Monster GmbH (by Creeper)

Kapitel 5

Mit einer flüchtigen, beiläufig erscheinenden und doch sehr sorgsamen Geste strich sich Enary mit beiden Händen das glatte blonde Haar aus dem Gesicht und wandte sich dann dem ovalen, mit schon vor Jahrhunderten vom Grünspan befallenen kupfernem Efeu umrankten Spiegel zu, der über der Kommode an aus rohen Bruchsteinen gefertigten Wand hing. Ob Alptraumgestalt oder nicht, die Weiblichkeit hatte gewisse Bedürfnisse, auch bei Monstern. Bei ihren Auftritten legte sie nun einmal gehobenen Wert auf ein makelloses Aussehen, ganz im Gegensatz zu gewissen Arbeitskollegen, denen das vollkommen gleichgültig war. Andererseits, wenn man es einmal genauer betrachtete, dann war an den Jungs ohnehin nichts mehr zu retten. Wahrscheinlich hätte es nur lächerlich ausgesehen, wenn sie versucht hätten, etwas aus sich zu machen. Und Sendboten des Schreckens, über die sich die Opfer erst einmal kaputtlachten, waren wohl auch nicht Sinn und Zweck des Ganzen.
Wobei der eine oder andere im maßgeschneiderten Anzug sicherlich einen reizvollen Anblick abgegeben hätte.
Ein unterdrücktes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, während sie sich mit einigen geübten Handgriffen ein paar vereinzelte Strähnen auf dem Scheitel zusammensteckte, wobei ihr Blick von ihrem eigenen Spiegelbild unwillkürlich ab- und zu einer fast schon unscheinbar wirkenden Gestalt am äußeren Rand hinüberglitt. Neben dem Bullendämon war die Vampirhexe der zweite Neuzugang, den sie zu verzeichnen hatten. der Chef hatte sie eingestellt, weil sie ein recht gutes Bewerbungszeugnis hatte vorlegen können, und sie dann Enary zugeteilt, damit diese sie ins Arbeitsleben des Teams einweisen konnte. Nun stellte dich die zierliche Vampirin keineswegs ungeschickt an – wenn sie den Berichten der anderen Glauben schenken konnte, dann begriff der weibliche Neuling weit schneller, was von ihr erwartet und verlangt wurde als der Höllenbulle, was aber nicht unbedingt viel zu bedeuten hatte – und es war auch ein überaus angenehmes Zusammenarbeiten mit ihr, doch wurde sie irgendwie den Eindruck nicht los, daß die Bewerbungsunterlagen leicht getürkt waren. Nicht, daß sie nicht dazu in der Lage war, ihre Aufträge schnell, skrupellos und mit äußerster Konsequenz auszuführen, doch tat sie das auf eine Art und Weise, die einen beinahe glauben ließ, es sei ihr peinlich, derart schüchtern gab sie sich zuweilen ans Werk.
Das konnte allerdings auch täuschen, da wollte sie sich selbst nichts vormachen. Sie waren schließlich ein alteingesessenes Team, das schon seit etlichen Jahren zusammenarbeitete und -lebte, da war es wohl für jeden schwer, erst einmal einen Zugang zu finden, geschweige denn sich zu integrieren – schließlich mußte man ihn ja auch erst einmal lassen. Und jeder, der so ein so eisernes Grüppchen bildete, entwickelte völlig automatisch die Angewohnheit, genau das jedem Neuling schwer zu machen. Nicht einmal absichtlich, ganz gewiß nicht, erst recht nicht aus böser Absicht. Doch so geschah es doch nun einmal meistens. Man verwehrte den Frischlingen gewissermaßen instinktiv die Zusammengehörigkeit, die sich nach so langer Zeit entwickelt hatte und die ein perfekt ausgewogenes, trotzdem sehr empfindliches Gleichgewicht darstellte, die durch jeden Zugang bedrohlich ins Wanken geraten konnte, und fragte sich dann selbst, warum sich die Neulinge so zurückhaltend verhielten.
Aber war das nicht eigentlich überall so?
