Monster GmbH (by Creeper)

Kapitel 3

 

Kalma starrte eine ganze Weile auf den unförmigen Haufen Etwas, der da fast schon anklagend zwischen ihnen lag und regelrecht danach forderte, daß sich jemand zu ihm äußerte. Gerade da lag aber auch das Problem. Der Zombie wußte, daß nicht nur dieser Haufen danach verlangte, sondern vor allen Dingen der neue, äußerst massiv gebaute Arbeitskollege, der ihm gegenüberstand und der eine abwartende Haltung eingenommen hatte, was seinen fragenden Gesichtsausdruck noch zusätzlich unterstützte.

Das Dumme daran war nur, daß er zwar wußte, daß man von ihm erwartete, etwas dazu zu sagen, daß er aber keinen blassen Schimmer hatte, wie er es in Worte ausdrücken sollte. Nicht, weil er von vornherein nicht dazu fähig gewesen wäre, sondern weil er einfach zu perplex war – und aus diesem Grund nahezu verzweifelt nach den richtigen Worten suchte, um dem Neuen klar zu machen, daß es zwar nicht das war, was von ihm erwartet wurde, er gleichzeitig aber auch nicht dessen Motivation in Grund und Boden buttern wollte. Und wie sollte man das nur in Worte fassen, ohne gleich von dem einen oder anderen zuviel zu sagen?

„Ääääh...“, begann er schließlich mit eben jener Hilflosigkeit, die er verspürte, und die ihm vermutlich auch jeder ansehen konnte, der ihn ein wenig besser kannte. OX dagegen legte aufmerksam den Kopf auf die Seite, neugierig darauf, was man zu seiner Arbeit sagen würde, aber auch sehr geduldig. Ohne jetzt gleich zu Vorurteilen greifen zu wollen, aber irgendwie paßte das zu seinem Aussehen.

„Das war nicht schlecht“, bemühte Kalma sich verzweifelt um Diplomatie. „Gar nicht so übel...für den Anfang.“

Dieser Zusatz war wie das Stichwort für Amen, der sich bislang in ungewohnter Zurückhaltung geübt, jedoch mit dem Zombie in stetem Blickkontakt gestanden hatte, seit dieser...Haufen entstanden war. Daß ihre Blicke so ziemlich das gleiche aussagten, bedeutete nur, daß er auch nicht wußte, wie er zu reagieren hatte und Kalma um seine ihm auferlegte Lehrmeistertätigkeit nicht gerade beneidete. Jetzt löste er wieder die Arme, die er vor der Brust verschränkt hatte, und trat einen Schritt auf die beiden zu, den Haufen kritisch musternd.

„Allerdings mangelt es ein wenig an...sagen wir mal Feinschliff“, ergänzte er. Die sichtliche Erleichterung in den grünen Augen des Zombies ließ ihn wissen, daß es genau das war, wonach dieser gesucht hatte.

In den Augen des Bullendämons jedoch blieb der erwartete Funke der Erkenntnis aus. Sie unterdrückten beide ein Seufzen. Das war zu erwarten gewesen.

„Na ja, weißt du, es genügt halt nicht, sie einfach nur zu Hackfleisch zu verarbeiten, verstehst du?“ Amen wies mit einer flüchtigen Geste auf den blutigen, zermatschten Haufen, der sich nicht einmal mit der Phantasie eines Psychopathen wieder zu dem Menschen zusammensetzen ließ, der er einmal gewesen war. OX folgte dieser Geste nur stumm und starrte seinerseits auf sein Werk, ohne daß sich dabei etwas wie Verständnis in seinem stumpfen Gesichtsausdruck zeigte.

„Das ist zwar hin und wieder ganz nett und auch der Chef hat überhaupt nichts dagegen...“

„...manchmal bleibt ja auch überhaupt keine andere Wahl“, fügte Kalma hinzu und die Mumie nickte.

„...aber der eigentliche Sinn der Sache ist das nicht. Abschlachten können sie sich selbst, dazu brauchen sie uns überhaupt nicht mehr. Was das betrifft, haben sie in den letzten Jahren ganz gut aufgeholt und könnten uns in dieser Hinsicht sogar fast Konkurrenz machen.“

Der Zombie nickte nur versonnen. Für die Metzeleien brauchten die Menschen sie wirklich nicht mehr, darin waren sie selbst gut genug. Waren sie eigentlich schon immer gewesen, nur hatte es den Eindruck, als ob die Hemmschwelle vor allem unter den Otto Normalverbrauchern ziemlich rasant gen Erdbodenniveau rauschte. Es war ebenso erschreckend wie faszinierend, wie rasch dieses doch so armselig erscheinende Völkchen dazulernte und sich im Einfallsreichtum, wie es sich am besten gegenseitig abschlachtete, gegenseitig den Rang ablaufen wollte.

„Unsere Domäne sind die Alpträume“, versuchte die Mumie dem immer noch verständnislos dreinblickenden OX zu erklären. „Der Schrecken, das Grauen, das wir verbreiten. Wir säen die Furcht und lassen sie für uns arbeiten. Manchmal braucht’s da ein wenig Zeit noch dazu, manchmal reicht eine entsprechend kräftige Dosis. Und was wir dann ernten können, das ist, was die Furcht hat wachsen lassen. Wahnsinn. Zerbrochene Geister, völlig Irre, die nicht mehr wissen, in welcher Welt sie eigentlich noch leben. Die braucht man dann einfach nur noch einzusammeln. Und Furcht, na, die verbreiten wir eigentlich allein schon durch das, was wir sind. Aber das kann man mit ein bißchen Übung ganz gut steuern. Verstehst du das? Und dann kann man sich auch auf eine bestimmte Branche spezialisieren. Er zum Beispiel“, – Amen wies mit einer Kopfbewegung auf Kalma – „ist Spezialist für die Seelen. Das hat ihm von Anfang an gut gelegen, also konzentriert er sich darauf. Wenn der Chef mal wieder eine Seele auf dem Plan stehen hat, die es einzusammeln gilt, kannst du sicher sein, daß er den Auftrag bekommt. Enary dagegen ist zuständig für eine ganz bestimmte Art von Wahnsinn. Darin ist sie ziemlich gut. Sie ist still, unauffällig und hinterläßt dafür einen um so nachdrücklicheren Eindruck – allerdings auch immer nur für kurze Zeit, denn lange hält das keines ihrer Opfer durch. Unser Exemplar fürs Grobe ist eigentlich Kita. Also wenn’s mal so Sachen zu erledigen gibt wie das da, was du da gerade getan hast. Da erübrigt sich eigentlich der Kommentar, daß es ohne Frage niemand besseren als ihn gibt, wenn so was ansteht. Begreifst du, was ich damit sagen will? Diese Hackfleischherstellung bringt eigentlich nicht sonderlich viel. Zwischendurch ist es zwar ganz nett und muß auch mal sein, aber es ist jetzt nicht so, daß es unbedingt sonderlich gehaltvoll ist.“

Sie sahen OX beide mit der gleichen Erwartungshaltung an – und beiden drängte sich aus irgendeinem Grund der Eindruck auf, daß er nicht die Bohne kapiert hatte. Eigentlich hatte Amen sich ausnahmsweise ziemlich verständlich ausgedrückt, aber was sollte man schon von jemandem erwarten, der bislang im Laufe seiner Existenz nichts anderes getan hatte, als seine Opfer zu dem zu verarbeiten, was da gerade zwischen ihnen lag? Da stellte sich doch unwillkürlich die Frage, ob der Chef sein Augenmerk nicht vielleicht etwas eingehender auf die Bewerbungsunterlagen des Neulings hätte richten sollen, statt nur seine Erfolgsquote in punkto Zahlen – die Anzahl seiner Opfer war wirklich beeindruckend – zu sehen und ihn gleich begeistert einzustellen. Wie sollte man nun auch jemandem den Gebrauch des Skalpells beibringen, der zuvor nur mit dem Schlachtbeil gearbeitet hatte?

