Monster GmbH (by Creeper)

Kapitel 7

Ein Blick aus seltsam farbigen, teilweise irritierend irisierend schimmernden Augen folgte mit beständiger Aufmerksamkeit einer Geschäftigkeit, die unter nur mühsam kontrollierter Anspannung zu leiden schien, welche unmittelbar unter der Oberfläche lauerte und nur dank merklicher Anstrengung davon zurückgehalten werden konnte, endgültig auszubrechen. Und diese Anspannung war verräterisch, jeder Trottel vermochte sie zu erkennen, gab er sich auch nur die Mühe, ein wenig länger als für einen kurzen Wimpernschlag hinzusehen. Sie war spürbar, und nicht zuletzt das war es, das den Beobachter mit dieser eigentümlichen Augenfarbe innerlich erschauern ließ. Für solche Stimmungen war er außerordentlich empfänglich, es war einer seiner vielen Sinne, solche Dinge wahrzunehmen, verräterische Empfindungen, Gemütsregungen, Dinge in der Art. So etwas pochte an sein Wahrnehmungsvermögen wie der Herzschlag eines Fisches an die Elektrorezeptoren eines Hais. Und das vielleicht noch weit empfindlicher.
Nicht, daß sich der Beobachtete selbst daran störte. Er registrierte durchaus, daß jede einzelne seiner Bewegungen verfolgt wurde, mit einer Aufmerksamkeit, die ihm bei anderer Gelegenheit wohl den Nacken hätte glühen lassen, doch diesmal kümmerte er sich nicht darum. Ohnehin kümmerte ihn momentan nicht sonderlich viel. Da war etwas in ihm, das viel zu sehr brannte, als daß noch etwas anderes bis zu ihm vorgedrungen wäre, das ihn auf irgendeine Weise hätte berühren können. Das ließ ihn wie abgestumpft auf alles andere reagieren, das er nicht wirklich wahrnahm. Oder zumindest nicht auf die übliche Weise mit der gewohnten rasiermesserscharfen Klarheit. Er nahm es so wahr wie früher, zu einer anderen Zeit, in einem anderen Leben.
Der Beobachter hielt sich zurück. In der Stimmung, in der sich der andere momentan eindeutig befand, wollte sogar er nicht dazwischengehen, und das sollte schon etwas bedeuten, dann sonst gab es nicht viel, mit dem er es nicht aufnahm. Doch diesem hier, erst recht wenn er so kaum unterdrückt vor einer Explosion stand, wollte selbst er nicht in die Quere geraten. Das konnte auch für ihn recht unangenehme Folgen haben. Es hatte also seinen verständlichen Grund, weshalb er sich in eine Ecke zurückgezogen hatte, schweigend nur und ohne jede Regung, was vermutlich auch der einzige Grund dafür war, weshalb der andere ihn bislang nicht hochkant wieder rausgeworfen hatte. Denn die Hemmungen, die ihn vielleicht daran gehindert hätten, besaß er nicht.
Schließlich aber legte sich ein entstellt wirkender Schädel mit einigen furchtbaren Reihen dolchartiger Zähne auf die Seite, ohne dabei den Blick vom Objekt seiner Beobachtung abzuwenden. Diese für dieses grauenhafte Gesicht so unpassend faszinierenden Augen, die seltsamerweise zuweilen tatsächlich den Eindruck einer Mischung eines Hauchs von Traurigkeit und einer unerklärbar zurückhaltenden Schüchternheit machten, lösten sich keinen Augenblick lang davon, auch nicht, als sich auf einmal ein fragender Laut aus der Kehle des Geschöpfs löste.
Es war keine Sprache, die dieses Wesen beherrschte und mit der es sich verständigte, jedenfalls keine, die irgendeiner der bekannten Sprachen ähnelte. Und trotzdem bereitete es ihm keinerlei Schwierigkeiten, sich jenen verständlich zu machen, in dessen Gesellschaft es sich aufhielt. Es kam nicht auf eine bestimmte Sprache an, um verstehen zu können, denn um jemals sprechen zu können, dazu war die physische Beschaffenheit dieses Geschöpfes schlichtweg nicht ausgerichtet. Wichtig jedoch waren die feinen Nuancen, die einen Laut begleiteten, waren doch gerade diese manchmal viel aussagekräftiger als jedes Wort, das je hätte ausgesprochen werden können. Zudem waren etliche Dekaden viel Zeit, um zu lernen, was es wirklich bedeutete zu verstehen, was es bedeutete, sich nicht nur auf Worte zu beschränken, sondern sich tatsächlich der wirklichen Bedeutung von Lauten bewußt zu sein. Und da war es vollkommen irrelevant, ob es sich dabei um eine richtige Sprache handelte. Es kam nur auf das Verstehen an.
Die gänzlich in abgewetztes Leder gekleidete Gestalt, die das Wesen die ganze Zeit über beobachtet hatte, verstand diesen Laut. Sie verstand ihn nur zu gut, doch das veranlaßte sie immer noch nicht dazu, sich auch nur umzuwenden, geschweige denn in ihrer durch kaum erstickte Anspannung behafteten Tätigkeit innezuhalten, der eine merkliche Verbissenheit anhaftete. So als wüßte sie, wenn sie sich jetzt davon losreißen ließ, dann konnte sie für nichts mehr garantieren.
„Wonach sieht’s denn aus?“, knurrte sie nur mißgestimmt zurück.
Ein erneuter, diesmal etwas länger gezogener und tiefer klingender Laut aus unmenschlicher Kehle. Immer noch wandte der andere sich nicht um.
