Monster GmbH (by Creeper)

Kapitel 2

 

Schon längst hatte sich die Nacht einem trügerisch samtigen Mantel gleich über die Stadt gelegt und mit ihr waren ihre kleinen Geschwister gekommen, die Schatten, die durch die Straßen gekrochen waren und sich ihrer bemächtigt hatten. Sie hatten eine Herrschaft angetreten, die im immerwährenden Wechsel mit dem Tageslicht stand, dem sie in einigen Stunden wieder würden weichen müssen, so wie jeden Tag, seit ungezählten Jahren schon, doch sie würden wiederkommen, sie würden immer wiederkommen. Allein das künstliche Licht von Straßenlaternen, Verkehrsampeln, Schaufensterbeleuchtungen und Neonröhren drängte die Schatten zurück, die sich dem widerwillig fügten, doch sie umschmeichelten diese Lichtquellen wie geifernd und bebend in der Erwartung jenes Zufalls, der sie irgendwann erlöschen ließ, auf daß die Schatten sie gierig verschlangen.
Nicht alle von ihnen warteten darauf. Sie hatten einen kleinen Bruder mitgebracht, der sich nun aus der finsteren Masse materialisierte und dabei eine Gestalt annahm, die täuschend vertraut war. Eine Gestalt, die man nur ein einziges Mal in seinem Leben sah und deren erster Anblick doch niemals auch nur den Hauch eines Zweifels zuließ. Die Schatten gebaren ihn nicht, sie entließen ihn bereitwillig, da selbst sie wußten, daß sie ihm nichts zu geben vermochten, was er sich nicht nehmen konnte. Ein Schatten, der all das brachte, was die übrigen nur andeuteten, Gewißheit dort, wo die anderen nur ahnen ließen.
Selbst die Schatten wichen zurück, als er einen Schritt vor- und endgültig die hiesige Wirklichkeit betrat, doch dann blieb er stehen.
Eigentlich war das überflüssig. Daß er nach einem solchen Wechsel der Wirklichkeiten die Orientierung verloren hatte, war so lange her, daß er sich selbst kaum noch daran erinnern konnte. Selbst dieses eigentümliche Kribbeln im Nacken und das nur für einen Sekundenbruchteil andauernde Gefühl, sich wie durch Sirup zu bewegen, nahm er kaum noch wahr, so vertraut war es inzwischen geworden. Aber es war wie ein Ritual, so vollkommen in jede einzelne Faser in ihm übergegangen, daß man ihn schon hätte zerreißen müssen, um es aus ihm herauszubekommen – und vermutlich nicht einmal dann. Ebenso wie der tiefe Atemzug, der Lungen mit einem Strom kühler Luft befüllte, die dies schon seit langer Zeit nicht mehr benötigten. Es war ein Ritual, das auf Erinnerungen fußte. Und diese ließen sich nur schwerlich aus dem Gedächtnis brennen.
Mit einem Seufzer stieß er den Atem wieder aus, ohne dabei zu beachten, daß er weiß kondensierte, was eigentlich gar nicht hätte sein dürfen, bedeutete dies doch, daß die Luft warm war – und das wiederum hätte absolut unmöglich sein müssen. Doch es gab so viele Dinge, die ihn mit dem Begriff „unmöglich“ verbanden, daß er es schon vor langer Zeit aufgegeben hatte, darüber nachzudenken. Er war niemals zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen.
Er drehte einen merkwürdigen Gegenstand in beiden Händen unschlüssig herum, so als wüßte er nicht wirklich, wie er dorthin gekommen war. Vielleicht aber war er auch nur gänzlich in Gedanken versunken und sich dessen gar nicht einmal so recht bewußt. Eine ganze Weile starrte er diesen Gegenstand an, fast so, als wäre er vollkommen fremd und als müsse er erst noch ergründen, worum es sich dabei handelte, schließlich aber beendete er jede nur vermutbare Unschlüssigkeit mit einem gleichmütigen Schulterzucken und einem leichten Grinsen, das niemand sehen konnte, und setzte sich den zerschlissenen Zylinder mit einer schon vieltausendfach durchgeführten Bewegung auf.
Jetzt konnte es beginnen.
Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, denn plötzlich regte sich das in ihm, was vorhin nur leise jaulend versucht hatte, auf sich aufmerksam zu machen. Und er kannte das Gefühl nur zu gut, war es doch Zeit seiner Existenz zu einem vertrauten Begleiter geworden, der ihn niemals verlassen würde und den er – das mußte er sich nun einmal eingestehen, was er auch ohne jede Skrupel tat – auch gar nicht missen wollte.
Reine Beutegier.
Beutegier in ihrer vielleicht reinsten, essentiellsten Form. Er konnte sie ebenso vollkommen bewußt wecken wie sie ihn von einem Augenblick auf den anderen überrumpelte, doch noch war sie nur leise, noch ohne jedes Ziel, das noch nicht ausgemacht war, und von daher leicht zu steuern. Es war selten, daß er vollkommen die Beherrschung darüber verlor, doch wenn dem einmal so war, dann nur, weil er es selbst zuließ. Dafür genoß er dieses Gefühl viel zu sehr.
Und nirgendwo ließ sich ein potentielles Ziel besser auftreiben als in der Stadt. Es war dabei völlig gleichgültig, um welche Stadt es sich dabei handelte, denn im Grunde waren sie alle gleich. Hier mußte er nicht lange suchen, nicht angestrengt Ausschau halten. Es genügte, einfach durch die Straßen zu streifen und darauf zu warten, daß das Ziel ihn fand. Bei einer solchen geballten Masse war das Suchen komplett überflüssig – irgendwann traf er schon ganz von selbst auf das richtige. Und wenn es erst soweit war, würde er es schon wissen.
Es war so leicht in der Stadt. Sie bettelten regelrecht danach, gefunden zu werden.
Es war kein Auftrag, den er zu erfüllen hatte. Damit war er längst fertig, das war alles schon abgearbeitet. Alles nur leichte Fälle heute, Kleinigkeiten, aber das mußte er den Chef ja nicht wissen lassen. Wenn er schon auf seinen Überstunden sitzenblieb, dann wollte er wenigstens zusehen, wie er die wenige Freizeit, die er irgendwie ergattern konnte, anderweitig verbringen konnte. Wenn der Chef da erst mal die Nase dran bekam, ging er womöglich noch davon aus, daß er unterbeschäftigt war.
Er zog unwillkürlich eine finstere Grimasse, als er daran dachte. Immerhin hatten sie ihn jetzt doch tatsächlich soweit bekommen, daß er damit begonnen hatte, Bewerbungsunterlagen zu wälzen. Ob das nun wirklich bedeuten sollte, daß er die Beschwerden seiner Truppe ernstnahm und versuchte, Abhilfe zu schaffen, oder diese vorgeblichen Bemühungen allein deswegen geschahen, weil er damit guten Willen beweisen und eben jene Beschwerden in erster Linie zum Verstummen bringen wollte, das war noch nicht so ganz klar. Zuzutrauen wäre es ihm. Das Pensum ein wenig zurückfahren, sich wirklich bemüht zeigen, um eine qualifizierte Aushilfe aufzutreiben, und anschließend mit einem resignierten Schulterzucken eingestehen, daß leider kein geeigneter Kandidat unter den Bewerbern gewesen war.
Die Grimasse wurde zu einem ausgewachsenen Grinsen. Wenn er das tat, saß er ziemlich schnell allein mit seinem Kram da. Wenn ihre Meinungen in diversen Einzelheiten auch recht weit auseinandergegangen waren, als sie darüber diskutiert hatten, in diesem Punkt waren sie sich alle einig. Sie hatten nur jeder eine andere Art, diese dem Chef verständlich zu machen, als es zum unvermeidlichen Einzelgespräch gekommen war. Bei ihm selbst war die Sache relativ schnell erledigt gewesen, er hatte auf die übliche Weise nüchterne Fakten gebracht, unmißverständlich argumentiert und bis auf einige wenige vereinzelte Zwischenfragen hatte der Chef sich bloß schweigend Notizen gemacht. Was er davon nun zu halten hatte, wußte er selbst nicht, aber soweit er erfahren hatte, war es bei den anderen ganz ähnlich abgelaufen – abgesehen von einer Ausnahme. Dessen Argumente waren derart unmißverständlich gewesen, daß sie sie noch zwei Etagen tiefer vernommen hatten. Ob das jetzt hilfreicher war, war natürlich eine andere Frage, sicher aber war, daß dieser Standpunkt eindeutiger nicht mehr sein konnte.
Er schüttelte leicht den Kopf, um sich wieder von diesen Gedanken zu lösen und darauf zu konzentrieren, weshalb er eigentlich hier war. Damit konnte er sich auch noch beschäftigen, wenn er wieder zurück war, jetzt allerdings stand erst mal etwas anderes auf dem Programm.
Er hätte jetzt schmollen können, die Abwehr hochfahren und den Chef Chef sein lassen, ohne sich noch weiter darum zu kümmern, nur um darauf zu warten, bis dieser auf Knien dahergerutscht kam und versprach, alles zu tun, wenn er denn nur wieder in die Gänge kam und endlich irgend etwas tat, am besten natürlich das, worauf er sich verstand. So beispielsweise tat das der eine oder andere aus ihrer Mannschaft – nun ja, eigentlich nur der eine. Der hatte jetzt zum ersten Mal – seit wie vielen Jahren? – komplett auf stur geschaltet und wartete genau darauf. Selbstverständlich wohlwissend darum, daß der Chef niemanden, keinen einzigen von ihnen jemals für irgend etwas anbetteln würde. In dieser Hinsicht gaben sich die beiden jeder auf seine Weise nicht wirklich viel.
