Kalma

 

Der Fluch des Todes

 

 

I - Der Pakt

 

   "Warum sollte ich dich verschonen, Menschlein?" intonierte eine tiefe Grabesstimme, und eine Sense mit tiefschwarzer Klinge senkte sich drohend auf die kniende, zitternde Gestalt herab die in Verzweiflung die Hände rang. Kein Lichtstrahl der mondhellen Nacht brach sich auf der Schneide der Waffe, die von einer knöchernen, im fahlen Licht weiß schimmernden Hand geführt wurde. "Deine Zeit ist abgelaufen."

   "Ich will nicht sterben!" wimmerte die in ein dünnes, zerschlissenes Gewand gehüllte Gestalt, und blickte auf in die geballte Finsternis die unter der dunklen Kapuze des Todes herrschte.

   "Du hast keine Wahl."

   "Aber ich werde alles für dich tun, wenn du mich nur am Leben lässt!"

   "Das haben viele Andere vor dir gesagt. Auch sie sind den Weg allen Irdischen gegangen."

   "Ich werde dir alles geben was du willst!" Die Todgeweihte schrie fast, als sie mit Tränen der Verzweiflung in den Augen ihr Gewand zerriss. Der dünne, abgetragene Stoff gab den weichen, wohlgeformten Körper preis, und das Mondlicht brach sich glitzernd auf Schweißtropfen, während es in wirrem Spiel über die perfekt geformten Brüste einer jungen Frau streichelte. "Alles!"

Ein knöcherner Finger berührte weiße Haut, die im Licht des Nachtgestirns beinahe so weiß schimmerte wie das blanke Gebein des Todesboten. Ein eisiger Schauer durchzuckte die Todgeweihte, als die kalte Hand des Todes langsam über ihren Körper hinab glitt, und schließlich an ihrem Unterleib verharrte. Augen wie zwei Supernoven glommen aus der Dunkelheit der Kapuze, und besiegelten den unheiligen Pakt.

   "So soll es sein."

 

 

II - Der schwarze Mond

 

Der spitze, langgezogene Schrei einer Frau hallte durch die stockfinstere Nacht. In die schrillen, schmerzvollen Töne mischten sich die halblauten Stimmen mehrerer weiterer Frauen, die hektisch hin und her rannten.

   "Bringt warmes Wasser, und mehr Tücher! Beeilt euch!" befahl eine stramme Frau mittleren Alters, die man gemeinhin nur als die Amme des Dorfes kannte. Ihren richtigen Namen kannte kaum noch jemand, wurde sie doch von allen nur Amme genannt, da durch ihre Hände bereits unzählige Kinder das Licht der Welt erblickt hatten. Nicht wenigen dieser winzigen, noch so verletzlichen Menschen, und auch vielen teils noch sehr jungen Müttern hatte sie  mit ihrem Wissen und Können und ihren aufopfernden Einsatz das Leben gerettet.

So würde es auch heute sein. Sie wusste es, seitdem sie die junge Frau, zu der sie gerufen wurde als die Wehen eingesetzt hatten, das erste Mal gesehen hatte. Die kleine Crysa, jüngste Tochter der Holzfällerfamilie die weit abseits des Dorfes lebte, bei deren schwerer Geburt sie auch dabei gewesen war. Um ein Haar wäre ihre Mutter damals bei der Entbindung gestorben. Und auch jetzt standen wieder zwei Leben auf des Messers Schneide. Ein unschuldiges, ungeborenes, und das Leben der jungen Mutter deren Leibesfrucht es war.