„Tatsächlich?“, kam die Antwort, die an merklicher Schärfe zugenommen hatte, und die durchaus darauf ausgelegt war, einen spürbaren Schnitt zu hinterlassen. „Warum fragst du denn dann überhaupt noch?“
Die Bissigkeit, mit der diese Worte geäußert wurden, war vielsagend genug. Man mußte schon gänzlich abgestumpft sein, um nicht wahrhaben zu können, was sie damit bewirken sollten, ohne jede Rücksicht. Es war nicht so, daß das etwas neues war, doch das Geschöpf senkte trotzdem den Kopf ein wenig, als es mit dieser kaum versteckten Abfuhr konfrontiert wurde. Was auch immer vorgefallen sein mochte, es war nicht seine Schuld, daß es dafür jetzt die schlechte Laune des anderen zu schlucken hatte. Es gab Situationen, in denen es das einstecken konnte, weil es solche Äußerungen einfach nicht an sich herankommen ließ, aber diesmal war das anders.
Und doch hakte es nach. Es wußte selbst, daß das vermutlich nicht unbedingt der beste Einfall war, den es gerade haben konnte, aber es gab zuweilen Dinge, die nicht einfach so offen im Raum stehengelassen werden konnten. Auch wenn es manchmal wohl besser war.
Allerdings traf seine Frage zur Zeit nicht eben auf den richtigen Nerv.
„Nein, ich bin der Meinung, das geht dich überhaupt nichts an!“, wurde das Geschöpf angegiftet, immer noch ohne daß Blickkontakt mit ihm aufgenommen wurde. Daraus machte es sich nichts – doch der Tonfall, mit dem es gerade zurückgewiesen wurde, setzte ihm da schon viel mehr zu. „Das ist ganz allein meine Angelegenheit, ich wüßte nicht, was du dich darin einzumischen hast!“
Unter anderen Umständen hätte das Geschöpf jetzt ernsthaft in Erwägung gezogen, den Sprecher solcher Worte in seine Einzelteile zu zerlegen, nachdem es ihm die eigene Zunge in den Rachen geschoben hatte. Unter anderen Umständen. Wenn der Sprecher nicht ausgerechnet dieser gewesen wäre. Das bei ihm zu versuchen, hätte selbst für das Wesen sehr unangenehme Folgen haben können. Derart unangenehm, daß es mit allem anderen jederzeit vorlieb genommen hätte, wenn es sich dadurch nicht mit ihm hätte anlegen müssen. Doch das änderte nichts daran, daß es einen nahezu ungekannten, sehr, sehr leisen Stich dabei verspürte, als es so angeschnauzt wurde. Es wollte wirklich nicht in Dingen wühlen, in denen es nichts zu suchen hatte, das lag ihm so fern wie jedem anderen hier. Es hatte in gewisser Weise nur seine Hilfe anbieten wollen, denn auch wenn es sich selbst darüber im klaren war, daß es selbst ein solches Hilfsangebot jederzeit ausgeschlagen hätte, so fühlte es sich gleichsam doch dazu verpflichtet, es anzubieten. Auch wenn es mit einer solchen Reaktion hätte rechnen müssen, wenn auch nicht unbedingt mit dieser brüsken Heftigkeit. Es zog instinktiv die Schultern ein wenig hoch.
„Was immer noch kein Grund ist, ihn dermaßen anzugehen.“
Während das Geschöpf nur ungewohnt langsam den Kopf zur Seite drehte, um diesen neuen Sprecher anzusehen – es hatte ihn schon zuvor aus den Augenwinkeln bemerkt, auch wenn es selbst darüber erstaunt war, mit welcher absoluten Lautlosigkeit dieser den Raum betreten hatte –, so fuhr der andere mit einer solchen Heftigkeit herum, als habe ihm jemand ein glühend heißes Eisen ins Rückgrat gebohrt. Das häßliche, entstellte Gesicht zeigte aus verständlichen Gründen keinerlei Veränderung, doch die Pupillen der erschreckend klaren grünen Augen zogen sich innerhalb des Bruchteiles eines Herzschlages unvermittelt zur Größe eines Stecknadelkopfes zusammen und fixierten den Neuankömmling mit einer derartigen Schärfe, daß es die meisten innerhalb kaum wahrnehmbarer Zeit dazu veranlaßt hätte, zumindest den Kopf zu senken, um dem auszuweichen, im schlimmsten Fall jedoch darum zu betteln, endlich diesen fürchterlichen Blick abzuwenden. Nicht jedoch die Mumie, die fast schon so etwas wie Gelassenheit ausstrahlte, während sie so mit vor der Brust verschränkten Armen mit einer Schulter gegen den Türrahmen lehnte.
„Sagst ausgerechnet du“, gab der Zombie zynisch zurück und neigte nun gleichermaßen den Kopf auf die Seite. Er hatte die Mumie mit einem derartigen Blick ins Auge gefaßt, daß er das andere Monster fast vollkommen aus seinem Wahrnehmungsvermögen verdrängt hatte. Nicht, daß ausgerechnet das alte Fossil sich davon beeindruckt zeigte. Das war nun einmal das Elend an jemandem, dessen Existenz schon ein paar Jahrtausende länger währte als die eigene. Da gab es kaum etwas, das diesen noch zu beeindrucken vermochte, welche Mühe auch immer man sich dabei gab. Kindische Demonstrationen der eigenen Fähigkeiten hatten sie beide nicht nötig, sie konnten sich gegenseitig nun einmal nichts vormachen.
„Ja, sage ich.“ Aber wenn sich die Mumie derart unberührt von der vorherrschenden Stimmung zeigte, dann kratzte das doch schon arg am eigenen Gemüt. Und das nicht gerade zum besseren hin. „Was paßt dir daran nicht? Er hätte es genauso sagen können, aber das spielt keine Rolle.“ Eine flüchtige Kopfbewegung hinüber zu dem schweigend dastehenden Geschöpf ließ den Blick des Zombies kurz zu diesem hinüberzucken, doch da dieses verbissen zu Boden starrte, weil es zu ahnen schien, daß sich etwas anzubahnen drohte, dem es nicht wirklich beiwohnen wollte, fixierte er gleich darauf die Mumie wieder erbarmungslos.
