Kapitel X – Schicksal der Zauberin

 

Awas Ruf klang durch die endlose Nacht. Die Stimme einer süßen Fee so gleich, die Augen müde und auf der Suche nach jemandem. Leomahr musterte das erschöpfte Wesen mit dem Schlangenblick genauer. Amen hielt Awa in seinen Armen fest. Ein Glitzern tauchte in seinen hellblauen Augen auf. Sein Gesicht wurde von einem Lächeln erhellt. Der Sternenhimmel hatte seine volle Pracht erreicht und das Feuer brannte mit zufriedenem Geknister. Eine ruhige und schicksalhafte Nacht.

 

                                                           ~ * ~

„Aaaammeeenn…?“, wiederholte das Geschöpf in den Armen der Mumie. Sie schielte und versuchte die Umgebung zu erfassen.

„Ich bin hier“, sagte Amen schnell. „Ich bin genau neben dir, Awa.“

Die Vampirin drehte sanft ihren in die Richtung, aus der Amens Stimme erklang. Ihre Sicht wurde immer schärfer und bald erkannte sie das Gesicht der Mumie.

„Schön…du bist es wirklich…“ Eine sanfte Berührung bahnte sich den Weg zu Amens Gesicht.

Er erwiderte die Geste und streichelte Awas Hand liebevoll.

Leomahr konnte sich vorstellen, dass zwischen diesen beide nicht nur eine gewöhnliche Freundschaft bestand.

Die Mumie half ihr sogar beim Aufrechtsitzen und nahm neben ihr Platz. Mit Vorsicht rieb er seine Hände an ihren Schultern.

„Ist dir warm genug? Wie fühlst du dich?“, fragte Amen besorgt.

„Ich…ich fühle mich…besser…danke“, antwortete Awa und versuchte zu lächeln.

Bei diesem Versuch offenbarte sich Leomahr eine spitze Zahnreihe, wie die eines Haifisches.

„Bist du wirklich eine Vampirin?“ sprudelte es aus ihm heraus. Die Vampirfrau schaute langsam auf und erkannte den Magier.

„Wer…Wer bist du?“, erklang die leichte Feenstimme.

„Das ist Leomahr, ein Verbündeter“, erklärte die Mumie an ihrer Seite. „Er hat uns aus unseren Gefängnissen geholfen. Ohne ihn wären wir beide wahrscheinlich tot.“

Awa ließ ihre Augen über das Lager wandern, bis sie auf dem Ritter haften blieben. Amen musste ihren Blick verfolgt haben, denn er sagte sofort: „Wer das ist, erkläre ich dir später.“

Ihr Kopf fühlte sich so schwer und voll, als würde er aus Stein sein. Alles drehte sich leicht und ein Gefühl der Schwäche kam über sie. Awa ließ ihr Haupt langsam auf Amens starke Brust fallen und schloss die Augen. Die Nähe eines Freundes beruhigte sie und schenkte ihr einen erholsamen Schlaf unter dem leuchtenden Sternenhimmel. Stille und angenehme Dunkelheit breiteten sich aus, bevor das Land der Träume seine wunderschönen Länder offenbarte.

 

~ * ~

 

Nachdem Awa eingeschlafen war, wandte sich Amen zu Leomahr.

„Gib mir eine Decke, ihr ist bestimmt kalt.“

Leomahr schritt zu seinem Rucksack, welcher Bizzu noch beinhaltete, und begann nach einer Decke zu suchen.

„Willst du jetzt so die ganze Nacht verbringen?“, fragte der Magier als er mit der Decke unter dem Arm zurückkam.

„Nein. Sie wird ohnehin gleich wieder aufwachen… Ich habe mich anfangs genauso gefühlt… Wenig später war alles bereits vergangen“, flüsterte Amen.

Leomahr überreichte ihm die Decke und setzte sich ganz nahe ans Feuer. Die Mumie kümmerte sich rührend um Awa und legte sanft die Decke über ihren wohlgeformten Körper.

„Du solltest dich um deinen Schützling kümmern“, sagte Amen. „Wenn du seine Wunden nicht versorgst, verreckt er im Schlaf.“ 

Die Stimme der Mumie hatte sich seit Awas Erwachen deutlich geändert. Sie war in keiner Weise kalt oder böse, sondern eher mild und freundlich. Leomahr stand langsam auf und holte Bandagen aus seinem Rucksack. Amen hatte nur noch Augen für Awa und streichelte ihr zart über die Stirn. Da, wo der Kopf der Vampirin ruhte, empfand er Wärme und Wohlbefinden. Gefühle, die er seit Jahrhunderten vermisste.

 

~ * ~

 

Leomahr duckte sich zu dem Ritter und schüttelte ihn wach. Seine klaren Augen öffneten sich und blickten fragend den Magier an.