Sie warteten auf eine Reaktion des Bullendämons. Wenigstens ein Nicken vielleicht, das ihnen gezeigt hätte, daß er zwar nichts begriffen hatte, wohl aber darum bemüht war. Sie tauschten einen vielsagenden Blick miteinander aus. Sie warteten immer noch. Untote hatten viel Zeit. Sie hätten bis zum Sankt Nimmerleinstag warten können. So lange wäre von OX auch nichts gekommen.

Schließlich aber – sie hatten schon gar nicht mehr damit gerechnet – wandte er doch auf einmal den Kopf und sah Kalma völlig unverwandt an. Dieser erwiderte den Blick vollkommen ungerührt, er war es schließlich gewohnt, angestarrt zu werden, wenn auch in den meisten Fällen aus einem anderen Grund und aufgrund jener lähmenden Furcht, die er auslöste. Was dann jedoch kam, reichte aus, um selbst ihn zu überrumpeln.

„Hast du was mit ihr?“

Hatte der Bullendämon bislang den Eindruck gemacht, als könnte er nicht einmal seinen eigenen Namen fehlerfrei buchstabieren, so kam diese Frage mit einer erstaunlichen Zielsicherheit. Von Fragen, die auf diese Weise gestellt wurden, erwartete man nicht, daß man ihnen auswich. Es waren absolut klare und unmißverständliche Fragen, auf die man für gewöhnlich auch nur mit einem Wort antworten konnte. Trotzdem war Kalma dieses Mal selbst so überrascht, daß er mit der dritten von eigentlich zwei möglichen Antworten aufwartete – was nur daran lag, daß er so verblüfft war, daß es ihm für den ersten Moment einfach nicht gelingen wollte, seiner kreisenden Gedanken Herr zu werden und sie wieder in geordnete Bahnen zu lenken.

Was?“, platzte es aus ihm heraus, noch bevor er darüber nachdenken konnte. Er sah flüchtig zu Amen hinüber, doch der bot vermutlich denselben Anblick wie er, nämlich einen ziemlich dämlichen, wie er so mit weitaufgerissenen Augen OX anstarrte, als hätte er bislang noch nicht mal gewußt, daß dieser überhaupt des Sprechens fähig war.

Doch das war er und das sogar ohne jeden Akzent, wie man bei seinem Aussehen vielleicht hätte vermuten können. Seine Stimme klang nur ein wenig nasal, was allerdings auch nachvollziehbar war.

„Du hast mich schon verstanden“, sagte er ruhig und hielt den Blick weiterhin auf den Zombie gerichtet, der diesem zwar sprachlos, aber mit gewohnter Mühelosigkeit standhielt. „Ob du was mit Enary hast.“

Die nächste Frage, die es ihm gar nicht erst ermöglichte, aus dem Staunen herauszukommen. Er wußte noch nicht einmal, wie er darauf reagieren sollte: Sollte er verärgert darüber sein, daß ihm eine solche Frage ausgerechnet jemand stellte, den er im Grunde kaum kannte und der bislang den Eindruck gemacht hatte, als könne man ihn noch nicht einmal allein Milch holen lassen, den es also überhaupt nichts anging, oder sollte er sich schlichtweg noch eine Weile weiterhin darüber wundern, wie der Höllenbulle überhaupt zu diesem Gedankengang gekommen war. Ein solch feines Gespür oder wahlweise gute Beobachtungsgabe hatte er ihm überhaupt nicht zugetraut.

Und doch gelang es ihm schließlich, sich zumindest etwas zu fangen.

„Jetzt führ’ ausgerechnet du dich nicht so auf, als wäre deine Geburt die einer Intelligenzbestie gewesen“, schoß er ein wenig unnötig scharf zurück, allein um zu beweisen, daß er nicht bereit war, sich in die Defensive drängen zu lassen. Entweder hatte OX es nämlich genau darauf abgesehen oder er meinte es tatsächlich ernst. Dann aber trat wieder Option eins in Kraft: Es ging ihn einen Dreck an. Und das sollte er auch wissen. Als Neuling sollte er ein wenig vorsichtiger sein, aber zur Not konnten sie ihm das auch noch nachträglich beibringen.

Wenn da nicht die Mumie gewesen wäre, die die ganze Sache offenbar ein wenig lockerer sah – sie war schließlich auch nicht direkt davon betroffen. Sie hatte sich ein wenig schneller als der Zombie gefaßt und auf die etwas präzisere Nachfrage des Bullendämons mit einem leisen Kichern reagiert, jetzt aber war sie noch ein Stück näher herangetreten und musterte die massive Gestalt, die ungefähr gleich groß wie sie selbst war, mit einem Blick, der irgendwo zwischen Spott und Anerkennung lag, bevor sie sich an den Zombie wandte.

„Der scheint wohl doch nicht ganz so dämlich zu sein, wie er aussieht“, konstatierte sie mit gewohnter, scheinbar unbedachter Schnodderigkeit, die einen so manches Mal wünschen ließ, sie kurzerhand in Kerosin zu tauchen und anschließend anzuzünden. Doch anders als die übrigen, die sich längst an das scharfe Mundwerk gewöhnt hatten und dementsprechende Antworten darauf gaben, reagierte OX auf eine Weise, wie sie sich alle anmerken ließen, die in ihrer Hilflosigkeit nichts zu erwidern wußten.

Seine Hand schoß in einer so blitzartigen Schnelligkeit vor, daß keiner der beiden anderen darauf reagieren konnte, und legte sich mit der Sanftheit einer Stahlklammer um Amens Hals.

Untote brauchten nicht zu atmen. Das mußten sie allein schon deshalb nicht, weil sie ja nicht mehr lebten. Aber es gab nun einmal Dinge, die ließen sich nur schwerlich ablegen, wenn man ein ganzes Leben lang darauf angewiesen war, und so war es auch mit dem Atmen. Sie brauchten es nicht mehr, doch irgendwie taten sie es doch immer noch. Jedenfalls meistens. Es ließ sich vollkommen bewußt abstellen, aber irgendwann stellte es sich unbewußt auch wieder ganz von selbst ein, ohne daß sie etwas dagegen tun konnten.