„Das spielt durchaus eine Rolle“, erwiderte er mit angespannter Stimme. „Ich möchte nur mal an die zahlreichen Szenen erinnern, die hier seit einigen Wochen jemand abgezogen hat, an diverse Wutausbrüche und ständige Beschwerden über nicht mehr zumutbare Zustände. Und ich glaube, ich war es nicht, der einen Auftritt vor dem Chef hingelegt hat, der noch zwei Stockwerke tiefer in aller Deutlichkeit zu vernehmen war.“
Daß er damit nicht das erreichte, was er eigentlich hatte bezwecken wollen, überraschte ihn einerseits angesichts des sonst üblichen Temperaments der Mumie, auf der anderen Seite stachelte es jedoch auch seine Wut an, die schon seit einer gewissen Weile in ihm glühte. Jedes noch so kleine Wort, schlichtweg alles schien dazu geeignet zu sein, um diese weiter zu entfachen. Er wollte nicht wirklich auffahren, die beiden trugen schließlich keine Schuld an seiner momentan sehr gefährlichen Stimmung, aber er spürte ebensogut, daß er nahe dran war, einfach ausfallend zu werden, auch wenn es jemand Falschen dabei traf. Zumindest die Mumie stellte derzeit jemand dar, der fast schon danach verlangte, erst recht, als sie nur mit einem schwachen Lächeln auf seine Worte reagierte.
„Dachte ich mir doch, daß das kommt. Daß du diesen verbalen Tiefschlag allerdings jetzt schon zu Hilfe nimmst, verwundert mich aber doch.“ Plötzlich verschwand jegliche Belustigung aus den weißblauen Augen und machte einer brennenden Schärfe Platz, die beinahe schon erschreckend war. „Bist du schon so verzweifelt, daß du nicht weißt, was du sonst erwidern sollst? So kenne ich dich gar nicht, Kalma, sonst läßt du doch erst jegliche Raffinesse vermissen, wenn du so hackedicht bist, daß du nicht einmal mehr deinen eigenen Namen buchstabieren kannst. Aber jetzt? Bist du schon jetzt soweit, daß ich mir so was von dir anhören muß?“
„Du wirst dir gleich deine eigenen Schreie anhören müssen, du Fossil, soweit bin ich schon!“, gab der Zombie durch zusammengebissene Zähne zurück, was Zeichen genug dafür war, wie sehr er um seine Beherrschung kämpfen mußte. „Ein Wort noch, Amen, nur noch ein einziges Wort, und ich zeigte dir, wie verzweifelt ich wirklich bin!“
Verdammt, es half nichts, es half alles nichts. Je ungehaltener er wurde, desto weniger zeigte sich die Mumie davon beeindruckt oder gar auf irgendeine Weise angegriffen.
„Seit wann hältst du dich mit leeren Drohungen auf? Das kannst du doch besser. Es braucht kein weiteres Wort, Kalma, kein einziges. So lange wir uns jetzt schon kennen, aber so habe ich dich noch nie erlebt. Noch nie zuvor. Und du kannst dir gar nicht vorstellen, wie verräterisch so etwas sein kann.“
Der Zombie wollte etwas erwidern, das nach der verbalen Form einer Faust aussah, die nur zu gerne Zähne hätte splittern lassen, doch dazu kam es gar nicht erst, weder zu dem einen noch zu dem anderen.
„Glaubst du etwa, du wärst der einzige hier, der allen Grund dazu hat, etwas geheimzuhalten, was niemanden sonst etwas angeht?“
Amen hatte sich vor dem Zombie aufgebaut, doch auch wenn dieser ihn mit einem Blick aus diesen unerträglich klaren Augen fast zu durchbohren drohte, zeigte er nicht die Spur davon, als imponiere es ihm, geschweige denn, daß es ihn einschüchterte. Es war ein Blick jener Art, der ein Versprechen bereithielt, keine Warnung oder Drohung, sondern ein reines, unmißverständliches Versprechen. Ob er in diesem Moment tatsächlich ernsthaft erwog, ihm Dinge anzutun, für die es keine Worte gab, um sie auch nur ansatzweise beschreiben zu können, das wußte er nicht, aber es war ihm auch gleichgültig. Sollte er es doch versuchen und sehen, wie weit er damit kam. Dieses Risiko waren sie noch nie eingegangen, zumal sie bei allen Reibereien, die durchaus hin und wieder zwischen ihnen herrschten, zuviel Achtung voreinander empfanden, aber wenn er es so haben wollte, dann konnte er es auch so bekommen. Vielleicht würde das ja endlich helfen, ihn wieder zur Vernunft zu bringen. Nicht, daß er dem Jungen irgendeinen Vorwurf machte, das konnte er bei aller sturen Bitterkeit, die Kalma so ungewohnterweise an den Tag legte, wirklich nicht – und vielleicht war es gerade das, was es so schwierig machte, einen Zugang zu ihm zu finden. Was auch immer es war, das ihn so verstockt gemacht hatte, es hatte seinen Grund und dieser würde zu tiefgreifend sein, um ihn als nebensächlich oder gar lächerlich abtun zu können. Und das machte sein Verhalten trotz allem so verdammt verständlich.
Ihn einfach so vor den Kopf zu stoßen, das wäre einfach gewesen, doch das wollte er ja gar nicht, nicht so, denn dann hätte er einfach innerhalb kürzester Zeit völlig dichtgemacht. Wenn er aber mehr oder weniger schon regelrecht darauf bestand, daß das der einzige Weg war, um ihm noch irgend etwas nahebringen zu können, dann hatte Amen wiederum kein Problem damit, das Skalpell anzusetzen – und das nicht, weil dieses Skalpell besonders für die Feinarbeit geeignet war, sondern weil es scharf war. Weil es verteufelt scharf war.
