Kapitel VII – Natus Geschenk

 

Leomahr“, hallte eine kindliche Stimme durch die Luft. Dieser Ruf reichte aus, um Leomahr aus dem Land der Träume zu holen. Er öffnete die Augen und sah, wie der Morgen anbrach.

Leomahr“, lockte wieder die Stimme. Sie war leicht wie der Wind und rein wie das Licht.

Leomahr schaute sich um, erkannte aber außer Amen, der gerade schnarchte, und Bizzu, der ruhig schlief, niemanden. Er folgte dem kindlichen Gekicher bis in ein Tal aus verdorrten Bäumen. Die Bäume wuchsen alle dicht nebeneinander und ergaben einen Kreis. In der Mitte war ein kleiner Tempel zu sehen. Er näherte sich dem Tempel und damit auch der Stimme. Das kleine Gebäude war schwarz und rund. Eine schwarzgoldene Kuppel schmückte das Dach. Säulen aus Marmor flankierten den torlosen Eingang. Just als er mit seinem Blick den Eingang streifte, entdeckte er eine in eine dunkle Kutte gehüllte Gestalt. Sie war klein und zierlich. Etwas Mädchenhaftes ging von ihr aus. Ihr Gesicht wurde von einer Kapuze verdeckt. Leomahr konnte hören, wie das Mädchen kicherte. Als er näher kam, erkannte er, dass die Kutte keine Kutte war, sonder einen Mantel, der nicht alles verbarg. Die zierliche Füße und Beinen waren vollkommen nackt. Nur eine kleine Unterhose bedeckte den Unterkörper. Der Mantel ließ den ganzen Oberkörper im Verborgenen. Dieses Bild ließ ihn sofort an ein Kind denken, das seine Eltern im Krieg verloren hatte. Viele Kinder wuchsen leider ihn solchen Kriegen auf. Das Mädchen schien auf Leomahr gewartet zu haben, denn kaum war er näher gekommen, lief es in das Gebäude hinein.

Folge mir Leomahr. Folge mir“, flüsterte die Stimme wieder. Es war wie das Geflüster des Windes. Er blickte noch einmal zurück, bevor er den Tempel betrat.

 

Leomahr befand sich nun in einem runden Raum aus schwarzweißem Marmor. In der Mitte stand ein Podest, an dessen Spitze ein Becken angebracht war. Von der kleinen Gestalt war keine Spur mehr da, doch dafür war eine viel geheimnisvollere Gestalt beim Becken zu sehen. Sie trug ein knappes satinschwarzes Kleid, das Arme und Beine preisgab. Die schwarzen kniehohen Stiefel verstärkten den geheimnisvollen Eindruck. Doch alles wurde viel majestätischer durch den rabenschwarzen Umhang auf ihre Schultern. Sie hatte lockiges schwarzes Haar, das sanft die Stirn herunterfloss. Ihre braunen Augen waren dunkel umrandet und ihre Lippen blutrot. Kein Mann hätte den Blick von dieser gottesgleichen Gestalt abwenden können. Leomahr schien wie in einem Bann zu sein. Langsam bewegten sich die roten Lippen und eine Stimme, so herrlich und sanft wie der erste Schnee, erfüllte den kleinen Raum.

„Sei mir willkommen, Leomahr, Freund der Geister.“ Diese himmlische Stimme hätte selbst Eis zum Schmelzen gebracht. „Wer ich bin, brauch ich nicht zu sagen. Du weißt es bereits“, lächelte die Frau.

Leomahr wollte zuerst nichts sagen, aber diese herrlichen Augen ließen jeden Zweifel vergessen.

„Du bist Natu“, sagte er mit leiser Stimme. „Die Wächterin des Schwarzkristalltores, der Eingang zum Totenreich.“

„Das ist richtig, Leomahr“, lächelte sie und ihre Augen glänzten. „Ich bin hier, um dir zu helfen, Leomahr.“

„Mir helfen? Wobei?“, fragte er verblüfft.

„Die größte Frage, die dich Tag für Tag quält, zu beantworten, Freund der Geister“, sagte sie mit ihrer herrlichen Stimme. „Du weißt, welche Frage ich meine, Leomahr.“

Leomahr verfiel nun dieser Stimme. Alles war in seinem Kopf so leicht und sorgenfrei, als wäre eine schwere Last von ihm gegangen. Mit einem hauchähnlichen Ton sprach er seine größte Sorge aus.

„Wer bin ich?“

„Diese Frage stellst du dir Tag für Tag, Leomahr. Du hast nur wenige Wesen gehabt, die deiner Existenz einen Sinn gaben. Sie wurden dir mit Gewalt genommen und mit Trauer musste ich sehen, wie diese Wesen mein Tor passierten.“

Leomahr wußte, welche Wesen sie meinte. Sie sprach von seinem Meister und seiner geliebte Helen. Unweigerlich rannen Tränen sein Gesicht hinunter. Der bloße Gedanke an Helens wunderschönes Antlitz war schmerzhaft.

„Das ist richtig, Leomahr“, sagte die Frau in ruhigem Ton. „Lass deine Wut heraus. Behalte sie nicht in dir. Sie wird dich sonst zerstören. Du bist lange allein gewandelt auf der Suche nach den Antworten. Fern von jeglichem Wesen hast du gesucht. Das Glück schien dich verlassen zu haben.

