Monster GmbH (by Creeper)

Kapitel 6

Er spürte selbst, wie sehr er erstarrt war, wie sehr sich seine Kiefermuskeln verkrampft hatten, daß sie sogar zu schmerzen begannen, doch diese Erkenntnis machte es nicht besser zu ertragen, was er sah. Dabei war es nicht wirklich das, was sich seinen Augen bot, was diesen Zustand in ihm ausgelöst hatte; es waren vielmehr die Er-innerungen, die dieser Anblick in ihm geweckt hatte, Erinnerungen, die ihn jedesmal aufs neue einzig und allein den Wunsch verspüren ließen, sich selbst das Fleisch von den Knochen zu reißen.

Nicht, daß das jemals etwas geändert hätte. So manche Narbe war ein deutlicher Beweis dafür.

Doch nichts, nichts hatte ihn jemals in den unzähligen Jahren zuvor derart bis ins Mark berühren können, nichts hätte es vermocht. Nicht ihn, den Überbringer von Alpträumen, die im Wahnsinn endeten, ihn, die fleischge-wordene Verkörperung des Todes. Nicht das geringste, nichts.

Aber niemals, in all den Jahren nicht, hätte er auch damit gerechnet, daß einmal so etwas geschehen würde. Wahrscheinlich hatte Enary recht, sie gingen alle auf dem Zahnfleisch, auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollten, doch es äußerte sich in einer Überempfindlichkeit wie dieser.

Überempfindlichkeit. War es das wirklich, wenn auf einmal eine rasiermesserscharfe Klinge wieder in eine ur-alte Wunde stieß, die niemals verheilt war? Die niemals aufgehört hatte zu schmerzen? Ließ es sich wirklich so einfach erklären, auch wenn man selbst am liebsten darum betteln mochte, daß das alles war, daß es nur so und nicht anders war, weil es dann vielleicht nur ein bißchen leichter zu ertragen war?

Er kannte all das, was er seinen Opfern brachte, er kannte es nur zu gut. Er brannte seine eigenen Erinnerungen an Schmerz, Furcht und Wahnsinn in ihren Verstand, in ihre oft so armseligen Seelen ein – doch Erinnerungen waren tatsächliche Geschehnisse, längst vergangen zwar, doch für immer eingemeißelt in den Weiten des Geistes. Sie waren wirklich. Und sie würden es immer sein.

Er war sich nicht ganz sicher, was er in diesem Moment verspürte, doch hatte er auch gewiß nicht das Bedürfnis, darüber nachzudenken. Es war eine Leere, die plötzlich in ihm herrschte, eine vollkommene Leere, als hätte je-mand mit einem riesigen Löffel und unbeschreiblicher Gründlichkeit alles aus ihm herausgekratzt, um nur noch jene tote Hülle zu hinterlassen, die die Sterblichen so oft in ihm sahen. Gleichzeitig aber konnte er plötzlich sein Herz hämmern fühlen, so tot wie jede andere Zelle in ihm und auf einmal doch auf so paradoxe Weise wieder ebenso lebendig; er spürte das Pulsieren in seinen Schläfen, dieses unerträglich schmerzhafte Schlagen in der Brust, er spürte es in den Fingerspitzen, in jedem einzelnen verdammten Nerv – und es erinnerte ihn wieder da-ran, wie sehr er die Sterblichkeit zu hassen begonnen hatte, eine Sterblichkeit, von der er gehofft hatte, daß sie ihn nie wieder, auf welche Art auch immer, ereilen würde.

Manchmal war es erstaunlich, daß es Dinge gab, die einen selbst als Untoter, der doch vermeintlich alles in seiner Existenz gesehen hatte, noch zu erschüttern vermochten. Dinge, die längst hätten abprallen müssen, erst recht, wenn Begriffe wie Skrupel und Erbarmen nur noch eine solche Bedeutung hatten, daß sie im Fachwörter-buch nachzuschlagen waren. Er wußte selbst, wer er war, was er war – um so mehr verfluchte er sich in diesem Augenblick still für die Vergangenheit seines eigenen sterblichen Daseins, denn es hatte ihm etwas hinterlassen, das nur das Ende aller Tage aus ihm löschen konnte: Die Erinnerung, die nur der Untergang der Zeit würde lindern können.

Und er haßte sie ebenso wie er es niemals zulassen würde, daß ihm jemand diesen Schmerz nahm. In ruhigen, einsamen Momenten begrüßte er ihn sogar, da es ihm zuweilen erschien, daß das alles war, was er noch hatte. In solchen Stunden ließ er es sogar zu, von dem unbeschreiblichen Gefühl quälender Wehmut befallen zu werden, dann wollte er sich erinnern, all diesen Schmerz von neuem empfinden, auch wenn er jedesmal aufs neue glaub-te, daß es ihm dieses Mal endgültig den Verstand zerriß. Doch das konnte ihm nicht geschehen, ihm niemals.

Leichter zu ertragen machte es das nicht, vielmehr war das Gegenteil der Fall. Und das hatte bewirkt, daß er die Sterblichen ganz tief in sich drin, in einem gut verborgenen Winkel seines Selbst beneidete.

Dieser elende Bastard. Er wußte es, er mußte es wissen. Warum sonst hatte er die Aufgabe übernehmen müssen, die Vampirin zu begleiten, weil Enary gerade abkömmlich war? Warum er und nicht das Fossil oder das Raubtier? Als ob das einen Unterschied gemacht hätte, außer dem, daß es ihnen nichts ausgemacht hätte, daß es in ihnen nicht ansatzweise das ausgelöst hätte, was gerade in ihm tobte. Wobei er sich jedoch selbst eingestehen mußte, daß er sich im Falle der Mumie diesbezüglich dann doch nicht ganz sicher war. Der Bursche war in den letzten Tagen für seine sonst so ausgelassenen Verhältnisse merkwürdig in sich gekehrt.

Die Vampirhexe schien von all dem nichts zu bemerken. Sie war so sehr auf das konzentriert, was sein ver-dammtes Herz in diesem Moment wieder dazu veranlaßt hatte zu schlagen, daß sie nichts von all dem wahr-nahm, nicht einmal, wie sehr er sich versteift hatte, was im Grunde genommen bei ihm schon auffällig genug war. Sie aber starrte das Objekt ihrer Aufmerksamkeit aus leuchtenden grüngelben Augen an, die reptilienartigen Pupillen vor kaum unterdrückter bebender Erwartung, die sich schon ihres ganzen Körpers bemächtigt hatte, bei-nahe so dünn wie ein Blatt Papier von der Seite betrachtet. Ihr Brustkorb hob und senkte sich merklich schneller als zuvor, ihr Gesichtsausdruck war beinahe schon lustvoll verklärt und ein Lächeln hatte ihre spitzen Fänge ent-blößt, das nicht den Eindruck machte, als hätte sie es unter Kontrolle. Wenn man sie sich so ansah, befiel einen unvermittelt die Erkenntnis, daß sie nur noch mühsam an sich halten konnte – und noch nicht einmal selbst wußte, warum sie das überhaupt noch tat.