Nach solchen Kindereien stand ihm allerdings nicht der Sinn. Was ihm nicht paßte, ließ er für gewöhnlich auch recht zeitnah irgendwo aus. Dummerweise jedoch immer an jenen, die in keiner Weise auch nur irgendwie daran beteiligt waren, geschweige denn, daß sie eine Schuld traf. Was wiederum allein ihr Problem war, nicht das seine.
Bedenken? Skrupel? Gewissen, vielleicht sogar noch ein schlechtes? Er wußte interessantere Dinge, um sich die Zeit zu vertreiben. Deshalb war er hier.
Er lehnte sich gelassen mit der Schulter an den Pfahl eines Verkehrszeichens und sah sich um. Man hätte meinen können, daß sich spätestens jetzt der Blick jedes der wenigen Passanten, die zu dieser Sunde noch unterwegs waren, wie magnetisch angezogen auf ihn gerichtet hätte, doch eher das Gegenteil schien der Fall zu sein. Normalerweise wäre dem wahrscheinlich so gewesen, sie hätten ihn einen Herzschlag lang fassungslos angestarrt, bevor sie schreiend das Weite gesucht hätten. Daß sie es nicht taten, lag ganz allein daran, daß er es nicht zuließ. Er hinderte sie nicht am Weglaufen – das hätte selbst er nicht vermocht –, doch er verhinderte, daß sie ihn überhaupt erst sahen. Und das war etwas, worin er ziemlich gut war. Es vereinfachte so einiges.
Menschen. Die wenigen Gestalten, die überhaupt noch unterwegs waren, waren alles nur Menschen. Das erkannte er mit jener geübten Leichtigkeit, die von jahrelanger Routine sprach, sobald er die einzelnen Erscheinungen auch nur mit einem beiläufigen Blick taxierte. Er vernahm ihren Herzschlag so deutlich, als wäre es sein eigener, hörte ihren Atem, spürte ihre Empfindungen und öffnete sich dem Bewußtsein dieser Menschen nur für einen minimalen Sekundenbruchteil so vollkommen, als hätte er sein eigenes verloren. Dem war natürlich nicht so, er ließ lediglich das fremde, sterbliche Bewußtsein auf einer parallelen Spur neben dem seinen laufen und war dann dazu in der Lage, vollkommen bewußt zwischen beiden zu wechseln. Es klang irre, aber so kompliziert war es eigentlich gar nicht. In seiner Anfangszeit hatte er manches Mal gedacht, daß sein Verstand endgültig zu Rührkuchen geworden war, aber es war alles nur eine Sache der Übung. Und irgendwann gab es kaum etwas Selbstverständlicheres.
Es waren nur Sekundenbruchteile, doch in dieser kurzen Zeit wurde er alles gewahr, was er wissen mußte und wollte, jede Kleinigkeit, die ein einzelnes Geschöpf so einzigartig machte. In dieser kurzen Zeit erfuhr er weit mehr von ihnen als sie wohl selbst von sich überhaupt wußten – und nicht wenige hätte es beschämt, wären sie sich über diesen unfreiwilligen Striptease bewußt gewesen.
Nur ein Bruchteil eines Wimpernschlags für jeden einzelnen von ihnen, mehr brauchte es gar nicht. Sie waren nicht komplex genug, als daß es mehr Zeit in Anspruch genommen hätte.
Und dann riß es seine Aufmerksamkeit plötzlich förmlich in eine ganz bestimmte Richtung.
Sein Kopf fuhr herum, als er auf einmal diese allzu vertraute Regung verspürte, die auf ihn die gleiche Wirkung hatte, als wäre gerade jemand von einem Schwarm kriegslüsterner Hornissen überfallen worden. Diese Regung war da, noch bevor er den Auslöser dafür überhaupt erreicht und taxiert hatte, bevor er überhaupt auf den Gedanken gekommen wäre, ihn gar abzuschätzen. Er war wie der Bluthund, dem auf einmal ein ganz bestimmter Geruch in die Nase gestiegen war und dessen Körper sich vor Erregung auf einmal derart anspannte, daß es ihn fast zu zerreißen drohte.
Sein Blick richtete sich auf sein Ziel und die Pupillen kristallgrüner Augen verengten sich plötzlich zu Stecknadelköpfen. Er spürte, wie sich ein fast schon boshaft zu bezeichnendes Lächeln auf sein Gesicht schlich. Genau das war es. Suchen war überflüssig, war es immer gewesen. Wenn es ein Ziel gab, dann zog es seine Instinkte wie an einer unsichtbaren Schnur zu sich hin. Und wenn das erst einmal geschehen war, dann gab es nichts, nichts und niemanden, was seine Aufmerksamkeit wieder davon lösen konnte – bis er mit seinem Werk fertig war.
Eine Frau stand dort an der Ampel und wartete auf die nächste Grünphase. Wenn man sie sich einmal genauer betrachtete, so wurde fast schon zwangsläufig die Frage wach, warum um alles in der Welt sein Instinkt ausgerechnet auf sie aufmerksam geworden war – es gab Frauen, die einen Blick aus verständlicheren Gründen auf sich zogen, sogar regelrecht rissen, doch diese hier war an Durchschnittlichkeit kaum noch zu über- oder vielmehr unterbieten. Nichts an ihr hätte den gewöhnlichen Mann auf der Straße dazu gebracht, sich nach ihr umzudrehen oder sie auch nur mit einem längeren als dem üblichen flüchtigen Blick zu bedenken. Sie gehörte zu jenen Personen, die man in einem Moment sah und im nächsten auch schon wieder vergessen hatte, wie sie aussah.
Aber er vertraute seinem Instinkt vollkommen. In all den Jahren hatte er niemals einen Grund gehabt, auch nur einen Wimpernschlag lang an ihm zu zweifeln, und so würde er ausgerechnet jetzt nicht damit beginnen. In Fällen wie diesem war es sein Instinkt, der ihn leitete – und dieser hatte ihn zu dieser Frau geführt.
Er fragte sich nicht, warum es ausgerechnet eine Frau war. Das war meistens so. Nicht aus Gründen des Chauvinismus, ganz gewiß nicht. Das waren Dinge, mit denen er sich nicht mehr befaßte, weil es nicht mehr notwendig war. Er wußte natürlich selbst zu gut, daß ihn sein Instinkt in schätzungsweise acht von zehn Fällen unmittelbar zu einer Frau führten, wenn er auf eigener Faust auf der Jagd war und nicht gerade wieder einen Job zu erledigen hatte. Anfänglich hatte er sich darüber noch ein wenig gewundert und es darauf zurückgeführt, daß es wohl natürlich war, wenn man sich als Mann auf Frauen konzentrierte. Aber er hatte recht schnell begriffen, daß es diesen Instinkt nicht interessierte, welches Geschlecht seine Opfer hatten. Das Geschlecht war vollkommen irrelevant bei dieser Sache, schließlich war er nicht hormongesteuert. Hormone waren wie alles andere allenfalls eine Erinnerung. Nicht unbedingt eine längst verblaßte Erinnerung, dessen war er sich bewußt, aber nun einmal auch nicht mehr. Gut, zumindest kaum mehr. Eigentlich.
Das hier war anders. Frauen waren auf eine völlig andere Weise viel interessanter als Männer. In ihren Empfindungen unterzutauchen mutete bisweilen wie ein lustvoller Rausch der gänzlich anderen Art an, gegen den die meistens recht blasse Stumpfheit der männlichen Gegenstücke nicht einmal ansatzweise ankommen konnte. Oder um es anders auszudrücken: Man konnte das Gefühl, mit ungezügelter Geschwindigkeit durch die Landschaft zu jagen, nicht mit dem Dahintuckern bei einem maximalen Tempo von dreißig Stundenkilometern über eine Landstraße vergleichen.
Hier war es ganz ähnlich. Hätte er jemals vor der bewußten Wahl gestanden, er hätte wohl jede Frau einem Mann vorgezogen – gänzlich losgelöst von etwaiger sexueller Vorliebe, die nun wirklich keine Rolle dabei spielte. Aber er brauchte ja gar nicht zu wählen. Sein Instinkt traf die richtige Wahl schon, noch bevor er überhaupt über eine Alternative hätte nachdenken können.
Er unterzog sie einer gewohnt flüchtigen, aber dennoch genaueren Untersuchung, indem er sich kurz auf ihre tiefere Ebene hinabsenkte und darüber hinwegglitt. Die meisten Menschen waren dank der Entwicklung namens Zivilisation viel zu abgestumpft, als daß sie das überhaupt noch bemerkt hätten, doch bei dieser Frau verspürte er zu seiner eigenen Überraschung ein nur sehr kurzes Zusammenzucken, als er über ihre Empfindungen huschte.
Das war interessant. Es war fast schon eine Ewigkeit her, seit er zum letzten Mal eine solche Reaktion ausgelöst hatte. Nicht, daß sie sich äußerlich irgend etwas davon hätte anmerken lassen, ganz gewiß nicht. Als Mensch war es ihr nicht merklich genug aufgefallen, daß sie etwas berührt hatte, das nicht dorthin gehörte, das wußte er. Aber es war erstaunlich genug, daß sie es überhaupt wahrgenommen hatte – und daß dem so war, das konnte er spüren.
Die Nacht versprach möglicherweise doch noch interessant zu werden.
Im gleichen Moment, als die Ampel umschlug und sie den Fuß auf den Straßenasphalt setzte, stieß er sich von dem Verkehrszeichen ab, gegen das er gelehnt hatte, und steuerte die gleiche Richtung an. Er hatte es nicht eilig, sie würde ihm schon nicht davonlaufen, doch sein Schritt hatte wie immer in einer solchen Situation etwas ausnehmend Zielstrebiges, etwas, das von bewundernswert kontrollierter Anspannung sprach.
Er war wie ein Wolf, der eine Spur gewittert und nun die Verfolgung aufgenommen hatte. Mit dem Unterschied, daß er seine Beute schon längst ins Visier gefaßt hatte. Die würde ihm nicht mehr entwischen können. Diese nicht. Wie auch keine je davor.