Also nicht ganz so voreingenommen. Laß ihr erst mal ein bißchen Zeit. Das ist schließlich das einzige, von dem du zur Genüge hast.
Und doch konnte sie sich des Eindruckes nicht erwehren, daß alles an der Vampirhexe einen zurückhaltenden, beinahe schon schüchternen Eindruck erweckte, wobei sie nicht einmal allein von ihrem Verhalten ausging. Das knöchellange Kleid, das sie trug, mochte zwar mir Spitzen und Perlen versehen sein, doch auch das konnte nicht wirklich davon ablenken, daß es von eher schlichtem, unauffälligem Schnitt war, das nichts hervorhob, das ohnehin nicht des Vorhebens wert war. Wie es auch ohnehin nichts an der Vampirin gab, das auf eine besondere Weise irgendwie hervorstach – von ihren nadelspitzen Zähnen vielleicht einmal abgesehen. Ihr Körperbau war eher zierlich, fast schon knabenhaft und ohne jede Merkmale, die so manchen bei Enarys Anblick immer wieder dazu veranlaßte, auf die Hinterbeine zu steigen und den Mond anzuheulen, bis genau das in ein Heulen der ganz anderen Art überging und er es bereute, sie überhaupt erst angeblickt zu haben. So etwas konnte Awa gar nicht erst passieren, so verhuscht, so absolut unauffällig wirkte sie. Ihre Haut war blaß, jedoch nicht von einer milchfarbenen, sondern eher von einer Blässe, die an Asche erinnerte, die zuvor tagelang geglimmt hatte. Im krassen Gegensatz dazu stand jedoch ihr tiefschwarzes Haar, das ihr zerzaust über die Schultern hing und ihre hohe Stirn zu betonen wußte. Sie trug es immer offen, Enary hatte bislang noch nie erlebt, daß sie es einmal zurückband oder hochsteckte, obgleich dies zuweilen ratsam gewesen wäre, hatte sie doch die Angewohnheit, ihre Aufträge etwas...spritzig zu erledigen. Und das nicht einmal im doppeldeutigen Sinne. In solchen Situationen zeigte sich auch immer wieder, daß ihr Kleid zwar alt und zerschlissen aussah, doch es war aus einem solchen guten Material gefertigt, daß es Flüssigkeiten wie ein Schwamm in sich aufsog. Flüssigkeiten, die auf diesem ergrauten Stoff deutlich auffallende Flecken hinterließen.
Nichts an ihr war auf irgendeine Weise besonders auffallend oder hervorstechend und so sah Enary in dieser Hinsicht auch keinerlei Konkurrenz in der Kleinen, zumal sie ohnehin auf eine völlig andere Weise an ihre Opfer heranging als sie selbst.
Als sie sich, ein paar widerspenstige Strähnen zurückstreichend, noch einmal langsam ihre eigenen Gedanken durch den Kopf gehen ließ, mußte sie beinahe grinsen. Sie hatte vollkommen unbewußt darüber nachgedacht, doch im nachhinein wurde ihr eins unwiderlegbar klar dabei: Frauen waren doch weit schlimmere Sexistinnen, als Männer es jemals sein konnten. Auch wenn sie untot waren. Ein Mann würde sich niemals mit solchen Überlegungen beschäftigen und einen Geschlechtsgenossen in einer solchen Beziehung als eventuelle Konkurrenz ansehen und den ganzen Tag lang mißtrauisch beäugen.
Sie stellte sich genau dieses Verhalten gerade bei ihren männlichen Kollegen vor und wäre beinahe prustend ausgeplatzt. Im letzten Moment noch konnte sie sich mühevoll beherrschen und biß sich auf die Lippen, um sich keine Blöße zu geben, wobei ihr ein absichernder Blick in den Spiegel verriet, daß Awa nichts von all dem bemerkt hatte, sondern immer noch wartend mit angezogenen Beinen auf der uralten wuchtigen Holztruhe hockte, deren kunstvolle Schnitzereien sie schon so oft bewundert hatte, den Blick abgewandt durch die Kammer wandern lassend. Das war auch besser so, Enary hätte sich nicht ausmalen können, wie sie ihr hätte erklären sollen, daß sie sich einen Zombie, eine Mumie und den Archetyp eines Raubtieres gerade mit einer Stutenbissigkeit vorgestellt hatte, die jeder Diva Ehre gemacht hätte.