Ihre Finger hatten sich ineinander verhakt, so als versuche sie irgendwie noch zu verhindern, daß man ihr allzu deutlich anmerkte, daß ihre Beherrschung auf der Kippe stand, doch auch das vermochte nicht zu verhindern, daß ihre Hände sichtlich zitterten.

„So ein hübsches kleines Ding“, sagte sie leise, und erst das brachte es endlich mit sich, daß sich die Erstarrung von ihm löste und er sie nachdenklich musterte. Sie registrierte nichts davon, so starr hatte sie den Blick auf ihr Opfer gerichtet. „So jung, so schön.“ Und dann, nach einer kurzen, aber nicht weniger bedeutsamen Pause: „So zart!“

Das entrückte Lächeln der Vampirhexe schlug sich sogar schon in ihrer Stimme nieder, wenn auch auf eine leicht unterschiedliche Weise, denn wirkten bei diesem Lächeln vielleicht höchstens die bedenklich spitzen Fänge ein wenig unpassend, so war diese allzu bestimmbare Gier in ihrem Tonfall trotz der nur heiser geäußer-ten Worte zu deutlich zu vernehmen. Und um ihre Worte zu begreifen, dazu mußte man nicht jahrelang bis hin zum Doktortitel studiert haben. Es genügte ganz einfach, einen einzigen Blick auf sie zu werfen. Das Glänzen ihrer Augen, dieses Stieren, scheinbar durch nichts und niemanden vom Objekt ihrer Aufmerksamkeit abzu-bringen, das deutlicher gewordene Heben und Senken ihres Brustkorbes, das kaum merkliche Beben, ihre inein-ander verhakten Finger... Es war keine Kunst, ihr die innere Aufgewühltheit anzusehen, konnte sie sie doch kaum noch verbergen. Und genau das war, das ihn wachsam werden ließ.

Vorsichtig tastete er sich zu ihr vor. Er befürchtete nicht ernstlich, daß sie es bemerken würde, dafür wußte er einerseits selbst zu gut, wie unauffällig er grundsätzlich ans Werk ging, auf der anderen Seite war sie viel zu abgelenkt, um wahrzunehmen, daß plötzlich sie es war, auf die sich jemand konzentrierte. Aber sie war immer-hin gewissermaßen von gleicher Art wie er selbst, da war es immer ratsamer, Vorsicht walten zu lassen. Und zu-dem empfand er eine naturgemäße Scheu davor, in die Gefühlswelt jener hineinzuschnüffeln, die gleiches bei ihm selbst tun konnten, denn es wäre ihm zutiefst verhaßt gewesen, wenn es je einer gewagt hätte. Von den an-deren hatte es nie jemand getan, das wußte er, denn das hätte er registriert, ganz gleich, wie geschickt auch im-mer sie sich angestellt hätten – abgesehen davon, daß es ohnehin nie jemand versucht hätte. Sie hatten alle ihre Geheimnisse, doch diese gehörten jedem einzelnen ganz allein. Durch die Tatsache, daß sie trotz so mancher Meinungsverschiedenheit eine unbestreitbare Achtung des Wunsches empfanden, daß jeder aus gutem Grund etwas in sich selbst zu verbergen suchte, war niemals so etwas wie Mißtrauen in ihnen aufgekeimt und hatte das Verhältnis zueinander vergiftet. Die Vampirin aber... Ein nettes Mädchen, ganz ohne Zweifel. Doch die kaum gezügelte Gier, die ihn überschwemmte, als er nicht einmal für einen Herzschlag lang ihr Innerstes streifte, ließ sämtliche Alarmglocken in ihm schrillen und weckte sein ganz persönliches Raubtier, das von einem Moment zum anderen wie wildgeworden an seiner Kette riß und nur noch darauf drängte, sie zerfetzen zu wollen.

Es hätte ihn nicht kümmern sollen, es hätte ihn nicht kümmern dürfen – und doch tat es genau dies, denn es weckte die qualvollste aller Erinnerungen in ihm.

Und bei allem, was er war, doch diese konnte er nicht ignorieren. Er wollte es zu gern, das wollte er wirklich, doch es war ihm nicht möglich. Er konnte es einfach nicht. Manchmal war auch er am Ende all dessen, wozu er fähig war.

Mit federndem Gang, mit einer plötzlich auffallenden Beschwingtheit löste sich Awa von ihrem Platz, ohne ihn dabei auch nur anzusehen, und schwebte zur gegenüberliegenden Wand und dem davorstehenden Gegenstand. Ein großer Gegenstand von überwiegend rechteckiger Form und etwa hüfthoch, mit Stoffen in zurückhaltenden Pastelltönen verkleidet.

Wie aus einem Reflex heraus folgte er ihr und heftete sich an ihre Fersen wie ihr eigener Schatten, nur um sie nicht aus den Augen lassen zu müssen, um jede Dummheit zu verhindern, die sie vielleicht begehen würde – und die sie auch tatsächlich begehen würde, soviel war schon von vornherein klar. Sie würde es tun, denn dazu waren sie ja hier. Der Unterschied war nur, daß es allein in seinem Ermessen eine Dummheit war. Sie würde sich dessen gar nicht erst bewußt sein.

Er bezog so dicht an ihrer Seite Stellung, daß ein Beobachter sich dabei hätte Dinge denken können, die weiter von der Wahrheit nicht hätten entfernt sein können, doch weder er noch die Vampirhexe dachten sich etwas da-bei. Sie, weil sie momentan wohl kaum mehr etwas wahrzunehmen schien, sondern auf den Auslöser ihrer er-wachten Gier derart konzentriert war, daß ihre Empfindungswelt nur noch auf einen einzigen Punkt ausgerichtet war; er dagegen hatte mit solchen Dingen einfach nichts im Sinn. Und bei der Kleinen ohnehin nicht. Ihn be-schäftigte etwas anderes.

Und das wurde so übermächtig, daß es ihn schier zu zerreißen drohte, als er es der Vampirin gleichtat und hinun-ter auf die kleine Wiege blickte.

