gesprochen hast?“

„Du musst dich wohl verhört haben!“, sagte Leomahr mit Anspannung in der Stimme worauf, Amen ihn fragend beäugte.

„Du hast dir wirklich Sorgen um mich gemacht?“, lachte er die Mumie an. Das Gesprächsthema wollte er unbedingt wechseln.

„Ob ich mir Sorgen gemacht habe?“, sagte Amen in einem Ton, der nicht darauf schließen ließ, was als nächstes passieren würde. Leomahr wartete gespannt auf die Antwort.

„Ich wäre beinahe vor Sorge gestorben, du verdammter Irrer!“, fuhr die Mumie in an. „Ich dachte schon,du hättest ins Gras gebissen! Tu so was nie wieder, kapiert?! Sonst werde ich dafür sorgen, dass du die Radieschen von unten siehst, Freundchen!“

Leomahr war platt. Amen schien sich wirklich Sorgen gemacht zu haben. Das hätte er definitiv nicht erwartet. Zwar zeigte Amen sich außen immer kalt und hart, aber er musste wohl einen weichen Kern haben.

„Das hätte ins Auge gehen können, verdammt!“, fluchte die Mumie weiter, doch ihr Gesicht verzerrte sich vor Schmerz.

„Ist was? Bist du verletzt?“ fragte Leomahr sofort, der die Gesichtsverzerrung bemerkt hatte.

„Diese Schweine haben mich doch noch erwischt!“, fluchte Amen. „Ich weiß nicht, warum es solche Schmerzen bereitet! Ich bin doch schon längst tot!“

„Diese Behauptung muss ich widerlegen“, sagte der Magier, der sich die Pfeile im Rücken genauer angeschaut hatte. Es waren drei Pfeile.

„Wie meinst du das? Natürlich bin ich schon tot!“, antwortete die Mumie barsch.

„Ich ziehe jetzt die Pfeile raus. Beiß die Zähne zusammen, das wird wehtun“, sagte Leomahr.

Vorsichtig umfasste er die Pfeile, darauf behütet sie nicht zu brechen. Amen schrie dreimal kurz auf, bevor die Pfeile draußen waren.

„So der Herr“, flüsterte Leomahr. „Glaubst du immer noch, dass du jemals richtig tot gewesen bist?“

Er hielt der Mumie die drei Pfeile vor das Gesicht. Tatsächlich. Es klebte warmes Blut an den Spitzen.

„Das kann doch nicht sein! Ich verstehe das nicht!“, sagte Amen unruhig.

„Dann werde ich versuchen, es dir zu erklären“, sagte Leomahr mit ruhigem Ton. „Ein gewöhnlicher Untoter wird aus einer Leiche erschaffen. Mit Hilfe der Nekromantie werden sie ins Leben gerufen und dienen ihrem Meister. Sie haben keinen Willen und spüren keine Schmerzen.“

Amen schien gespannt und interessiert zuzuhören. Nach kurzem Schweigen setzte Leomahr seine Erklärung fort.

„Du hast einen eigenen Willen und ich vermute, dass dich kein Schwarzmagier erweckt hat. In gewisser Weise lebst du noch. Das beste Beispiel dafür sind die Vampire. Sie werden nicht von der Nekromantie erschaffen und doch gelten sie als Untote. Wenn jemand zum Vampir wird, dann beginnt sein Körper langsam zu sterben, aber er ist noch nicht tot. Man könnte auch sagen, dass der Körper in die Zeit festgefroren wird. Aber etwas bleibt trotzdem so wie zu seiner Lebzeit. Die Seele. Solange sie vorhanden ist, lebst du noch, auch wenn dein Körper nicht darauf schließen lässt.“

Somit beendete Leomahr seine Erklärung.

„Bedeutet…Bedeutet das, dass ich noch lebe und sterben kann?“, fragte Amen ungläubig.

„In gewisser Weise schon“, antwortete Leomahr.