Bei Frauen war das natürlich etwas anderes, die durften das. Man erwartete so etwas sogar von ihnen. Aber wenn man sich die Vampirhexe einmal genauer ansah – jedenfalls von der Sicht einer Frau aus –, dann stellte sie für Enary nicht wirklich eine Konkurrenz dar. Das erkannte sie auch selbst und begnügte sich schließlich damit, innerlich kopfschüttelnd still in sich hineinzulächeln. Es war auch zu absurd. Mit dem Mädchen ließ es sich gut arbeiten und ein angenehmer Zeitgenosse war es obendrein, aber eine Konkurrenz? Bei aller Liebe nicht. Aber das wollte sie vermutlich auch nicht – wozu auch? Sie hatte schließlich ihre ganz eigenen Vorzüge, wenn sie auch eher in eine weniger offensichtliche Richtung gingen.
„Na, wie schaut’s aus?“, wollte sie von Awa, wissen. „Irgend etwas besonderes auf unserer Liste für heute?“
Die Vampirin griff nach dem Blatt Papier, das sie neben sich auf die Truhe gelegt hatte, und studierte es aufmerksam. Nicht, daß sie das nicht schon längst getan hätte, doch jetzt war sie direkt darauf angesprochen worden, und irgendwie beschlich Enary das Gefühl, als wolle sie sich nun besonders pflichtbewußt zeigen. Nun ja, sollte sie doch. Diensteifer machte immer einen guten Eindruck, besonders bei dem Chef. Der war wahrscheinlich froh darüber, endlich mal jemanden zu haben, der ihn nicht bei jedem neuen Dienstplan am liebsten an die Gurgel springen wollte, um ihm unter Beweis zu stellen, welche unschönen Dinge man damit anstellen konnte, wenn man sie nur hartnäckig genug bearbeitete.
„Hmm, von meiner Warte aus eigentlich weniger“, gab Awa ein wenig zögerlich von sich. Ihre Worte waren überlegt gewählt, denn damit bewertete sie keineswegs, sondern ließ höchstens ihre eigene Meinung von sich. „Andererseits... Der eine oder andere könnte womöglich doch ganz interessant werden. Das kann ich so noch nicht sagen, dazu bin ich noch nicht lange genug dabei.“ Sie sah auf und Enary begegnete ihrem Blick im Spiegel. „Ich schätze mal, das wird sich noch zeigen.“
Ihr Lächeln war ebenso zögerlich wie ihre Worte und Enary erwiderte es bereitwillig, als es an die Tür klopfte. Die Auswahl derer, die es sein konnte, war gering und belief sich genau auf drei Exemplare – der Chef ließ sich für gewöhnlich nicht von so zeitraubenden Dingen wie höflichem Anklopfen aufhalten und suchte seine Untergebenen in ihren Quartieren ohnehin niemals auf, sondern ließ sie zu sich kommen. So vielbeschäftigt wie er war, konnte er seine Zeit schließlich nicht auch noch damit verschwenden, seinen Leuten hinterherzulaufen, erst recht, wenn er nicht wußte, wo diese unter Umständen gerade herumlungerten.
Die drei anderen allerdings waren der Meinung, daß Anklopfen genug der Höflichkeit waren. So auch jetzt. Enary war noch nicht einmal zu einem „Herein!“ in der Lage, aber damit hatte sie auch nicht gerechnet. Sie hatte sich schon vor Ewigkeiten abgewöhnt, darauf zu hoffen, daß man ihr genug Luft für dieses einzelne Wort ließ, bevor man ihr Quartier betrat – peinlich berührtes Erröten inklusive, doch selbst das hatte sie sich abgewöhnt. Da gab es nicht mehr wirklich viel, was sie noch zum Erröten bringen konnte, und die Jungs schon mal gar nicht. Die brachten so diverse Dinge höchstens zum Grinsen, bis sie mit einem dezenten Tritt gegen die Kniescheibe oder eine empfindlichere Stelle dazu aufgefordert wurden, doch bitte damit aufzuhören. Das war manchmal die einzige Art der Höflichkeit, die die Jungens verstanden.
