Kapitel XII – Absturz

 

Leomahrs Blick schweifte durch das Lager. Amen, Awa und Siog schliefen seelenruhig. Während seiner ganzen Wache starrte er die Mumie an. Zu gerne hätte er mehr erfahren über seine Liebe. Freiwillig würde Amen nichts rausrücken, das war ihm bewusst. „Eigentlich…“, dachte der Magier sich, „eigentlich darf ich mich glücklich schätzen, dass wir das Thema nicht richtig durchgesprochen haben…“ Die wiederholte Erinnerung an Helen hätte er nicht verkraftet. Genauso musste auch Amen denken. Vielleicht würde bald der Tag kommen, an dem sie alles voneinander wussten. Gelegentlich schaute Leomahr auch nach Bizzu, der sich vom Schock immer noch nicht erholt hatte.

Ihm fiel auch ein, dass er noch nicht wußte, wo das dritte Gefängnis war. Ohne Bizzu zu stören, holte der Magier einige Pergamente aus dem Rucksack. Die Nacht war erfrischend kühl und ruhig, perfekt um die Unterlagen zu entschlüsseln. Leomahr brauchte diesmal etwas länger, bis er das Gewünschte fand. Ein Grunzen ließ ihn kurz aufhorchen. Erleichtert stellte er fest, dass Amen sich nur umgedreht hatte.

Leomahr musste das Pergament mehrmals lesen, bis er endlich eine vielsagende Stelle fand.

 

„Tief im Albenwald des Lebens er ist, der den du zu befreien hoffst. Dichte Blätter verbergen sein Versteck. Spitze Pfeilen auf dich warten, wenn du nicht im Frieden kommst. Gehütet von einem Alben ist das Gefängnis des Stieres und nur wahre Liebe öffnet den Weg. Doch nicht nur Liebe, sondern auch Freundschaft ist von Belang, wenn du die Formel richtig sprechen willst. Am Ende werden die Stimmen des Chaos’ auch das letzte Gitter entfernen, falls sie dir freundlich gesonnen sind.“

 

Diesmal war es viel zu offensichtlich. So einfach konnte es aber nicht sein, sonst hätte jeder das Gefängnis finden können. Es befand sich im großen Waldelfenland Nia a Tal. „Albenwald des Lebens…“, ging es ihm durch den Kopf. „ Jefa e` fen heißt doch übersetzt Hain des Lebens… Das wird bestimmt damit gemeint sein… Aber die Waldelfen dulden keine Fremden… Vor allem nicht Ordensritter und Untote…“

„Leomahr, was machst du da?“, flüsterte eine schwere Stimme. „Du sollst doch aufpassen, dass keiner uns angreift, und nicht lesen.“

Der Magier sprang vor Schreck auf. Er erkannte Amens sitzende Gestalt. Die hellen und kalten Augen der Mumie waren selbst in der Dunkelheit gut zu erkennen.

„Ich…“, stammelte Leomahr. „Ich habe nur nachgeschaut, wo das dritte Gefängnis ist…“

„Und wo genau ist es?“, hakte Amen nach.

„Ich vermute mal in Jefa e` fen, der Hain des Lebens…falls es dir was sagt. Dort wohnen…“

Amen hörte ihm nicht mehr zu. Als er Jefa e` fen gehört hatte, weiteten sich seine Pupillen enorm. Die Mumie war in Gedanke versunken und reagierte nicht auf Leomahrs Erklärung.

Es dauerte ein Weilchen, bis der Magier begriff, dass seine Worte auf tauben Ohren stießen.

„Amen? Hörst du mir überhaupt zu?“, forschte er nach.

„Wie...?“, erwiderte die Mumie verwirrt. „Ja… Ja, ich habe dir zugehört… Bist du dir absolut sicher?“

„Ob der Ort richtig ist?“, erkundigte sich Leomahr. Amen nickte.

„Natürlich bin ich mir sicher. Es ist auf jeden Fall in Jefa e` fen. Bloß weiß ich nicht, wie man das Gefängnis öffnen kann…“, gab der Magier zu.