Er fing sie ab, bevor sie um die nächste Ecke biegen konnte. Dieses Mal konnte er nicht verhindern, daß sie ihn wahrnahm, die frostige Aura der Furcht begleitete ihn wie einen immerwährenden Raureif. Sie spürte sein Näherkommen, doch sie spürte es wie einen Alptraum, der sich durch die schützend weichen Wattewolken des Schlafes daherschlich: Es schien ihr nicht wirklich . Nicht so wirklich wie alles um sie herum, nicht so wirklich wie ihren eigenen Herzschlag, der sich aus unbegreiflichen Gründen auf einmal beschleunigt hatte. Sie redete sich ein, daß es überhaupt keinen Grund dafür gab, daß sie auf einmal einen kalten Hauch im Nacken zu spüren glaubte, daß es ihr erschien, als würde eine Präsenz zu ihr aufschließen, von der sie sich in jeder Lebenslage nur wünschen würde, daß sie möglichst weit weg von ihr war, daß sie glaubte, die nächtlichen Schatten würden eine weit greifbarere Form annehmen, als es ihre Vorstellungskraft jemals möglich gemacht hätte.
Sie konnte es nicht besser wissen, doch es gab einen Grund für all das. Aber das wurde ihr erst wirklich bewußt, als sie endlich zu Gesicht bekam, was sie, hätte sie je einen Gedanken daran verschwendet, nie gewünscht hätte, jemals erblicken zu müssen. Sie hätte in ihrem Leben nicht darum gebeten, diesen Anblick ertragen zu müssen, doch er ließ ihr gar keine Wahl. Der kalte Schrecken in ihrem Nacken, die körperlich gewordenen Schatten offenbarten sich ihr, bevor sich eine schier unmenschlich starke Hand auf ihren Mund und ein gleichsam fast unerträglich kräftiger Arm um ihre Hüfte legte, um sie in die Schatten zu ziehen, noch bevor sie irgendeine Regung machen konnte, und dort, wäre sie unbeteiligter Beobachter gewesen, auf eine so absonderliche Art mit ihnen zu verschmelzen, als hätte es sie beide nie gegeben. Doch zu einer Regung wäre sie im ersten Augenblick ohnehin nicht in der Lage gewesen. Alles, was sie in diesem Moment tun wollte, war schreien. Alles in ihr drängte sie dazu, ihrem plötzlich aufgebrandeten Entsetzen durch einen Schrei Luft zu machen.
So wie alle anderen. So wie immer. Es war lange her, daß bei seinem Anblick nicht einmal jemand das Bedürfnis verspürt hatte, zu schreien, bis demjenigen die Lungenflügel zu platzen drohten. Mit der Zeit gewöhnte man sich daran, so daß er nicht überrascht darüber war und entsprechend reagierte, noch bevor es dazu kommen konnte – aber nervig war es allemal.
Natürlich hätte er es sich einfach machen können, natürlich hätte er sie jetzt erledigen können – aber die letzte Zeit war verdammt dröge gewesen. Und hier bot sich endlich einmal eine Abwechslung, die er sich nicht entgehen lassen wollte.
Ihre Finger verkrallten sich in seinen Ärmel, versuchten seinen Arm herunterzureißen, bevor sie sich dann in seine Hand krallten, erst in dem Bemühen, sie von sich zu lösen, dann nur noch, um ihre Fingernägel in sein Fleisch zu graben. Ihre Gegenwehr war beachtlich, so eine wie sie war ihm schon lange nicht mehr untergekommen, und obwohl er über ihr instinktiv verteidigendes Gebaren belustigt war, so war er andererseits auch verblüfft genug, daß sich ein kleines bißchen Bewunderung in ihm zu regen begann, die er nicht einmal versuchte zu ignorieren. Wozu auch? Diese Frau resignierte nicht so wie die meisten, nachdem sie seiner ansichtig geworden waren, sie lehnte sich sogar noch auf, nachdem sie in Berührung mit seiner oftmals so tödlichen Umarmung gekommen war. In ihr schien eine Kämpfernatur zu stecken, die man wohl kopfschüttelnd verleugnet hätte, wenn man sie nur von außen sah, dieses unscheinbare weibliche Geschöpf.
Und er begriff, warum sein Instinkt ihn so sehr zu dieser Frau hingerissen hatte.
Ihre Fingernägel gruben sich so tief in seine Hand hinein, daß er sogar vereinzelte Stiche des Schmerzes verspürte. Auch das war lange Jahre her, daß ihm ein Sterblicher Schmerz zugefügt hatte, und aufgrund des Seltenheitswerts vermied er es, dieses Gefühl einfach zu verdrängen, wie er es durchaus hätte tun können. Schmerzen waren ebenso wie Erinnerungen, sie waren Relikte der Vergangenheit, doch auslöschen ließen sie sich niemals. Unabhängig davon, daß Erinnerungen das schlimmere von beidem war. Kein Schmerz konnte je so qualvoll sein wie die Erinnerung. Das wußte er, er hatte Zeit seines Lebens zur Genüge erdulden müssen, um dies behaupten zu können – die Schmerzen körperlicher Art waren immer noch so intensiv in seinem Gedächtnis verankert, daß er Sterblichen den Verstand zermalmen konnte, wenn er sie auch nur einen Hauch davon spüren ließ.
Sie wand sich in seinem Arm wie ein wildes Tier, das begriffen hatte, daß es in eine Falle geraten war und nun alles daran setzte, um zu versuchen sich zu befreien. Sie fand sich nicht so einfach mit der Tatsache ab wie so viele vor ihr und zweifellos auch wieder unzählige nach ihr. Das machte es fast zu schade, daß sie letztlich doch den gleichen Weg gehen würde wie sie alle. Nun ja, vielmehr würde sie auf diesen Weg gestoßen werden. Das Ergebnis blieb sich das gleiche, nur der Pfad dorthin versprach sich dieses Mal ein wenig interessanter zu gestalten.
Er ließ sie toben, ohne daß sie auch nur die Andeutung eines Ergebnisses erzielte. Ein oder zweimal trat sie ihn sogar und traf dabei mit solcher Zielgenauigkeit sein Schienbein, daß jeder andere automatisch mit einem Aufstöhnen in die Knie gegangen wäre und sie gleichzeitig mit einem äußerst einfallsreichen und höchst ergiebigen Schwall an Flüchen bedacht hätte. Er jedoch nahm diese Tritte nur mit einem geistigen Schulterzucken zur Kenntnis, um sie gleichzeitig damit auch wieder abzuhaken. Seine Knochen hatten schon ganz andere Gewaltbehandlungen mitmachen müssen, da waren die ihren kaum mehr als der Ausbruch eines Kleinkindes. Sie würde ihm nichts anhaben können, nicht einmal, wenn sie etwas anderes ebenso zielsicher traf wie sein Schienbein. Zweifelsohne wäre es mit seiner Geduld dann um einiges rascher vorbei gewesen, doch nicht aus Sorge um einen dauerhaften Schaden.
Mal sehen, welche Ausdauer die kleine Furie hat.
Letzten Endes keine besonders große, wie er feststellen mußte. Sie bemerkte sehr schnell, daß es ihr niemals gelingen würde, sich aus seinem unbarmherzigen Griff freizuwinden oder ihm auch nur in einer solchen Weise Blessuren zuzufügen, daß er sie gezwungenermaßen loslassen mußte. Was das betraf, so hatte er ohne jede Frage die größere Geduld. Er konnte warten, bis sie zu ermüden begann, schließlich hatte er im Gegensatz zu ihr alle Zeit der Welt. Mehr Zeit als alle Menschen zusammen, mehr Zeit, als die Menschheit je gehabt hatte und haben würde. Er konnte warten.
Sie klammerte sich immer noch an seinem Ärmel fest, doch ihre Gegenwehr war erlahmt. Selbst das Entsetzen in ihr schien sich wieder zu glätten, obgleich sich an ihrer Situation natürlich nicht das geringste geändert, geschweige denn verbessert hatte. Doch irgendwann setzte sich bei allen eine völlig verständliche Resignation durch, wenn sie nichts erreichten. Bei dieser Frau war es nicht anders.
Und doch erschauerte sie und versuchte einen Schritt fortzuweichen, als sich auf einmal ein Gesicht neben ihre Wange senkte, das den Gehirnwindungen eines Wahnsinnigen hätte entspringen können, aber das nicht dazu geschaffen war, wirklich zu sein – und es doch war. Ihre Gesichtshaut begann so sehr zu prickeln, daß sie nicht wußte, ob sie eine schon spürbare Kälte wahrnahm oder ob das nur eine Folge der Furcht war, die von neuem in ihr aufzuschäumen begann.
„Ganz ruhig“, flüsterte eine Stimme von überraschend angenehm tiefem Klang, wenn sie auch ein wenig heiser und leicht kratzig erschien, als wäre mit Sandpapier über die Stimmbänder gestrichen worden. Eine Stimme, die so gar nicht zu diesem grauenerregenden Gesicht passen wollte – und gleichzeitig doch wie geschaffen dazu war, Dinge auszusprechen, die sich niemand ausmalen wollte.
„Wenn du schreist, wirst du später noch darum betteln, ich hätte dir nur auf der Stelle den Kopf von den Schultern gerissen. Also versuch’s erst gar nicht, denn ich halte mich nicht besonders lange mit Drohungen auf.“
Er konnte spüren, wie sich auf diese Worte hin ihr ganzer Körper versteifte, so daß er beinahe das Gefühl hatte, eine Statue festzuhalten. Ihr Atem kam auf einmal nur noch stoßweise, wie bei einem Tier, das zur Schlachtbank geführt wurde. Hätte sie gewußt, was ihr noch bevorstand, sie hätte diese Ironie sicherlich selbst dann nicht würdigen können. Die Geschwindigkeit ihres Herzschlags nahm noch einmal zu, der faustgroße Muskel schien in ihrem Brustkorb zu rasen und doch immer noch zu langsam zu sein.
