Kapitel XIV – Fremde Wälder

 

Das bleiche Licht erhellte das düstere Gefängnis. Mit jeder Sekunde entblößte es immer mehr und kam an ihnen näher. Selbst die Schatten, dunkel und kalt wie sie waren, schienen zu flüchten vor dem heiligen Licht. Alle Gefangenen starrten wie gebannt auf die näherkommenden Gestalten. Eine Mischung aus Furcht und Spannung machte sich in ihnen breit. Alles war so still, dass man selbst Gras beim Wachsen hätte hören können. Die Schritte der Fremden waren kaum zu hören und nur ein Meister seines Faches hätte sagen können, wer so leise laufen würde. Langsam und graziös näherte sich die leuchtende Gestalt und wurde sichtbar. Ein weißes Seidenkleid bedeckte den zierlichen, aber eleganten Körper. Die lange blonden Haare flogen wie im nicht vorhandenen Wind. Die spitzen Ohren und die hellblauen Augen verliehen dem Gesicht sein liebevolles Aussehen. Die dünnen Lippen waren zu einem freundlichen Lächeln verzogen und strahlend wie die helle Morgensonne schaute sie die Gefährten an. Hinter ihr tauchten kriegerisch gekleidete Gestalten auf. Auch sie hatten spitze Ohren, doch die Haar- und Augenfarbe variierte enorm. Von Smaragdgrün bis Aquamarinblau reichten die Farben der Augen. Bögen waren in ihren Händen, bereit zum Abfeuern.

„Elfen“, sagte Awa mit Verwunderung. Sie schien hin- und hergerissen zu sein von ihrem Anblick.

Die Elfe, die zuvor Licht ausgestrahlt hatte, nickte leicht mit dem Kopf, ohne die Vampirin aus dem Blick zu verlieren.

„Seid gegrüßt, auserwählte Wesen, und auch du, Sohn der Natu“, sprach die Elfe mit ihrer hellen tönenden Stimme. Wie eine warme Sommerbriese berührte sie die Herzen aller.

„Mein Name lautet Rahala und ich gehöre zu der Priesterschaft der Niandra. Wir kommen aus den Wäldern des Morgenlichtes“.

„Unsere Herrin schickte uns einst auf die Suche nach euch“, fuhr sie fort mit ihrem lieblichen Ton und keiner vermochte sie zu unterbrechen. „Ihr werdet gejagt und das aus Gründe falscher Tatsachen. Folgt uns in die Freiheit. Die Herrin wartet bereit sehnsüchtig auf einem Gespräch mit euch.

Vor allem mit dir, Jünger des vergessenen Anubis.“

Dabei richtete sie ihre Augen gen Amen, der sie nur verblüfft und ein wenig träumerisch ansah.

„Warum mich?“, fragte die Mumie, die aus ihre Träumereien erwacht war.

„Ich bin nicht befugt, es dir zu sagen.“, antwortete Rahala. „Du wirst auf die Antwort warten müssen, bis die Zeit gekommen ist.“

Sie hob ihre Hand und alle anderen Elfen ließen die Bögen sinken.

„Er stirbt. Seine Seele wird in Kürze den Körper verlassen und zu Natus Feldern gehen, wenn nichts unternommen wird“, stellte Rahala in ruhigem Tonfall fest. Sie näherte sich Siog und beugte sich zu ihm hinunter. Nach längerem Schweigen legte die Elfe ihre zarte Hand über die Wunde und schloss die Augen.

„Ira`l el tar`nem sargo Niandra.“

Rein und warm leuchtete das Licht aus ihrer Hand und langsam schloss sich die Wunde des Ritters.

„Wach auf und erblicke erneut die Welt, Diener der Ordnung“, flüsterte die Elfe in Siogs Ohr.

Alle schauten gespannt auf den Ritter, der sich langsam zu bewegen versuchte. Mit Mühe öffnete er seine hellblauen Augen und schaute in das Gesicht der wunderschönen Elfe. Siog war trotz der Heilung zu geschwächt, um etwas zu sagen, geschweige denn sich zu bewegen.