Und so war es auch jetzt. Als sich die unmenschlich starke Hand um den Hals der Mumie schloß, riß sie im ersten Moment entsetzt die weißblauen Augen auf und rang so instinktiv nach Luft, wie es jeder getan hätte, dem man von einem Augenblick auf den anderen die Kehle zudrückte. Es war einfach eine Reaktion, die sich nicht ablegen ließ, zumindest nicht für den ersten Sekundenbruchteil, bis der Verstand es endlich geschafft hatte, sich fluchend gegen die in manchen Situationen doch um so vieles stärkeren Instinkte durchzusetzen, sie mit groben Ellbogenstößen auf ihre Plätze zu verweisen und hektisch winkend darauf aufmerksam zu machen, daß der längst tote Körper überhaupt keinen Sauerstoff mehr benötigte, nach dem er gerade so sehr verlangte.

Nur einen Herzschlag lang, in dem in den unnatürlich hellen Augen dieses Entsetzen lag. Nur einen Herzschlag lang, in dem sich der Blick des Höllenbullen, bislang völlig konzentriert und ausdruckslos auf die anfänglich zappelnde Mumie am anderen Ende seines Armes gerichtet, auf einmal wandelte und es so schien, als ob das Entsetzen zu ihm hinüberwechselte, zu ihm hinüberkroch und nun gleichsam in die Augen schlich wie es die der Mumie verlassen hatte. Nun war er es, dessen Augen sich auf einmal weiteten und dessen Atem ungewöhnlich schwer ging, während die Muskeln seines ausgestreckten Armes plötzlich merklich zu zittern begannen.

Ganz dummer Fehler, dachte Kalma still. Es lag nahe, Amen zu unterschätzen, weil er sich meistens auf sein scharfes Mundwerk verließ, doch das sollte keineswegs bedeuten, daß er nicht auch wie sie alle dazu in der Lage war, zu drastischeren Mitteln zu greifen, wenn er dazu gezwungen wurde oder ihm einfach der Sinn danach stand. Was die Mumie ihm voraus hatte, daran würde der Höllenbulle nicht einmal in hundert Jahren annähernd tippen können – es mußte ihm nur jemand klar machen. Seine Selbstsicherheit war sicherlich bewundernswert, allerdings hatte er noch nicht ganz begriffen, an welchen Stellen er diese getrost auslassen konnte und auch sollte, und wo er besser ein wenig Umsicht walten ließ. Amen neigte nicht zu Kurzschlußreaktionen, jedenfalls nur selten, und er neigte auch nicht dazu, den Überlegenen auszuspielen, doch OX hatte es darauf angelegt.

Wollen wir doch mal sehen, wie gut er damit fertig wird.

Das Zittern im Arm des Bullendämons wurde inzwischen so heftig, daß es beinahe auf die Mumie überging, die im Gegenzug dazu völlig ruhig dastand und ihr Gegenüber mit einem eiskalten Blick fixierte. Sie zuckte nur einmal kurz zusammen und über ihr entstelltes Gesicht huschte so etwas wie ein gequälter Schmerz, doch auch dies nur so schnell, daß man sich als Beobachter nicht sicher sein konnte, es wirklich gesehen zu haben. Sicherer dagegen war die kurze Bewegung von OX’ Fingern, als es den Eindruck machte, er wolle den Druck seiner Hand verstärken, und das hörbare, sehr leise Knirschen von um ein Haar überbelasteten Wirbeln. Um wessen Wirbel es sich hier handelte, war offensichtlich, und daß der Besitzer dieser Wirbel etwas gegen diese unsanfte Behandlung hatte, wurde daran deutlich, daß der Höllenbulle auf einmal in die Knie zu gehen drohte.

Der Zombie verschränkte gelassen die Arme vor der Brust und trat von hinten dicht an den Neuling heran, dessen gesamter Körper nun so angespannt war, daß er zu zerreißen drohte. Sein Atem kam nun noch stoßweise, aber so schwer, daß er in der kühlen Luft deutliche Wolken bildete, während an seinem Hals die Schlagader deutlich pulsierend hervortrat.

Noch so eine merkwürdige Eigenart des eigentlich toten Körpers. Er benötigte keinen Herzschlag und keine Atmung und doch funktionierte beides in den meisten Fällen einwandfrei.

„Die Entscheidung liegt jetzt bei dir“, sagte er leise zu dem Bullendämon, der den Kopf ein wenig zur Seite drehte, die Mumie jedoch keinen Sekundenbruchteil aus den Augen ließ – wahrscheinlich allein schon deswegen, weil ihr erbarmungsloser Blick den seinen regelrecht gefesselt hielt. „Schaffst du es, seine Nackenwirbel zu Staub zu pulverisieren, bevor er das, was noch in deinem Schädel ist, zu etwas verarbeitet hat, für das du erst noch einen Namen erfinden mußt? Abgesehen davon – ihm macht’s nicht viel aus, was du ihm antun kannst, das bekommen wir schon irgendwie wieder geflickt.“ Den entrüsteten Blick, den Amen ihm dabei zuwarf, ignorierte er absichtsvoll. Sicherlich, irgendwie ließ sich das schon wieder flicken, das tat es immer, aber angenehmer wurde es dadurch auch nicht. „Aber wenn er mit dir fertig ist, wirst du noch nicht einmal einer Bratkartoffel mehr Konkurrenz machen können.“

Doch OX zögerte. Es war nicht zu fassen, dieser verdammte Trottel zögerte immer noch. Ob er etwa glaubte, daß er ihm einfach nur einen Schrecken einjagen wollte und heillos übertrieb? Wollte ihm denn nicht in den Schädel, was da gerade mit ihm vorging? Was drohte zu passieren, wenn er noch länger zögerte? Die Mumie war niemand, der es darauf anlegte – wer es darauf anlegte, waren jene, die meinten, sie unterschätzen zu müssen. In den meisten Fällen taten sie das nur ein einziges Mal und danach nie wieder. Dazu waren sie gar nicht mehr in der Lage. Und der Höllenbulle war auf dem besten Weg dorthin.

Es war keine bloße Drohung, deren Sinn in Abschreckung bestand. Es war eine Drohung, der Ernst folgte, wenn ihr nicht Glauben geschenkt wurde. Kalma wußte, wovon er sprach. Nicht aus Erfahrungen, die er am eigenen Leibe gemacht hatte, doch er hatte es oft genug gesehen und würde den Teufel tun und Amen jemals so sehr gegen sich aufbringen, daß er ihn ausgerechnet dazu veranlaßte. Er hatte gesehen, wie vielversprechenderen Typen als diesem Bullendämon die Reste ihres Gehirns aus den Ohren gelaufen waren, noch bevor die Mumie mit ihnen fertig war. Das Dümmste war es, sie auf ihre große Klappe zu reduzieren, wo doch soviel mehr dahintersteckte.