Jetzt kam sie auch zu ihr, die Furcht. Diese eine, ganz bestimmte Furcht. Und er würde sie in vollen Zügen auskosten.
„Na, komm’ schon, so schwer war das nun auch nicht zu verstehen!“
Als wären seine Worte erst jetzt, nach diesem Zusatz, wirklich zu ihr durchgedrungen, beeilte sie sich mit einem heftigen, fast pflichtschuldig erscheinenden Nicken. Damit hatte er gerechnet. Dieser Teil des Weges war bei ihnen allen gleich, es gab kaum Unterschiede dabei. Dabei konnte sie nicht einmal ahnen, daß er jedes einzelne seiner Worte ernst meinte. Er konnte ihr weit schlimmere Dinge antun als ihr nur den Kopf abzuschrauben, auch wenn sie glaubte, daß es darüber hinaus nichts mehr gäbe. Es gab so einiges, doch dazu fehlte den Sterblichen die Vorstellungskraft. Vielleicht war das aber auch besser so. Sie mußten nicht alles wissen, zumal ihr Verstand etwas derartiges ohnehin nicht erfassen konnte, dazu war er nicht erschaffen worden. Er erkannte immer wieder von neuem die Unzulänglichkeit des menschlichen Geistes, wenn er ihnen eine Kostprobe von dem gab, was er gesehen, was er erlebt hatte, was sich in all den unzähligen Jahren in ihm angesammelt hatte.
Diejenigen, die diesen kurzen Besuch noch am besten verkraftet hatten, waren als sabbernder Sack Kartoffeln in der Geschlossenen gelandet. Und die anderen konnten froh darum sein, daß nicht nur ihr Verstand daran zerbrochen war, sondern auch der Rest von ihnen.
Nach einer solchen Warnung hatten nur die wenigsten noch geschrien. Und diese auch nicht für besonders lange. Es würde interessant sein festzustellen, ob er mit seiner Einschätzung sie betreffend richtig gelegen hatte oder ob er ihr doch noch kurzerhand das Genick brechen mußte. Wobei er letzteres nicht annahm. Sonst hätte sie sich vorhin nicht so heftig zur Wehr gesetzt. Ihr lag etwas an ihrem Leben, soviel war auch für jeden Trottel offensichtlich, und sie wäre dumm gewesen, hätte sie nicht erkannt, daß ihm ernst war, was er sagte – und daß letzten Endes ihr Leben daran hing. Und er hatte keineswegs den Eindruck, als wäre sie dumm genug, um ausgerechnet so etwas Unbedachtes zu tun.
Und so löste er gleichermaßen seine Hand von ihrem Mund, wie er auch den Arm von ihrer Hüfte nahm und sie somit freigab. Aus nur zu verständlichen Gründen ging ihr das nicht schnell genug und kaum hatte sie ausreichend Luft und fühlte sich nicht mehr gegen ihren Willen an ihn gepreßt, da machte sie auch schon einen Satz nach vorne, brachte sich somit völlig instinktiv aus seiner unmittelbaren Reichweite heraus und fuhr erst dann herum, so hastig, daß sie beinahe ins Stolpern geraten wäre.
Ein winziger Funke von Genugtuung blitzte in ihm auf. Sie schrie tatsächlich nicht. Hinsichtlich dessen konnte er sich wohl immer noch voll und ganz auf seine furchteinflößende Wirkung verlassen. Aber sie hätte immer noch davonlaufen können. Natürlich hätte sie zumindest ahnen können, daß seine Reaktionen weit schneller waren als die ihren, daß sie ihm niemals entwischen konnte, selbst wenn sie direkt losgespurtet wäre, nachdem er sie losgelassen hatte. Jedoch wäre sie nicht einmal soweit gekommen.
Der Jäger hatte seine Beute gestellt. Und entkommen konnte sie ihm jetzt niemals mehr.
Sie wich vor ihm zurück, doch er machte keinerlei Anstalten, diesen Abstand zwischen ihnen zu verringern. Statt dessen ließ er ihr Zeit. Sie hatte unbewußt eine geduckte Haltung eingenommen, die Schultern schützend hochgezogen, während sie ihn mit einem Blick anstarrte, der irgendwo zwischen Mißtrauen und blankem Entsetzen lag. Und der nun jeden verfluchten Zentimeter von ihm abzutasten schien.
Er machte sich nichts daraus, war er es doch bei seinem Aussehen gewöhnt, daß er angestarrt wurde. Zwar nicht besonders oft und gewiß nicht für besonders lange, aber es war ihm nicht mehr fremd. Er hatte keinen Grund, sich in Eitelkeit zu suhlen, doch auf eine sehr unbestimmte Weise genoß er ihren Blick, denn in erster Linie beschwor sein Aussehen verständlicherweise Grauen und eine Spur von Verwirrung – durchaus Dinge, die ihm in seiner Tätigkeit zugute kamen. Das Grauen war nur allzu nachvollziehbar, doch die Verwirrung rührte von dem Unvermögen der Sterblichen zu glauben, was ihre Augen sahen. Sie zweifelten an dem, was vor ihnen stand, und schoben es auf eine optische Täuschung, auf getrübte Sinne. Sie kannten unzählige Ausreden vor sich selbst, um sich nicht eingestehen zu müssen, daß die ihnen bekannte Realität einen empfindlichen Riß erlitten hatte – nur mit dem Unterschied, daß dieser Riß schon immer existiert hatte. Was sie nicht erkannten, war die Tatsache, daß es mehr als nur ihre eigene Realität gab.
Doch auch hier scheiterte der Verstand der Sterblichen kläglich.
Er betrachtete die Spuren an seiner Hand, die ihre Fingernägel hinterlassen hatten. Ein kräftiges Mädchen, stellte er anerkennend fest, und energisch obendrein. Sie hatte ihm fast die komplette Handoberfläche in Fetzen gerissen, ohne daß ihre eigenen Finger Spuren davongetragen hatten. Die Verletzung war außergewöhnlich trocken, nirgendwo quoll Blut hervor, obgleich man dies bei einer Wunde dieser Größe durchaus hätte erwarten können. Lediglich das Fleisch darunter glänzte feucht und gab sich zumindest einen blutigen Anschein, doch Blut von der Sorte, das sich nicht einmal ein Arzt länger als einen Herzschlag lang angesehen hätte, ohne dabei zu erbleichen. Er drehte die Hand, streckte die Finger und beobachtete dabei das Spiel der durch das Fleisch schimmernden Sehnen und Blutgefäße, bevor er sie zu einer Faust ballte. Das würde rasch verheilt sein, das wußte er. Es tat weh, es tat tatsächlich weh, doch er begrüßte diesen Schmerz wie einen lange vermißten Bekannten, der zu lange unter der erstickenden Last von Erinnerungen gelegen hatte. Das hier war echter, körperlicher Schmerz.
Und dann fing der den Blick der Frau so plötzlich auf, daß sie beinahe erstarrte, als sie sich mit den erschreckend klaren grünen Augen konfrontiert sah.
„Was zum Teufel bist du?“, gelang es ihr trotzdem noch über die auffallend blaß gewordenen Lippen zu bringen, doch ihre Worte kamen allenfalls noch flüsternd von ihr. Und sie hätten ihn beinahe zum Lachen gebracht.
Was er war? Konnte sie sich das denn immer noch nicht vorstellen? Oder sträubte sich ihr Denken so sehr dagegen, daß sie sich verbissen gegen die unzweifelhafte Erkenntnis wehrte, die jeden bei seinem Anblick befallen mußte? Wehrte sie sich gegen das Unverkennbare, weil sie nicht einsehen wollte, daß es Dinge gab, die sich außerhalb ihres bisherigen Verständnisses befanden? Daß es Dinge außerhalb ihrer Wirklichkeit gab, die doch so wirklich waren wie sie selbst? Ach, dumme kleine Menschen! So lange waren sie schon auf dieser Welt, doch die Grenzen ihrer Horizonte wurden mit den Jahren immer enger und enger. Sie wollten einfach nicht begreifen, daß sie nicht allein waren. Es niemals waren, niemals sein werden.
Er neigte den Kopf auf die Seite, was sie unwillkürlich zusammenzucken ließ, doch er machte immer noch keinen Schritt auf sie zu.
„Was ich bin?“, wiederholte er ihre Frage, als müsse er sich versichern, sie richtig verstanden zu haben. „Sieh mich einmal genauer an. Was glaubst du, was ich bin, hm? Was glaubst du ?“
Aber sie schüttelte nur sehr zögerlich den Kopf. „Ich will nichts glauben“, erwiderte sie. „Ich will es wissen, Und ich weiß es nicht. Was du sein könntest? Was ich glaube, läßt mich an meinem Verstand zweifeln, denn so etwas gibt es nicht.“
Erneut hätte er beinahe aufgelacht. So ein unscheinbares Mädchen und doch so kluge Worte. Sie hatte alles gesagt, sie hatte alles erkannt – und doch immer noch nichts begriffen.
„Und welche Antwort erwartest du ausgerechnet von mir, wenn du nicht bereit bist zu glauben, was du längst weißt?“
Seinen Worten haftete eine trügerische Sanftheit an, so sanft wie süßes Gift und ebenso wirksam. Er beobachtete sie nur regungslos und konnte dabei zusehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Irgendwie konnte er das ja auch nachvollziehen, jemandem wie ihm begegnete man nun mal nicht alle Tage, sondern grundsätzlich nur einmal, und davor war er nicht mehr als ein Schauermärchen. Zu dumm auch, daß sie verlernt hatten, daß die meisten Märchen einen durchaus wahren Kern enthielten, der nur dank überladener Beischmückungen ins Land der Fantasie verdrängt wurde – bis sie sich dem Ursprung dieser Märchen selbst gegenübersahen. Wahrscheinlich rekapitulierte diese Frau nun gleichermaßen fieberhaft, was sie über all die Schauergeschichten wußte, denen er sichtbar zu entspringen schien, denn dafür sprach allein sein äußeres Erscheinungsbild schon. Jemand wie er war schlichtweg unverkennbar.