Diesmal jedoch war eine solche Radikalität nicht vonnöten, als sich die Tür öffnete. Die dieser Handlung folgenden Mumie sah zwar alles andere als erfreut aus, vielmehr machte ihre Miene den Eindruck, als ginge sie in Richtung ausgewachsenen Mißmutes, aber das war in der letzten Zeit ohnehin nichts Außergewöhnliches und hatte von daher keine besondere Aussagekraft. Interessanter als das dagegen war das Blatt Papier, das sie in einer Hand hatte und das genauso aussah wie jenes, das Awa gerade studiert hatte.
Enary drehte sich endlich, nach einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel, um und sah Amen dabei zu, wie er die Tür schloß und sich dann mit dem Rücken dagegen lehnte. Wenn er es denn zur Kenntnis nahm, daß ihn die beiden übrigen anwesenden Untoten erwartungsvoll anstarrten, dann ließ er sich jedenfalls nichts davon anmerken. Aber bei dem Eindruck, den er machte, hätten sie wahrscheinlich auch noch ganz andere Dinge gerade veranstalten können, er hätte sich ebensowenig auch nur irgendeine Regung anmerken lassen. In manchen Dingen war der Kerl einfach unglaublich unempfänglich.
„Planwechsel, Ladies“, kündete er endlich den Grund seines Besuches an und hob bedeutungsvoll den Papierbogen.
„Planwechsel?“
Das war aus Awa herausgeplatzt, die Amen überrascht anstarrte, denn Enarys einzige Reaktion auf die Worte der Mumie war das mißmutige Hochziehen der feingeschnittenen Linie ihrer rechten Augenbraue. Sie konnte sich denken, was das zu bedeuten hatte, wartete jedoch darauf, daß Amen, der den Blick auf die Vampirhexe gerichtet hatte, von sich aus mit mehr herausrückte. Letztere erinnerte sich dann offenbar auch daran, daß ihr Erstaunen ihre heruntergeklappte Kinnlade nicht weniger amüsant wirken ließ und beeilte sich damit, den Mund zu schließen.
„Aber...aber ich habe den hier doch erst vor einer halben Stunde geholt!“, protestierte sie ein wenig hilflos und wedelte beinahe schon anklagend mit ihrem eigenen Papier, so als sei dies Beweis genug dafür, daß Amen sie einfach nur verschaukeln wollte.
Jedenfalls war es Grund genug für ihn, wieder einmal in die Theatralikkiste zu greifen. Das machte er wie immer so überzeugend, daß man sich nie sicher sein konnte, ob er es ernst meinte oder ob man einfach nur vor Lachen ausplatzen wollte, um ihn anschließend dann doch noch zu erwürgen.
„Vor einer halben Stunde?“, wiederholte er, wobei er eine solche massive Betonung auf das vorletzte Wort legte, daß man meinen konnte, sie sprächen gerade von der Steinzeit. „Meine Güte, eine halbe Stunde, dreißig Minuten, das ist verdammt viel Zeit. In einer halben Stunde kann sooo viel passieren, das glaubst du gar nicht. Du machst dir überhaupt keine Vorstellungen darüber, was da alles geschehen kann, Mädchen. Dem Chef jedenfalls reicht eine halbe Stunde vollkommen aus, um sämtliche Pläne über den Haufen zu werfen und mal eben neue aufzustellen. Und glaube bloß nicht, daß mir das mehr in den Kram paßt als dir. Ich gehe eher mal schwer vom Gegenteil aus.“ Er nahm den aktuellen Arbeitsplan in beide Hände und überflog ihn. „Deinen zumindest kannst du verfeuern, er hat komplett alles umgestellt“, fuhr er nun ernster und hörbar mißgestimmter fort. Das sprach eindeutig für seine Behauptung, daß er nicht sonderlich glücklich mit dieser plötzlichen Neuerung war.