Man mußte ihm zugute halten, daß OX sich verdammt gut hielt für jemanden, der darauf nicht vorbereitet gewesen war, was gerade mit ihm geschah. Sie hatten andere Kaliber gesehen, die längst zusammengeklappt waren, nachdem sie gemeint hatten, der Mumie eine Lektion verpassen zu können, aber der Höllenbulle machte einen ganz guten Eindruck. Jedenfalls angesichts der derzeitigen Situation. Bei näherem Betrachten sah man natürlich mit Leichtigkeit den Unterschied und auch, welcher Kraftakt es mittlerweile für ihn geworden war. Er hatte geglaubt, die Mumie mit einem kurzen Beweis seiner Kraft und Selbstsicherheit aus dem Konzept zu bringen, doch inzwischen war längst das Gegenteil eingetreten. Sein Zittern hatte fast die Heftigkeit eines epileptischen Anfalls angenommen und unter Kontrolle hatte er es längst nicht mehr, ebensowenig wie seine längst extrem unregelmäßig gewordene Atmung, was allerdings noch das geringste Problem war. Vielmehr machte es den Eindruck, als könne er seine Hand gar nicht mehr vom Hals der Mumie lösen, selbst wenn er gewollt hätte – wobei sich Kalma da immer noch nicht sicher war, ob der Höllenbulle immer noch nicht begriffen hatte, wohin seine Sturheit führen konnte. Amen ließ sich nämlich nicht einmal einen Funken von Anstrengung anmerken und wenn er ihn richtig kannte, verspürte er diese auch nicht. Zumindest nicht bei diesem Anfänger. Er hatte zwar immer noch diesen wie gemeißelten Gesichtsausdruck und einen Blick, der einen Pinguin hätte frösteln lassen, doch irgendwie wurde der Zombie das Gefühl nicht los, daß er gleichzeitig kurz vor einem breiten Grinsen stand. Das wäre typisch für das Fossil, aber was ihn betraf, so machte er sich langsam Sorgen um OX, auch wenn er sich dies nicht anmerken ließ.

Aus den Nasenlöchern des Bullendämons schäumte auf einmal Blut.

Verflucht, wollte dieser elende Idiot es denn einfach nicht kapieren? Die Mumie konnte ihn zermalmen, was sie nicht zu mehr als einem „Oh, das wollte ich aber nun doch nicht“ veranlassen und zu einem Vortrag des Chefs führen würde, der sich gewaschen hatte – was sie vermutlich in diesem Fall nicht sonderlich stören würde –, doch der Höllenbulle wollte das immer noch nicht einsehen. Er wollte nicht einsehen, daß definitiv er es war, der den kürzeren ziehen würde, wie auch immer es kommen sollte. Und Amen war gleichsam stur genug, um nicht nachzugeben. OX hatte ihn herausgefordert, bitteschön, dann mußte er auch mit den Konsequenzen leben.

„Glaub’ bloß nicht, du wärst der erste“, ließ der Zombie den Höllenbullen wissen. „Interessant, wie sehr der erste Eindruck doch täuschen kann, nicht wahr? An deiner Stelle würde ich mir jedoch überlegen, ob ich bis zum äußersten gehen würde. Die Witzfigur sieht zwar lachhaft aus, aber ich muß nicht darauf wetten, daß du es nicht mit ihr aufnehmen kannst. Das weiß ich auch so.“

Diesmal war der Blick, mit dem die Mumie ihn bedachte, ein wenig anders und besagte nicht weniger als „Und du bist der nächste!“ Damit konnte er leben, er wußte, daß es dazu nicht kommen würde, weil sie sich beide nicht zur Genüge im klaren darüber waren, wer bei einer solchen Auseinandersetzung tatsächlich die Oberhand gewinnen würde. Und das war ihnen, Untote hin oder her, schlichtweg zu riskant. Außerdem wußte er, daß es nicht ernstgemeint war. Jedenfalls nicht so, wie OX es gerade am eigenen Leib erfahren mußte.

„Was meinst du, wie lange du das noch durchstehst? Eine Minute? Zwei? Wenn es hochkommt, versteht sich. Ich persönlich zweifle ja daran. Nichts für ungut, wenn du verstehst, was ich meine.“

Und endlich schlichen sich diese Zweifel auch in die Augen des Höllenbullen. Zwar konnte der Zombie nichts davon erkennen, dafür aber Amen. Nicht, daß er auf einmal Mitleid für den Frischling verspürt hätte. Das hatte er sich schließlich selbst zuzuschreiben, mit so etwas hätte er rechnen müssen. Trotzdem umschloß er auf einmal mit einer Hand das Handgelenk des Bullendämons, was fast schon behutsam wirkte, doch wie täuschend diese Geste war, ließ sich erkennen, wenn man OX auch nur ein einziges Mal ins Gesicht sah, wo Zweifel und Entsetzen plötzlich zu einer kaum kontrollierbaren Panik miteinander verschmolzen. Und das hatte auch einen nur zu verständlichen Grund. Zwar nahm das Beben seiner Muskeln dadurch etwas ab, dafür jedoch wurde die Haut um die Stelle, wo die Mumie ihn ergriffen hatte, plötzlich erschreckend blaß.

Grabeskälte ließ sich nicht beschreiben, man mußte sie spüren.

„Hilft es, wenn ich dir sage, daß ich dir sehr verbunden wäre, wenn du mich endlich loslassen würdest?“ Die Höflichkeit in diesen Worten mutete wie Hohn an, wenn man bedachte, welche sichtlichen Anstrengungen es OX kostete, sich überhaupt noch auf den Beinen zu halten. Daß genau das die Absicht gewesen war, war ebenso offensichtlich. Und doch wußte Kalma, daß dies die einzige und letzte Chance für den Höllenbullen war, noch halbwegs ungeschoren davonzukommen. Die Mumie hatte ihm ein Angebot gemacht, nichts anderes. Wenn er ablehnte, würde sie zu konsequenteren Maßnahmen greifen, wovon er allerdings dann nicht mehr viel bemerken würde.

„Ich weiß ja nicht, was du davon hast, aber mich nervt es langsam, dich so am Hals hängen zu haben. Außerdem saust du mich komplett ein.“

Die Anspielung auf sein unregelmäßiges Schnauben, mit dem er feine Blutstropfen in die Richtung der Mumie sprühte, kam allem Anschein nach nicht an, dafür jedoch zwei Dinge um so deutlicher: Zum einen dauerte es mit Sicherheit nicht mehr lange, bis das Hirn des Bullendämons entweder zu Mus verarbeitet oder wahlweise fritiert sein würde, und zum anderen wurde ihm auf einmal schmerzlich bewußt, daß sich seine Hand, an der die Mumie ihn festhielt, ebensogut einige Meter weiter in der Gosse hätte liegen könne, ohne daß es ihm aufgefallen wäre. Er spürte sie nämlich überhaupt nicht mehr.

Und endlich dämmerte das Begreifen in seinen Augen.

Das hat aber verdammt lange gedauert.

Er ließ los.