Und gerade das machte es so leicht zu begreifen und doch gleichzeitig so furchtbar schwer zu akzeptieren. So etwas konnte es nicht geben. Es durfte es einfach nicht geben, das widersprach allen Regeln der Vernunft.
Selbst die Vernunft muß irgendwann einmal schlafen. Und dann nehmen die Alpträume Gestalt an. So wie ich.
Mit dem kleinen Unterschied, daß er die Alpträume hervorrief, nicht umgekehrt. Aber das waren im Grunde Haarspaltereien.
Sie widersetzte sich der unausweichlichen Erkenntnis immer noch, das konnte er ihr allein ansehen, wenn er ihr nur in die Augen blickte. Sie wäre niemals dazu in der Lage gewesen, seinen Blick auf diese Weise zu erwidern, wäre sie nicht mit den Gedanken eigentlich vollkommen woanders gewesen. Und gegen diese Einsicht sträubte sie sich mit aller Macht, das konnte er sogar spüren. Doch letztlich führte es alles auf das gleiche hinaus.
„Aber meine Zeit ist noch nicht gekommen“, sagte die Frau und bemühte sich vergeblich um ein tapferes Lächeln, das auf ihrem Gesicht zu einer verzweifelten Grimasse geriet. Sie versuchte ihre Worte überzeugend klingen zu lassen, doch nicht einmal sich selbst vermochte sie davon zu überzeugen, geschweige denn ihn, der sie nur mit einem brennenden Blick aus unerträglich klaren Augen schier zu durchbohren schien.
Erstaunlich. Akzeptieren konnte sie es immer noch nicht, das war ihren Worten anzumerken, doch begriffen hatte sie schon längst. Die typische verquirlte Denkweise der Menschen. Irgendwie ähnelten sie sich doch alle so sehr, daß sich allenfalls in minimalen Details Unterschiede festmachen ließen.
Diesmal trat er einen Schritt auf sie zu und sie wich ihm erstaunlicherweise nicht einmal aus. Es war eine sehr ruhige, keineswegs bedrohliche Bewegung, nichts daran hätte ein Fluchtverhalten hervorgerufen. Jedoch löste ein solches allein seine Präsenz schon zur Genüge aus, da brauchte es keine bedrohlichen Gesten oder Handlungen. Und dennoch wich sie diesmal nicht zurück.
Höchst interessant.
Er neigte den Kopf auf die Seite und sog ihre Empfindungen in sich auf, beinahe wie ein Ertrinkender die letzten Atemzüge Luft – allein mit dem Unterschied, daß ihm die panikerfüllte Verzweiflung eines solchen völlig abging. Er genoß es vielmehr, wie die Furcht, die in ihr tobte, in sanften Brandungen über ihn spülte, doch war es bei ihm gänzlich anders als bei ihr. Sie war die Ertrinkende, die in dieser Furcht fast erstickte, während er die Rolle des Beobachters innehatte, völlig unbeteiligt dem Kampf dieser Frau zuschauend, wohlwissend darum, daß das, was sie zu zermalmen drohte, ihm niemals etwas würde anhaben können. Diese Zeit war vorüber. Sie konnten nicht wissen, was ihn einst zu dem gemacht hatte, was er nun war, es brauchte niemand zu wissen und sie würden es auch niemals wissen wollen, wenn sie sich ihren Verstand bewahren wollten, doch was es in ihm geweckt hatte, ließ ihn jedesmal ein nicht unerhebliches Gefühl der Genugtuung empfinden, wenn er einem weiteren aussichtslosen Kampf dieser jämmerlichen Kreaturen beiwohnte. Und er genoß es, er genoß es mit jeder Faser seines selbst, sich der Perversion durchaus bewußt, denn was sie einst mit ihm gemacht hatten, reichte aus, daß er niemals auch nur einen Funken von Reue, einen Hauch von Mitleid empfand, wenn er beobachtete, wie sehr sie sich quälten. Er war der Auslöser dieser Qual. Und er verspürte nicht die geringste Skrupel dabei, sondern statt dessen eine stetig steigende Erregung, wie sie intensiver kaum sein konnte.
Und diese Frau hier hielt sich gut. Sie hielt sich verdammt gut, selbst als er noch weiter auf sie zutrat und noch nicht einmal eine Armeslänge sie nunmehr voneinander trennte. Es war fast schon schade, daß sich sein untrügerischer Instinkt ausgerechnet auf sie gerichtet hatte. Aber wenn das erst einmal geschehen war, gab es für die Beute kein Entkommen mehr. Wen das Raubtier erst einmal gewittert hatte, dessen Spur würde es solange verfolgen, bis es ihn zwischen den unbarmherzigen Kiefern zerquetscht hatte – und sich das darauf folgende Gefühl der Befriedigung wie fließend warmer Honig über alle anderen Empfindungen legte.
„Und das behauptest du ?“, fragte er leise, doch um so eindringlicher. „Wer bist du, daß du dir dessen so sicher bist? Wer bist du, daß du ausgerechnet mir weismachen willst, deine Zeit sei noch nicht gekommen?“
Er hatte erneut ungewöhnlich sanft gesprochen, doch vermutlich war es gerade das, was der Frau das gequälte Lächeln so gründlich schwinden ließ, als hätte es ihr jemand aus dem Gesicht geputzt. Sie versuchte so überzeugend zu wirken, doch konnte sie nicht ahnen, daß sie nichts, überhaupt nichts würde sagen könne, auf das er nicht eine Erwiderung hatte. Es war ein uraltes Spiel, das offenbar niemals aus der Mode geriet: Sie versuchten mit ihm zu handeln und hatten doch nie begriffen, daß es nichts zu verhandeln gab. Diese Frau gehörte ihm – sie wollte es nur noch nicht begreifen.
Ihr Herzschlag dröhnte in seinen Ohren, so daß er unwillkürlich lächelte, doch das konnte sie natürlich nicht erkennen. Sie sah nur das starre, ewige Grinsen eines Totenschädels und lag damit gar nicht mal so falsch. Armselige kleine Geister, so fest verschlossen, daß sie nicht verstehen wollten, daß es Dinge gab, die weit über ihr Ermessen hinausgingen. Es war nur ein kleiner Riß in dieser Hülle, der ausreichte, um sie ins Schleudern und vom Weg ihrer Selbstverständlichkeiten abzubringen. Ein kleiner Riß, den sie nicht zu flicken vermochten, und der auf einen Schlag alles änderte, was je gewesen war.
Daß er einst selbst so gewesen war, versuchte er bis zum heutigen Tag zu verdrängen. Unerwünschte Erinnerungen einer Zeit, die lange vergangen war. So lange vergangen, daß sie fast nicht mehr real war.
Und doch waren sie da, lauerten sie in ihm, ganz tief verborgen. So tief, daß er sich ihrer Lächerlichkeit bewußt war und die Empfindungen des Hier und Jetzt um so ergiebiger waren.
„Glaubst du an das Schicksal?“, wollte er von ihr wissen und beugte sich noch weiter zu ihr vor. Diesmal jedoch zog sie den Kopf augenblicklich zurück, genau wie er erwartet hatte. Das war dann doch zuviel der Nähe, als daß sie sie unbeschadet hätte ertragen können.
Für einen Herzschlag lang – in ihrem Fall einen sehr schweren, sehr unruhigen Herzschlag – starrte sie ihn einfach nur verständnislos an, so als sei sie kurz davor zu fragen, was er eigentlich meinte. Doch fing sie sich überraschend schnell oder tat zumindest so, denn ihr Gesichtsausdruck klärte sich auf einmal, das Entsetzen in ihren Augen wich, als sie den Strohhalm erkannte, den er ihr reichte, und so etwas wie zögerliche Hoffnung schlich sich in sie hinein, während er beinahe schon hören konnte, wie es in ihrem Kopf fieberhaft arbeitete. So war es doch immer, dachte er bei sich. Laß sie in finsterster Dunkelheit auch nur glauben, sie könnten Licht sehen, und sie werden alles dafür tun, es zu erreichen – nur auf die leise flüsternden Stimmen in ihrem Unterbewußtsein werden sie niemals hören. Jene Stimmen, die es doch soviel besser wußten.
„Schicksal?“ Sie nickte heftig und allein das war ihm mehr Antwort als alles, was dann aus ihr hervorgesprudelt kam. „Oh ja, natürlich. Schicksal, ja, sicher glaube ich daran. Wie...kann man nur nicht daran...glauben? Es geschieht doch Tag für Tag, kaum etwas, das nicht durch das Schicksal...vorherbestimmt ist. Und wir können uns dem nicht widersetzen, wir sind darin gefangen. Manchmal sind wir in der Lage, es ein wenig zu beeinflussen“, – ein unsicherer Blick auf ihn, dessen Intention ihm durchaus bewußt war – „doch meistens, da geschieht es einfach und wir müssen es geschehen lassen, weil...und...“
Als ihr selbst klar wurde, wie sehr sie sich in ihren eigenen Worten verhedderte, verstummte sie abrupt und sah plötzlich sehr verlegen aus, fast so wie ein Schüler, der in seinem Vortrag vor der gesamten Klasse jämmerlich versagt hatte. Zu seiner Belustigung sah er, wie sogar ihre Ohren erröteten, doch so sehr sie auch sichtlich darum bemüht war, es gelang ihr nicht einmal, den Blick von ihm zu lösen. Sie waren wie mit einer unsichtbaren Kette aneinander gefesselt.
