It Snows in Hell

 

Es war bereits tiefste Nacht, als Karah das finstere Gewölbe betrat.

Sofort durchzog sie von oben bis unten ein eisig kalter Schauer, der sie zurückweichen und die Zähne zusammenbeißen ließ – Allerdings nur einen Moment lang. Karah war viel zu entschlossen, um sich von der schneidenen Kälte, die an diesem Ort herrschte, fortjagen zu lassen.

Sie würde es tun. Sie würde es vollenden.

Das Gewölbe besaß eine ganz eigene und zutiefst mysteriöse, dunkle Atmosphäre, die wie ein schwarzer Panther zwischen den grauen, langen Steinsäulen und hohen Bögen entlangschlich. Wie der Tiger vor dem Sprung lag etwas auf der Lauer, und ein beklemmendes Gefühl packte Karah im Genick. Ein mystisches, schwarz-blaues Licht erfüllte den Raum und verlieh den Säulen einen matten Glanz – Ihre Schatten zeichneten sich wie Strahlen auf dem Boden ab. Und eine vollkommende Stille herrschte hier, als ob etwas oder jemand hier völlige Ruhe benötigte. Das einzige, was Karah warnahm, war die arktische Kälte hier, die sie wie eine mächtige Klaue ergriff und zu anhaltendem Zittern brachte.

Karah blieb standhaft. Ein bisschen zu frieren war ein geringer Preis für die Befriedigung ihres Rachedurstes.

Die junge Kriegerin begann, die Halle zu durchqueren. Sie zeigte keinerlei Schwäche, denn das könnte sie vielleicht das Leben kosten. Daher ließ sie irgendwelche Gedanken an ein Zurück und an Flucht im Keim ersticken.

Karah ging langsam durch die Halle, den entschlossenen Blick starr nach vorn gerichtet. Noch lag ihr Ziel im Schatten, noch konnte sie es nicht sehen – Aber sie wusste, dass dort hinten das war, was sie suchte. Ihre schweren Stiefel kamen bei jedem Schritt mit Macht auf dem Steinboden auf. Vollkommen lautlos.

Während sie die die langgezogene Katakombe durchquerte, kamen Erinnerungen in ihr hoch.

“Ich werde dich töten, du Miststück!!”

Tränen, Wuttränen. Überall in Karah’s Gesicht.

 Ihr war alles genommen worden, was ihr im Leben wichtig war, wirklich alles. Ihre Familie liegt tot auf dem hellbraunen Dielenboden, das Blut ihrer Eltern und ihrer Geschwister färben das Holz nach und nach rot.

 Blutrot, wie die Wut, die in Karah herrschte.

Das Haus ist verwüstet, alles Wertvolle oder Liebgewonnene ist kaputt, zertrümmert, zersplittert.

Zersplittert, wie Karah’s Herz.

Zur Krönung hatte diese grausame Bestie auch noch Karah’s Liebstes vor ihren Augen explodieren lassen. Karah’s Ehemann.

“Ich werde dich TÖTEN!!”

 Karah’s hysterische, von Zorn durchtränkte Stimme durchdringt die Wände. Sie und er waren erst drei Monate verheiratet gewesen. Nun ist alles vernichtet, verloren.

 Verloren, wie Karah’s Verstand.

Karah blieb kurz stehen und wischte sich mit dem Handrücken eine Träne von der Wange. Keine Schwäche zeigen, nicht jetzt. Sie atmete tief durch und setzte ihren Weg fort, zu dem schwarzen Bereich am Ende des Gewölbes.

Sofort greift sie zu ihrem geschärften Langschwert. Seine mächtige und hochwertige Klinge hatte schon vielen Ausgeburten der Hölle und des Teufels zu ihrem Schöpfer zurückgeschickt, nun wird sie dem schlimmsten Feind seine verdiente Strafe bringen. Karah rennt aus dem, was von dem Haus ihrer Familie übriggeblieben ist, fort und den Weg hinunter. Dieser geisteskranke Mörder  konnte noch nicht weit sein. Karah’s Sicht wird fast vollständig von ihren Tränen verschleiert, doch das ist egal. Ihre Wut und ihre Rachedurst leiten sie.

 

In Karah’s Augen flammte erneut der Zorn von damals auf. Unwillkürlich machte sie eine verächtliche Geste dem Ende der Katakombe entgegen.

 

Rennen. Sie rennt, sie rennt ohne Sinn und Verstand, ihr Schwert direkt bei sich. Sie rennt, sie muss diese kranke Perversion eines Lebewesens erwischen. Und töten.

Durch ihren Tränenschleier nimmt sie aufeinmal eine große Silhouette wahr – Eine Silhouette, die definitiv keinem Menschen gehört. Karah’s Beine tragen sie wie der Wind. Immer schneller kommt der Umriss näher, immer schneller spürt Karah ihre Rache kommen. Ihr Schwert ist kampfbereit. Sie ebenfalls.

 

Schon steht der Dämon vor ihr.

Er steht mit triumphierendem Gesichtsausdruck vor der jungen Kriegerin. Dieses Schwein hat sie erwartet. Siegessicher und erhaben. Auf’s Grausamste  provozierend.

 

Er grinst böse.

 

Karah’s Schwert sticht zu.

 

Ein heftiger Treffer in das vernarbte, zerfurchte Gesicht des Dämons. Damit hat er nicht gerechnet. Eine blitzschnelle Attacke, ohne Vorwarnung, ohne Zögern. Zu schnell für den arroganten Killer.