„Ich muss dich verbinden, sonst stirbst du am Blutverlust“, erklärte er. „Ich vermute, dass du zu erschöpft bist, um dich zu bewegen. Aber um dich zu verbinden, muss ich deine Rüstung ablegen. Könnte also kurz unangenehm werden.“ Der Ritter nickte leicht.

Leomahr zog ihm vorsichtig den ruinierten Brustpanzer ab, darauf bedacht, die Wunde nicht zu berühren. Die Muskulatur des Ritters war kräftig und die vielen Narben deuteten auf einen jungen Veteranen. Der Magier nahm ihm auch den Helm ab, damit nichts mehr den Körper belastete. Schulterlange blonde Haare rollten das Haupt herunter und die hellgrünen Augen erstrahlten im Licht der Flamme. Leomahr begann die Wunde zu behandeln. Der Ritter musste starke Schmerzen dabei verspüre aber er war zu erschöpft, um überhaupt zu reden. Nachdem Leomahr sichergestellt hatte, daß die Binden richtig saßen, zog er den Ritter näher am Lagerfeuer.

Der Magier räumte seine Sachen beiseite und suchte nach der Trinkflasche. Amen blickte den Ritter gefährlich an. Misstrauen und Verachtung spiegelten sich in seinen Augen. Lange beobachteten sich beide Krieger und nur das muntere Knistern des Feuers war zu hören. Eine spürbare Spannung war zwischen ihnen. Ein kurzes Geräusch aus Amens Richtung unterbrach diese Spannung. Eine Gestalt bewegte sich in den Armen der Mumie. Die starren Schlangenaugen erfassten die Umgebung. Awa war erneut erwacht.

 

~ * ~

 

„Fühlst du dich jetzt besser?“, fragte eine bekannte Stimme. Sie lag mit ihrem Kopf immer noch auf Amens Brust. Sie grinste. Eine Reihe spitzer Zähne war zu sehen.

„Ja, ich fühle mich besser“, antwortete sie und richtete sich auf. Awa erkundete die Umgebung und blieb bei Leomahr stehen. Sie musterte ihn von oben bis unten.

Leomahr wusste nicht, was er machen sollte und wartete auf eine Initiative seitens Awa. Die Vampirin streckte ihre Hand aus und lächelte.

„Amen sagte mir, dass wir dir unseren Leben verdanken. Mein Name ist Awa, wie du bereits weißt. Aber ich habe deinen Namen nicht richtig verstanden.“

„Mein Name ist Leomahr. Es ist mir eine Ehre, Bekanntschaft mit solch einer Schönheit zu machen“, sagte er und küsste ihr dabei die Hand. Awa kicherte und sagte mit lieblicher Stimme: „Du weißt, wie man Frauen behandelt.“

Leomahr konnte Amens empörte Blicke direkt im Nacken spüren.

„Ach, Amen, schau nicht so. Er wollte nur nett sein. Du weißt doch, das ich nur dich möchte“, sagte Awa mit einem Lächeln im Gesicht.

Die Mumie geriet in Verlegenheit und errötete leicht. Leomahr konnte sich gerade noch so beherrschen, um nicht loszulachen. Er wollte Amen nicht wieder auf die Palme bringen, vor allem nicht, weil er wegen dem Ritter schon ohnehin gereizt war. Die Vampirin setzte sich wieder zu Amen zurück.

„Könnt ihr mir kurz erklären, was alles passiert ist?“, fragte sie in die Runde. Leomahr und die Mumie schauten sich kurz an und begannen dann zu erzählen. Es wurde nichts ausgelassen. Es wurde berichtet über den Tod von Leomahrs Meister und über seinen Pakt mit den Zirkelmagiern. Die Befreiungen und die Flucht aus dem Anwesen ausführlich geschildert. Awa verfolgte alles mit Interesse und ihre Augen weiteten sich bei besonders spannenden Ereignissen. Als Leomahr erklärte, dass Amen verletzt worden war, hielt sie sich die Hände vor dem Mund.

„Tut es noch weh?“, fragte sie besorgt und streichelte die Verbände.

„Nein, nicht mehr“, antwortete er und ihm schwoll die Brust an. Der Schlag auf die Wunde, zur Demonstration seiner Mannhaftigkeit, war doch zu viel des Guten, denn man konnte die Schmerzen deutlich in seinen Augen sehen. Um nicht zu lachen täuschte der Magier einen Hustenanfall und bekam einen stechenden Blick von der Mumie zurück.

„Kümmere dich lieber um deinen Liebling“, schnauzte Amen ihn an.

„Hab ich bereits“, lächelte Leomahr. „Er muss sich nur noch ausruhen, dann können wir ihn verhören.“

Das Feuer knisterte gemütlich vor sich hin. Die Sterne strahlten immer noch am Himmel und der Wind wehte kühl über ihre Gesichter. Leomahr wandte sich der Vampirin zu.