Ein kleines Kind. Ein Säugling.

Irgendwo, sehr mühevoll nur, kroch durch sein Bewußtsein die plötzliche Erkenntnis, daß er in all den langen Jahren seiner derzeitigen Existenz niemals ein Kind auf der Liste seiner Aufträge gehabt hatte, erst recht nicht ein so kleines, und auf seinen persönlichen Streifzügen hatte er sich nie an einem vergriffen, natürlich nicht. Auch das hatte weniger etwas mit Skrupel zu tun, sondern beruhte auf zwei anderen Gründen: Kinder hatten keine Alpträume, vor allen Dingen nicht in diesem Alter, in dem sich ihr eigenes Bewußtsein noch nicht einmal ansatzweise entwickelt hatte. Sie waren noch nicht einmal in der Lage dazu zu wissen, wer sie eigentlich waren, geschweige denn, daß sie bereits soviel von der Welt wahrgenommen hatten, daß sie wußten, welche furchtbaren Dinge diese noch für sie bereithielt. Sie hatten keine Alpträume, weil sie noch nie mit den realen Schrecknissen konfrontiert worden waren – aus nur zu verständlichen Gründen. Deshalb war es eigentlich vollkommen zweck-los, sie aufzusuchen, erst recht einen Säugling wie diesen hier, der schlafend vor ihnen in der Wiege lag. Es machte keinen Sinn, Entsetzen zu verbreiten, aus dem nichts erwachsen konnte. Ein solches Kind war schlicht-weg noch zu klein, um die Furcht als solche zu realisieren, wie es schon wenige Jahre später zu tun in der Lage sein würde. Es konnte einfach noch keine Angst empfinden. Dazu war sein eigenes Selbst noch nicht zur Genüge entwickelt.

Und der Grund, der ihn selbst nie ein Kind hatte aufsuchen lassen, war eben jener, der gerade ein scheinbar glühendes Messer in eine uralte Wunde stieß, immer und immer wieder, mit der perversen Lust eines Irrsinnigen, und ihn sich an Dinge erinnern ließ, die ihn zeit seines Lebens fast schon in den sprichwörtlichen Wahnsinn ge-trieben hatten, doch dieses Mal war es fast noch schlimmer, denn dieses Mal war er sich zu schmerzlich bewußt, daß nach diesem Wahnsinn kein erlösendes Ende kommen konnte. Das war längst vorüber.

Das war wohl der einzige Grund, der Sterblichkeit wegen Neid zu empfinden. Wenn es vorbei war, dann war alles vorbei. Er dagegen erinnerte sich an alles. An alles.

Warum hatte er das getan? Warum hatte der Chef ausgerechnet einen kleinen Säugling auf die Liste gesetzt, wenn er doch für ihre Zwecke so nutzlos war? Warum nach all diesen Jahren hatte er ausgerechnet ihn darauf angesetzt, diesen Fall mit einem der Neulinge zu übernehmen? Er schien diesen Teil seiner Vergangenheit, die er selbst so gerne für immer vergraben gesehen hätte, zu kennen, also warum tat er ihm das an? Was hatte er sich zuschulden kommen lassen, daß er mit einem solchen Auftrag betraut worden war, was nur, zur Hölle, was? War der Chef etwa immer noch wegen dieses bislang einmaligen Patzers verstimmt und drückte ihm gleichermaßen eine Art „Strafe“ aufs Auge, die die Mumie ebenfalls schon gezwungen gewesen war zu bezahlen? Oder lag es schlicht und ergreifend nur daran, daß sie mehr oder weniger auf Verstärkung ihrer kleinen Truppe bestanden hatten, da sie nicht mehr dazu in der Lage waren, alles allein zu bewältigen, und das zumindest teilweise recht deutlich gemacht hatten?

Doch selbst wenn man all das in eine Waagschale warf, alles, was je über all die ungezählten Jahre hinweg vor-gefallen war – nichts konnte aufwiegen, womit er sich nun konfrontiert sah, nichts konnte jemals entschuldigen, was nun von ihm verlangt wurde, nichts von all dem konnte auch nur ansatzweise begründen, warum ihm so etwas angetan wurde.

Nicht ausgerechnet das. Nicht ein Kind. Er würde alles tun, alles, doch das konnte niemand von ihm verlangen.

Dabei war der Säugling für Awa gedacht. Er war kaum mehr als ihre Begleitung, derjenige, dem es zufiel, ledig-lich ein Auge auf sie zu haben und ihr den restlichen Feinschliff zu verpassen. Mehr wurde weder von ihm ver-langt noch erwartet. Es sollte ihn gar nicht kümmern, was mit diesem Kind war, hatte er doch gar nichts mit ihm zu schaffen.

Eigentlich. Aber allein die Tatsache, daß er dabei war, machte es für ihn schon zu persönlich, als daß er schulter-zuckend hinnehmen konnte, was sie mit dem Säugling zu tun gedachte.

Alles, nur nicht das. Der Überbringer von Alpdrücken, der Vorbote des Wahnsinns, der Bruder des Todes – doch das vermochte er nicht. Das ging zu tief.

Der kleine Wurm war allerhöchsten vier Wochen alt und seine Haut für sein Alter entsprechend noch rötlich. Er sah irgendwie immer noch ein wenig verschrumpelt aus, als fehlte ihm noch die Masse, die die Hülle später glätten würde. Der winzige Kopf, mit jetzt schon dichtem, dunklen Haar bedeckt, war nur so groß wie eine Faust, ein auf eine gewisse Weise beängstigender Vergleich, war er doch gleichzeitig um so vieles empfindlicher als diese. Die Hände, links und rechts ausgestreckt neben dem Kopf liegend, waren zu Fäustchen geballt, eine natürlich Reaktion so kleiner Kinder, deren Finger, so winzig sie auch noch waren, sich reflexartig um alles schlossen, was sie zu greifen bekamen. Der Brustkorb bewegte sich im Tiefschlaf vollkommen ruhig und regel-mäßig.

Ein Kind. Warum mußte es ausgerechnet das sein...

Es machte keinen Sinn, daß sie hier waren. Was konnten sie schon mit einem solchen Winzling anfangen? Was sollten sie mit ihm tun? Es war vollkommen gesund, das hatte er auf Anhieb festgestellt, daran konnte es nicht liegen. Plötzlicher Kindstod war in der heutigen Zeit beinahe so etwas wie ein Relikt der Vergangenheit. Und in Furcht versetzen konnten sie es auch nicht, dazu fehlte dem Kleinen das Bewußtsein.