Die Einsamkeit und die Trauer waren deine einzigen Begleiter. Nur die Geister, die unser Universum zusammenhalten, spendeten dir Trost.“

All diese Sätze waren von Wahrheit getränkt. Die Erinnerung daran war eine Qual. Leomahr wurde immer verzweifelter und sank langsam zu Boden. Die Frau betrachtete ihn mit Mitleid und tiefster Trauer. Wieder erschallte ihre Stimme im Raum.

„Doch ein Licht ist in der Finsternis zu sehen, junger Spiritist“, sagte sie und ihr Gemüt schien sich zu erhellen. „Du weißt, wovon ich spreche, Leomahr?

Die Antwort schoss aus ihm heraus. „Amen und die andere Gefangene!“

Diesmal näherte sich die Frau mit majestätischem Gang, bis sie sehr dicht an Leomahr war. Sie hielt etwas in der Hand, das wie ein Amulett aussah. Sie nahm seine Hand und legte das Amulett hinein.

„Das wird dich auf deinen Reisen beschützen“, sagte Natu, doch ihre Stimme zitterte leicht.

Leomahr schaute ihr in das wunderschöne Gesicht. Verwundert stellte er fest, dass Natu weinte. Aber nicht aus Traurigkeit, sondern aus Freude.

„Ich bin froh, dass Amen dir wieder dein wunderschönes Lächeln zurückgegeben hat, und ich bin mir auch sicher, dass die anderen dir deine Lebensfreude zurückgeben werden“, sagte sie vor Freude weinend. „Dich nach so langer Zeit wieder zu sehen hat mich sehr glücklich gemacht. Dich so groß und stark vorzufinden ist einfach unbeschreiblich für mich. Ich muss dich jetzt verlassen, auch wenn es in meinem Herz so schmerzt.“

Leomahr war überrascht, als diese göttliche Gestalt ihn umarmte. Er spürte auch den Kuss auf seiner Wange. Dieser Kuss war voller Liebe. Er fühlte sich geborgen in ihrer Umarmung. Es war unbeschreiblich schön und es erinnerte ihn an etwas. Sein Körper wurde von Wärme durchflutet. Es war nicht der Kuss, den sich Liebespaare gaben. Nein, es war vielmehr der Kuss…ja, der Kuss, den eine Mutter ihrem über alles geliebten Kind gab. Dann flüsterte sie ihm etwas ins Ohr, das alles veränderte.

Ein kleiner Satz, der fast all seine Fragen vergessen ließ und seine wichtigste beantwortete.

„Ich liebe dich, mein Sohn“, sagte die wunderschöne Frau und verschwand unter einem Wirbel aus schwarzen Blüten. Stumme Tränen fielen von seinem Gesicht. In der Hand hatte er noch immer das Amulett umklammert. Seine Sicht war verschwommen von seinen Tränen und doch konnte er das Amulett genauer sehen. Ein schwarzer Edelstein in Form eines rundlichen Dreiecks glänzte in seiner Hand. Dies war an einer schwarzgelben Schnur aus unbekanntem Material befestigt. Er war nun alleine in diesem Schrein. Mit schwerem Schritt wollte er zurück zum Lager laufen. Den ganzen Weg hallte die Stimme von Natu in seinem Kopf. Vor allem die Worte „Ich liebe dich, mein Sohn“ waren deutlicher zu hören als jedes andere. Seine wässrigen Augen ruhten den ganzen Weg auf dem Amulett.

In der Nähe konnte er bereits Amens aufgeregte Stimme hören, doch das kümmerte ihn nicht.

„Was soll das heißen, du weiß nicht, wo er steckt?!“, konnte man Amen schreien hören. „Du hast neben ihm geschlafen, Puddinghirn!!!“

„MÜHHÖÖPO LOKAMA!!!“, antwortete ein vertrautes Wesen.

„Da bist du ja!“, schrie die Mumie, als Leomahr in Sicht war. Leomahr hörte ihm aber nicht zu und starrte das Amulett weiter an.

„Willst du, dass wir vor Angst sterben?! Sag nächstes Mal etwas! Nicht, dass ich mir Sorgen gemacht hätte, aber unser Pudding wäre beinahe draufgegangen!“, fügte Amen hinzu und versuchte seine Sorge zu verbergen. Ein protestierendes „Müomö!“ war zu hören.

Immer noch hörte Leomahr nicht zu.

„Wir hätten von den Zirkelmagier oder Ordensritter entdeckt werden können! Hast du schon daran gedacht?! Und…“, redete Amen weiter.

Leomahrs Augen weiteten sich, als er die Schnur genau betrachtete. Die vermeintliche Schnur war in Wirklichkeit aus zwei verschiedenen Haarsträhnen geflochten worden. Er konnte sich nicht irren, denn der Geruch war unverwechselbar. Es waren die Haarstränen von Natu und Helen. Diese Farben und dieser Geruch nach Kirschblüten waren einmalig auf der ganzen Welt. Er fühlte, wie seine Beine unter der Last seines Körpers nachgaben. Er ging in die Knie und weinte sich die Seele aus dem Leib.

Amen unterbrach überrascht seinen Vortrag und eilte zu Leomahr. Er hatte nie jemanden getröstet und wusste auch nicht, wie es ging. Er legte seine Hand auf die Schulter des Magiers und hoffte ihn dadurch zu beruhigen. Was anderes konnte er zurzeit nicht machen.

 

(c) XES_Hunter 2006