Das blasse Gesicht Crysas, eingerahmt von nachtschwarzem Haar das nass und wirr auf dem Kissen unter ihr lag, war von kalten Schweißperlen bedeckt. Die Gesichtszüge der jungen Frau waren von Schmerzen verzerrt, und ihr Blick irrte unter flatternden Lidern unstet umher. Die Hebamme nahm die Tücher entgegen die ihr von einer der Frauen gereicht wurden, tunkte sie ins warme Wasser, und wrang sie dann mit kraftvoller Hand aus. Dann schlug sie sanft die Decke zurück, und teilte die angstvoll zusammengepressten Schenkel der Gebärenden. Der weiße Körper der jungen Mutter war wohlgeformt, aber dennoch zierlich und schlank - zu zierlich - mehr noch Mädchen denn Frau. Und er zitterte weniger vor Anstrengung, denn vor Angst.

   "Leera, nimm ihre Hand und beruhige sie." sagte sie, 'Sie wird es brauchen, denn es wird schwer für sie, sehr schwer… sie ist fast noch ein Kind…' fügte sie in Gedanken hinzu.

   "Aber… man sagt sie ist eine… eine Hexe!" flüsterte die Angesprochene, und machte keine Anstalten der Bitte der Amme, die mehr schon einem Befehl gleichkam, nachzukommen.

   "Sie ist eine Frau die ihr erstes Kind erwartet!" zischte die Amme scharf. "Sie braucht Beistand, und keine Geschichten die man sich erzählen mag!"

Wie um ihre Worte zu bestätigen bäumte sich Crysa in diesem Moment auf, und stieß einen weiteren schmerzvollen Schrei aus. Sofort kam wieder hektische Bewegung in die Frauen, und auch Leera nahm nun ihren Platz am Kopf der jungen Frau ein.

   "Hab keine Angst." sagte die ältere Frau beschwichtigend, während sie einen Lappen nahm um damit die schweißnasse, totenbleiche Stirn Crysas abzutupfen. "Es wird alles gut." Die Worte flossen ohne Zutun über die Lippen Leeras, denn es war bei weitem nicht die erste Geburt der sie im Verlaufe ihres Lebens schon beigewohnt hatte. Und sie wusste wie sich der Tod ankündigte. Noch einmal strich sie vorsichtig mit dem Lappen über die schweißnasse Stirn der Gebärenden, dann nahm sie die schmale Mädchenhand in die ihrige, und drückte sie beschwichtigend.

   "Pressen!" forderte die Hebamme zu Füßen Crysas. "Pressen!"

Die junge Frau schrie auf, und bäumte sich ein weiteres Mal unter Schmerzen auf. Ihr bleiches Antlitz war schmerzverzerrt, und ihre weit aufgerissenen Augen flatterten vor Angst.

   "Lass es kommen." sagte die Amme beruhigend, während sie die Schenkel der Gebärenden, die sich wieder zusammenkrampfen zu drohten, sanft auseinander drückte.

Fernes, tiefes Grollen drang in die von Kerzen erleuchtete Hütte in der die Niederkunft nahe war. Aufkommender Sturm zerrte an den geschlossenen Läden der Fenster, riss einen von ihnen auf, und ließ ihn mit einem dumpfen Schlag gegen die Wand schlagen. Mit gleichmäßigen, trommelnden Schlägen trieb der Wind den dichten Regen durch das Fenster in die warme Stube hinein. Die Laken unter dem bleichen Körper Crysas bauschten sich für einen Moment in der Böe die durch den Raum peitschte, dann wurde das Fenster auch schon von einer der hastig hinzu springenden Frauen geschlossen.

   "Pressen!" befahl die Hebamme noch einmal "Crysa, pressen!"

   "Es kommt!" rief eine der Frauen, und wrang hastig ein weiteres warmes Tuch aus. Ein dumpfes, näher kommendes Rumpeln begleitete ihre Worte.

   "Gut so, Kind, gut so…" lobte die Amme. Sanft griffen ihre großen, roten Hände nach dem Kopf des Babys, das soeben seine ersten Schritte ins Leben tat. Jede Handbreit die das kleine Bündel Mensch weiter ins Leben brachte, wurde dabei begleitet von einem spitzen, schmerzvollen Schrei.