Die Mumie ließ den Kopf sinken.

„Stimmt was nicht?“ fragte Leomahr.

„Doch, doch…“, gab Amen trocken zurück. „Leg dich jetzt hin…Ich bin dran mit Wachen.“

Der Magier tat wie ihm geheißen und trat langsam in die Traumwelt hinüber. Die Nacht verlief ohne besondere Zwischenfälle. Hier und da heulten Wölfen oder andere nachtaktive Wesen.

Leomahr war sich nicht sicher, ob er Siog am nächsten Morgen noch am Leben vorfinden würde, dafür war Amen viel zu unberechenbar.

 

~ * ~

 

Leomahr wurde unsanft aufgeweckt. Jemand musste ihn ganz fest aus dem Schlaf gerüttelt haben.

„Isschh scho Aufstehnzzeeeit?“, gähnte er.

„Du hast aber einen gesunden Schlaf…“, sagte eine ihm allzu bekannte Stimme. „Die Sonne geht bereits auf und wir haben kein Proviant mehr, also beweg dich endlich.“

Leomahr machte die Augen auf und kratze sich hinterm Ohr. Das Lagerfeuer war bereits aus. Awa und Amen waren schon auf. Sie räumten das Lager auf und packten die benötigten Sachen ein. Siog saß neben dem gelöschten Lagerfeuer und sah genauso aus, wie Leomahr sich fühlte. Müde und schwach.

„Los! Wir haben nicht ewig Zeit!“, maulte Amen.

„Jaja… Warum die Eile?“, erkundigte sich Leomahr und stand langsam auf.

„Hab ich dir doch bereits gesagt!“, erwiderte die Mumie. „Wir haben nicht ewig Zeit!“

Das war definitiv nicht der Grund, dachte sich der Magier, und Awas schräger Blick auf Amen verstärkte seine Meinung.

Es dauerte nicht lange, bis alles eingesammelt worden war. Sie waren alle marschierbereit, außer Siog, der immer noch neben dem Feuerplatz saß.

„Kannst du aufstehen?“, fragte Leomahr und reichte seine Hand rüber.

„Danke.“, antwortete er mit seiner tiefen Stimme und nahm die Hilfe an.

„So… und wohin?“, forschte Awa nach.

„Am besten zum nächsten Dorf, würde ich sagen.“, sagte der Magier. „Dort können wir Vorräte holen.“

„Und wo ist das nächste Dorf?“, fragte Amen spitz. Leomahr zuckte mit den Schultern. „Prima…“, kam von der Mumie.

„Ich weiß wo das nächste Dorf ist“, mischte sich Siog ein. „Dort sind auch keine Ordensritter positioniert, weil das Dorf zu klein ist.“

„Will ich auch für dich hoffen!“, fuhr ihn die Mumie an und zeigte drohend mit dem Finger auf ihn.

Der Ritter schnaubte.

„Willst du mich provozieren?!“, schrie Amen und hatte bereits die Hand an seiner Waffe.

„Hört auf! Beide!“, befahl Leomahr.

„Dann soll er hier nicht den groß…“, fing Siog an, aber ein scharfer Blick des Magiers ließ ihn sofort verstummen.

„Sag mir, wo dieses Dorf ist“, sagte Leomahr. „Ich werde rechtzeitig merken, ob du gelogen hast.“

Der Ritter nickte und lief voraus. Als er an Amen vorbeiging, war eine Beleidigung seitens der Mumie nicht zu überhören.

„Amen!“, schrie Awa entsetzt.

„Ist doch wahr…“, raunzte er.

Stunden gingen sie durch die Einöde. Vertrockneter Boden und tote Bäume in allen Brauntönen schmückten die trostlose Landschaft. Von blühender Vegetation weit und breit nichts zu sehen. Auch Tiere gab es nicht viele. Hunger und Durst machten sich langsam in ihnen breit. Die Reise schien kein Ende zu haben.

„Wie weit ist es den noch?“, ächzte Amen.