Dafür schmerzte das seine so stark wie schon lange nicht mehr. Denn in diesem sah er ein anderes Kind, nicht älter als dieses hier. So viele Jahre war es schon her, so unglaublich viele Jahre, doch er erinnerte sie an alles: die winzigen Grübchen in den Wangen, das ebenso dunkle, doch lockigere Haar, diese strahlend hellblauen Augen, die aufmerksam alles in sich aufzunehmen schienen, was sie von der Welt wahrnahmen, an den klammernden Griff winziger Finger, so überraschend fest jedesmal, als ob sie nie wieder loslassen wollten, erinnerte sich, er-innerte sich an alles, und es tat weh, es tat so furchtbar weh...

Denn er erinnerte sich ebenfalls daran, was mit diesem Kind geschehen war. Hörte dessen Schreie noch wie damals in den Ohren, Schreie, die ihm beinahe den Verstand zermalmt hätten. Und er erinnerte sich daran, wie diese blauen Augen von unermeßlicher Furcht erfüllt gewesen waren, Furcht und unerträglichem Schmerz, den er sich niemals angemaßt hatte ermessen zu können. Die winzigen Hände, die nichts mehr ergreifen wollten, die erst gar nicht mehr dazu in der Lage gewesen wären, überhaupt etwas ergreifen zu können, nicht zu diesem Zeitpunkt und niemals wieder. Das winzige Gesicht, an all die ungezählten Tränen, und diese Schreie, um alles in der Welt, diese Schreie...

„Hübsches kleines Ding“, wiederholte Awa mit merkwürdig liebevoll klingender Stimme und lehnte sich mit einem Arm auf den Seitenrand der Wiege auf, um sich hinunterzubeugen und die Hand auszustrecken. Sie hatte den Kopf schiefgelegt und neben der lustvollen Verklärung hatte sich ein anderer Ausdruck auf ihr Gesicht ge-schlichen, der nichts mit der von Instinkten gesteuerten triebhaften Gier zu tun hatte, die ihre Miene bis dahin beherrscht hatte. Der zerzausten Vampirhexe haftete auf einmal etwas beinahe Mütterliches an, so wenig es auf den ersten Blick auch zu ihr passen wollte, doch allein das, das und ihr plötzlich so ruhig klingender Tonfall waren das einzige, das Kalma davon abhielt, ihr den Arm aus dem Gelenk zu reißen, als sie diesen ausstreckte und die Wange des Kindes mit erstaunlicher Zärtlichkeit streichelte. Nicht, daß er sich auch nur irgend etwas von seinem momentanen Zustand anmerken ließ. Sie hätte nicht gewußt, welches Bedürfnis er innerlich verspürte, bis er ihr zu ihrer Überraschung die Knochen aus dem Leib gerissen hätte. Und das hätte er getan. Er hätte jeg-liche Konsequenz dafür in Kauf genommen, es wäre ihm gleichgültig gewesen, daß er jemanden von seiner Art zerfetzt hätte, doch er hätte es getan. Wenn sie dem Kind etwas zuleide getan hätte, hätte er sie jetzt zerrissen.

Statt dessen spürte er eine nagende Irritation in sich aufsteigen, als sie genau das nicht tat, was er am ehesten von ihr erwartet hatte. Er hatte ihre Unterlagen gelesen, er hatte sich mit dem Chef und mit den anderen, vor allen Dingen natürlich Enary, über sie unterhalten, er hatte sich bislang selbst ein Bild über sie machen können und glaubte sie doch recht gut einschätzen zu können – so wie alle halt. Doch daß sie genau das nicht tat, womit er gerechnet hatte, verwirrte ihn insgeheim. Selbst ein kurzer Blick ins Innerste ihrer Emotionen offenbarte, daß sich ein plötzlicher, wenn auch nur sehr dünner Schleier der Ruhe über ihre grausamen Triebe gelegt hatte.

Kinder. Sie waren immer eine Schwäche, auch wenn man es sich nie eingestehen wollte.

Nichts Falsches haftete dieser kleinen Geste an, als sie behutsam mir einem Finger über die pausbäckige Wange des Säuglings strich, nichts, das Argwohn wach werden ließ, und auf einmal fragte er sich unwillkürlich, was mit ihrer Vergangenheit war. Ob da ein Grund für ihr eher ungewohntes Verhalten, das sie nun an den Tag legte, lag. Aber so war es doch meistens. Nur in ganz wenigen, so seltenen Situationen wie dieser hier traten vereinzelte Bruchstücke davon zutage, doch so wirklich hatte das nie das Bedürfnis in ihm geweckt, weiter nachzubohren. Er wußte schließlich, was er selbst verborgen hielt, und wenn die anderen auch nur etwas ansatzweise Vergleich-bares geheimhielten, dann wurden sie gerade einmal selbst damit fertig – obwohl vermutlich noch nicht einmal das. Sie ließen sich ihre Schwäche nur nicht anmerken.

So wie er. Doch jetzt stand er plötzlich kurz davor, daß alles aus ihm hervorbrach. Und wenn dem erst einmal so war, das wußte er jetzt schon, würde nichts als verbrannte Asche bleiben. Bis zum heutigen Tage wußte er selbst nicht wirklich, welche Gewalt in ihm lauerte, und eigentlich wollte er es auch gar nicht so genau wissen, doch wenn er eins wußte, dann war es, daß niemand diesen Sturm überstehen würde, wenn er losbrach. Wahrschein-lich nicht einmal er selbst.

Und dann war dieser so trügerisch stille, dieser so zerbrechliche Augenblick auch wieder vorbei, als Awas Augen unvermittelt aufglühten und sich das vertraute Lächeln wieder auf ihr Gesicht schlich, das ihr spitzen Fänge entblößte.

„Ist lange her, daß mir ein so junges und zartes Geschöpf vergönnt war“, sann sie nachdenklich und zog ihre Hand von dem Gesicht des Kindes zurück. „Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wie es ist, sie langsam in sich aufzusaugen... Meine Güte, ist das lange her... So lange, daß es fast schon nicht mehr wahr ist...“

Sie wollte die Hände ausstrecken, um den Säugling zu ergreifen und aus der Wiege zu heben, doch genau in diesem Moment, kaum daß sie sich diese winzige Regung hatte anmerken lassen, fuhr ihr Kopf herum und sie hatte erschrocken die Augen weit aufgerissen, als sich eine unmenschlich starke Hand einer Stahlklammer gleich um ihren Arm schloß und sie an diesem Vorhaben hinderte.

