Kapitel IX – Nachtgeflüster

 

„Kannst du mir aufhelfen?“, fragte Leomahr, dessen Kräfte sich dem Ende neigten. Amen half ihm hoch und leistete Hilfestellung. Die staubige Halle war befleckt mit frischem Blut und Körper lagen überall verstreut. Es wurde immer dunkler um sie herum. Ein Zeichen für die bevorstehende Nacht.

Mit Mühen erreichten sie wieder den Raum, in dem die zweite Gefangene bereits wartete. Leomahr bremste ab und ließ sich zu Boden fallen.

„Befreie du sie… Sie wird dich erkennen…“, flüsterte er. „Wenn sie mich zuerst sieht, könnte sie aggressiv werden…“

 

~ * ~

 

Das stimmte allerdings, dachte sich Amen. Er ließ den Magier beim Eingang liegen und schritt in Richtung des Steinsarges. Seit seinem letzten Blick hatte sich wenig geändert. Immer noch lag die schlafende Schönheit friedlich in ihrem Sarg. Die Mumie streckte ihre Hand aus und griff nach dem goldenen Splitter. Wärme ging von diesem Splitter aus. Ohne lange zu zögern zog Amen mit all seiner Kraft den goldenen Gegenstand aus der Brust. Das, was folgte, ereignete sich in Sekundenschnelle. Ein Lichtblitz erstrahlte und eine unsichtbare Kraft riss ihn von den Füßen. Amen landete unsanft auf den Rücken. Der Staub wirbelte um ihn herum und erschwerte das Atmen. Als er sich einigermaßen vom Schock erholt hatte, stand er wieder auf und lief erneut zum grauem Steinsarg. Der Splitter war weg, aber die Frau schien noch zu schlafen.

„Amen, ist alles in Ordnung bei dir?“, hörte er die schwache Stimme von Leomahr fragen.

„Ja, alles bestens“, gab die Mumie von sich. Die Lichtverhältnisse wurden immer problematischer.

Amen entschied sich, nicht länger zu warten und legte seine kräftige Arme unter den wohlgeformten weiblichen Körper. Mühelos hob er die Frau hoch und trug sie bis zu Leomahr, wo er stehen blieb.

Die glatten nachtschwarzen Haare hingen lose in der Luft. Die geschlossenen Augenlider warteten nur darauf, wieder das Antlitz der Welt zu erblicken.

 

~ * ~

 

„Gehen wir, Leomahr… Ich möchte nicht hier drinnen bleiben“, sagte die Mumie. Leomahr versuchte sich aufzurappeln. Seine Beine fühlten sich immer noch schwach an. Bevor der Marsch beginnen sollte, wollte er schnell nach Bizzu schauen. Leomahr konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als er das grüne Wesen anblickte. Bizzu lag zwischen zwei Pergamente versteckt und keine schwarzen Augen waren zu sehen. Der Gute war vor Angst ohnmächtig geworden. Der Magier schloss seine Tasche und folgte Amen, der sich schon Richtung Ausgang aufgemacht hatte. Als er seinen Begleiter endlich erreicht hatte, fiel sein Blick auf dessen Gesicht. Amen blickte das Geschöpf auf seinen Armen sanft an. Er glich einem Ritter, der seine Prinzessin von den Fängen eines Drachen befreit hatte.

Sie schienen Stunden ziellos durch die Einöde zu laufen. Leomahr bannte die Dunkelheit mit seinem magischen Licht. Die verdorrten Bäume wirkten gespenstischer als sonst und ihre Schatten wurden länglicher, als das Licht ihre toten Überbleibsel traf.

Amen bemerkte, dass sein Begleiter nicht mehr weiter konnte, und entschloss sich, eine Rast zu machen. Vorsichtig legte er die weibliche Gestalt auf den trockenen Boden.

„Pass auf sie auf“, sagte die Mumie. „Ich werde versuchen, ein wenig Brennholz fürs Lagerfeuer aufzutreiben.“ Leomahr nickte und gesellte sich zu der am Boden liegende Frau. Amen machte sich während dessen auf die Suche nach Holz.

 

~ * ~

 

Während der Magier auf die Rückkehr Amens wartete, betrachtete er den klaren Nachthimmel. Bekannte Sternenbilder und der milchige Mond offenbarten sich ihm. Ab und zu war eine Sternschnuppe zu sehen. Die verschiedensten Geschehnisse der letzten Tage erschienen in seinem Kopf.