„Woher weißt du soviel über Untote?“, wollte die Mumie wissen.

„Weil ich auch die Nekromantie studiert habe… So aus Zeitvertreib“, erwiderte der Magier mit gesenktem Haupt.

Aufgrund der  ganzen Aufregung hatte er nicht bemerkt, wie kalt es ihm war. Er ließ seinen Blick über die Landschaft wandern. Ein Ödland offenbarte sich ihm. Die Erde war vertrocknet und von Vegetation war kaum eine Spur. Hier und da waren dünne Bäume. Sie hatten keine Blätter, sondern verdorrtes Geäst. Ab und an konnte man schwarze Vögel sehen. Obwohl die graue Wolkendecke alles verfinsterte, begann es noch dunkler zu werden.

„Es wird bald dunkel“, sagte Leomahr. „Wir sollten wenigstens ein Feuer entfachen, sonst erfrieren wir.“

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, gingen beide auf die Suche nach brauchbarem Holz.

Sie marschierten keine Stunde durch das Ödland, da hatten sie schon genug Holz beisammen. Das Feuer wurde magisch von Leomahr entzündet.

Als beide gemütlich vor dem warmen und prasselnden Feuer saßen, wurden sie von einem Geräusch aufmerksam gemacht. Es kam direkt aus Leomahrs Rucksack.

„Oh, dich habe ich ja total vergessen“, lachte Leomahr auf, als er das kleine grüne Wesen aus dem Rücksack nahm. Dieses sprang sofort ins Gesicht und kuschelte mit ihm. Leomahr konnte nur munter lachen.

Ein Knurren war zu hören.

„Hast du das gehört?“, sagte Amen aufgeregt.

Leomahr wurde sofort rot. „Ja… Es ist mein Magen… Habe lange nichts gegessen“, grinste er.

Amen schien sichtlich enttäuscht. Er hatte einen Wolf oder dergleichen erwartet.

Sofort begann der Magier im Rucksack herumzuwühlen und fischte schließlich zwei große Stücke Fleisch heraus. Eins davon warf er Amen entgegen, der es auffing.

„Was soll ich damit?“, fragte die Mumie.

„Essen was sonst. Ich hab dir doch gesagt, dass dein Körper noch lebt. Während das Fleisch grillt muss ich sowieso deine Wunden verbinden“, antwortete Leomahr gelassen.

So geschah es auch. Während das Fleisch grillte, verband Leomahr die Wunden der Mumie. Amen hatte die ganze Zeit nichts mehr gesagt und sträubte sich auch nicht gegen den Verband, bis er sich entschied, die Stille zu beenden.

„Was hast du eigentlich in dieser Höhle gemacht? Ich habe dich schreien gehört“, sagte er langsam.

Leomahr antwortete nicht sofort, sondern schien erst zu überlegen.

„Meine Kraft hat nicht ausgereicht, um das Portal zu öffnen, also habe ich die Blutmagie angewendet“, erklärte er mit schwerer Stimme.

„Blutmagie?“, wiederholte Amen mit fragendem Blick.

„Ja“, antwortete der Magier knapp. „Es ist eigentlich eine verbotene Magie, da sie von Dämonen abstammt. Anstatt deiner geistigen Energie wird die Lebenskraft verbraucht. Das führt sehr oft zum Tod, wenn man nicht aufpasst. So jetzt sollte es nicht mehr so schmerzen.“ Leomahr hatte seine Wundversorgung beendet.

Amen schien etwas sagen zu wollen, aber er brachte es nicht über die Lippen. Der Magier vermutete, was er sagen wollte und tat es mit einem „Nicht der Rede wert.“ ab.

Das Fleisch war auch fertig und sah saftig aus. Sie speisten und redeten sehr wenig. Im Verlauf des Abends geschah nichts von Bedeutung, bis beide sich schließlich den weichsten Platz auf dem Boden suchten und schliefen.

 

(c) XES_Hunter 2006