Amen trat vollkommen gelassen einen Schritt zurück, ließ den Kopf ein wenig kreisen – einige Wirbel wiesen mit einem Knirschen auf die nicht sonderlich feinfühlige Behandlung hin, die sie gerade erlitten hatten – und rieb sich dann mit skeptischem Gesichtsausdruck den Nacken, bevor er sich an den schweratmenden Höllenbullen wandte, der Mühe hatte, daß seine Knie nicht unter ihm nachgaben und der deutlich ein Stück in sich zusammengesunken war.

„Herzlichen Dank.“

Es gelang Kalma nicht, sich ein Grinsen zu verkneifen. Spätestens dafür hätte er der Mumie sämtliche ihrer Zähne zu schlucken gegeben, aber dazu war OX gar nicht mehr zu in der Lage. Er starrte sie nur mit großen Augen an, während er sich das offensichtlich schmerzende und aschfahle Handgelenk massierte und versuchte, wieder Leben dort hineinzubringen. Die Blutung aus seinen Nüstern hatte sofort gestoppt, nachdem er losgelassen hatte, und so rieb er sich nur mit dem Unterarm über das Gesicht, um die restlichen Tropfen wegzuwischen, bevor er Amen wieder anstarrte. Dieser zuckte nur mit den Schultern.

„Mißverständnisse kommen vor, nicht wahr?“, meinte er fast schon unverschämt gutgelaunt, als sei das alles, was gerade vorgefallen war. Ein Mißverständnis. So wie er das brachte, konnte man ihm glatt noch glauben. Schwieriger wurde es mit der Glaubwürdigkeit, wenn man einen Blick auf den Höllenbullen warf.

So massiv und voller Selbstbewußtsein, wie er vorhin noch gewirkt hatte, so sehr ähnelte er jetzt einem eingeschüchterten, zusammengesunkenen Häuflein Elend. Die Lektion, die er jemand anderem hatte verpassen wollen, hatte sich um ein Vielfaches potenziert gegen ihn gewandt und ihm einen Rückschlag beigebracht, den er vermutlich angesichts seines bisherigen Auftretens noch nie zuvor in seiner Existenz hatte erleiden müssen. Und das ausgerechnet von jemandem, der den Eindruck machte, als lägen seine einzigen Stärken in seinen bisweilen giftigen, aber meistens punktgenau sitzenden Äußerungen. Einen Rückschlag, der dermaßen gesessen hatte, daß er an die Substanz gehen konnte, gerade bei jemandem, der so etwas nicht gewöhnt war.

Er wußte nicht, wie es der Mumie erging, doch den Zombie stimmte dies nachdenklich. Der Bullendämon schien erfolgsverwöhnt zu sein, da konnte es problematisch werden, wenn er nicht damit klar kam, auch einmal einstecken zu müssen.

Dann wird er’s eben lernen müssen.

Und eins mußte man ihm lassen, er lernte schnell. Er nickte.

Was Amen betraf, so genügte ihm das. Er war nicht nachtragend, selbst nicht bei jemandem, der wenige Minuten zuvor damit gedroht hatte, ihm das Genick zu pulverisieren. Er war schon zu lange in der Branche, um mit solchen übermütigen Grünschnäbeln nicht fertig zu werden – und beeindrucken ließ er sich davon erst recht nicht. Solche Überflieger benötigten halt hin und wieder eine recht unschöne Landung auf dem Boden, da half er gerne nach.

Der Bullendämon dagegen würde allem Anschein nach ein wenig länger benötigen, um sich von dieser Niederlage zu erholen. Zudem stand noch völlig offen, ob er wirklich daraus gelernt hatte oder die Mumie nur auf seine ganz persönliche Haßliste auf den vordersten Platz setzte, weil sie ihn vor einem weiteren Untoten zusammengefaltet und womöglich seinem Verständnis nach gedemütigt hatte. Nun ja, das würde sich beizeiten noch zeigen. Zumindest würde er noch so einige Jährchen brauchen, um sich auch nur annähernd mit einem alten Hasen wie der Mumie messen zu können.

Zumal diese es immer wieder schaffte, mit einem wunderbar exakt angebrachten Überraschungseffekt auch langjährige Mitarbeiten aus dem Konzept zu bringen – und diese ihr schon seit ewiger Zeit die ansonsten sehr überzeugend unschuldige Art dabei nicht abkauften.

„Aber um noch einmal zum Ausgangspunkt zurückzukommen...“, begann sie vollkommen beiläufig, doch während OX sie nur fast hoffnungsvoll ansah, als sei er froh darum, daß sich die Aufmerksamkeit endlich von ihm abwandte, spürte Kalma, wie sich seine Kiefermuskeln unwillkürlich verkrampften. Er hatte im Gegensatz zu dem Höllenbullen sofort begriffen, worauf die Mumie hinauswollte, weshalb diese auch einen Blick aus kristallklaren grünen Augen erhielt, die jeden anderen buchstäblich an die Wand genagelt hätte.

„Du elender Bastard!“, zischte der Zombie wutentbrannt und spielte einen Moment ernstlich mit dem Gedanken, sich auf Amen zu stürzen, der wie immer einen Gesichtsausdruck an den Tag legte, als könne er kein Wässerchen trüben, geschweige denn daß er sich einer Schuld bewußt wäre. Wie zum Beweis streckte die Mumie die leeren Hände von sich.

„Was denn?“, wollte sie wissen, als hätte sie wirklich keine Ahnung, weshalb der Zombie auf einmal derart gereizt reagierte und sie anstarrte, als male er sich gerade ein paar besonders unschöne Dinge für sie aus. „Er hat eine ganz normale Frage gestellt. Da hat er doch wohl auch ein Recht darauf, sie beantwortet zu bekommen.“

Kalma mußte einiges aufwenden, um sich weiterhin zu beherrschen. Ja, eigentlich kamen sie sehr gut miteinander zurecht. Ja, man konnte sich an die Sticheleien gewöhnen, vor allem, weil Amen ebenso einstecken wie austeilen konnte. Prinzipiell gab es keinen Grund zur Klage. Wenn er nicht manchmal solche Anwandlungen hatte, die beinahe danach verlangten, ihm den verdammten Kopf von den Schultern zu reißen und ihn in die nächste Mülltonne zu stopfen.

Was nicht das erste Mal gewesen wäre.

„Einmal geht es ihn einen Dreck an“, stellte der Zombie in hartem Tonfall klar. Wie zu erwarten zeigte sich OX mit dieser Aussage einverstanden, ohne daß er dazu etwas sagen mußte, doch Amen ließ sich keinerlei Anzeichen anmerken, daß ihn dies auch nur in geringster Weise beeindruckte. „Und zum zweiten hast ausgerechnet du nicht das Recht, mit Dingen hausieren zu gehen, die dich ebenfalls einen Dreck angehen!“

„Ich bin noch mit überhaupt nichts hausieren gegangen“, korrigierte ihn die Mumie geflissentlich, allein aus dem Grund, weil sie sich genötigt sah, irgend etwas sagen zu müssen. Natürlich war sich Kalma bewußt, daß sie das noch nicht getan hatte – um genau das mit dem nächsten Satz nachzuholen. Daß er ihr damit vorerst den Wind aus den Segeln genommen hatte, war zumindest ein Teilerfolg, den er auf dem rhetorischen Schlachtfeld für sich verbuchen konnte.