„Glaubst du wirklich, du wärst hier der einzige, der etwas in seiner Vergangenheit versteckt hält, das er nie wieder an die Oberfläche lassen will, und das aus gutem Grund?“, setzte er das Messer nach. Allein der Blick, mit dem der Zombie ihn fixierte, ließ ihn wissen, daß dessen Fassade einige empfindliche, nicht offensichtliche Risse erhalten hatte und kurz davorstand zu bröckeln, aber der Mistkerl zeigte wie immer eine bewundernswerte Selbstbeherrschung. Eine Selbstbeherrschung, die die Mumie ihm bei mancher Gelegenheit ganz gerne aus dem Leib geprügelt hätte, so sehr vermochte sie zuweilen an der eigenen Substanz zu nagen, wenn man gerade selbst nicht unbedingt dazu in der Stimmung war, aus irgendeinem nichtigen Grund die Kontrolle über sich zu bewahren. Auch wenn es für einen Beobachter vielleicht so erschien, doch er tat das nicht gern. Er empfand keinerlei Häme dabei, so auf Kalma einzudringen und gleichzeitig das Gefühl über sich ergehen lassen zu müssen, als ob dieser ihm gerade am liebsten jeden einzelnen Knochen aus dem Leib gerissen hätte. Aber er kannte den Zombie nun schon lange genug, um zu wissen, daß es manchmal einfach nur diesen einzigen Weg gab, um dessen scheinbar undurchdringlichen Panzer zumindest anzukratzen. Damit er endlich überhaupt jemanden an sich heranließ. Niemand von ihnen zeigte gern ein unnötiges Anzeichen von Schwäche, das wußte er von sich selbst nur zu gut, aber er wurde den Verdacht nicht los, daß Kalma, so gut er sich auch beherrschte, gerade dabei war, von seiner eigenen Vergangenheit aufgerieben zu werden.
Und das machte es schwer, ihm derart zuzusetzen. Bei aller Unstimmigkeit, die es oftmals zwischen ihnen gegeben hatte, trotz eines gewissen Konkurrenzkampfes in scheinbar grauer Vorzeit, doch auch wenn er es auf jede nur erdenkliche Weise vor sich zu entschuldigen versuchte, so machte es das doch nicht leichter, das Messer in diese so offensichtliche Wunde zu stoßen. Dafür konnte er es selbst viel zu gut nachempfinden, wenn auch auf eine unterschiedliche Art, doch blieb es sich am Ende gleich.
Er konnte es verdammt gut nachempfinden, hatte er es doch gerade erst wieder einigermaßen geschafft, es halbwegs zu verdrängen.
Anmerken ließ er sich von all dem nicht die Spur, was wohl nicht zuletzt ein Grund für die stetig steigende, fast schon spürbare Anspannung war, die sich über sie gelegt hatte. Er bemerkte, daß Kita, der mit einem seiner wer weiß wie vielen Sinne besonders empfindlich auf diese Form von Gemütsschwankungen reagierte, den Kopf noch weiter zwischen die Schultern gezogen hatte, so als befürchtete er, unverschuldet mit in diesen Sog hineingerissen zu werden, der sich langsam zu entwickeln begann. Für ihn mußte die derzeitig herrschende Spannung besonders schlimm sein, denn im Gegensatz zu den anderen war er nicht dazu in der Lage, die Wahrnehmung derer einfach abzustellen und zu verdrängen, wie er wollte. Er war dazu verdammt, alles in sich aufzunehmen, was auch nur entfernt an sein Empfinden kratzte, ob er nun wollte oder nicht, doch er war nicht dazu fähig, sich vor dem zu verschließen. Und er fühlte sich unwohl angesichts der derzeitigen Situation. Dermaßen unwohl, daß er beinahe schon eingeschüchtert im Hintergrund blieb und noch nicht einmal auf den Gedanken kam, die Räumlichkeit einfach zu verlassen. Es prallte zur Zeit wohl schlichtweg zuviel und das zu heftig auf ihn ein, als daß er bislang dazu in der Lage gewesen wäre, alles zu sortieren und zu sich selbst zurückzufinden. Das Ungetüm tat ihm fast schon leid, aber darum konnte er sich jetzt nicht auch noch kümmern.