„Es gibt andere Dinge als nur den Verstand, weißt du.“ Immer noch sprach er so sanft, als versuchte er einem Kind etwas zu erklären. Was dem im Grunde eigentlich schon recht nahe kam. „Obwohl ihr den zwischendurch auch ruhig mal benutzen könntet.“
Das allerdings war wieder mit einem solchen stichelnden Unterton von ihm gekommen, daß sie unvermittelt zusammenzuckte und auf einmal sehr verzagt aussah, während erneute Hilflosigkeit in ihre Augen kroch.
Die Augen. Die Fenster zur Seele. Was für ein abgedroschener Spruch – und doch steckte soviel Wahres in ihm. Wer wußte, wonach er Ausschau halten mußte, für den waren Augen wie ein offenes Buch, in dem die Gefühle des Innenlebens in klarer Schrift geschrieben standen. Ihr Buch war darüber hinaus sogar noch in einer sehr einfachen Sprache gehalten und in Großbuchstaben verfaßt worden.
„Eine schlechte Lügnerin obendrein“, setzte er nach und beobachtete interessiert ihre Reaktion darauf, ohne sich dies jedoch anmerken zu lassen. Ihr Kopf sank ein wenig tiefer zwischen die Schultern, als hätte sie soeben einen Tadel erhalten. Sie sollte sich besser bewußt sein, daß er ihn ihr mühelos vom Oberkörper losschrauben konnte. Statt dessen reagierte sie auf geradezu kindlich naive Weise. Wie die meisten von ihnen.
Fast hätte er geseufzt. Manchmal waren sie einfach so leicht zu durchschauen, so leicht zu manipulieren, daß es fast den Spaß an dem ganzen Spiel verdarb. Es war nicht so, daß diese Frau dumm war, ganz im Gegenteil. Doch wie bei den meisten anderen war ihr Verstand einfach nicht dazu geschaffen, Dinge aufzunehmen, die außerhalb der Wirklichkeit zu sein schienen. Diese Verstocktheit konnte manchmal regelrecht frustrierend sein. Wenn da nicht immer noch das Ergebnis stände, das für alles entschädigte.
„Es ist unnötig, an das Schicksal zu glauben“, erklärte er ihr behutsam, als befürchte er, er könne sie überfordern. „Das Schicksal gibt es nicht, nur eines von vielen, für jeden von euch, immer und immer wieder.“ Er machte eine kurze Pause.
„Glaube an mich . Ich bringe dir das deine.“
Es hätte komisch wirken könne, wie sie ihn nun anstarrte, mit weitaufgerissenen Augen in einem Gesicht, das noch mehr zu erblassen schien als es ohnehin schon war. Die leichte Röte, die vor einem Moment noch dagewesen war, als sie sich so sehr für ihr unsinniges Geplapper geschämt hatte, erlosch mit einem Mal und floh vor einer eiskalten Blässe, die in ihren Augen eine Fortsetzung fand. Wie er sich schon gedacht hatte, sie war nicht ganz so dumm, wie sie tat. Sie begriff durchaus, was er mit diesen Worten meinte, auch wenn sie sich immer noch dagegen sträubte. Eine nur zu natürliche Reaktion, denn was er gesagt hatte, hatte nur eine einzige Bedeutung – und das wußte sie. Daß sie es nicht wahrhaben wollte, war allerdings ganz allein ihr Problem.
„Nein...“, flüsterte sie erstickt, kaum die weißgewordenen Lippen bewegend. „Nein, das...das kann nicht sein. Das ist unmöglich...“
Ein Bearbeitungsfehler?, dachte er spöttisch. Mädchen, dieses Mal nicht. Keine Bürokratie, kein Papierkram, nichts dergleichen. Nur du.
Ihm fiel auf, daß ihr Blick zum ersten Mal von ihm abgeglitten war, so als hätte die Erkenntnis, die langsam durch ihren Verstand sickerte, sie so sehr betäubt, daß selbst der ungreifbare Zwang, der sie wie an ihn gekettet hatte, plötzlich schwand. Als versuchte sie zu verstehen, was längst feststand. Natürlich hatte sie niemand um ihre Meinung dazu gefragt, aber wenn er damit erst einmal anfing, würde er den Großteil seines Daseins mit endlosen Diskussionen verbringen. Es gab nichts zu diskutieren. Nicht für diese Frau. Für niemanden, niemals.
Es hätte sadistisch anmuten können, doch er erging sich in diesem Machtgefühl nicht einmal. Das hatte er vielleicht in der Anfangszeit getan, doch inzwischen war ihm klar geworden, daß diese Macht kein Grund für größenwahnsinnige Höhenflüge war. Sie war einfach gegeben, wie so viele Geschehnisse dieser Welt. Machtrausch war ihm fremd, denn er hatte sie im Griff und nicht umgekehrt.
Er konnte das Schicksal sein, wenn er wollte. Ein sehr endgültiges Schicksal. Und in diesem Fall war er ihres.
„Das kann nicht sein!“, stieß sie erneut hervor, diesmal mit dem unverkennbaren Ton der Verzweiflung, der sich ebenso in ihre Stimme wie erneut in ihre Augen geschlichen hatte, als sie den Blick nun freiwillig auf ihn richtete. Ob sie damit glaubte, ihn erweichen zu können? „Das muß ein Irrtum sein! Ich...ich... Ich will noch nicht sterben! Ich bin noch nicht bereit dazu!“
Wirklich nicht dumm. Sie hatte tatsächlich begriffen. Er hätte sich gehütet, auch nur eine Andeutung über den Tod und das Sterben zu verlieren, doch wer ihn auch nur einmal ansah, der benötigte solche Hinweise ohnehin nicht.
Er antwortete nicht sofort, sondern streckte langsam die Hand aus. Jene Hand, deren äußere Fläche sie nahezu zerfetzt hatte vorhin und an der sich schon langsame Spuren eines unnatürlich raschen Heilprozesses deutlich machten. Sofort zuckte ihr Blick herum, heftete sich daran und ihr Kopf bog sich erneut ein wenig zurück, als wollte sie vor ihm zurückweichen und konnte dies nur unter Aufbringung aller Willensanstrengung verhindern. Doch welcher Widerwille, welche Furcht auch immer sie erfüllte, sie trat nicht einmal einen Schritt zurück und das sogar gänzlich ohne sein Zutun – er war es nicht, der sie hielt. So paradox ihr Handeln auch war – mal sprang sie voller Panik zurück, mal hielt sie ihm stand –, so blieb sie nun doch stehen und machte nicht einmal Anstalten, sich mit einem weiteren Schritt aus seiner Reichweite zu bringen, was sie durchaus hätte tun können. Und als er ihr mit einer fast schon absurd behutsam erscheinenden Bewegung eine zerzauste Haarsträhne aus der Stirn strich, da konnte selbst er spüren, wie sie sich entspannte. Nicht viel natürlich, nur soviel, daß ein Unterschied zwischen plötzlicher Todesangst und der Erleichterung, daß er ihr jetzt nicht auf der Stelle das Hirn aus dem Schädel riß, merklich war. Nur soviel, daß ihr auf einmal die Tränen in die Augen stiegen, weil zu all dem nun auch noch eine Verwirrung kam, die sie erst recht nicht mehr zuordnen konnte.
Sie hatte ja noch nicht einmal die entfernteste Vorstellung davon, was er alles mit ihr tun konnte...
„Das sagen die meisten“, meinte er leise. „Doch was wissen sie schon davon? Die wenigsten sind wirklich bereit, doch wen kümmert das? Dein sogenanntes Schicksal? Glaubst du wirklich, das Schicksal stört sich an den Wünschen von euch Menschen? Denkst du das wirklich?“
Bebend sog sie den Atem ein und nun zitterte sie spürbar. Er war sich selbst nicht ganz im klaren darüber, weshalb sie zitterte, ob nun aufgrund der im wahrsten Sinne des Wortes tödlichen Kälte, die er verströmte und die ihre Lippen vorhin beinahe hatten gefrieren lassen, ob nun aus Furcht, die jede Faser ihres Selbst erfüllte, sie nahezu überfüllte – oder aus einem Grund, der so unpassend, so unwirklich erschien, daß er geradezu surrealistisch anmutete. Ein angespanntes Zittern. Ein verräterisches Zittern.
Seine Fingerspitzen glitten über ihre Schläfe, mit merkwürdiger Zärtlichkeit glitten sie über die blasse Haut, die Wange hinunter, um mit befremdlich anmutender Faszination ihrer Kieferlinie zu folgen, so vorsichtig, als hätte er noch nie ein menschliches Gesicht berührt, noch nie ein lebendiges vielleicht, so behutsam, als sei es zerbrechlich wie das Kristallgespinst eines Spinnennetzes im Morgentau.
Daß sie verwirrt war, konnte er verstehen. Und doch war es ihm in diesem Moment vollkommen gleichgültig. So wie jedesmal. Es war immer gleich und doch immer wieder anders.
„Wer will schon sterben?“, fuhr er mit heiserer Stimme fort, ohne sie dabei anzusehen. „Nicht einmal jene, die schon über ein Jahrhundert alt sind, wollen das. Niemanden kümmert es, was ihr wollt, Mädchen. Niemanden. Erst recht nicht dein...Schicksal.“
Dieses letzte Wort war ein wenig verzögert von ihm gekommen, als sei er sich selbst nicht ganz sicher, ob es das richtige war, als müsse er es erst noch einmal überdenken, um die Richtigkeit dessen zu überprüfen. Es paßte ihm nicht so ganz, schien im gesamten Wortschatz jedoch offenbar das einzige zu sein, das dem, was er überhaupt ausdrücken wollte, auch nur annähernd gleichkam. Und ein Blick in ihre Augen genügte vollauf, um zu erkennen, daß sie verstanden hatte. Sie hatte nur zu gut verstanden.