„Noch ungefähr fünf Wegstunden…“, antwortete Siog.

„Ach, gleich so nah…“, spottete die Mumie.

Ein kleines Wortgefecht begann von neuem. Leomahr hatte wenig Lust, sich wieder einzumischen.

Awa dachte genauso, denn sie blieb stehen.

„Was ist Awa?“, wollte der Magier wissen.

„Hab ich das Dorf so weit gebaut? Nein!“, hörte man von Siog.

„Schau mal da hinten… Da ist doch was.“, sagte die Vampirin und zeigte in die Ferne.

„Dann hättest du etwas Näheres suchen können!“, kam es von Amen.

Leomahr schaute auf den Fleck, den Awa meinte. Da war tatsächlich etwas, eine Plattform mit Runen.

„Schön!“, maulte der Ritter zurück. „Dann wäre dir der Ordenstempel lieber gewesen. Der war nicht sehr weit von uns entfernt!“

„Es ist eine Portalplatte!“, strahlte der Magier.

„Na warte, du…“, schrie Amen.

„Wirklich?“, wollte Awa wissen. „Das bedeutet, dass wir das Dorf noch schneller erreichen.“

Leomahr nickte.

Die Vampirin drehte sich zu Amen und Siog um, die sich gerade beide an der Gurgel hatten.

„Jungs! Ihr könnt von mir aus hier bleiben!“, fauchte Awa. „Da vorne ist ein Portal! Also bewegt euch!“

Beide ließen sich gleichzeitig los. Ohne sich gegenseitig eines weiteren Blickes zu würdigen liefen sie beide weiter. Amen fluchte den ganze Weg bis zur Steinplatte.

Ohne Mühen erreichten sie die erwünschte Stelle. Diese war recht groß und bot Platz für mindestens zehn Personen. Sie war mit verschiedenen Runen verziert und ein Pentagramm war in der Mitte eingraviert.

„So…ihr müsst alle draufstehen, damit wir teleportieren können.“, erklärte Leomahr.

Jeder tat wie ihm geheißen.

„So, wie heißt den das Dorf überhaupt?“, erkundigte sich der Magier.

„Sigi….Whuaaaaaaa!“, schrie Siog, und er war nicht der einzige.

Ein leises Surren im Gestein hatte es ebenso angedeutet wie das leise, kaum merkliche Beben unter ihren Füßen, und doch überraschte es sie allesamt, als die Steinplatte von einem Augenblick zum nächsten verschwand. Es war, als hätte sich unter ihnen ein plötzliches, unerklärliches Vakuum aufgetan, als ein unerträglicher Sog sie in die Tiefe zog. Der Einsturz erfolgte so plötzlich, dass keiner von ihnen, nicht einmal Awa und Amen, dazu in der Lage waren noch rechtzeitig zu reagieren, und so wurden sie in die Tiefe gerissen. Ihr Fall erfolgte in einer solchen Geschwindigkeit, dass sie sich kaum bewußt wurden, wie das Sonnenlicht schwand. Doch was ihnen allen bewußt war, war dieses fürchterliche Gefühl von Bodenlosigkeit. Zeit war ein verdammtes Miststück, wenn man ihr ausgeliefert war, und in diesem Fall zog sie sich in einem scheinbar erschreckend lange erscheinenden Fall schier bis zur Unendlichkeit hin. Ein Fall, der wohl nur wenige Herzschläge andauerte, doch ihnen kam jeder einzelne davon länger als ein Jahrtausend vor, während ihre Gesichter von der kühlen, modrig riechenden Luft, die dem Erdinneren entwich gepeitscht wurden. Einzig und allein ihre eigenen Schreie begleiteten sie auf dem Weg in die dem eigenen panikerfüllten Ermessen nach bodenlose, schwarze Tiefe, doch vermochte dies keinerlei Trost zu vermitteln.

Ein dumpfes Knacken erfüllte plötzlich die Luft, gefolgt von Schmerzenschreie. Der Boden war erfolgreich erreicht worden.

 

 (c) by XES_Hunter 2006