„Glaubst du etwa, ich hätte mich darum gerissen, zu dem zu werden, was ich jetzt bin?“, wollte er weiterhin von Kalma wissen, dessen Kiefermuskulatur sich schon längst sichtlich verkrampft hatte. Es bereitete ihm sichtlich immer mehr Mühe, noch an sich zu halten, aber das war gut so, das war genau das, worauf er hinauswollte – so sehr er sich dabei auch selbst anwiderte. „Glaubst du etwa“, hierbei fuhr er zu Kita herum, den er mit zwei weitausgreifenden Schritten erreichte und dann keinerlei Gedanken mehr daran verschwendete, als er ihm mit einer Hand fast schon grob den Kopf auf die Seite schob und nach vorne drehte, „er ist so auf die Welt gekommen? Mit einem solchen Gesicht? Kannst du dich etwa nicht mehr daran erinnern, in welchem erbärmlichen Zustand wir ihn damals aufgefunden haben? Sag’ mir nicht, daß du das nicht mehr weißt. Sag’ mir nicht, daß du dich nicht mehr an die zahllosen Verletzungen erinnern kannst. Solche Narben kommen nicht von nichts, das solltest du nur zu gut wissen. Niemand wird mit so deutlich sichtbaren Zeichen von Folter, Verstümmelung und Mißhandlung geboren, niemand, ganz gleich, woher er kommt! Sag’ mir, daß du das erkennst, sonst weiß ich nicht, wo du die letzten Dekaden gewesen bist oder ob du einfach nur dauerhigh warst. Spricht das nicht deutlich genug für eine Vergangenheit, die er ebenso vor uns allen verborgen lassen will wie du die deine? Hat nicht jeder von uns etwas zu verbergen, über das er nicht sprechen will, an das er nicht einmal denken will?“
Kita war für den ersten Augenblick so überrascht darüber gewesen, daß die Mumie ihm so hart den Kopf herumgeschoben hatte, um Kalma die eine Hälfte seines Gesichtes zu zeigen, daß er gar nicht erst hatte reagieren können. Jetzt aber, für seine Verhältnisse unglaublich langsam, fing er sich wieder und völlig instinktiv drang ein kaum hörbares Knurren aus seiner Kehle, das deutlich machte, was er von dieser vollkommen ungewohnten Behandlung hielt. Niemand faßte ihn so an, ohne nach kürzester Zeit in Fetzen zu ruhen, niemand außer einem ganz auserwählten Kreis, doch selbst bei jenen mußte er an sich halten, um sich nicht von seinen tiefverwurzelten Instinkten überwältigen zu lassen. Es hatte andere gegeben, die ihn einst so angefaßt hatten, andere, die einst sein Gesicht und jeden einzelnen verfluchten Zoll seines Körpers so präsentiert hatten, damals, vor so unendlich lang erscheinender Zeit. Damals hatte er sich dem nicht widersetzen können, und die Qual und Demütigung, die er damit in Verbindung brachte, hatte sich für alle Ewigkeit in sein Gedächtnis eingebrannt. Er wußte nur zu gut, daß Amen ihm niemals etwas von dem antun würde, was sich in seine Erinnerungen gefressen hatte, doch hatte das, was einst geschehen war, so tiefe Spuren in ihm hinterlassen, daß er gar nicht anders reagieren konnte. Sein Kiefer bebte, als er die Hand der Mumie so nahe daran spürte, in ihm regte sich das intuitive Bedürfnis, diese Hand mit einem fürchterlichen Biß zu zermalmen, und es fiel ihm nur sehr schwer, sich zurückzuhalten. Zuviel verband er mit dieser Berührung, zuviel, dessen er sich niemals wieder erinnern wollte. Die anderen wußten, wie sehr er es haßte, sich anfassen lassen zu müssen, wie empfindlich er auf Berührungen jeglicher Art reagierte, und so vermieden sie solche auch, wenn es sich denn vermeiden ließ. Er war sich selbst bewußt, daß niemand von ihnen böse Absichten hegte, doch seine Abneigung, ja, seine Abscheu und der unglaubliche Haß dagegen hatten sich so sehr eingebrannt, daß es ihm ins Blut übergegangen war, zu reagieren, bevor etwas anderes schneller sein konnte. Etwas anderes, das die Vergangenheit wieder heraufbeschwören konnte, jenen Teil der Vergangenheit, der ihm nichts als Schmerz und Erniedrigung gelassen hatte.
Wäre es nicht Amen oder einer der anderen gewesen, der ihn angefaßt hätte, so wäre jetzt nicht mehr genug übrig gewesen, um diesen Jemand noch in ein Einmachglas stecken zu können.
Die Mumie spürte dieses bedrohliche Knurren mehr, als daß sie es vernahm, und so löste sie ihren Blick für kurze Zeit von Kalma, um Kita anzusehen. Es war keine übertrieben Hast dabei, als sie schließlich ihre Hand von dem wesentlich mächtiger gebauten Ungeheuer fortnahm, und auch ließ sich anhand dieser langsamen Bewegung keinerlei Anzeichen erkennen, als sei sie sich bewußt geworden, einen furchtbar dummen Fehler begangen zu haben. Das war es alles nicht. Es war unverkennbar, daß sich Amen ganz genau darüber im klaren war, was er getan hatte und daß er genau das mit vollster Absicht getan hatte. Er war sogar bereit gewesen, die Konsequenzen dafür zu tragen, wenn mit Kita die bis ins Mark verwurzelten Instinkte durchgegangen wären und er über ihn hergefallen wäre. Er hatte schon mehr als einmal gesehen, was aus solchen unbedachten Großmäulern geworden war, die gedacht hatten, das Monstrum sei nicht mehr als ein zu groß geratenes, extrem häßliches Kuscheltier. Die hatten noch nicht einmal die Zeit gehabt, um ihr Verhalten bereuen zu können. Jeder einzelne von ihnen war ein Gefangener ihrer eigenen Vergangenheit, doch so offensichtlich wie bei Kita war es bei niemandem.
Erst als Amen wieder einen Schritt zurückgetreten war, entspannte sich die Haltung des großen Ungeheuers wieder merklich, wo doch sein Knurren schon längst verklungen war. Es hegte keinerlei Groll gegen die Mumie, aber manche Dinge waren nun einmal weit stärker als jeder Anklang von Verstand.
Kalma hatte diese kurze Szenerie regungslos beobachtet, doch auch er hatte nicht damit gerechnet, daß Kita die Mumie auseinanderreißen würde. Er zweifelte nicht einmal daran, daß das Monster ihr gar nicht mal ernsthaft etwas anhaben konnte. Und auch wenn Kita ein gänzlich anderes Kaliber als OX war, so stand doch anzunehmen, daß Amen ihn ähnlich nachdrücklich in die Knie zu zwingen vermochte, wenn er dazu gezwungen wurde.
Wenn er bereit war, jegliches Vertrauen, das so unglaublich lange gebraucht hatte, um überhaupt zu entstehen, wieder mit einer einzigen Handlung zunichte zu machen.
Und dann drang wieder der Blick eiskalter weißblauer Augen in seinen Schädel.
