Kapitel XI – Erinnerungen am Lagerfeuer

 

Stille herrschte eine Zeit lang. Der Ritter kniete immer noch mit geneigtem Haupt auf dem Boden.

Das Lagerfeuer knisterte laut und erhellte die verblüfften Gesichter der drei anderen. Leomahr erhob als erster seine Stimme. „Was mich betrifft, nehme ich die Entschuldigung an. Viele sind Opfer der Lügen, die der Zirkel unterhält.“ Dabei starrte er das warme Lagerfeuer an. „Wie die anderen entscheiden, kann ich nicht bestimmen.“ Er schaute die anderen beiden an.

„Ich verzeihe dir auch“, ertönte Awas Stimme, gefolgt von einem Lächeln. „Jeder macht mal Fehler, nicht wahr, Amen?“ Sie schielte zu Amen hinüber. Die Mumie schnaubte erst, doch schließlich sagte auch sie: „Schon gut… Von mir aus kannst du machen, was du willst… Du bist entschuldigt…“ Amen sagte alles so, als würde er die Sätze hervorwürgen. Der Ritter war überrascht. Er hätte gedacht, dass sein Ende bevorstand. Milde und Freundlichkeit hatte der Ritter kaum erwartet.

„Wie ist dein Name?“, fragte Leomahr nach.

„Ich werde Siog Tarndaros genannt“, antwortete der Ritter.

„Tarndaros?“, wiederholte der Magier „Die Familie Tarndaros kommt aus dem Westen. Es war eine bekannte Adelsfamilie im Jahre fünf. Im Jahre acht wurde das Oberhaupt der Familie getötet… Angeblich von euch…“, sagte Leomahr und schaute Awa und Amen abwechselnd ab. Siog ballte seine Hände zu Fäusten und zitterte am ganzen Körper.

„Ja, es ist wahr…“, sagte er aufgeregt. „Mein Großvater starb in dieser Nacht. Ich habe euch dafür gehasst, dass ihr unsere Familie ins Verderben gestürzt habt. Ich wollte euch jagen und vernichten.“

Siogs Augen flackerten gefährlich im Feuerschein. „Ich wollte mich rächen und trat dem Orden bei. Als ich hier ankam, hätte ich nicht erwartet noch solange zu leben, um euch all dies sagen zu können. Zwar hab ich meine Denkweise über euch geändert, aber ich traue euch noch nicht. Ihr könntet diesen Mord doch begangen haben“, sagte er entschlossen.

Amens Schwert flog schneller aus der Scheide als man hinschauen konnte. Er bereitete sich vor, einen Hieb auszuführen, und eilte zu dem immer noch auf dem Boden knienden Ritter. Die Klinge surrte schnell Richtung Hals. Ein Geräusch, als würden zwei Klingen aufeinander treffen, folgte. Leomahr war sich zwischen die Mumie und Siog gehechtet, um den Schwerthieb zu parieren. Amens helle Augen waren vor Überraschung weit geöffnet.

„Wir brauchen ihn noch“, sagte der Magier mit strengem Blick.

„WAS!“, schrie Amen empört. „Hast du es nicht gehört! Der würde uns am liebsten kalt machen! Seine Entschuldigung war nur ein Einwand, um länger zu leben! Wie naiv bist du eigentlich?“

„Mit der Wunde kann er nicht einmal einer Ameise etwas antun“, spottete Leomahr. „Bevor er überhaupt zur Waffe greifen würde, wäre er tot.“.

Die Mumie zog ihre Waffe schnell zurück und Hass breitete sich in ihren Augen aus.

„Gut!“, schnaubte sie und wandte sich Siog zu. „Aber solltest du nur eine falsche Bewegung machen, egal welche, wird dein Kopf meinen Gürtel zieren, das schwöre ich dir bei Horus!“

Siog nickte leicht und Erleichterung breitete sich in ihm aus. Als Amen wieder Platz genommen hatte, flüsterte er dem Magier etwas zu. „Danke für das Eingreifen.“

„Hüte demnächst deine Zunge“, antwortete Leomahr streng. „Noch einmal mache ich mich nicht unbeliebt bei Amen.“

 

 

~ * ~

 

 

Amen war die restliche Nacht schwer ansprechbar. Leomahr fühlte sich verantwortlich und entschied sich, alles wieder gut zu machen.

„Mir ist aufgefallen, dass ihr sehr liebevoll miteinander umgeht…“, begann er.

„Und wenn es so wäre, was geht dich das an!“, sagte Amen in einem scharfen Ton.

„Amen! Er versucht nur, den kleinen Zwischenfall wieder gut zu machen!“, entgegnete Awa vorwurfsvoll, worauf die Mumie nur schnaubte.

„…Kann es sein, dass ihr… nun ja…ein Paar seid?“, fragte Leomahr behutsam. Die Vampirin grinste und ihre Fangzähne wurden deutlich sichtbar.

„Sieht es danach aus?“, fragte sie liebevoll. Der Magier nickte hastig.

„Vielleicht sieht es so aus, aber Amen sucht noch nach einer Frau“, antwortete Awa mild. „Für mich ist Amen wie ein großer Bruder. Er beschützt mich und ist immer für mich da.“

Die Mumie nickte zustimmend und verschränkte seine Arme. Leomahr war nun endgültig verwirrt.

Wenn das Geschwisterliebe war, wie sah dann echte Liebe aus?

„Moment. Wenn ich mich recht entsinne, gab es tatsächlich eine Frau, in die du verliebt warst“, schoss es aus der Vampirin heraus. Amen hob schnell seinen Kopf und musterte sie kritisch.

„War es nicht 5 Jahre nach dieser schrecklichen Katastrophe?“, fragte Awa sich selbst.