Doch schlimmer als der plötzliche stechende Schmerz, der durch sie schoß, als sich dieser unerträglich kräftige Griff in ihren Muskel grub, war der Blick, mit dem sie gleichzeitig bedacht wurde. Obwohl er ein gutes Stück größer als sie war, hatte Kalma den Kopf ein wenig gesenkt und durchbohrte sie regelrecht mit einem Blick aus kristallgrünen Augen, der selbst einen Granitfelsen zermahlen hätte. Auch wenn sie jetzt versucht hätte sich ein-zureden, daß es gar keinen Grund zur Sorge gab, so brandete doch eine Furcht in ihr auf, die sie wissen ließ, daß sie lediglich versucht hätte, sich selbst etwas vorzumachen, daß es nichts als eine Lüge gewesen wäre, die auf derart wackeligen Beinen stand, daß ein Schmetterling sie zum Umsturz hätte bringen können. Und was das be-traf, war sie klug genug, um sich nichts vorzumachen: Unter den Untoten war der Ruf des Zombies verdammt weit verbreitet. Und zu diesem Ruf zählte unter anderem, daß er schlichtweg unberechenbar war.

Gerade in diesem Punkt legte sie nicht den geringsten Wert festzustellen, inwieweit sich diese Unberechenbar-keit äußerte. Doch offenbar war sie gerade dabei, sie kennenzulernen. Dieser Blick aus brennenden Augen ließ sie sogar den Schmerz völlig vergessen, den sie verspürte.

„Das wirst du nicht tun.“ Seine tiefe Stimme war nur leise, doch das minderte keineswegs ihre Eindringlichkeit, eher im Gegenteil. Sie hatte auf einmal das Gefühl, als grabe sich jedes Wort, jede einzelne Silbe einer feinen Skalpellklinge gleich in ihr Fleisch und, schlimmer noch, in ihren Verstand. Wenn das auch nur ein Vorge-schmack darauf war, wie er mit seinen Opfern verfuhr, so wunderte es sie nicht, daß einen solchen Ruf genoß. Selbst sie, wo sie doch von gleicher Art war, verspürte auf einmal diese Furcht – und sie war nicht einmal sterb-lich.

„Aber es steht auf unserer Liste“ versuchte sie kläglich zu protestieren. „Unser Auftrag für heute... Es steht auf der Liste...“

„Was hast du an dem Satz nicht verstanden?“, unterbrach er sie mit trügerischer Sanftheit, denn hinter dieser Sanftheit lauerte ein bittersüßes Gift, das nur darauf wartete injiziert zu werden. Und die Nadel würde schneller zustechen als sie sich versah, wenn sie jetzt nicht ungeheuer vorsichtig wurde mit dem, was sie sagte und tat.

„Nichts“, erwiderte sie beinahe schon kläglich und machte halbherzige Anstalten, sich aus seinem Griff heraus-zuwinden. „Ich meine, ich habe alles verstanden, aber...unser Auftrag...und der Chef hat es doch gesagt... Er wird nicht sonderlich erfreut darüber sein, wenn...“

Als er jetzt den Kopf auf die Seite legte, verstummte sie schlagartig. Hatte sie bisher nur das Gefühl gehabt, als drohe etwas sie an die nächste Wand zu nageln, so drängte sich ihr nun der Eindruck auf, ein Raubtier habe sie ins Visier gefaßt – und dieses Raubtier dachte nicht daran, es bei einem raschen Ende zu belassen.

Wenn auch nur die Hälfte von dem stimmte, was man sich unter den Untoten über den Zombie berichtete, dann hatte sie allen Grund dazu, sich zu fürchten. Er konnte mehr mit ihr tun, als ihrer Existenz auf möglichst unan-genehme Weise ein Ende zu bereiten – weit mehr. Und ihre Fantasie weigerte sich auf einmal mit allem, was ihr zur Verfügung stand, sich auch nur andeutungsweise vorzustellen, was das bedeuten mochte.

„Ich denke nicht, daß ausgerechnet der Chef jetzt deine größte Sorge ist, oder, Mädchen?“ Nichts an seinen Worten ließ wissen, wie angespannt er womöglich war, so ruhig war seine Stimme; kein Hauch von Emotion wußte sie zu erschüttern.

Doch ihr Arm fühlte sich auf einmal so kalt an, so furchtbar kalt...

Es war lange her, daß sie die sprichwörtliche Todeskälte auf so körperliche Weise gespürt hatte. Und in diesem Augenblick hätte sie alles, schlichtweg alles getan, um diesem Gefühl entfliehen zu können.

Sie hatte Angst. Sie kam nicht länger darum herum, sie hatte wirklich Angst – und es gab nicht gerade sonderlich viel, wovor sich eine Untote noch fürchten konnte. Allein dieser Blick drohte sie in die Knie zu zwingen, da war es wenig verwunderlich, wie empfindsam die Sterblichen auf ihn reagierten. Sie konnten niemals dazu in der Lage sein, dem zu begegnen, geschweige denn zu widerstehen.

„Das Kind gehört mir.“

Es konnte nichts anderes als bloße Unbedachtheit sein, die sie Glauben machte, darauf eingehen zu müssen. Es war unmißverständlich, auf diese Worte erwartete niemand einen Einspruch, erst recht nicht, wenn sie mit so fester Stimme geäußert wurden wie er es soeben getan hatte. Das waren keine Worte, die durch irgend etwas zu erschüttern waren, gegen die man sich auflehnen, protestieren, Einspruch erheben konnte.

Sie wußte selbst nicht, warum sie es trotzdem tat. Trotz ihrer Furcht, trotz der Kälte, die durch ihren Körper zu kriechen begann wie die Feuchtigkeit eines Sumpfes. Vielleicht dachte sie einfach nur nicht darüber nach, viel-leicht war alles Denken ohnehin abgeschaltet, war sie gar nicht mehr dazu in der Lage...doch unglückseliger-weise war ihr Mund nicht davon betroffen.

„Aber auf der Liste steht, daß ich...“

Sie brachte den Satz nicht zu Ende, als er sie zu ihrer Überraschung plötzlich losließ. Doch weit schlimmer als der eiserne Griff und die unerträglich Kälte, die damit von ihr abfielen, war der Blick, mit dem er sie plötzlich durchbohrte. Darin lag auf einmal etwas derart Namenloses, daß sie niemals, niemals auch nur darum gebeten hätte, Worte dafür zu finden, die es auch nur ansatzweise hätten umschreiben können. Etwas Namenloses, dem auch sie am liebsten nur noch ausgewichen wäre, hätte sie es denn noch vermocht.

