Kapitel XIII – Licht in der Finsternis

 

Trübes Licht sickerte durch die Öffnung, aus der sie gekommen waren. Staub schwebte in der Luft und Schatten tanzten die Wand entlang. Kälte breitete sich wie eine Krankheit durch den Raum. Wie lange sie dort lagen, konnte keiner sagen. Die Zeit war wie stehen geblieben und die Schmerzen fegten ihre Köpfe leer. Das Bewusstsein kehrte nur langsam in ihre von Dunkelheit geplagten Gedanken.

Leomahr öffnete seine Augen und erblickte die Öffnung, die sich weit oben erstreckte. Der Himmel war aschgrau. Sein Rücken schmerzte und auf seinen Beinen schien etwas Schweres zu liegen. Er erhob mit Mühe seinen Kopf und schaute nach dem Ursprung dieses Gewichts. Eine regungslose, in Eisen gehüllte Gestalt lag quer über seine Beine. Leomahr erkannte in dieser Gestalt den Ritter und versuchte durch Rütteln diesen aufzuwecken, aber Siog machte sich nicht die Mühe aufzuwachen. Nach etlichen Versuchen gab der Magier auf und erforschte seine Umgebung. Kalte Wände aus Erde waren um ihn und das kleine Loch über seinem Haupt war nicht zu erreichen. Ein dunkler Korridor gähnte ihm entgegen, aber massive Gitterstäbe aus Eisen versperrten den Weg dahin.

Leomahr wurde sofort klar, dass sie in einer Falle getappt waren. Hinter ihm begann sich was zu regen. Die anderen erlangten ihr Bewusstsein wieder.

„Was ist passiert?“, fragte die helle Stimme von Awa. Ihr schlangenähnlicher Blick wirkte verängstigt und unsicher. Sie klammerte sich an Amen, der gerade sich aufgerappelt hatte und nun ihre eigenartige Zelle mit Interesse musterte.

„Wie mir scheint sind wir in eine Falle getappt“, stellte der Magier fest. Ihre Worte hallten durch den Raum und der Geruch von staubiger Erde drang in ihre Nasen. Siog erwachte nun auch und versuchte sich langsam an seinem Schwert zu stützen, um nicht der Schwäche zu erliegen. „Jemand hat ein Kraftfeld mit einer Illusion belegt“, erklärte Leomahr. „Dieser Jemand hat auch beide aufgelöst, als wir draufstanden.“

„Du bist doch nicht so dumm, wie ich zuerst annahm“, spottete eine ölige Stimme aus der Finsternis des Ganges. Alle wandten sich dem Gang zu. Ein sehr kleiner Mann mit spitzen Ohren und rabenschwarzem Haar lehnte sich an der Wand in der Nähe der Gitterstäbe. Ein Spitzbart schmückte das höhnische Grinsen in seinem Gesicht. Er trug eine Armbrust, und die Lederrüstung, die mit Eisenstriemen versehen war, beschützte seinen Träger vor Schäden. Das kann nur ein Halbling sein, dachte sich Leomahr.

Niemand rührte sich und Stille legte sich nieder. Amen, zuerst überrascht, funkelte nun die kleine Gestalt wütend an.

„Was fällt dir ein, uns einer Falle zu stellen!“, schnaubte die Mumie. „Wenn ich dich in den Finger bekomme…“

„Spar mir deine leere Drohungen“, unterbrach ihn der Halbling. „Ihr seid eine Menge Geld wert, aber nur, wenn ich euch lebendig abliefere. Der einzige Grund, warum ihr noch lebt.“

Hass staute sich in Amen und nur Awa vermochte ihn momentan zurückzuhalten. Der Halbling hingegen schien amüsiert von den Versuchen der Vampirin, ihren Freund zu zähmen.

„Du bist ein verdammter und ehrloser Söldner!“, brüllte Siog den Fremden an. Es war offensichtlich, welche Abneigung er dem Halbling gegenüber hegte.

„Von dir haben die mir nichts gesagt“, sprach die kleine Gestalt geringschätzig. „Ein abtrünniger Ritter. Dafür bekomm ich bestimmt auch was, und weil es egal ist, ob ich dich lebendig abliefere, bring ich dich zum Schweigen.“

Ein überraschtes „Was?“ war alles, was Siog noch sagen konnte. Der Halbling zielte sehr schnell mit seiner Armbrust und drückte ab. Keiner hatte die schnelle Bewegung gesehen, nur das folgende Surren des Bolzens erklärte das, was gerade geschehen sein musste. Ein Geräusch, als würde etwas Spitzes Eisen durchbohren und ein kurzer, aber schmerzerfüllter Aufschrei erfüllten den Raum. Siog fiel langsam zu Boden. Die Zeit schien stillzustehen und die Überraschung lähmte alle kurzzeitig. Amen blinkte zum Halbling, der höhnisch lachte, und zog sein Schwert. Mit Kampfgebrüll rannte er in die Richtung des Halblings und schlug mit seiner scharfen Waffe gegen die Gitterstäbe.