Zwei große Gilden waren auf die Suche nach ihm. Keine große Stadt würde mehr sicher sein. Die Vorräte wurden knapp und ein Versteck hatte er auch nicht mehr. Kleine Dörfer wären für eine kurze Zeit ideal gewesen, doch wo befand sich solch ein Dorf hier? All diese Gedanken strömten in seinem Geiste, während er wartete und in den Nachthimmel schaute. Wie viel Zeit er mit Nachdenken verbracht hatte, wusste er nicht. Schwere Schritte rissen ihn aus seinen Gedanken. Amen musste wohl genug Holz gefunden haben. Er blickte hinter sich, aber von Amen war keine Spur zu sehen.

„Amen? Bist du das?“, fragte Leomahr. Keine Antwort war zu hören. Die schleifenden Schritte kamen immer näher. Der Magier wurde sofort misstrauisch und machte sich auf einen Kampf bereit. Ein Lager des Ordens hätte sehr gut in ihrer Nähe sein können. All seine Sinne waren auf dieses Geräusch fixiert. Lange Zeit war nur Dunkelheit zu sehen und der kühle Nachtwind zu hören. Die Schritte waren nun ganz nah.

Ein Schemen zog seine ganze Aufmerksamkeit. Aus dem Schatten eines nahen Baumes schleppte sich eine breite Gestalt in seine Richtung. Die Eisenrüstung und das scharfe Schwert, das nun als Stütze diente, glänzten im Schein von Leomahrs hellblauen Licht. Nicht fern von ihm fiel die Gestalt zu Boden. Sie blieb reglos liegen und gab nur noch schwere Atemgeräusche von sich. Mit Vorsicht näherte sich der Magier und war darauf bedacht, bei der kleinsten Bewegung zuzuschlagen. Als der Ritter vom Licht erfasst wurde, konnte Leomahr eine schwere Bauchverletzung sehen. Blut klebte an der silbrige Rüstung, welche das Ordenswappen aufwies. War er ihnen vom Tempel aus gefolgt? Die kräftig gebaute Gestalt schien um ihr Leben zu kämpfen und Hustenanfälle plagten sie. Der Magier wusste, dass das Beste die sofortige Tötung gewesen wäre. Immerhin war es ein Feind. Er machte sich zum Schlag bereit, doch etwas bremste ihn.

Der Ritter hatte seine Hand Hilfe suchend ausgestreckt und murmelte etwas. Leomahr versuchte die Worte zu verstehen.

„Bitte…bitte…Hilf mir…“, flehte die in Eisen gehüllte Gestalt. Ihre azurblauen Augen blickten den Magier flehend an. Die blutigen Lippen bebten vor Angst.

Leomahr setzte noch mal zum Schlag an, doch eine stärkere Macht schien ihn zu halten. Er konnte der jämmerlichen Gestalt nichts antun, obwohl es ein Feind war. Was hielt ihn auf? War es vielleicht Mitleid? Egal, wie er sich zu anstrengen vermochte, zum Schlag kam es nie.

Leomahr packte den Ritter an den Schultern und schleifte ihn gegenüber zu der Frauengestalt, die immer noch schlief. Der Ritter bedankte sich mit einem Blick und schloss die Augen. Die Erschöpfung fiel über sein Haupt. Lange saß Leomahr da und blickte die schlafende Gestalt des Ritters. Was hatte ihn dazu bewegt das zu tun? Einem Feind zu helfen… Würde es ein gutes Ende nehmen? Was würde Amen dazu sagen?

 

~ * ~

 

Es dauerte eine Ewigkeit, bis eine vertraute Stimme zu hören war.

„Es hat länger gedauert als ich dachte“, sagte Amen vergnügt. „Aber ich habe genug Holz gef…“

Die Mumie hielt auf der Stelle an und ließ das Holz geräuschvoll zu Boden fallen. Er hatte den schlafenden Ritter sofort erkannt.

„Was macht der hier und warum lebt er noch?!“, fragte er aufgeregt.

„Er hat uns bis hierher verfolgt und hat um Hilfe gebettelt“, erklärte der Magier mit müder Stimme.

„Er hat nach Hilfe ge…“ Sofort drehte sich Amens Kopf zu Leomahr. „Du willst ihm doch nicht wirklich helfen?!“, fragte er und schien die Fassung zu verlieren.

„Er ist keine Gefahr mehr für uns und könnte wichtige Informationen haben“, meinte der Magier mit stetigem Blick auf den Mond.

„Du kannst nicht… Also, das ist doch…ich meine, das geht wirklich…“, konnte die Mumie nur noch von sich geben.

„Ach, mach, was du willst!“, sagte Amen schließlich und machte sich daran, ein Feuer zu entfachen.

Er war sichtlich genervt. Jede kleine Bemerkung hätte gereicht, um ihn in die Luft gehen zu lassen.