Und dann verblüffte sie ihn ein weiteres Mal, indem sie unter Beweis stellte, wie hervorragend ihr Verstand tatsächlich noch funktionierte.
„Aber...mein Schicksal, das bist doch...du, nicht wahr?“, erinnerte sie ihn leise mit einer Stimme, die das Beben in ihr nicht gänzlich verbergen konnte, an seine eigenen Worte. „Du bringst mir mein Schicksal. Und dich... kümmert es durchaus. Ist es nicht so? Es kümmert dich, was mit mir ist, mit allen anderen. Das weiß ich.“
Diesmal hätte er beinahe laut aufgelacht. Er beherrschte sich so gerade eben noch, aber vermutlich konnte ihm jeder seine Belustigung nur zu deutlich anmerken. Jeder außer dieser Frau. Diese war vermutlich gerade nicht sonderlich empfänglich für Gemütsstimmungen dieser Art, was im Grunde auch sehr verständlich war. Trotzdem amüsierte es ihn. Es war immer das gleiche, auch wenn es lange keiner mehr versucht hatte – was wohl nicht zuletzt daran lag, daß er in der Vergangenheit kaum Zeit dafür gehabt hatte, sondern in erster Linie seine Liste abgearbeitet hatte. Aber das hier versprach endlich noch einmal richtig interessant zu werden. Da hatte ihn sein Instinkt wieder einmal außerordentlich zielsicher geführt.
Sie versuchte an sein Mitgefühl zu appellieren. An seinen Gerechtigkeitssinn, sein Mitleid, was auch immer.
Sie glaubte tatsächlich, daß er so etwas besaß.
Dabei war Mitgefühl etwas so Subjektives. Wer konnte sich schon das Recht herausnehmen zu behaupten, dieser verdiene Mitleid und jener nicht? Dachte sie etwa, jetzt, da ausgerechnet sie versuchte, an das seine zu appellieren, würde er es sich vielleicht noch überdenken und sie doch verschonen, wo unzählige andere dasselbe schon vor ihr versucht hatten und gescheitert waren? Wer war sie, daß sie das dachte, wer war sie, daß sie meinte, er würde genau das tun, er würde sie laufenlassen, wer war sie, daß sie sich einbildete, sie sei anders als die anderen?
„Wie merkwürdig, daß ihr den Wert eures Lebens erst zu erahnen beginnt, wenn ihr kurz davor steht, es zu verlieren.“ Er entließ ihren Blick, den er an sich gefesselt gehalten hatte und folgte statt dessen seinen eigenen Fingern, wie sie ihren Weg fortsetzten, mit äußerster Behutsamkeit ihren Hals hinunter, wo er das heftige Pulsieren ihrer Schlagader spürte, weiter hinunter, der markanten Linie ihres Schlüsselbeins folgend. Ihr Brustkorb hob und senkte sich so schwer wie nach einer großen körperlichen Anstrengung, so wie ihr Herz gleichermaßen raste. Und er ließ sich nicht einen Hauch davon anmerken, ob es ihn auf irgendeine Weise berührte, was er ganz offensichtlich in ihr auslöste. Denn seine letzten Worte waren, obwohl er es nicht wirklich ausgesprochen hatte, an Klarheit kaum zu überbieten.
„So viele Jahre, in denen ihr es einfach so hingenommen habt, als etwas so furchtbar Selbstverständliches, doch erst, wenn es euch aus den Händen zu gleiten droht, begreift ihr, was euch wirklich daran liegt. Erst dann, wenn es doch schon zu spät ist.“
Nur am Rande registrierte er, wie ihr bemüht tapferes Lächeln zu einer verzerrten Grimasse gefroren war, das sich in ihr Gesicht eingemeißelt hatte. Und langsam überkam sie ein Zittern, das sie nicht mehr beherrschen konnte, ein Zittern, das sich auf eine gänzlich andere Weise auf ihn übertrug, auf eine Weise, die so gar nichts mit der Furcht zu tun hatte, die sie selbst erfüllte. Manchmal hatte selbst er Mühe, seiner Erregung Herr zu bleiben.
„Das kannst du doch nicht tun. Das kannst du einfach nicht!“, protestierte sie ebenso hilflos wie verzweifelt, womit es ihr neuerlich gelang, zu seiner Erheiterung beizutragen. Doch er wußte diese zu verbergen, lediglich sein Blick zuckte hoch und drohte sich in ihr Hirn hineinzugraben, um es an ihrem Hinterkopf festzunageln. Ihr kurzzeitig aufgeflammter, wenn auch nur sehr kläglicher Widerstand wurde darunter wie in einer Mühle in seine Bestandteile pulverisiert und ihre Kiefermuskeln verkrampften sich sichtlich, als sie feststellen mußte, daß sie diesem fürchterlichen Blick nicht auszuweichen vermochte.
„Kann ich nicht?“, fragte er spöttisch, sich vollkommen der Wirkung bewußt, die er auf sie hatte. „Kann ich das tatsächlich nicht? Woher nimmst du die Sicherheit, das zu behaupten?“ Sie war kurz davor, unter seinem erbarmungslosen Blick in die Knie zu gehen. „Mädchen, du würdest dir nicht einmal in deinen schlimmsten Alpträumen ausmalen wollen, was ich alles tun kann.“
„Mein Schicksal“, brachte sie über die blutleeren Lippen hervor. „Ich habe doch Einfluß auf mein Schicksal, nicht wahr? So war es immer...immer bisher...“
Das Schicksal? Zog sie sich daran denn immer noch hoch? Das war merkwürdig. Einerseits war sie eindeutig ein heller Kopf, wie sie schon unter Beweis gestellt hatte, doch auf der anderen Seite klammerte sie sich immer noch an diesem Unsinn fest. Aber vielleicht war sie sich dessen ja auch bewußt – es war nur das einzige, woran sie sich überhaupt noch festklammern konnte.
„Du bekommst alles von mir, was ich dir geben kann“, fuhr sie voller Verzweiflung fort. „Ich gebe dir alles, auf der Stelle, alles, was du willst...wenn du mich nur am Leben läßt! Hörst du, alles!“
Durch welche Erbärmlichkeit sie doch kriechen, wenn sie glauben, sich damit einen Ausweg erkaufen zu können...
Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß die Frau es ernst meinte. Und gerade das war es, was ihn irgendwo widerwillig zwischen Faszination und Abscheu schwanken ließ. Faszination, daß sie zu wirklich allem bereit zu sein schien, um ihr Leben zu retten, was zumindest ein Anzeichen dafür war, daß sie langsam zu schätzen wußte, was sie all die langen Jahre über ohne nachzudenken hingenommen hatte. Abscheu darüber, daß sie sich gleichermaßen wie jede Prostituierte zum Verkauf anbot, um eben jenes bißchen Leben zu retten, das ihr bislang so selbstverständlich erschienen war.
„Erst jetzt ist dir dein Leben genug wert, daß du dich sogar dafür erniedrigst“, sagte er leise, ganz leise nur, doch das machte seine Worte um so eindringlicher. Erneut strich er ihr mit einer befremdlich anmutenden Zärtlichkeit eine widerspenstige Haarsträhne zurück und erging sich dabei fast in den widersprüchlichen Empfindungen, die über sie zusammenzustürzen drohten. Erneut stiegen ihr die Tränen in die Augen und verklärten ihren Blick..
„Alles...“, wiederholte sie mit brüchig werdender Stimme. Er war überzeugt davon, wenn sie weiter so bettelte, würde es nicht mehr lange dauern und sie riß sich die Kleider vom Leib, um eindrucksvoll unter Beweis zu stellen, daß sie wirklich dazu bereit war, alles zu tun. Er wußte, wie er aussah, da machte er sich keine Illusionen – und sie sah es auch. Er fragte sich, wieviel Überwindung oder Verzweiflung dahinterstecken mußte, bis jemand so etwas auch nur in Erwägung zog, was sie gerade stumm andeutete.
„Glaubst du, es gibt auch nur irgend etwas, das du mir geben könntest, was ich dir nicht zu nehmen vermag? Irgend etwas nur?“ Voller Behutsamkeit folgte er mit der Fingerkuppe der schimmernden Spur einer einzelnen Träne, die sich aus ihrem Augenwinkel gelöst und ihre Wange hinuntergeronnen war. „Was könntest du mir bieten?“
Immer mehr Tränen folgten der einzelnen hinunter über ihre Haut und sie machte keinerlei Anstalten, sie fortzuwischen. Es war diese unerträgliche Ruhe, diese Sanftheit, die so gar nicht zu ihm und dem, was er verkörperte, passen wollte, die sie langsam zerbrachen. Und sie zerbrachen sie weit gründlicher als jede noch so infernalische Angst.
„Ich will noch nicht sterben...“
„Ich weiß.“ Er legte eine Hand an ihr Kinn und zwang sie somit vorsichtig, ihn anzusehen. Ob sie nun wollte oder nicht, das beschäftigte ihn nicht. „Das wollte ich auch nicht, doch das hat nie jemanden gekümmert. Niemanden interessiert es, ob du sterben willst, niemanden außer dich selbst. Schau mich an. Denkst du etwa, ich wollte zu dem werden, was ich jetzt bin? Aber mich hat niemand gefragt. Und dich fragt auch niemand.“
Sei froh, daß du sterben wirst, dachte er still. Und glaube mir, du wirst dir nichts anderes mehr wünschen, wenn ich dich erst soweit habe...