„Ich wüßte auch mal gern, was du mir damit eigentlich wieder unterstellen willst“, fuhr Amen fort und es gelang ihm sogar, so etwas wie verletzten Stolz auszuspielen. „Wofür hältst du mich eigentlich?“

Das muß ich doch nun wirklich nicht näher ausführen, oder?“, schoß der Zombie gnadenlos zurück. „Und außerdem, was geht ihn das überhaupt an?“ Mit einer Kopfbewegung wies er auf den Bullendämon, um ihn gleich darauf mit einem Blick anzustarren, der jedem anderen die Haut vom Leibe geschält hätte.

Die Mumie zuckte nur mit den Schultern. „Ja, genau, was geht dich das eigentlich an?“

Die Frage, wie er erst zu dieser Mutmaßung gekommen war, verbissen sie sich beide.

Der Höllenbulle war zu verblüfft von der Tatsache, daß sich die Aufmerksamkeit, die er gerade von sich fortgeschoben geglaubt hatte, so plötzlich wieder auf ihn richtete, und dazu noch in besonders feindseliger Form – wie bei dem Zombie – oder mit offenkundiger Neugier – wie eben bei der Mumie –, als daß er sofort hätte antworten können. Und so fiel ihm die Kinnlade herunter und er starrte die beiden Untoten abwechselnd an, während er fieberhaft darüber nachdachte, was um alles in der Welt sie eigentlich von ihm erwarteten zu hören.

„Wahrscheinlich hat er selbst ein Auge auf sie geworfen“, vermutete die Mumie schließlich und grinste dann breit. „Das ist okay, so reagieren die meisten, die sie das erste Mal sehen. Ein Grund für ihre hohe Erfolgsquote.“

Was sich dann in dieses Grinsen schlich, war so eindeutig, daß es nur ein kompletter Trottel nicht erkennen konnte. Oder eben jemand, der keinen blassen Schimmer hatte, was diese sichtbare Anspielung zu bedeuten hatte. Was von beidem auf den Bullendämon zutraf, war schwer zu sagen, doch er machte wieder einmal den Eindruck, als ob er schlichtweg überhaupt nichts begriff.

„Warum fragst du sie dann nicht einfach selbst?“, wollte der Zombie mit gefährlich leisem Unterton wissen. In seinem Blick lag etwas ebenso Lauerndes wie Kaltes, das nicht eben den Wunsch erweckte, es näher kennenzulernen. „Sie ist alt genug, ich denke, sie kann schon selbst darüber entscheiden.“

„Obwohl...“, gab die Mumie gedehnt zu bedenken, „...eigentlich paßt ihr beiden ja gut zusammen. Ihr würdet so ein hübsches Pärchen abgeben!“

Kalma starrte ihn nur wortlos an. Er wußte nicht, wie er reagieren würde, wenn Amen es noch weiter trieb, aber er war auf dem besten Weg, es herauszufinden. Hätte er sich nicht derart gut im Griff, daß jeder einzelne Muskel sich schmerzhaft in ihm verkrampft hätte, wäre es wahrscheinlich gewesen, daß die Mumie statt dieses ebenso unverschämten wie treuherzigen schiefen Grinsens bloß noch ein recht unschönes Loch im Gesicht gehabt hätte und er selbst sich als nächstes mit der Frage beschäftigte, was der verfluchte Mistkerl noch alles verdient hatte.

„Wenn du nicht bald das Maul hältst, ziehe ich ernsthaft in Erwägung, dir deine vertrockneten Eingeweide herauszureißen!“, preßte der Zombie mühevoll zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, doch es sah nicht so aus, als ob dies auch nur irgendeinen Eindruck hinterließ. „Und zwar einzeln, allesamt!“

Die Mumie dagegen winkte ab, als könne sie diese Aussicht nicht sonderlich bedrücken. „Ach, komm schon“, erwiderte sie mit einem Grinsen. „Versuch’ dich gar nicht erst daraus herauszuwinden! Man mußte euch doch damals nur mal kurz ansehen, um Bescheid zu wissen...“

„Du weißt überhaupt nichts, aber ich weiß, daß du bald durch das Loch eines Gullydeckels passen wirst, wenn du so weitermachst!“

„Du drohst mir?“

„Nein, ich drohe dir nicht, ich verspreche dir etwas!“

Es waren Situationen wie diese, in denen man das drängende Bedürfnis verspürte, Amen komplett in seine Einzelteile zu zerlegen, erst recht, wenn er mit einem Grinsen auf jeden Satz noch etwas zu entgegnen wußte, mit einer herausfordernden Unbekümmertheit, die einen die Vorstellung, ihn auseinanderzunehmen, nicht einmal bereuen ließ. Wunschdenken, dazu würde es nicht kommen. Und das wußten sie beide nur zu gut.

Erst recht, als sie sich plötzlich wieder daran erinnerten, daß sie doch einen Zuschauer hatten. Und als sie beide gleichzeitig die Köpfe zu ihm umwandten, wurde ihnen auf einmal bewußt, daß dieser durchaus einen anderen Gesichtsausdruck an den Tag legen konnte, sogar einen, der eine gewisse Intelligenz verriet, die er bislang entweder schlichtweg nicht gezeigt oder geschickt verborgen hatte.

Der Höllenbulle hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt und beobachtete die immer gereizter werdende Auseinandersetzung zwischen dem beständig mißgelaunteren Zombie und der im gleichen Maße stichelnderen Mumie aufmerksam und mit sichtlichem Interesse vollkommen unbeteiligt. Wußte der Himmel, was gerade in seinen Gedanken vorging, während er ihnen dabei folgte, doch war er offenbar so gänzlich davon gefesselt, daß es einen, zwei Wimpernschläge lang dauerte, bis er überhaupt gewahr wurde, daß sie aufgehört hatten sich gegenseitig anzugiften und statt dessen ihr Interesse auf ihn gerichtet hatten.

Als er das jedoch erst einmal bemerkt hatte, geschah etwas schier Unglaubliches: Seine zerfurchten, hornigen Wangen erröteten deutlich.

Das war der Auslöser dafür, daß die anderen beiden ihren sich anbahnenden Streit auf der Stelle vergaßen und erst einmal vollkommen sprachlos auf das reagierten, was sich ihren Augen bot – und zumindest für Amen war das eine wirklich beeindruckende Leistung. Sie starrten den Neuling nur ebenso wort- wie fassungslos an, während dieser damit begann, sich unter ihren Blicken regelrecht zu winden. Er senkte den Kopf, sah scheinbar peinlich berührt überall hin, nur nicht zu ihnen, und erging sich in einem beinahe verzweifelt anmutenden Versuch, irgend etwas zu entdecken, dem er seine vollste Aufmerksamkeit widmen konnte, und sei es auch noch so belanglos.