„Glaubst du wirklich, du wärest der einzige, dem das Vergangene so sehr zu schaffen macht?“, fragte Amen ein wenig leiser nun. Mit welchem Recht maßt du dir das an?“
„Ich maße mir überhaupt nichts an“, zischte Kalma zurück. „Nicht das geringste, aber das scheinst du nicht überschauen zu können. Aber eine Gegenfrage: Was maßt du dir an, mir meine Vergangenheit zum Vorwurf zu machen?“
Wäre ihr Gesicht in einem besseren Zustand gewesen, hätte man vielleicht deutlicher sehen können, wie die Mumie jetzt lächelte. Doch es war ein Lächeln bar jeden Humors, sogar ohne jeden zynischen Anschein, was es um so fremder erscheinen ließ.
„Versuch’ bloß keine Spielchen mit mir zu spielen, Kleiner, dazu bist du trotz allem noch zu grün hinter den Ohren.“ Amen neigte den Kopf leicht auf die Seite. „Ich denke mir nicht, daß ausgerechnet du zur Zeit in der Position bist, um mir vorhalten zu können, ich würde irgend etwas nicht überschauen können. Aber vielleicht solltest du einfach mal damit anfangen, richtig zuzuhören. Ich mache dir überhaupt nichts zum Vorwurf. Was ich lediglich zum Ausdruck bringen wollte, ist die Tatsache, daß du dich nicht in dem Irrglauben versteigen sollst, du wärst der einzige, dem hin und wieder Dinge zu schaffen machen, mit denen er nie fertiggeworden ist. Das geht uns allen so, ohne jede Ausnahme – sonst wären wir nicht das, was wir sind.
Aber irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, daß du momentan glaubst, dir wäre das mit Abstand schlimmste zugestoßen. Und das läßt mich nun einmal zweifeln.“
„Tut es das?“, gab Kalma scharf zurück und trat dabei einen Schritt auf die Mumie zu. „Und was bringt dich zu der Annahme, daß dem nicht so ist? Meinst du etwa, ich wälze mich in Selbstmitleid, weil ich gerade in einer Phase bin, in der ich Aufmerksamkeit brauche? Ist es das, was du denkst?“
„Ich meine, du bist in einer Phase, in der du nicht klar denken kannst“, gab Amen vollkommen ruhig und ohne jedes Zögern zurück. Er mußte sich selbst eingestehen, daß es ihm nicht leicht fiel, diese Worte loszuwerden, auch wenn sie der Wahrheit entsprachen. Es war immer andersherum bei ihnen gewesen, der Zombie war immer der klare, nüchterne Kopf gewesen, den so leicht nichts aus der Ruhe bringen konnte, den scheinbar nichts erschüttern konnte – oder es sich zumindest niemals anmerken ließ. Niemals ließ er sich anmerken, wenn ihn etwas auf irgendeine Weise berührte, wenn es denn überhaupt etwas gab, das ihn zu berühren vermochte. Er war dermaßen kaltblütig und emotionslos, daß jeder von ihnen ihm genau das jederzeit abgesprochen hätten, zwar nicht mit völliger, jedoch mit ziemlicher Sicherheit. Dagegen war er selbst schon immer ein Temperamentbündel gewesen, das sich niemals die Mühe gemacht hatte, seine heftigen Stimmungsschwankungen an die Leine zu legen oder gar zu unterbinden. Bei ihm war es immer leicht gewesen zu erkennen, in welcher Laune er gerade war, zumal er nie einen Hehl daraus gemacht hatte. Ob nun auffahrend oder mißgestimmt, es war selten zu mißdeuten gewesen, er hatte sich nicht darum bemüht, seine Emotionen auch nur annähernd so eisern zu kontrollieren wie Kalma.
Jetzt aber fragte er sich, ob sie sich nicht nur all die Jahre gegenseitig, sondern auch selbst etwas vorgemacht hatten.
„Was weißt denn du“, knurrte der Zombie nur, doch in diesen wenigen Worten klang überraschenderweise kaum mehr etwas von jener Bösartigkeit mit, die er noch vor einem kurzen Augenblick mit jeder Faser verkörpert hatte. Auch wenn er immer noch aufgebracht war, so schien er doch keine Neigungen auf ein Wortgefecht zu verspüren oder gar gewillt zu sein, näher auf das einzugehen, was ihn bewegte. Was Amen nur zu gut verstehen konnte. Wenn es ihn überhaupt schon zu einem solchen Sinneswandel gebracht hatte, dann mußte es etwas derart Schwerwiegendes sein, über das man besser nicht nachdenken sollte.
„Ja“, entgegnete er, „was weiß ich schon. Ich weiß überhaupt nicht. Andererseits...“ Er zuckte beinahe gleichmütig mit den Schultern und warf einen flüchtigen Blick auf den immer noch schweigenden Kita, der wieder beinahe verzweifelt auf den Boden starrte, doch er hatte ihn schon wieder von ihm abgewandt, noch bevor dessen Kopf in einer plötzlichen Bewegung herumgeruckt war, um ihm zu begegnen.