Sein dunkelrotes Blut verteilt sich rasch. Spotzend und mit letzter Kraft brüllend leidet der Grausame unter dem entsetzlichen Schmerz. Karah ist das nicht genug. Ihrem Zorn ist das nicht genug. Mit voller Wucht rammt sie die Spitze der Klinge in den Kopf des am Boden liegenden Mördes.

 Nochmal.

Und nochmal.

Und nochmal.

Das schwarze Haar, der schwarze Bart, das zerfurchte Gesicht – All das ist nicht mehr wiederzuerkennen.

Langsam verraucht der Zorn der Kriegerin. Sie sieht den Vernichter ihres glücklichen Lebens sich in den letzten Metern seines Todeskampfes winden. Sie hatte ihn mit soviel Kraft und an der richtigen Stelle getroffen, dass der Kampf zu Ende war, bevor er begonnen hatte.

Karah wendet sich von der Szenerie ab und geht langsam fort, während das Herbstlaub auf die tote Bestie niederrieselt. Ganz leise und sacht.

Ganz ganz leise.

Ein paar Tage später werden die Überreste der Leiche von den anderen Dorfbewohnern beerdigt. Da sie der entsetzlich bearbeiteten Leiche nicht trauen und fürchten, es könne sich um einen Dämon handeln, wird er in einem alten, weitabgelegenen Gewölbe beigesetzt.

Langsam geht das Herbstlaub auf dem einfachen Holzsarg nieder.

Eigentlich müsste Karah nicht hier sein. Eigentlich war ihre Rache vollendet, der Mörder war tot. Leider musste Karah feststellen, dass sie in der Aufregung vergessen hatte, das Herz des Dämons zu durchstoßen, um ihn endgültig aus dem Verkehr zu ziehen. Denn solange das Herz eines Dämons noch intakt ist, kann er sich regenerieren, auch wenn es lange dauert. Das heißt, Karah musste noch einmal herkommen und das Herz vernichten. Und wenn sie das komplette Grab durchlöchern musste, sie fand nicht eher Ruhe, bis der Wahnsinnige ein für alle Mal erledigt war.

Schließlich kam Karah an dem Ende des Gewölbes an.

 

Hier war der Widerling verscharrt worden. Ein kleines Kreuz aus Holz steckte auf dem Grab, sonst war es völlig leer.

 

Karah zog ihre Langschwert.

 

Sie atmete mehrfach tief durch. Sie fixierte das Grab genau in ihrem Blick.

 

Nochmals holte sie Luft.

 

Sie holte weit aus.

 

Ein letztes Mal Luft holen-

 

„RAAAAAAHHH!!!!“ Karah stieß einen lauten Kampfschrei aus, setzte mit einem Schlag all ihre Kraft frei, ihr Schwertarm schoss genau auf die Mitte des Grabes zu. Schnnell und tödlich, gleich würde es vorbei sein. Karah erwartete schon den Aufprall, senkrecht raste das Schwert, ganz knapp vor dem Boden-

 

Stoppte es.

 

Eine Hand, die samt Arm aus dem Grab herausragte, hielt die Klinge des Langschwertes fest.

 

Karah schrie wutentbrannt, sie wollte den Dämon vernichten, hier und jetzt. Keine Verzögerung. Da konnte ihr der Kerl nicht reinreden, es war zu spät für ihn, viel zu spät.

 

Sie versuchte mit einem Ruck ihr Schwert aus dem Griff zu lösen, doch so sehr sie sich anstrengte, die krallenbewehrte Hand gab ihr keinen Millimeter der Waffe zurück.

 

Karah zog und zog, Schweiß durchtränkte ihr Haar, ihre Arm- und Gesichtsmuskeln waren auf das Äußerste angespannt, doch es rührte sich nichts, rein gar nichts.

 

Bis auf eines:

 

Der Dämon hörte auf, das Schwert festzuhalten.

Stattdessen fing er an, an der Klinge zu ziehen.

 

Als Karah dies bemerkte, war sie schon ein Stück Richtung Grab gerutscht. Sie reagierte sofort, indem sie sich mit aller Kraft gegen den Boden stemmte und in die entgegengesetzte Richtung an ihrem Schwertgriff zog. Sie schrie vor Anstrengung, ihr Körper wurde vollständig ausgereizt-

 

Doch es half nichts.

 

Unaufhaltsam näherte sie sich dem Dämon – Bald schon stand sie direkt auf dem Grab.

 

Im nächsten Moment ließ die Bestie das Schwert los.

 

Karah wunderte sich, aber sie wollte die Gelegenheit ergreifen. Der Dämon hatte einen Fehler gemacht, und das musste sich einfach ausnutzen.

Karah holte wieder weit aus, das Schwert in senkrechter Position, bereit, mit voller Kraft zuzustoßen.

 

Da schossen beide Monsterarme aus dem Grab, schnellten auf Karah zu. Karah’s Augen weiteten sich-

 

Der Dämon packte sich ruppig sein Opfer, umschlang den Körper und riss die Kriegerin in das Grab hinein.

 

Die mystische Atmosphäre kehrte zurück. Wie ein sanfter, düsterer Schleier sank sie wieder auf den Ort herab.

 

Und dann begann es in dem Gewölbe zu schneien.

 

In dicken, schweren Flocken, die leise und langsam auf den Steinboden niederrieselten.

 

Friedlich rieselten sie, als ob nichts geschehen wäre.

Wie Boten der Unschuld.

 

 

©  by Hisui  aka  Spongie *W*   2006