„Du meinst nach der Befreiung?“, mischte sich Leomahr ein. „Das ist bereits über 200 Jahre her… Ich glaube, sie lebt nicht mehr…“

Amen verengte die Augen. Dieses Thema war ihm nicht geheuer.

„Sie ist eine des unsterblichen Waldvolkes. Sie lebt sicherlich noch“, warf die Vampirin ein.

„Auch wenn sie noch leben würde, erlaubt ihr Haus es nicht, sich mit jemanden wie mir abzugeben!“, sagte Amen wütend.

„Sie hat alle Regeln gebrochen, um bei dir zu sein. Sie war wirklich in dich verliebt“, sagte Awa sanft.

„Nach 200 Jahren wird sie sich kaum an mich erinnern und sie hat bestimmt einen Ehegatten! Es reicht. Ich will nicht weiter darüber sprechen“, entgegnete Amen, und für ihn war das Gespräch erledigt.

Leomahr versuchte schnell das Thema zu wechseln und nahm den letzten Proviant heraus.

„Das ist alles was wir noch haben… Awa, ich schätze mal du isst so was nicht?“ Er verteilte das Essen an die anderen zwei.

„Ich habe dir bereits gesagt, dass ich keine normale Vampirin bin. Essen muss ich trotzdem“, sagte sie und nahm auch etwas entgegen.

„Es ist nur Brot mit geräuchertem Fleisch… Aber es war das einzige, was lange hält“, entschuldigte sich der Magier.

„So leicht kommst du mir nicht davon Leomahr“, grinste Amen. Leomahr hatte gerade einen großen Bissen genommen und hörte sofort auf zu kauen. Er glotzte die Mumie überrascht an.

„Du weißt jetzt von meinem Schwarm, aber ich nichts von deinem“, lachte Amen. Anscheinend versuchte er die von ihm betrübte Stimmung anzueitern. Leomahr schluckte den Bissen herunter und begann zu erzählen.

„Also, du hast ihren Namen bereits gehört…“, sagte er mit trauernder Miene.

„Helen?“, forschte die Mumie nach.

„Ja, Helen“, antwortete der Magier und fasste sich ans Herz. „Ihre Augen waren smaragdgrün und ihre Haare hell wie das blasse Mondlicht… Ihre Lippen so zart wie eine Blüte… Ihr Körper schlank und wohlgeformt wie die einer Göttin…“

„Wie habt ihr euch kennen gelernt?“, unterbrach Awa, die sehr neugierig zu sein schien.

„Helen konnte aus den Fängen der Zirkelmagier entkommen und suchte bei meinem Meister Schutz…“, antwortete der Magier. „Mein Meister hielt uns möglichst getrennt… Er meinte, sie würde mich vom Lernen abhalten. “Dabei grinste er leicht.

„Wie haben uns nachts immer heimlich getroffen, als der Meister schlief, und zwar in einem grünen Hain ganz in der Nähe.“.

„Genau so haben sich Valandria und ich uns immer getroffen“, sagte Amen, und alle schauten ihn seltsam an. „Na ja…Lordi wollte nicht, dass ich mich mit ihr treffe, und ihr Volk wollte es auch nicht…deswegen… Also…“ Er entschied sich, lieber ruhig zu sein und etwas aus dem Wasserschlauch zu trinken. Alle Blicke wanderten wieder zu Leomahr.

„Leider meinte es das Schicksal nicht gut mit uns… Jemand hatte es ihretwegen auf mich abgesehen und schickte ein Assassine zu mir. Helen musste es schneller bemerkt haben als ich… Sie sah die auf mich gerichtete Armbrust schneller als ich… Sie opferte ihr Leben für meins…“, beendete der Magier die Geschichte mit tiefer Stimme. Alle schauten ihn mitfühlend an, aber er mochte es nicht.

„Was ist mit dir Awa?“, grinste er leicht. „Musstest du deinen Schatz auch heimlich treffen?“

„Nein, nicht wirklich“, schmollte sie. „Meine erste und große Liebe war immer bei uns in der Gruppe dabei. Sein Name ist OX. Er ist einfach hinreißend. Groß, stark und wild“, träumte Awa vor sich hin. „Mein Dämon“, seufzte sie. Leomahr hatte das Gefühl, als würden sie Ox sehr bald wieder sehen.

„Ich hatte noch nie eine Frau…“, sagte Siog verlegen. Alle schauten ihn an. Amen stand schnell auf und schritt auf ihn zu. Alle blickten nun die Mumie an und Leomahr machte sich wieder bereit, einen Hieb zu parieren. Amen hob die Hand und ließ sie wieder runtersausen. Einen leichten Schlag war zu höre.

Amen hatte ihm einen Klaps auf die Schulter gegeben und sagte: „Nicht schlimm! Wird noch was, glaub mir“, wobei er grinste über das ganze Gesicht grinste. Awa schaute zuerst verdutzt zu Amen, dann zu Leomahr.

„Was war denn im Wasser drin?“, fragte sie. Leomahr zuckte nur mit den Schultern.

Näheres wurde nicht erzählt, dafür kannte sich die Gefährten zu wenig. Awa und Amen kannten sowieso ihre gegenseitigen Lieben und brauchten es nicht zu sagen.

Der restliche Abend blieb weiter so angeheitert. Amens plötzliche gute Laune war allen ein Rätsel.

Sie scherzten und erzählten alles von den bisherigen Erlebnissen. Für die Nacht wurden Wachen eingeteilt. So verging diese erinnerungswürdige Nacht. Still und schön gingen die Sterne vorbei.

Der wohlverdiente Schlaf suchte sie einem nach dem anderen heim. Sie musste all ihre Kraft haben, bevor der nächste Morgen sie aus dem Schlaf rief.   

 

(c) XES_Hunter 2006