Statt dessen glaubte sie auf einmal ihren Geist erfrieren zu spüren. Nicht nur, daß er scheinbar von einer Schicht glasklaren Eises umgeben war, die Kälte durchdrang ihn gleichermaßen wie ein heißes Messer ein Stück Butter, grub sich so mühelos in ihn hinein, als sei die bittere Frostigkeit eine vom Sonnenlicht geschärfte Klinge, die in weiches, empfindsames Fleisch hineinschnitt, ohne daß es irgend etwas gab, was sie hätte aufhalten können.

Und endlich, endlich begriff sie, warum der Zombie selbst unter den Untoten einen solchen Ruf genoß. Nur wünschte sie sich in diesem Augenblick nichts anderes, als daß sie diese Erkenntnis für den Rest ihrer Existenz verschont hätte.

Sie konnte ja auch nicht ahnen, daß diese Kälte aus einer Leidenschaft geboren war, für die er sich selbst ver-dammte. Vergangenheit, nichts weiter als Vergangenheit – doch vergessen ließ es sich nicht.

„Dieses Kind gehört mir“, wiederholte er nur.

So scheinbar schlichte Worte, doch mit einer solchen unmißdeutbaren Tödlichkeit gesprochen, daß sie an über-wältigender Bedeutung gewannen, der sich niemand bewußt sein konnte, der sie nicht selbst vernahm. Worte, deren Bedeutung man weniger auf der akustischen Ebene wahrnahm, sondern vielmehr auf einer emotionalen – man hörte sie weniger als daß man sie vielmehr spürte –, und das war um ein vielfaches tiefgreifender als alles annähernd Vergleichbare.

Und eines wurde ihr dabei klar: Er würde sich nicht mit Drohungen aufhalten. Dieser Tonfall allein war Drohung genug und ließ sie ahnen, was er ihr tun konnte. Dinge, von denen sie bislang angenommen, daß sie als Untote völlig dagegen gefeit war. Allerdings hatte sie bislang auch noch keinerlei Vorstellung davon gehabt, was Untote sich gegenseitig antun konnte. Und sie verspürte gleichsam keinerlei Bedürfnis, ausgerechnet jetzt herauszufin-den, wozu sie in der Lage sein konnten.

Nicht bei diesem. Dieser hier konnte sie zermalmen, das wußte sie, und das gänzlich ohne jede Mühe. Er war die fleischgewordene Verkörperung des Todes – und dieser Tod war für alle da.

Sie wich von der Wiege zurück, den Zombie keinen Herzschlag lang aus den Augen lassend. Er hatte recht, der Chef und seine Reaktion darauf, daß sie ihrem ihr auferlegten Auftrag nicht persönlich nachgekommen war, war zur Zeit wohl ihre geringste Sorge. Sie konnte immerhin noch versuchen, sich daraus herauszuwinden, doch selbst, wenn ihr das nicht gelingen konnte und sie nach der kurzen Zeit achtkantig wieder gefeuert wurde: Es war ihr gleichgültig. Das war immer noch besser, als die Konsequenzen tragen zu müssen, wenn sie jetzt auf ihr auf-erlegtes Vorrecht beharrte.

Merkwürdig daran jedoch war, daß sie dem Zombie gar nicht dafür böse sein konnte. Sie verspürte keinerlei Groll gegen ihn, weil er sie so sehr in Furcht versetzte – vielleicht, weil sie nicht glaubte, daß er es mit genau dieser Absicht tat. Natürlich mußte er sich seiner Wirkung auf sie bewußt sein, doch nicht in einem solchen Aus-maß, den man bei Sterblichen als Todesangst in ihrer reinsten Essenz bezeichnete. Sie konnte es ihm nicht ein-mal nachtragen. Wahrscheinlich, wenn diese Sache hier vorüber war, würde er wieder genauso umgänglich sein wie sonst auch, doch hier und jetzt, in dieser ganz speziellen Situation, ging irgend etwas viel zu tief, als daß er sich unbeteiligt zeigen konnte, schlimmer noch: daß es ihn unberührt lassen konnte. Ausgerechnet ihn, für den Mitleid ein Wort war, das schon vor etlichen Generationen aus seinem Wortschatz verschwunden war.

Und plötzlich wurde ihr mit erschreckender Klarheit bewußt, was ihr bis dahin verschlossen geblieben war: Es berührte ihn persönlich.

Es gab nicht wirklich viel, was an den übriggebliebenen Emotionen eines Untoten rütteln konnte, doch schien es ausgerechnet bei ihm gerade der Fall zu sein. Und diese Erkenntnis floß gleich in eine weitere über, die sie die Lippen fest zusammenpressen ließ.

Erinnerungen.

Ach, verflucht, nur das nicht!

Erinnerungen waren das schlimmste. Wenn es eines gab, das jeder Untote am liebsten für immer aus seinem Verstand verbannt hätte, dann war es das, auch auf die Gefahr hin, das eigene Selbst dabei auszulöschen. Sie alle waren froh darum, wenn die Erinnerungen dort blieben, wo sie sie vergraben hatten, wo sie sie aus gutem Grund vergraben hatten – denn sie konnten alles davonwischen, alles, was man sich in all diesen Jahren so mühevoll aufgebaut hatte, dieser vermeintliche Neuanfang nach dem eigenen Tod, diese angeblichen Chancen, die einem danach offenstanden. Erinnerungen vermochten alles, restlos alles davonzureißen, zu zerreißen, und es würde nichts anderes bleiben als verblichene Herbstblätter im Sturm. Erinnerungen waren die unvorstellbare Feuers-brunst, in der man selbst verging, ohne sich dem entgegenstellen zu können, wenn sie erst zu tosen begonnen hatte.

Erinnerungen waren womöglich der einzige Grund, sich vor sich selbst zu fürchten.

Sobald sie zurückgewichen war, achtete er gar nicht mehr auf sie. Es war, als hätte sie sich mit diesem einzelnen Schritt zurück regelrecht in Luft aufgelöst, so verschwand sie aus seinem Wahrnehmungsvermögen, das sich auf einmal nur noch auf eines konzentrierte, auf beinahe ironische Weise ganz ähnlich wie die ihre vorhin. Und während sie ihn aufmerksam dabei beobachtete, wünschte sie sich nur noch, daß sie doch dazu in der Lage wäre, diesem furchtbar entstellten Gesicht ein Mienenspiel entnehmen zu können. Vielleicht später, vielleicht in ein paar Jahren – wenn sie denn dann überhaupt noch dabei war – würde auch sie dazu fähig sein, vermeintliche Ausdruckslosigkeit von tatsächlicher Ausdruckslosigkeit zu unterscheiden, doch noch gelang es ihr nicht, in dem Gesicht des Zombies auch nur irgendeinen Ausdruck erkennen zu können.