Er rieb zwei Stöcke gegeneinander und hoffte so ein Feuer zu entfachen. Doch Leomahr konnte er nicht täuschen. Amen wollte nur seine Wut loswerden. Als kein Ergebnis vorlag, warf er auch die zwei Stöcke weg und blickte wieder den Magier an.

„Kümmere du dich um das Feuer“, brummte er „ Ich schaue solange nach unserer Schlafmütze.“

Leomahr wollte die Mumie nicht weiter reizen und folgte dem Befehl. Mit einer einfachen Geste entfachte er ein munteres und warmes Feuer. Amen hatte sich bei der Frau hingekniet.

„Wer ist das eigentlich?“, fragte Leomahr über die Schulter.

„Ihr Name ist Awa und sie war eine Zauberin, bevor sie zu einem Vampir wurde“, antwortete die Mumie.

„Da habe ich noch eine Frage…“, begann der Magier. „Bevor du gefangen genommen wurdest, warst du ja bereits…so…“

Amen drehte sich um und wartete auf die Frage.

„Wenn du schon gestern so verwundert über das Essen warst, was hast du dann früher gemacht? Also, ich meine, du musst doch was gegessen haben…sonst wärst du ja nicht hier…“, sagte der Magier unsicher.

„Wenn ich mich recht erinnere wohnte wir alle in einem alten Anwesen…“ begann die Mumie zu erklären

„Die Menschen dachten, wir wären Verrückte mit Maske…“ Amen hielt inne und versuchte angestrengt zu überlegen.

„Jetzt erinnere ich mich wieder! Awa und Enary haben für uns gekocht… Lordi, Kalma und ich sind auch sehr oft in Kneipen eingebrochen und haben uns ein paar Bierchen genehmigt…“

„Wer sind Enary, Lordi und Kalma?“, fragte Leomahr interessiert.

„Enary ist eine gefallene Walküre. Sie widersetzte sich Odins Befehl und wurde deshalb aus Walhalla verbannt“, begann Amen zu erklären. „Kalma ist ein noch recht junger Widergänger. Er hat sich von einem Schwarzmagier verarschen lassen. Der Knilch wollte ein Vampir werden, doch der Magier wollte aus ihm einen billigen Sklaven machen. Etwas muss schief gegangen sein, denn der gute Kalma war nicht hirnlos wie es ein normaler Zombie hätte sein müssen. Er tötete den Magier und kam zu uns.“

Leomahr hörte gespannt zu bis zu der Stelle von Kalmas Wunsch.

„Ein Vampir kann nicht durch Nekromantie erweckt werden. Nur ein Vampir kann einen anderen erschaffen“, sagte er.

„Mag sein, aber Kalma wusste es nicht“, antwortete die Mumie.

„Lordi ist der Anführer von unserer Bande, wenn du so willst. Er ist halb Mensch und halb Dämon. Frag mich nicht, wie das passiert ist.“

„Das ist doch ganz einfach“, grinste der Magier „Viele Dämonen können sich manifestieren. Manche von ihnen ziehen sogar Wesen von dieser Ebene an sich. Dann hypnotisiert der Dämon das meist weibliche Opfer und…“

„Ich will das nicht wissen!“, unterbrach Amen den Magier. Leomahr konnte sich das Lachen nicht verkneifen.

„Leomahr!“, schrie die Mumie plötzlich. Leomahr schaute überrascht in Amens strahlendes Gesicht.

„Ich glaube, sie wacht auf! Awa, hörst du mich?“

 

 

~ * ~

 

Awa fühlte sich seltsam. Sie war schlapp und hatte kaum Kraft. Wo war sie und was waren das für Stimmen in ihrer Nähe? Sie versuchte die Augen zu öffnen und konnte die verschwommene Umrisse eines Feuers sehen. In ihrer Nähe war eine grobe Gestalt zu erkennen, die auf sie herunter schaute.

Die Stimmen wurden klarer und verständlicher. „Ich glaube, sie wacht auf!“, ertönte eine raue Stimme.

Diese Stimme kam ihr sehr bekannt vor. Ihre Gedanken waren alle so durcheinander. Alles, an das sie sich zuletzt erinnern konnte, war der erbitterte Kampf gegen einen mächtigen Magier. Dieser hatte es geschafft, ihr einen spitzen und goldenen Gegenstand in die Brust zu rammen. Die Erinnerung daran schmerzte bereits. „Awa, hörst du mich?“, konnte sie die Stimme wieder fragen hören. Konnte es tatsächlich sein? War er wirklich bei ihr?

„A…Ameeenn…“, konnte sie noch herausbringen.

 

 

(c) XES_Hunter 2006