Als die Amme ihren Blick hob, da trafen ihre Augen mit denen Leeras zusammen. Und der Blick der älteren Frau sagte ihr mehr als alle Worte. 'Sie stirbt.' dachte sie in diesem Moment, nein, wusste es. Leera nickte nur, und strich weiter beruhigend über die totenblasse Stirn der jungen Mutter.

   "Pressen, Crysa! Gleich ist es geschafft…" Gefolgt von einem kraftlosen, aber dennoch lauten Schrei der Gebärenden rutschte ein kleines Wesen endgültig in die Hände der Amme die es sicher ergriffen.

   "Ein Junge." sagte die Hebamme lächelnd.

   "Ein Junge! Hörst du Crysa, ein Junge!" sagte Leera, und befreite die blasse Stirn der jungen Frau ein weiteres Mal von perlendem Schweiß.

Ein dünner, aber kraftvoller Schrei drang durch den Raum, jedoch er kam nicht aus dem Munde Crysas, die jetzt kraftlos und zitternd auf den Laken lag. Im selben Moment als das Kind seinen ersten Atemzug tat, fiel für einen Augenblick lang grelles Licht durch die Ritzen des Hauses, und ein ohrenbetäubender Donnerschlag zerfetzte die gespannte Stille.

Leera ließ die leise wimmernde Crysa los, und wich gleich wie die anderen Frauen erschrocken zurück und bekreuzigte sich. Prasselnd ging der Regen auf das Dach nieder, als draußen die entfesselten Naturgewalten tobten. Eine Sturmböe rüttelte wütend an den Fensterläden, und ein weiterer Donnerschlag ließ das Haus in seinen Grundfesten erbeben.

   "Helft mir!" befahl die Hebamme scharf, während sie bereits begann die Nabelschnur des Neugeborenen abzubinden. Nur zögernd leisteten die Frauen dem Befehl der Amme folge.

   "Einem in einer mondlosen Nacht geborenen Kind ist Unglück beschieden." flüsterte Leera kaum hörbar, als sie die blutbefleckten Tücher an sich nahm, um sie provisorisch zu falten.

   "Nein…" murmelte Crysa plötzlich, und begann unruhig ihren Kopf auf dem Kissen hin und her zu bewegen.

   "Leera, geh wieder zu ihr!" sagte die Hebamme, doch die ältere Frau schüttelte den Kopf.

   "Niiiiicht!" schrie die junge Mutter in diesem Moment, und begann sich wie in Krämpfen zu winden. "NEEEEEIN!"

   "Sie wird hysterisch!" rief eine der Frauen, und im gleichen Moment griffen auch schon ein halbes dutzend Paar Hände nach dem blassen zuckenden Körper. "Haltet sie fest! Um Gottes Willen, haltet sie fest!"

   "Neeeeeein!" schrie Crysa, und schlug wie von Sinnen um sich. "Lasst mich! Geht weg!"

Die Hebamme durchtrennte die Nabelschnur, und griff nach dem warmen, trockenen Tuch das ihr von Leera gereicht wurde. Zärtlich wickelte sie das kleine Bündel Mensch darin ein, und wiegte es sanft in ihren Armen als sie aufstand.

Dabei traf ihr Blick auf den Crysas, die sie mit weit aufgerissenen Augen musterte, in denen die nackte Panik geschrieben stand. Es war keine Furcht vor irgendetwas Greifbarem, vielmehr eine tiefe, nackte Angst die mit rationalen Maßstäben nicht zu ermessen war.

   'Nein, so darf es nicht enden…' dachte die Amme. 'Nicht so… nicht auf diese Weise…'

Ein weiterer Donner grollte, und übertönte die schrillen, hysterischen Schreie der jungen Frau, die gerade zum ersten Mal Mutter geworden war. Als sich die Amme mit dem Kind auf den Armen umdrehte, fiel ihr Blick auf eine düstere, in einen tiefschwarzen Mantel gehüllte Gestalt. Das grelle Licht der Blitze das durch die Ritzen der Fensterläden sickerte, drang durch den Körper der finsteren Gestalt hindurch, und malte für einen vergänglichen Augenblick bizarre Muster auf den Boden. Eine knöcherne Hand umfasste den hölzernen Stiel einer Sense, und ein paar funkelnde blaue Augen stachen aus der geballten Dunkelheit hervor, die unter einer Kapuze aus nachtschwarzem Stoff herrschte.