In seinem Gesicht vielleicht nicht, wohl aber in seinen Augen. Die Augen konnten manchmal derart verräterisch sein, daß sie sich in mancherlei Situation selbst am liebsten aus den Höhlen gerissen hätte, wenn sie wieder ein-mal zuviel von dem offenbart hatten, was sie niemals ausgesprochen oder sich hätte anmerken lassen. Es erfor-derte ein wenig mehr Feingefühl als das Deuten von Stimmungen und Gemütslagen anhand des Gesichtsaus-druckes, doch die Augen eines jeden waren um ein vielfaches unmißverständlicher – sie konnten so unglaublich schlecht lügen.

Und was in seinen Augen lag, als er sich über die Wiege beugte und behutsam nach dem schlafenden Wurm griff, das schnürte ihr die Kehle zu. Irgendwie war es ihr nicht möglich, genau zu bestimmen, warum das gerade mit ihr geschah, warum es gerade diese Reaktion in ihr auslöste, die sie nicht zu steuern vermochte, doch es er-schreckte sie beinahe, daß sie derart heftig war.

Was, was ist da bloß geschehen...?

Es war die Art, wie er den Säugling aus der Wiege hob, die Art, wie er ihn auf den Arm nahm, die verriet, daß ihm das keineswegs fremd war. Wer zum ersten Mal ein vielleicht gerade einmal vier Wochen altes Kind auf-nahm, der wußte nicht, wie er sich dabei verhalten sollte, worauf er zu achten hatte – aus verständlichen Grün-den. Doch wenn sie sich das so betrachtete, dabei zusah, mit welcher instinktiven, fast schon geübt erscheinen-den Vorsicht er diesen Winzling hochhob, dann verriet dies mehr als alle Worte. Er wußte, wie er mit solchen Kindern umzugehen hatte. Mochte seine Vergangenheit auch wie ein stockschwarzes Samttuch über der Antwort liegen woher er es wußte, doch er war behutsam genug, daß sich das kleine Bündel kaum regte, geschweige denn die Augen öffnete. Und selbst wenn es das getan hätte, es hätte nicht geschrien, denn es hätte ihn trotz seines schrecklichen Aussehens niemals als Bedrohung wahrgenommen.

Es war ein solch unvorstellbar, so surreal friedlich anmutender Anblick, wie dieser grauenhaft aussehende Zom-bie den winzigen Säugling in der Armbeuge liegen hatte und ihm dabei beim Schlafen zusah, als hätten sich die Geschehnisse der Welt allein darauf reduziert, daß unvermittelt ihre Hände zu zittern begannen. Diesmal jedoch aus einem völlig anderen Grund, nicht aus triebgesteuerter Begierde oder existentieller Furcht. Sie konnte es sich nicht einmal wirklich selbst erklären, doch dieser Anblick, so unmöglich er auch sein mochte, berührte etwas in ihr, das sie längst für tot erklärt hatte. Und sie glaubte zumindest einen Hauch von dem zu ahnen, was in seiner Vergangenheit vorgefallen war.

Und dann streifte sie sein Schmerz. So sehr er ihn bislang auch für sich behalten hatte, sorgsam vor den geistigen Fühlern anderer verborgen, doch nun konnte er ihn nicht mehr länger im Zaum halten. Und plötzlich war es ihm auch vollkommen gleichgültig. Die Wärme, dieses kaum spürbare Gewicht des kleinen Wurms, so unendlich viele Erinnerungen, die davon wieder aufgerührt wurden und die ihn in die Knie zu zwingen drohten, denen selbst er kaum standzuhalten vermochte – wenn sie mehr als auch nur ein Flirren davon verspürte, würde es sie zermalmen. Doch es war ihm egal, es war nicht wichtig. Auf einmal war nichts mehr wichtig. Er nahm nur am äußersten Rand seines Bewußtseins wahr, daß Awa auf einmal scharf die Luft einsog und sie leise wimmerte, als die Gischt des Schmerzes, der in ihm wogte, besprühte. Wenn er sie erst mit voller Wucht traf, würde sie darun-ter zusammenbrechen, es würde sie vollkommen zermalmen, bis nichts mehr von ihr übrigblieb, und er würde es nicht einmal kontrollieren können.

Er sah nicht, wie sie die Hände so fest zu zitternden Fäusten ballte, bis sich ihre Fingernägel in ihre Handballen gruben und vereinzelte rote Tropfen quälend langsam hervorquollen. Und sie spürte es noch nicht einmal. Sie wünschte sich nur, daß es vorbei war, daß es endlich vorbei war, denn sie konnte es nicht mehr länger ertragen, sie konnte es einfach nicht...

Sie hatte keine Ahnung, wie sehr sich die scharfen Kiefer des Wahnsinns ihr schon genähert hatten, schleichend und unbemerkt, doch unaufhaltsam. Nun lag er auf der Lauer, angespannt, doch geduldig auf seine Chance war-tend. Sie würde nicht einmal zur Kenntnis nehmen, wenn er zubiß, so rasch würde es gehen.

Und so war sie Kalma auf eine unbestimmte Weise unendlich dankbar, als er sich endlich um- und ihr den Rücken zuwandte, denn sie bezweifelte, daß sie diesen so unendlich stillen, zerbrechlichen Anblick noch länger hätte ertragen können. Es war einfach zuviel für sie. Und so gelang es ihr auch jetzt, den Blick von ihm loszu-reißen. Statt dessen hob sie die Hände und starrte ein wenig verwirrt auf die blutigen Innenflächen, so als müsse sie sich erst mühsam daran erinnern, wie dies geschehen sein mochte. Noch mehr jedoch verwirrte es sie, daß angesichts des Blutes, das an ihren Händen hinunterrann, um anschließend an den enganliegenden Säumen um ihre Handgelenke in den ergrauten Stoff hineinzusickern, nicht das geringste empfand. Und das hatte sie noch nie zuvor erlebt, nie seit dem Beginn ihres Daseins als Untote. Sie war ein Vampir, der Gier nach Blut, selbst nach ihrem eigenen, war in ihrer Veranlagung eingepflanzt.

Nur diesmal nicht. Diesmal ließ es sie so unberührt, als wäre es nichts anderes als Salzwasser, das über ihre Hän-de floß. Es war auf einmal alles so...irrational.