„Ich habe dich vorhin gefragt ob du wirklich eine Vampirin bist.“

Awa schien zu wissen, was Leomahr so zweifeln lies. „Du meinst meine Erscheinung und besonders meine Zähne oder?“, fragte sie mit einem milden Lächeln. Der Magier nickte.

„Ich war früher eine Zauberin der Sauri oder im Volksmund einfach eine Hexe. Ich konnte Wunden heilen und Sauri selbst schickte mir Visionen der Zukunft“, erklärte sie und ihr Gemüt wurde dabei immer trauriger. „Die abergläubischen Narren wollte mich verbrennen, weil sie mich beschuldigten, mit einem Dämon namens Lucifer im Bunde zu sein. Ich sperrte mich in meine Hütte ein und ging nicht hinaus. Ein Zauber beschützte mich vor den Dörflern.“ Sie hielt einen Moment lang inne, bevor sie weiter sprach. Tränen glitzerten in ihren Augen.

„Ich habe ihre Kinder vor Krankheiten bewahrt und geheilt. Hab jegliche Schmerzen kuriert und kochte für diejenigen, die hungrig zu mir kamen. Nur weil diese…diese…“– ihre Lippen bebten vor Zorn – „Kirche solch einen Schwachsinn verzapfte, wurde alles vergessen, was ich für sie tat. Sie wollten mich töten, obwohl ich immer für sie da gewesen bin…“ Tränen liefen über das faltige Gesicht. Amen legte seine Hände auf ihren Kopf und führte ihn in Richtung seiner Brust. Ein vielsagender Blick ließ Leomahr wissen, dass er lieber keine weiteren Fragen stellen sollte.

Nachdem Awa sich einigermaßen wieder gefangen hatte, begann sie von selbst weiter zu erzählen.

Dabei hielt sie Amens Hände fest.

„Ich hatte jeden Tag Angst, dass die Barriere einfach verpuffte und sie mich einfach holen würden. Eines Abends, als ich weinend auf meinem Bett lag, hörte ich eine Stimme. Ich schaute mich sofort um und entdeckte eine hagere Gestalt direkt neben mir. Sie hatte gierige Augen und spitze Zähne. Ich wusste sofort, was ich vor mir hatte. Einen Vampir“, erzählte sie, und Spannung baute sich in Leomahr auf. „Er sagte, er wolle mich von allen Sorgen befreien. Ich wusste aber genau, was er wollte… Mich zu einer von ihnen machen. Ich überlegte nicht lange und begann meinen mächtigsten Zauber zu sprechen. Leider war er schneller und war schon bei mir, als ich angefangen hatte zu zaubern. Er biss mich und ließ seinen verfluchten Speichel in meinen Körper hineinfließen“, sagte sie mit schwerem Ton „Genau in diesem Moment geriet mein Zauber außer Kontrolle und explodierte in einem Schwall aus reiner Magie. Der Vampir wurde dabei vernichtet… Seine Schreie erschallen immer noch in meinem Ohr… Und aus mir wurde die nicht ganz typische Vampirin.“ Dabei zeigte sie auf sich.

„Ich wanderte lange allein herum. Ich stillte meinen Durst an Tieren oder bereits schwerkranken Menschen. Jahrhunderte vergingen und die Einsamkeit ließ mich in meiner Gruft verbleiben“, erzählte Awa und ihr Gemüt war ziemlich traurig. Sie schaute aber dann zu Amen und lächelte.

„Amen war auf Lordis Auftrag hin auf einem nächtlichen Streifzug. Er fand dabei mein zermürbtes Selbst und heiterte mich auf. Er sagte, ich sei nicht allein und er würde sich um mich kümmern“, strahlte sie sanft und streichelte die Hände von Amen.

„Ich habe nicht gewusst, dass ihr in Wirklichkeit die Opfer seid, und nicht die Monster“, erschallte eine raue Stimme im Hintergrund. „Die Ordensbrüder sagten, ihr seid blutrünstige Ungeheuer aus der Hölle…sie haben gelogen…“

Alle wandten sich nach hinten und starrten den Ritter an, der auf Awa und Amen zuwankte. Er ließ sie auf die Knie fallen und beugte sein Haupt. Der Ritter richtete seine Stimme an das Paar.

„Verzeiht mir, dass ich euch gejagt habe… Ich schäme mich dafür, dass ich euch gejagt habe und nur auf die Märchen des Ordens gehört habe… Bitte vergebt mir, ich lag im Unrecht…“

Stille breitete sich aus und alle blieben stumm sitzen, unfähig etwas zu sagen.

 

 (c) XES_Hunter 2006