Dummerweise entdeckte er nicht das geringste und so zog sich diese absurde Situation eine fürchterlich zähe Weile einfach nur hin, ohne daß sich irgendein Ergebnis abzeichnen wollte. Lediglich OX’ Wangen gelang es, noch ein wenig mehr zu erröten.

„Das...das ist klasse“, fand Amen schließlich wie so meistens als erster die Stimme wieder, wenn es ihm jedoch auch immer noch nicht gelang, den Blick von ihrem Neuzugang abzuwenden, der gleichsam betreten überallhin, nur nicht sie beide anstarrte. „Das solltest du dir allerdings bald abgewöhnen.“

OX reagierte einen Sekundenbruchteil später als Kalma, dem es gelang, sich von diesem so ungewohnten Anblick eines peinlich berührt errötenden Bullendämons loszureißen und dafür die Mumie ansah, wobei seine Augen verrieten, daß er diese entweder für vollkommen bescheuert hielt oder nicht einen Funken davon nachvollziehen konnte, was sie gerade meinte. Daß diese sich wie immer nichts daraus machte und damit zeigte, wie geläufig ihr dieser Zustand war, bewies sie dadurch, daß sich erst gar keine Reaktion darauf einstellen wollte.

„Ich meine, wie sieht das denn aus, mitten im Job, und dann bekommst du auf einmal einen hochroten Schädel? Die nehmen dich im Leben doch nicht ernst – und dann mußt du sie doch schon wieder zerlegen, damit zumindest das gewährleistet ist.“

Es war dem Bullendämon anzusehen, daß er diesem Gedankengang noch nicht ganz folgen konnte, vielleicht auch nur, weil noch nicht daran gewohnt war, den ganzen Windungen zu folgen. Jedenfalls sah er Amen nur verwirrt an, während Kalma wie immer schon einen großen Schritt weiter war.

„Und ich dachte schon, du meintest in dem Zusammenhang etwas anderes als den Job“, knurrte er – sich nicht einmal einen Herzschlag später in den Abgrund der Hölle und zurück verfluchend, daß ihm diese Worte so rasch entschlüpft waren, statt sorgfältiger darüber nachzudenken. Denn als sich die Mumie wieder zu ihm umwandte und er das belustigte Funkeln in den weißblauen Augen sehen konnte, da wußte er, was er falsch gemacht hatte. Er hatte unwissentlich Wasser auf die Mühlen gegossen. Und zwar eine verdammte Menge Wasser. Soviel, daß es fraglos noch für das nächste Jahrhundert ausreichen würde.

„Tatsächlich?“ Nur ein Unwissender konnte der vorgetäuschten Unschuld, die an diesem einzigen Wort klebte, Glauben schenken. Jemand wie OX beispielsweise. „Merkwürdig, daß ausgerechnet du solche Gedanken hast. Aber du hast schon recht, selbst du bist damals noch rot geworden, als sie...“

Der nächsten Bewegung konnte kein sterbliches Auge folgen, als in blitzartiger Geschwindigkeit die rechte Hand des Zombies vorschoß. Bevor Amen noch ausweichen konnte, bekam Kalma wahllos eine Handvoll Fetzen an der Brust der Mumie zu packen und zog sie unerbittlich zu sich heran. Amen war viel zu überrascht davon, als daß er sich dem wirklich hätte widersetzen können, andererseits aber verriet ihn auch wieder sein spöttischer Gesichtsausdruck. Er wußte nur zu gut, was immer ihm der Zombie auch androhte, ernsthaft etwas anhaben konnte er ihm nicht.

„An deiner Stelle würde ich mir jetzt überlegen, was ich sage“, zischte Kalma die ein Grinsen nur mühevoll unterdrückende Mumie an, die dazu gezwungen war, ein wenig in die Knie zu gehen, als sie auf gleiche Augenhöhe gerissen wurde. „Ich würde es mir ganz genau überlegen. Ich möchte schließlich nicht, daß du deine Antwort bereuen könntest.“

Diesmal verzog sich das verzerrte Gesicht tatsächlich zu einem üblich schiefen Grinsen. Verdammter Mistkerl.

„Zerbrich dir darüber mal nicht den Kopf“, beruhigte Amen den Zombie mit nahezu unverschämter Gelassenheit. „Das wird schon nicht passieren. Oder zumindest wirst du es garantiert nicht erleben.“

Dieser Nachsatz war mal wieder typisch, der hatte noch kommen müssen, und Kalma war ernsthaft versucht, der Mumie das elende Grinsen aus dem Gesicht zu reißen, doch diese war schneller und schaffte einen erstaunlichen Schlenker.

„Leistet ihr Kameraden heute eigentlich auch noch mal etwas Produktives, statt mir am Hals zu hängen oder mir die Sachen vom Leib zu reißen?“, wollte sie wissen und streifte dabei mit einem vorwurfsvollen Blick die zu einer Faust geballten Hand des Zombies, die sie immer noch dicht an sich hielt. „Ich meine, mir soll’s ja recht sein, aber verschiebt das doch bitte auf später. Ich bezweifle, daß der Chef sonderlich erfreut sein wird, wenn er feststellt, daß wir außer dem heute überhaupt nichts auf die Reihe gebracht haben. Dafür hat er uns nämlich eigentlich nicht losgeschickt. Und wenn ich mich recht entsinne, steht für heute noch so einiges auf der Liste.“

Natürlich hatte der Kerl recht, das wußte er, doch das verstärkte nur den Wunsch des Zombies, ihm die Zähne in den Rachen zu schieben.

„Du lenkst von Thema ab“, knurrte er mißmutig, ließ aber dann doch los. Amen richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf und zupfte überflüssigerweise an einigen der ohnehin sehr unorthodox gewickelten Fetzen herum, bevor er ihn mit einem fast schon gestreng wirkenden Blick maß.

„Nein, ich bin gerade wieder darauf zurückgekommen“, korrigierte er mit kühler Würde, die ebenso echt war wie die Engelsflügel eines Höllendämons. „Bei dem, was heute noch alles zu erledigen ist, müssen wir ohnehin wieder Überstunden schieben – wozu ich, wenn ich das bemerken darf, wenig Ambitionen habe –, und darüber hinaus kannst du ruhig noch mehr draufrechnen, wenn du deiner dir auferlegten Lehrtätigkeit noch gerecht werden willst.“

Die beiden Untoten fixierten sich gegenseitig mit einem einzigen vielsagenden Blick, doch keiner von ihnen sagte etwas, wußten sie doch beide, daß an den Worten der Mumie nichts zu rütteln war. Dafür meldete sich zu ihrer Überraschung auf einmal OX zu Wort.