„Aber muß es denn so sein?“, wisperte sie mit brüchiger Stimme. „Muß es allen anderen denn auch so ergehen wie dir? Sie tragen doch keine Schuld daran...“
Er lächelte, obwohl er bezweifelte, daß sie es als ein solches auch erkennen konnte. Er wußte, was sie sah, ein immerwährendes zähnestarrendes Grinsen, in dem ein Hauch von Gewalttätigkeit lag. Auch wenn sie es nicht in direkte Worte gekleidet hatte, so wußte er doch, daß sie immer noch versuchte zu handeln. Sie versuchte mit ihm zu handeln, ausgerechnet. Das letzte Mal, daß jemand dies versucht hatte, war so lange her, daß es sich fast aus seiner Erinnerung herausgeschlichen hatte – und er vergaß niemals etwas. Sie versuchte zu handeln. Mit ihm. Das hätte komisch sein können, wenn auch nicht für sie. Was damals mit ihm geschehen war, war irrelevant. Das hatte nichts mit dem zu tun, was er tat. Es war nur der Auslöser für das gewesen, was er heute in der Lage war zu tun.
Sie wollte mit ihm handeln. Er, der er alle Tricks, alle Spielchen kannte.
Noch nie war es einem gelungen, ihn übers Ohr zu hauen.
Er ergriff ihren Kopf sanft mit beiden Händen. Dieser Geste haftete seltsamerweise nichts Bedrohliches an und so konnte er spüren, daß sie sich sogar um eine Spur entspannte, auch wenn ihr immer noch die Tränen über die Wangen rannen. Selbst als er seine Wange neben die ihre schob, versteifte sie sich nicht oder machte den Anschein, als ob sie am liebsten zurückgewichen wäre, hätte er sie nur gelassen.
„Sei dankbar darum, daß es dir niemals so ergehen wird“, flüsterte er heiser in ihr Ohr.
Und dann verstärkte er seinen Griff um ihren Kopf.
Er hatte ganz gewiß nicht vor, ihr den Schädel zu zermalmen, wie es der erste Blick vermuten ließ. Er wollte ganz einfach nur, daß sie stillhielt bei dem, was nun folgte, wußte er doch, welche unglaubliche Kraft selbst ein menschlicher, ein so sterblicher Körper entwickeln konnte, wenn das bewußte Denken in Stücke geblasen und das Jahrmillionenalte Unterbewußtsein die Steuerung übernahm. Und wozu dieses fähig war, das rang selbst ihm immer wieder Anerkennung ab. Natürlich war er kräftiger, das stand vollkommen außer Frage – doch wenn er nicht vorsichtig genug war, konnte es geschehen, daß sie sich selbst das Genick brach.
Er verstärkte seinen Griff –
– und öffnete die Tore zu seinen Erinnerungen.
Er ließ sie sehen. Er ließ sie Dinge sehen, die sie nie hätte sehen wollen, ganz gleich, ob sie je anderes behauptet hätte. Er ließ sie die Dinge sehen, die sie niemals erleben würde, und wenn sie später noch dazu in der Lage wäre, sich dessen bewußt zu sein, so wäre sie auch dankbar darum, daß es niemals dazu gekommen war. Bilder, die mit gleißender Deutlichkeit in einem anfänglich heillosen Durcheinander auftauchten. Bilder, die er sie sehen ließ, Bilder, die sie sich wohl am liebsten aus dem Schädel gerissen hätte, wäre sie dazu noch in der Lage gewesen. Statt dessen verkrampfte sich ihr gesamter Körper mit einem Mal auf so unerträgliche Weise, daß er für einen Augenblick tatsächlich ernsthaft befürchtete, daß es ihr erst jede einzelne Sehne zerreißen würde, um anschließend dem Splittern ihrer eigenen Knochen lauschen zu müssen. Ihr Mund öffnete sich zu einem Schrei, der niemals ihre Lippen verließ, ihre Hände hatten sich zu ihrem Kopf gehoben, als er ihn fester ergriffen hatte, um die seinen zu lösen, doch erreichten sie ihr Ziel nie. Und in ihren Augen, in ihren Augen lag das Entsetzen in einer so reinen Form, daß jeder, der auch nur ein einziges Mal hineinblickte, wußte, daß dahinter nur der blanke Wahnsinn toben konnte, ein wahrer Sturm des Wahnsinns, der ihren Verstand verwüstete.
Doch noch tobte dieser Sturm nur im Hintergrund, noch ließ er sich von ihm zurückdrängen, denn erst kamen die Bilder, von denen sich der Sturm nährte, die er gleichsam in sich aufsog und an Wucht zunahm. Der Sturm konnte warten, doch während er wartete, wuchs er immer mehr.
Es würde sie zerfetzen, das wußte er. Doch es würde sie nicht unwissend davonreißen.
Und er erging sich in diesen aufgepeitschten, so wahnsinnigen Empfindungen mit jeder einzelnen Faser seines Selbst. Es war mehr als bloß die eher unwesentliche Erleichterung, den Schmerz der Erinnerung wenigstens nur einen Herzschlag lang einen anderen spüren zu lassen, denn diese Erleichterung wäre vielleicht sogar verzeihlich gewesen. Wem wäre es nicht so ergangen? Doch da war mehr als diese möglicherweise tröstende Linderung, weit mehr – er genoß es regelrecht. Und was er genoß, das bewegte sich langsam, aber sicher auf eine Ebene zu, die höchst körperlich war und nicht nur auf bloßen Erinnerungen fußte. Seine Erinnerungen drangen in ihren Verstand ein, ihr Verstand war eins geworden. Von diesem Moment an waren sie eins. Alles, was sie verspürte, nahm auch er wahr, vielleicht sogar weitaus intensiver. Nur mit dem Unterschied, daß ihre unbeschreibliche Furcht, ihr maßloses Entsetzen, der schleichende Wahnsinn in ihm etwas weckte, das wahrscheinlich nur ein Psychopath hätte nachvollziehen können, wenn denn überhaupt.
Raste durch ihr Innerstes der Irrsinn, so war es bei ihm die reine Erregung, die ihn zu überfluten begann. Eine Erregung, für die noch Worte erfunden werden mußten, um sie überhaupt ansatzweise beschreiben zu können. Natürlich hatte er auch schon zeit seines Lebens gewußt, welche Bedeutung dieser Begriff hatte. Aber zeit seines Lebens hatte er nicht einmal ahnen können, in welches unbeschreibliche Ausmaß sich ein solches Gefühl überhaupt steigern konnte – jede noch so blühendste seiner Phantasien hätte da gnadenlos versagt. Es war schlichtweg beispiellos, was ihn immer wieder überschwemmte, wenn er in das tosende Selbst seiner Opfer eindrang und mit ihnen verschmolz, ein intimer Moment der durch und durch abstrakten Art und doch von einer ganz und gar nicht offensichtlichen Zerbrechlichkeit.
Hier versagten sämtliche Vorstellugen.
Er schloß die Augen, sog die Luft tief in die Lungen – auch wenn die Notwendigkeit des Atmens für ihn nicht mehr bestand, so gehörte dies doch zu den Dingen, die er einfach nicht ablegen konnte –, und legte den Kopf langsam in den Nacken, um dann die Kontrolle über sich gänzlich aufzugeben.
Es geschah selten genug, daß er das überhaupt tat, denn er war sich nach all der langen Zeit immer noch nicht selbst darüber im klaren, wozu er wirklich fähig war, wenn er jegliche Herrschaft über sich selbst aufgab. Diesem Gedanken mochte etwas ungemein Erschreckendes anhaften, wenn es ihn denn auf irgendeine Weise gekümmert hatte. Doch in Wirklichkeit nahm er in diesem Zustand nicht einmal wahr, was eigentlich geschah, was mit ihm geschah.
Und bei allem, was er je gesehen und selbst erlebt hatte – nicht einmal er wünschte sich, dem bewußt beizuwohnen, denn das einzige, was ihn wohl noch überhaupt erschrecken konnte, war wohl er selbst.
Wie mußte er dann erst auf andere wirken...
Es war wie eine rasende Feuersbrunst, die über die brüchig gewordenen Wälle seiner Selbstbeherrschung hinwegtoste und nichts als Asche hinterließ. Irgendwo, ganz weit entfernt in einer kleinen Ecke seines Innersten regte sich zögerlich die flüchtige Sorge, wie um alles in der Welt er diesen irrsinnigen Sturm wieder unter Kontrolle bringen sollte, doch diese Bedenken währten nur kurz, nur andeutungsweise, dann wurden auch sie davongerissen.
Und er genoß es, verflucht, er genoß es...
Es gab nur eines, womit sich dieses Gefühl, als Todesangst in ihr explodierte und dieses Empfinden sich wie eine Flutwelle in die Feuersbrunst ergoß, in seiner Intension vergleichen ließ, und das war ein sexueller Höhepunkt ohne jegliches beschreibbare Ausmaß – nur daß dem alles Sexuelle jedweder Art vollkommen abging.
Und es war intensiver, zum Teufel, es war um so vieles intensiver... Es ließ einen wünschen, sich einfach nur komplett aufzugeben und bis in alle Ewigkeit von diesem unbeschreiblichen Rausch mitreißen zu lassen...
Die totale Selbstaufgabe, wenn auch vielleicht nur für kurze, völlig losgelöste Augenblicke. Doch eine Selbstaufgabe, die nicht ohne Opfer bleiben konnte.
Denn das Selbst dieser Frau riß es in Stücke. War dereinst das gleiche mit ihm geschehen, vor so unendlich langer Zeit, wie es ihm manchmal selbst erschien, so war es doch wieder zusammengeflickt worden und aus diesen Scherben ungleich stärker wieder hervorgegangen. Doch er war eine Ausnahme. Er war der kleine Bruder des Todes, mit der fürchterlichen Gabe ausgestattet, selbigen zu verbreiten und Seelen einzufangen.
Sie war nur ein Mensch. Die Zerbrechlichkeit alles Menschlichen. Jetzt und für immer.

 

Ende Kapitel 2