Awa wandte den Kopf und warf Enary einen nahezu hilflosen Blick zu, doch diese reagierte darauf gar nicht erst.
„Darf ich mal sehen?“
„Sicher.“
Er reichte ihr das Blatt Papier und verschränkte dann abwartend die Arme vor der Brust, gespannt auf ihre Reaktion, während sie die Liste studierte.
Zwischen ihren scharf geschnittenen Brauen erschien eine steile Falte.
„Ach, verdammt“, murmelte sie. „Manchmal macht es wirklich keinen Spaß mehr.“ Sie tauschte einen fragenden Blick mit der Mumie aus. „Was soll das denn jetzt? Was für einen Sinn macht das?“
Er zuckte mit einer Geste mit den Schultern, die verriet, daß er eigentlich innerlich ziemlich geladen war, sich aber selbst davon zu überzeugen versuchte, daß ihm das alles gar nichts ausmachte und er schon zu lange dabei war, um sich darüber noch aufregen zu können.
„Frag’ nicht mich, frag’ ihn“, entgegnete er nur. „Wenn du mich fragst, dann macht das überhaupt keinen Sinn. Aber auf meine Meinung solltest du ohnehin keinen Wert legen, ich habe ja gar keine Ahnung von so was. Er wird schon seine Gründe dafür haben, wie krude die auch sein mögen.“
„Hmm. Wissen die anderen schon Bescheid?“ Er nickte bejahend. „Und was sagen die so dazu?“
„Was sollen die schon dazu sagen?“ Er hob mit einer resigniert wirkenden Geste die Hände und ließ sie gleich darauf wieder fallen. „OX ist das alles ohnehin noch ziemlich egal, Kita ist froh, wenn er überhaupt irgend etwas tun kann, bevor er hier anfängt die Wände hochzulaufen, und gegen Kalma ist selbst eine Statue aussagekräftiger. Was erwartest du? Daß sie Freudensprünge gemacht haben? Ja, genauso wie ich.“
Sie nickte versonnen. Ja, genau so in etwa hatte sie sich das vorgestellt. Amen hatte es nur besser in Worte gekleidet, als sie es vermocht hätte. Vor allen Dingen, was Kalma betraf. Der Kerl mochte innerlich zum Zerreißen angespannt sein, aber es brauchte doch noch einiges, bis er sich das überhaupt anmerken ließ. Es hatte nur ganz wenige Situationen in all der Zeit gegeben, die sie sich nun kannte, in denen er zumindest andeutungsweise offenbart hatte, was ihn bewegte – wenn es denn überhaupt einmal soweit kam, daß ihn etwas bewegte. Was das betraf, so hatte er sich unerträglich gut im Griff, nicht so wie Amen, der sich sein Temperament zu passender Gelegenheit immer wieder deutlich genug anmerken ließ, oder Kita, der eigentlich nie einen Grund zur Klage hatte, solange er nur zur Genüge beschäftigt wurde. Wenn er allerdings Leerlauf hatte, dann konnte auch er verdammt ungenießbar werden.