„Ähm...“, zog er die Aufmerksamkeit der beiden verhalten auf sich. „Das ginge auch schneller. Ich meine... also...“

Der Zombie schaltete ebenso schnell wie die Mumie. Während der eine jegliches Fortführen des nicht ganz ausgesprochenen Satzes mit einem kategorischen „Bloß nicht!“ sofort unterband, gelang es dem anderen immerhin noch, mit einer Geste auf den matschigen Haufen, der immer noch voller Anklage dort auf dem Boden lag, zu weisen und gleichzeitig mit einem „Mit so einem Ergebnis?“ auszuplatzen, was im Grunde aber auf das gleiche hinauslief. Es bewirkte auch genau das gleich: Dem Bullendämon klappte der Kiefer zu und er schaute betreten drein. Immerhin war das ein Hinweis darauf, daß er die Ansprache vorhin wohl doch begriffen hatte und sie durchaus ernstnahm, denn ansonsten wäre es ihm vollkommen gleichgültig gewesen, daß die beiden anderen auf seinen nicht einmal konkret ausgesprochenen Vorschlag so heftig reagierten. Aber das Zeichen seiner Betretenheit war eigentlich gar nicht mal so übel. Vielleicht ließ sich ja doch noch was daraus machen. Zwar mußte man hier und da wahrscheinlich eher das Brecheisen als das Feinwerkzeug ansetzen, um ihm etwas erklärlich zu machen, und es ihm vermutlich auch mal mit dem metaphorischen Vorschlaghammer eintrichtern, aber ein Ansatz schien da zu sein. Das war schon mal gut, damit ließ sich arbeiten.

„Na denn“, meinte Amen und klopfte Kalma mit dem gewohnt feixenden Grinsen aufmunternd auf die Schulter. „Machen Sie sich mal ans Werk, Herr Lehrmeister, vielleicht kriegen Sie dann heute auch noch was geschafft!“

Es war ihnen beiden relativ egal, daß ihr Verhalten nicht mehr oder weniger ausdrückte, daß sie den Neuling als hinderlich bei der Verrichtung ihrer Aufträge empfanden, wenn sie gleichzeitig zu dem auch noch dazu verpflichtet waren, ihm die Kunst der Alpträume näherzubringen. Dem war nun einmal so und keiner von ihnen sah einen Sinn darin, dies zu heucheln. Auf der anderen Seite wiederum gaben sie sich alle Mühe, es dermaßen zu überziehen, daß eigentlich jeder Schwachkopf erkennen konnte, daß sie absichtlich übertrieben. Und so reagierte der Zombie auch gänzlich anders als vielleicht erwartet.

„Warum eigentlich ich?“, fragte er mißgestimmt. „Schließlich bist du Dienstältester, eigentlich müßte das deine Aufgabe sein.“

Die Mumie schüttelte auf merkwürdige Weise den Kopf. „Und diese Frage war überflüssig“, meinte sie in ihrem typischen trockenen Tonfall. „Ich schätze mal, der Chef ist immer noch verstimmt über meinen Auftritt beim letzten Einzelgespräch.“ Eine flüchtige Grimasse huschte über das verzerrte Gesicht, bevor sie sich gewichtig in die Brust warf und dann in fast schon belehrendem Ton meinte: „Und außerdem erinnerst du dich sicherlich noch daran, die letzte größere Sache habe ich ja verpfuscht. Unmöglich, mir da einen Lehrling ganz allein zu überlassen.“

Kalma bedachte seinen Kollegen mit einem skeptischen Blick. Manchmal war selbst er sich nicht so sicher, ob nicht doch ein Funken Echtheit daran lag, wenn dieser die beleidigte Primel heraushängen ließ, oder ob er mal wieder nur den gnadenlosen Zyniker präsentierte. Der Zynismus war zwar eher seine Domäne, doch das bedeutete nicht, daß Amen davon nicht auch eine ganze Menge verstand. Und vor allen Dingen dieses Grinsen ließ daran zweifeln, daß er immer noch so verschnupft war, daß er sich konsequent stur stellte.

„Darauf darfst du dir jetzt was einbilden“, beglückwünschte ihn die Mumie. „Immerhin bist du auserkoren worden, die neue Generation zu echten Schreckgestalten zu machen, nicht bloß zu Metzgergehilfen.“

„Glaub’ bloß nicht, damit könntest du dich herauswinden“, konterte der Zombie. „Du sollst mir dabei helfen. Da hat sich der Chef ziemlich unmißverständlich ausgedrückt. Wir könnten allerdings über den Punkt noch einmal diskutieren, wenn du...“

„Wenn ich was?“ Jetzt war das Grinsen verschwunden, ein deutlicher Hinweis dafür, daß Amen schon jetzt etwas ahnte, das ihm nicht sonderlich gefallen würde. In all denen Jahren, die sie schon miteinander arbeiteten, lernte man gewissermaßen die Gedankengänge der anderen vorauszusehen.

„...die letzten fünf auf der Liste übernimmst“, schloß Kalma mit der von ihm gewohnten vollkommenen Regungslosigkeit.

Das Gesicht der Mumie verdüsterte sich sichtlich, was Anzeichen genug dafür war, was sie von diesem Deal hielt. Sie wußte nur zu genau, wer auf der Liste stand, und sie konnte sich ebenso genau daran erinnern, wie sie beide angesichts der letzten fünf aufgestöhnt hatten – aus gutem Grund.

„Ich könnte dir ja jetzt sagen, was du mit diesen fünf tun könntest“, preßte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und neigte dann leicht den Kopf zur Seite, um damit flüchtig auf den mal wieder wortlos dastehenden Höllenbullen zu weisen. „Aber ich will ja nicht gleich am ersten Tag einen schlechten Eindruck hinterlassen.“

Sie starrten sich für eine kurze Weile nur schweigend an, so als müsse jeder von ihnen überlegen, ob er darauf noch eins draufsetzen sollte oder nicht. Schließlich war es der Zombie, der die passendere Antwort hatte.

„Dafür hast du später noch ausreichend Gelegenheiten“, kommentierte er, doch bevor Amen entrüstet auffahren konnte, schob er gleich beschwichtigend hinterher: „Übernimmst du den nächsten? Scheint mir ein lohnendes Exemplar zu sein. Und dann zeigst du unserem grünen Jungen hier mal“, – gleichsam eine beiläufige Kopfbewegung in Richtung OX –, „wie’s richtig gemacht wird.“

Daß er damit nicht nur auf den Ehrgeiz und sozusagen den Berufsethos der Mumie abzielte, war ihnen beiden klar, aber das konnte der Bulldämon natürlich nicht wissen. Das brauchte er auch nicht zu wissen. So aber zögerte Amen gerade lange genug, um sich den Anschein von verletztem Stolz zu geben, letztlich aber dem Ehrgeiz doch noch nachgab.

„Na schön“, meinte er und wandte sich an OX „Dann beschränk’ dich jetzt einfach mal auf die Rolle des Beobachters, ja? Wer weiß, vielleicht lernst du ja heute doch noch was.“

Der Höllenbulle nickte artig, aber sie hatten auch nichts anderes von ihm erwartet. Denn gelernt hatte er durchaus schon etwas.

Zumindest mit der Mumie würde er sich niemals wieder anlegen.

 

Ende Kapitel 3