Seine Freunde waren erstaunt über diese rasche Heilung. Im Grunde genommen war es eher eine Erweckung, denn der Ritter war mit einem Fuß durch Natus Tor geschritten.

„Folgt uns, die Zeit ist nicht auf unserer Seite. Sputet euch, auserwählte Wesen“, sagte Rahala und ging mit ihre Männer voraus.

„Sollen wir ihnen wirklich trauen?“, fragte Awa, als die Elfen außerhalb der Hörweite waren –dachte sie zumindest.

„Sie haben Siog gerettet und außerdem haben wir keine andere Wahl“, erwiderte Leomahr.

„Und ihre Herrin möchte mit mir reden“, fügte Amen nachdenklich hinzu. Er wurde seltsam von beiden beäugt.

„Was?“, erkundigte er sich bei den fragenden Blicken.

„Nichts… Hilf mir Siog zu tragen“, bat der Magier. „Und wenn möglich ohne dich zu beschweren.“, scherzte er, darauf bedacht, die Stimmung ein wenig zu erhellen.

Es schien zu klappen, denn Amen grinste ihn an, bevor er den Ritter bei den Füßen packte.

„Warum nennen sie uns eigentlich Auserwählte?“, fragte die Mumie in die Runde.

„Da fragst du den Falschen…“, erwiderte Leomahr.

 

~ * ~

 

Vorsichtig folgten sie den Elfen durch den Korridor unter der Erde. Es roch nach feuchter Erde und es war kalt. Die einzige Lichtquelle war die Elfe selbst.

„Wo bringen ihr uns hin?“, erkundigte sich Awa.

„Zum Portalstein und von dort aus werden wir in unseren Wald gehen“, antwortete ein Elf mit melodischer Stimme und rubinroten Augen. „Haltet aus, bald erreichen wir unser Ziel. Ihr werdet unser Heim mögen. Selbst die Vögel begrüßen dich am Morgen mit ihrem Gesang und wer lauscht, wird sogar die Bäche flüstern und die Bäume nuscheln hören.“

„Das hört sich traumhaft an“, entgegnete die Vampirin und fasste sich ans Herz. Ihr Lächeln war kaum zu verbergen.

Es dauerte nicht lange, da kamen sie in einen Raum, in dessen Mitte ein kleiner, bläulich schimmernder Edelstein lag. Die ganze Kammer leuchtete aufgrund des blauen Lichtes dieses Edelsteins.

„Stellt euch um den Portalstein und seid geduldig“, wies Rahala sie an. „Ich werde uns durch die Kräfte des Steines zu unserem Heim bringen.“

Sie taten wie angewiesen und warteten gespannt.

Rahala hob ihre Hände und sprach auf Elfisch etwas, das wie ein Spruch klang.

Ohne Vorwarnung verschwamm alles vor ihren Augen. Ein Gefühl der Bodenlosigkeit breitete sich aus und sie fielen in die Unendlichkeit. Wind peitsche ihnen entgegen. Keiner wußte, wie lange sie noch fallen würde. Zeit spielte hier keine Rolle. Abrupt hörte der Wind auf und es wurde Bekanntschaft mit dem Boden gemacht. Feuchte Erde und Blätter lagen unter ihnen. Vögel zwitscherten und verschiedene Tierlaute waren in der Nähe. Langsam öffnete Leomahr seine Augen und stand vom feuchten Boden auf. Überall um ihn waren Bäume und Büsche, soweit er im Mondlicht sehen konnte. In der Ferne leuchtete etwas und harmonische Klänge fanden ihren Weg zu ihm. Sie mussten in einem Wald sein und dieser wiederum in einem Tal, wie die riesigen Felswände, die sich wie Kolosse in die Nacht erstreckten, vermuten ließen. Das Leuchten kam von einer der fernen Felswände, doch das Licht besiegte die Dunkelheit der Nacht und schien bis zu ihnen.

„Willkommen in unserem Wald, Auserwählten“, stimmten die Elfen wie in einem Chor ein.

 

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