„Kita und OX?“, las sie laut vor. „Gewagte Konstellation. Sollen die beiden sich gegenseitig Konkurrenz machen?“
„Das bezweifle ich“, grinste die Mumie schief zurück. „Kita verarbeitet ihn zu Kleinholz, wenn mit unserem Hornochsen die Pferde durchgehen – und ich glaube, das will selbst der nicht riskieren. Nee, wenn ich mir das so richtig ansehe, scheint es sich um Grobarbeit in größerem Ausmaße zu handeln. Ich denke mir, da sind die beiden die ideale Wahl.“
„Hmm“, machte Enary nur erneut und vertiefte sich wieder in die Liste. Plötzlich jedoch breitete sich ein überraschter Ausdruck auf ihrem Gesicht aus, das jegliche Andeutung von mißmutigem Schatten davonwischte. „Du und ich gehen solo und Awa ist bei...Kalma?“ Sie sah auf. „Bist du sicher, daß das richtig ist?“
Er verlagerte das Gewicht auf ein Bein und zuckte wiederum mit den Schultern. „Ich weiß nur, daß der Chef mich vorhin hat antraben lassen und mir diesen Plan in die Finger gedrückt hat, damit ich euch davon in Kenntnis setze, daß er ein paar kleinere Änderungen vorgenommen hat. Warum, wieso, weshalb, das weiß ich nicht, darüber hat er mich nicht in Kenntnis gesetzt. Oder hast du das ernsthaft erwartet? Und wenn da steht, daß sie mit Kalma geht, dann wird das auch so sein.“
Wie auf einen unhörbaren Befehl hin wandten sie beide die Köpfe zu der Vampirin um und sahen sie an, als erwarteten sie irgend etwas von ihr. Awa wand sich beinahe sichtlich unter ihren Blicken und rang sich letztlich zu einem zögerlichen Lächeln durch.
„Äääähhh...“, war im ersten Moment alles, was sie hervorbrachte, bevor sie sich innerlich einen Ruck zu geben schien.
„Ähm...Kalma?“
Amen deutete ihren Tonfall und ihr verlegenes, leicht verkrampft wirkendes Lächeln gleich richtig und winkte ab.
„Ach, so schlimm ist der eigentlich gar nicht“, meinte er leichthin. „Ist ein gutes Zusammenarbeiten mit ihm, der ist vollkommen pflegeleicht. Man muß sich jedenfalls schon ziemlich anstrengen, bis er mal soweit ist, daß er einem wirklich die Innereien herausreißen möchte, um einen daran ersticken zu lassen – er droht wesentlich öfter damit, als daß er es wirklich in die Tat umsetzt.“
Daß diese Worte nicht wirklich dazu geeignet waren, Awa ihre Bedenken zu nehmen, war ihrem Gesichtsausdruck, der nun plötzlich verdächtig ins Entsetzte schwankte, mehr als eindeutig zu entnehmen. Sie sagte erst gar nichts mehr, sondern starrte Amen, der sich wie immer keines Vergehens für schuldig befand, mit weitaufgerissenen reptilienartigen Augen an. Nur Enary seufzte hingebungsvoll.
„In solchen Dingen ist dein Feingefühl wie immer wahrhaft bewundernswert“, kommentierte sie seine Worte, was ihn zu einem Grinsen veranlaßte. Natürlich war er sich vollkommen bewußt gewesen, was er sagte, und natürlich hatte er mit einer solchen Reaktion gerechnet – er hatte es von sich aus ja schon darauf angelegt. Wobei das bei dem verdammten Mistkerl ohnehin so eine Sache war: Seine Sticheleien und Kommentare waren zumeist gut überlegt, und doch schaffte er es immer wieder, es so flapsig zu bringen, daß man kaum annahm, daß er mehr als auch nur einen Wimpernschlag lang darüber nachgedacht hatte. Er wußte nur zu genau, was er gesagt hatte und das mit voller Absicht. Wer das nicht richtig deuten konnte, war es seiner Meinung nach selbst schuld.
Und so ersparte er es sich, auf Enarys kaum mißverständliche Rüge etwas zu erwidern, sondern wandte sich direkt an Awa.
„Sieh zu, daß du in ein paar Minuten fertig bist, Mädchen“, riet er ihr. „Ich denke mal, daß er dich gleich abholen wird – wenn du ihn unnötig warten läßt, wird das kaum förderlich für seine Stimmung sein.“ Er wechselte einen flüchtigen Blick mit Enary, und das aus Gründen, die Awa verständlicherweise nicht nachvollziehen konnte. Aus ebensolchen Gründen wich Enary dem Blick aus klaren weißblauen Augen auch rasch aus.
„Und das meine ich ausnahmsweise ernst.“

Ende Kapitel 5