Kalma war an das einzelne Fenster des kleinen Zimmers getreten. Ein Blick nach draußen offenbart eine frostig-klare Nacht, doch er konnte den seinen nicht von dem winzigen Bündel Mensch abwenden, das in seinem Arm lag und schlief. Es machte keinerlei Anstalten aufzuwachen und das würde es auch nicht.

Das würde es nie wieder. Es stand auf der Liste, und wenn er es nicht tat, dann würde es jemand anderes tun. Da-ran führte kein Weg vorbei. Er hatte schon vor diesem Kinder sterben sehen, die auch nicht älter waren, doch daß es dadurch leichter wurde, war nicht mehr als eine Lüge. Ein Kind wie dieses, das entsetzlich hatte leiden müssen, bevor es endlich hatte sterben dürfen – tatsächlich dürfen. Doch diesmal lag es in seiner Hand, dieses eine Mal vielleicht nur. Dieser Winzling hier sollte nicht das gleiche durchstehen müssen. Diesmal nicht. Das Gefühl, damals versagt zu haben, fraß sich bis zum heutigen Tag durch seine Substanz, und auch wenn er nichts mehr an dem ändern konnte, was geschehen war, so konnte er doch verhindern, daß es noch einmal geschah.

Dieses Kind hier würde schlafen, nichts als schlafen. Es würde es nicht einmal bemerken.

Hätte er sich nicht von ihr abgewandt, so hätte selbst Awa jetzt den Hauch eines merkwürdig entrückten Lächelns sehen können, daß flüchtig über sein häßliches Gesicht huschte, so rasch, als fürchte es sich davor, sich zu zeigen. Sanft strich er dem Säugling mit zwei Fingern der freien Hand über die Stirn und sog gleichzeitig die mit dieser Geste schwindende Seele des kleinen Bündels Leben tief in sich auf, bevor sie sich in der erblühenden Morgensonne auflösenden Nebelschwaden gleich verflüchtigen konnte.

Und er verbarg sie tief in sich, irgendwo unter all diesen uralten Erinnerungen, wo sie sicher verwahrt war. Wer sie ihm entreißen wollte, mußte erst ihn zerfetzen.

Als er sich wieder umdrehte und an die Wiege herantrat, an der Awa immer noch stand, hatte sich nichts an dem Kind geändert. Doch, eines, doch das nahm man erst zur Kenntnis, wenn man wirklich genau hinschaute und sich nicht von dem ruhigen Eindruck täuschen ließ.

Der Brustkorb, der sich vorhin stetig hob und senkte, bewegte sich nicht mehr. Kein Atemzug mehr, der ihn dazu veranlaßte.

Vorsichtig legte er den kleinen Körper, noch warm und doch schon leblos, zurück.

Dieses Kind würde niemals Alpträume haben, es würde niemals lernen, was Furcht bedeutet. Es würde sie nur seinen Eltern bringen, wenn diese am nächsten Morgen ihren Nachwuchs fanden, dann schon kalt, doch immer noch gleichermaßen leblos. Es würde sie in ihren Träumen besuchen und sie den Wahnsinn kosten lassen, der ihm erspart geblieben war.

Und es änderte doch nichts.

Ein letzter Blick auf diesen kleinen Wurm, bevor er die Zugänge zu seinem Selbst wieder versiegelte, sich vor allem verschloß, denn es war vorbei jetzt, er hoffte, daß es vorbei war, und von daher wandte er sich der Vampir-hexe zu, die mit glasigen Augen in die Wiege starrte, während das Blut von ihren Händen tropfte. Er folgte der leuchtend roten Flüssigkeit, wie sie über ihre Handinnenfläche rann und sich dann nach kurzem Zögern von ihr-en Fingerspitzen löste, um dann einen Weg zurückzulegen, der wie in Zeitlupe wirkte, bevor sie lautlos auf dem Boden aufkam und dort im hellen Teppich versickerte.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie bemerkte, daß er sie unverhohlen anstarrte. Erst dann hob sie die Hände und sah sie an, bevor sie beinahe verlegen versuchte, sie an ihrem Kleid abzuwischen und dabei eine leuchtend rote Schmierspur an beiden Seiten ihrer Hüfte hinterließ. Daß das nicht sonderlich hilfreich war, sie wieder in die Wirklichkeit zurückzuholen, erkannte er bei einem unmerklichen Vorstoß hinter ihre Augen. Ihr Verstand zitter-te und es würde noch einiges brauchen, bis er sich wieder beruhigt hatte. Doch schlimmer als das war der Fußab-druck, den der Irrsinn dort hinterlassen hatte. Ein Fußabdruck, der dort bis ans Ende aller Tage bleiben würde.

Sie hätte es fast nicht verkraftet. Und nur einen kleinen Tick mehr und sie hätte es nicht verkraftet. Da machte er sich nichts vor. Aber das mußte sie nicht wissen. Wenn sie sich dessen selbst nicht bewußt war, würde er Still-schweigen darüber bewahren.

„So etwas wird mir nie geschehen, oder?“ Ihre Stimme war leise, doch ihm entging nicht der Unterton, der zwar nicht in seiner Lautstärke, wohl aber in seinem Ausdruck an der Hysterie kratzte. „Ich meine...so etwas...das da...das wird mir doch nie geschehen. daß ich so etwas irgendwann auf der Liste habe und dann... Du weißt schon, daß ich...“ Sie verhedderte sich sowohl in ihren eigenen Worten als auch in ihren eigenen orientierungs-losen Gedankengängen und brach sie selbst ab, um ihn dann mit einem schon flehentlich zu bezeichnenden Blick zu bedenken. „Mir kann das nicht passieren, nicht wahr? Das wird er doch nicht tun?“

Sie tat ihm beinahe leid, und das sollte bei jemandem wie ihm schon etwas bedeuten. Er wußte, was sie von ihm hören wollte, doch konnte er ihr tatsächlich ohne jedes Zögern antworten? Konnte er es ihr zumuten oder mußte er dann damit rechnen, daß der Irrsinn zurückgeschlichen kam, sich ihrem Verstand immer weiter näherte und nicht mehr nur Fußabdrücke hinterließ, sondern auch scharf zuschnappte und sich darin verbiß?

„Nein“, entgegnete er nur mit heiserer Stimme, die rauher als sonst üblich klang. „Dir wird so etwas nicht ge-schehen. Vielleicht etwas anderes, wer weiß das schon.

Aber nicht das. So etwas niemals.“

 

Ende Kapitel 6