„Andererseits glaube ich, daß du gar nicht wissen willst, was ich weiß.“
„Was vielleicht auch besser so ist“, gab Kalma überraschend glatt, fast schon sanft zurück, aber es war eine trügerische Sanftheit, hinter der eine Bitterkeit steckte, die auf der Zungenspitze zu schmecken war. „Wenn ich wüßte, was du weißt, könnte ich mich vielleicht genötigt sehen, dir mehr als nur deinen verdammten Kiefer herauszureißen. Und egal, was du über mich denkst, egal, was du je über mich gedacht hast: Ich will das nicht tun. Das will ich wirklich nicht, glaub’ mir das. Aber ich würde es ohne jedes Zögern tun.“
Das war das erste Mal, seit er durch die Tür getreten war, daß Amen stockte. Daß er tatsächlich nicht wußte, was er darauf erwidern sollte. Was der Zombie da gesagt hatte, verriet mehr über ihre schon seit vielen Jahren andauernde Beziehung zueinander als alles andere jemals zuvor. Eine Beziehung, die nichts Zweideutiges hatte, die auf bedingungslosem Vertrauen fußte; ein Vertrauen, das nahezu unmöglich war, sich zu verdienen bei dem, was jeder einzelne von ihnen in seiner vormaligen Existenz erlebt hatte, in einer Existenz, in der Vertrauen zu einem unerklärbaren Fremdwort geworden war, einer Existenz, in der Vertrauen wieder und wieder vergewaltigt worden war, um es letztlich so vernichtend aufzureiben, daß nicht einmal Partikel davon übriggeblieben waren. Vertrauen war etwas, über das jeder von ihnen kaum mehr als müde lächeln konnte und es als etwas bezeichnete, wie es gerade in der heutigen Zeit toter nicht sein konnte, doch sie hatten diese Erfahrung schon weit früher gemacht – gebessert hatte dies ihre Einstellung dazu jedoch nicht. Sie vertrauten nur sich selbst. Einem winzigen Kreis von Auserwählten, die an einer Hand abzuzählen waren.
Dessen waren sie sich alle bewußt, doch Kalma war der erste nach all den Jahren, der unumwunden zugab, wieviel ihm das eigentlich bedeutete. Wieviel es ihm bedeutete, anderen vertrauen zu können, in dem gesicherten Wissen, daß niemand von ihnen dieses Vertrauen jemals ausnutzen würde
Der letzte, von dem er gedacht hätte, daß er dies jemals würde aussprechen können, ohne an diesem Eingeständnis zu ersticken.
Er zeigte Schwäche. Und der Zombie zeigte niemals Schwäche. Niemals.
Die Bedeutung dieser Worte entging niemandem und sie ging derart tief, daß sie sie erst einmal verarbeiten mußten. Amen und der Zombie starrten sich gegenseitig an, und in diesem Moment wußten sie beide voneinander, was der andere dachte. Denn was immer Kalma auch gesagt hatte, auf welche Weise er auch deutlich gemacht hatte, wieviel ihm dieses Vertrauen bedeutete – er hatte ebenso klar gemacht, was er zu tun bereit war, sollte auch nur irgend jemand dieses Vertrauen ausnutzen. Und die Mumie wußte, daß er es tun würde.
Was, was um alles in der Welt ging bloß vor sich, daß ausgerechnet Kalma Schwäche zeigte? Welches unbegreifliche Ausmaß hatte diese Sache, die so ohne jeden Zweifel in seiner Vergangenheit ihren Ursprung hatte und die nun offenbar aus noch unerfindlichen Gründen wieder mit aller Macht an die Oberfläche gepeitscht worden war, so dicht unter die Oberfläche, daß sie sogar den sonst so unnahbaren, so emotionslosen Zombie zu zermürben drohte?
Sie starrten sich an, Augen von bodenloser, durchdringender Klarheit, und ihnen war bewußt, daß es besser war, kein weiteres Wort darüber zu verlieren. Niemandem lag etwas daran, einen Strip bis auf die Knochen zu vollziehen und sich dabei die Seele selbst zu zerfleischen. Es war immer noch eine merkliche Spannung zwischen ihnen, doch inzwischen hätte auch dem letzten klar werden müssen, daß dieser Spannung nicht die Spur von Feindseligkeit anhaftete – daß sie es nie getan hatte.
Es war Kalma, der sich als erster losriß und mit dem fortfuhr, was er hatte unterbrechen müssen oder worin er sich vielmehr hatte unterbrechen lassen. Es war offensichtlich, daß er die Angelegenheit als erledigt betrachtete, daß er keinerlei Ambitionen hegte, sich noch eingehender damit zu befassen – um nicht letztlich doch noch die Kontrolle über sich zu verlieren.
Und es war Amen, der sich nicht mit der offensichtlichen Konsequenz abfinden konnte. Eigentlich konnte er es verstehen, das konnte er sogar sehr gut, auch wenn er nicht wirklich wußte, was vorgefallen war. Aber er kannte die unerträgliche Qual der Erinnerungen, den niemals verblassenden Schmerz, er kannte das alles so verdammt gut, denn es verging kein Tag, seit Jahrtausenden verging kein einziger Tag, an dem er es nicht spürte. Er konnte es verstehen. Vielleicht fiel es ihm gerade deshalb so unglaublich schwer, es zu akzeptieren. Weil er wußte, daß er nichts anderes getan hätte.
„Warum packst du?“
Der Zombie wandte sich nicht um, doch daß er diese Frage vernommen haben mußte, war unzweifelhaft. Und ebenso unzweifelhaft war die Spur von verbittertem Spott, die in seiner Stimme lag, als er mit gewohnter Trockenheit erwiderte: „Frag’ den Chef, der wird dir das sicherlich beantworten können.“
Und letzten Endes war es Kita, der, nur einen flüchtigen Blick mit Amen austauschend, plötzlich spürte, daß die Mumie unweigerlich einen Fehler begehen würde. Es war nicht das erste Mal, daß so etwas wahrnahm, doch er verabscheute es, wußte er doch, daß er nie rechtzeitig reagieren konnte. Er hätte es verhindern können, wenn er es nur für den Bruchteil eines Herzschlags eher spüren würde. Nur einen Bruchteil, eine so verdammt winzige Zeitspanne.
Er konnte nichts daran ändern – und dafür haßte er sich.
„Ich frage aber dich.“
Nichts Drängendes lag in dieser Entgegnung, kein schmerzhaftes Sticheln, statt dessen sogar eine ungeahnte Behutsamkeit, die sich selbst bewußt war, wie notwendig sie war.