„Vielleicht bist du halb durch, wenn der Orden dich holen kommt“, spottete der Halbling und zog lachend von dannen.

Leomahr und Awa knieten sich eiligst zu Siog und betrachteten die Wunde. Der Bolzen war tief in den Bauch eingedrungen und Blut strömte aus der Wunde. Der Ritter keuchte und rang nach Luft.

Awa streichelte seine Stirn und versuchte ihn zu beruhigen, doch war sie selbst ziemlich nervös.

Siog hustete Blut und zitterte, als würde die Kälte des Todes ihn umarmen. Seine Augen verdrehten sich und das Keuchen wurde immer unregelmäßiger.

„Tue doch endlich was, Leomahr!“, schrie Awa entsetzt und hielt die Hand des Ritters bei sich.

„Ich muss den Bolzen vorsichtig rausziehen!“, erwiderte Leomahr, nicht weniger nervös.

Amen, der vor Wut keine klaren Gedanken fassen konnte, schlug immer noch mit voller Wucht gegen die Eisenstäbe. Das klirrende Geräusch begleitete das Keuchen des Ritters. Leomahr hatte den Bolzen herausgezogen und presste einen herausgerissenen Teil seines Mantels gegen die blutende Wunde. Siog verlor erneut sein Bewusstsein und kämpfte nun um sein Leben.

Ewig zog sich die Zeit und die Hoffnung auf Rettung begann zu versiegen. Die Schatten wurden immer größer und der Himmel wurde dunkel.

Amen schritt auf und ab, der Gedanke, nichts machen zu können und auf den Orden zu warten, machte ihn krank. Es mussten Stunden vergangen sein, seit der Halbling verschwunden war. Die Kälte konnte man beinahe schmecken und das Licht verließ die überwölbte Kammer so wie der Mut, den die Gefangenen in sich hatten. Stille und Finsternis erfüllten diesen Raum des Schreckens.

Siog begann erneut ohne Vorwarnung zu zittern und im Schlaf zu sprechen.

„Er hat hohes Fieber!“, sagte Awa. „Ich habe keine Kräuter um ihn zu helfen.“

Ihre Lippen bebten und ihre Augen waren gezeichnet von Sorge und Angst. Tränen aus reinem Blut rannen das vor Sorgen geplagte Gesicht herunter und hinterließen rote Spuren.

Selbst Amen war besorgt um Siogs Wohl und stand ihm beiseite.

„Er hat zuviel Blut verloren. Es sieht schlecht für ihn aus“, sagte der Magier niedergeschlagen.

„Stirb mir bloß nicht weg!“, schrie Amen den Ritter an. „Hörst du! Wehe, du stirbst!“

 

~ * ~

 

Obwohl die Situation hoffnungslos war, gaben sie nicht auf. Sie kämpften mit voller Kraft um das Leben ihres Begleiters. Sie waren so damit beschäftigt, dass sie vergaßen, dass der Orden bald da sein würde.

Doch dieser Gedanke erreichte sie schneller als ihnen lieb war. Ein helles Licht tauchte aus dem dunklen Schatten des Korridors auf und Schritte kamen deutlich näher. Sie mussten da sein.

Jeder starrte mit angsterfülltem Blick in den heller werdenden Gang. Die Gitterstäbe sanken ohne Vorwarnung nach unten, wie von Geisterhand, mit schrecklichem Gequietsche. Das helle Licht konnte unmöglich von einer Fackel abstammen.

Langsam konnte man die Gestalten erkennen, die auf sie zugingen. Sie wurden angeführt von einer graziösen Gestalt, die Licht ausstrahlte. Leomahr konnte noch nichts erkennen, da das Licht ihn blendete. Er hatte bereits gehört, dass sehr hochrangige Diener der verschiedenen Tempel von einer heiligen Aura umgeben waren, doch dass diese sich so stark äußern würde, das hätte er nicht gedacht.

War das nun das Ende? Hatte er kläglich versagt? Würde er seine Freunde hier verlieren und sie im Totenreich wieder sehen?

Gedanken. Nur Gedanken.

Das Licht kam näher und die Gestalten mit ihm.

 

(c) by XES_Hunter 2006