Keiner von ihnen hätte ahnen können, wie heftig Kalma darauf reagieren würde, nicht einmal er selbst. Doch hatte der Zombie sich vorhin nicht einmal die Mühe gemacht, den Kopf zu drehen, so fuhr er nun herum, mit einer nie gekannten Heftigkeit, die selbst Kita dazu brachte, sich enger in die Ecke zu drücken, und Amen einen instinktiven Schritt zurückweichen zu lassen, mit einem Ausdruck auf dem häßlichen, entstellten Gesicht, wie sie ihn noch nie zuvor gesehen hatten, und mit einem Blick dieser so bodenlosen Augen, einem Blick, zum Teufel noch mal...
Die haarfeinen Risse der Oberfläche waren aufgebrochen. Nun begann hervorzuschäumen, was so gut bewahrt worden war.
„Frag’ IHN, nicht MICH!!!“
Diese Worte hatte er geschrien, er hatte sie wirklich geschrien. Und letztlich zeigte das wohl, wie es um seine sonst so sorgsam gepflegte eiskalte Beherrschung bestellt war.
Das und das unverkennbare Zittern am ganzen Körper. Das Beben der verkrampften Kiefermuskulatur. Die für einen kurzen Moment andauernde Ungewißheit, was er mit seinen Händen tun sollte, ob er an sich halten oder die Mumie damit in Stücke reißen sollte. Und all das waren schon Anzeichen genug für seine Bereitschaft, es auch zu tun. Nicht, daß er mit Gewißheit davon ausgehen konnte, damit etwas ausgerechnet bei Amen erreichen zu können. Bei nahezu allen anderen Untoten vielleicht, aber die Mumie war dazu eine Nummer zu groß.
Und letztlich wollte er es doch nicht, verdammt, er wollte es doch wirklich nicht.
Doch was Amen betraf, mehr als alles andere, mehr als das leichte Beben, mehr als die aufgeschäumte unmittelbare Gewaltbereitschaft ihm gegenüber, mehr als den plötzlich wieder aufgeklungenen Herzschlag des Zombies, den er in seinen eigenen Ohren pulsieren hörte, mehr als diese ganze, in seinem Innersten ein nervenzerfetzendes Summen auslösende Anspannung sah er Kalmas Augen. Diese smaragdgrünen Augen, bodenlos wie die See und doch von unbeschreiblicher Klarheit. Ein Blick aus diesen Augen, der das Selbst mit einem Spinnennetz von Rissen übersäte, ein Blick zu tief, der es zerbersten ließ.
Nichts von all dem war nun darin zu erkennen. Dafür jedoch zum allerersten Mal, seit sie sich kannten, ein Schimmer, ein verräterischer Schimmer, der von dem flüsterte, was hinter diesen Augen lag, der trotz aller Bemühungen dagegen einen Hauch von dem spiegelte, was dahinter lag, so viele Jahre verborgen, so sorgsam bewahrt. Ein Schimmer, der zu verraten drohte, was nie hätte verraten werden durfte, was immer tief in der Seele hätte vergraben bleiben sollen.
Und ihm wurde bewußt, was er angerichtet hatte.
Er war zurückgewichen, als der Zombie herumgefahren war, ja. Aber nicht, weil er sich möglicherweise davor fürchtete, daß dieser auf ihn losgehen könnte. Kalma gehörte wohl zu den ganz wenigen, zu der verschwindend geringen Anzahl jener, die ihm ernstlich etwas anhaben konnten, aber er wußte auch, daß er genau das niemals tun würde. Jedenfalls nicht, wenn er sich nicht wirklich dazu gezwungen sah. Er war vor der Heftigkeit zurückgewichen, die sich ihm auf einmal offenbart hatte, einer emotionalen Heftigkeit, von der er nicht gewußt hatte, daß der Zombie sie überhaupt besaß. Und er hatte sie geweckt. Nein, das stimmte nicht, erwacht war sie schon früher. Aber er hatte sie angestachelt, so lange, bis sie sich so bedrängt gefühlt hatte, daß sie sich mit einem nun aufheulend zur Wehr setzte.
Er wollte etwas sagen, wollte sich entschuldigen, das hatte er nicht gewollt.
Und? Getan hast du es trotzdem.
Da war dieser Blick, ein Blick, dem er zum ersten Mal überhaupt nur mit Mühe begegnen konnte, da etwas darin lag, das ihm vollkommen fremd war. Weil es ihn an sich selbst erinnerte. Wenn er recht hatte mit dem, was er vermutete, dann bewunderte er Kalmas immer noch bestehende Selbstbeherrschung, denn was das betraf, so zweifelte er nicht daran, daß er selbst ohne jedes Zögen jeden zerfetzt hätte, auch wenn nur unbewußt das Messer in eine derart tiefe, nie verheilte Wunde gebohrt und es noch einige Male kräftig gedreht worden wäre.
Er hätte es verstanden, wenn Kalma es jetzt auch bei ihm getan hätte.
Aber der Zombie hielt an sich. Er tat sich zwar sichtlich schwer damit, doch Emotionen waren für ihn schon immer etwas gewesen, das sich kontrollieren ließ. So eine Gewohnheit ließ sich nicht von jetzt auf gleich abstellen, auch wenn sie kurz davor stand, davongewischt zu werden.
Und so nickte er schließlich nur langsam. Denn auch wenn er kein Wort darüber verlor – er würde sich hüten, das zu tun –, doch er konnte den Grund für Kalmas Reaktion nicht nur sehr gut verstehen. Was den Zombie innerlich bewegte, war stark genug, daß er die Ausläufer der Wellen wahrnehmen konnte.
Er konnte es spüren .
Sie hatten alle ihren Grund, ihre Vergangenheit geheimzuhalten. Keiner von ihnen war so dumm, diesen nur zu verständlichen, wenn auch nie ausgesprochenen Wünschen zuwiderzuhandeln.
Laß ruhen, was ruhen soll, oder begib dich in die Gefahr, daß es dich zerreißt.

Ende Kapitel 7