Die Amme wusste im gleichen Moment wen sie vor sich hatte, doch sie erschrak nicht. Sie hatte die düstere Gestalt in ihrem Leben schon oft gesehen, und wusste was sein Erscheinen bedeutete.

   "Geh weg!" kreischte Crysa, und wand sich wie von Sinnen unter den Händen der Frauen die vergeblich versuchten sie zu beruhigen. "Verschwinde!"

Der wallende Mantel bewegte sich kaum merklich, als der Tod einen Schritt auf das Lager der noch immer wie wahnsinnig um sich schlagenden Crysa zu tat. Die Amme spürte die eisige Kälte die flüchtig über ihre Glieder kroch, als die nebelige Präsenz des Gevatters durch sie hindurch glitt. Sie wusste dass ihn außer ihr niemand sehen konnte, und wandte sich um. Niemand außer ihr - und der dem sein Besuch galt. Crysa.

Die junge Frau wimmerte auf, als sie der finsteren Gestalt ansichtig wurde, und versuchte ein weiteres Mal verzweifelt sich aus dem nachdrücklichen, aber nicht derben Griff der Frauen zu befreien. Als der Tod seine knöcherne Hand nach ihr ausstreckte, schrie sie wieder spitz und schrill auf.

   "Ich habe getan was du wolltest!" wimmerte sie.

   "Das hast du." sprach die Gestalt im schwarzen Mantel mit ehrfurchtgebietender Stimme.

   "Aber du hast gesagt du lässt mich am Leben!" kreischte Crysa, und bäumte sich angstvoll unter den sie festhaltenden Frauen auf. "Wir haben einen Pakt!"

   "Den haben wir." Der Tod wandte sich um, und bewegte sich lautlos schwebend auf die Amme zu. Diese musterte den Gevatter ohne Furcht, während sie dabei das Neugeborene instinktiv an sich drückte. Eine skelettierte Hand tauchte aus den Tiefen des nachtschwarzen Gewandes auf, griff nach dem Tuch in das das Kind in den Armen der Hebamme eingewickelt war, und zog es ein klein wenig beiseite. Die Amme ließ den Todesboten gewähren, als sein knöcherner Finger sanft über das kleine Köpfchen strich.

Ein paar Augen, von einem so intensiven Blau das es nicht von dieser Welt war, musterten das kleine Geschöpf das die Präsenz des Todes gelassen hinnahm. Kleine knubbelige Finger suchten sich ihren Weg aus den Falten des weichen Tuches, fuhren einen Moment lang ziellos durch die Luft, und streiften dann flüchtig die beinerne Hand des Gevatters. In diesem Moment peitschte ein urplötzlicher Windstoß durch den Raum, und bauschte die Gewänder der Amme und des Todes. Die Augen in der geballten Finsternis unter der Kapuze strahlten für einen Moment heller als die Sonne, als der Tod seine machtvolle Stimme erhob.

   "Sein Name ist Mortis."

Mit diesen Worten wandte er sich wieder von dem Kind ab, und der Hebamme in dessen Armen es lag. "Dies ist die Nacht des schwarzen Mondes." sprach der Gevatter mit Grabesstimme. "Geh, denn deine Zeit ist noch nicht abgelaufen."

Im gleichen Moment ertönte ein ohrenbetäubendes Krachen, gefolgt von einem rollenden Donnerschlag der die Erde erbeben ließ. Ein Teil der Decke stürzte ein, und brennendes Stroh und glosende Holzbalken prasselten in den Raum.

   "Wir haben einen Pakt." wimmerte Crysa "Dafür das du mich am Leben lässt, habe ich dein Kind zur Welt gebracht!"

Die Hebamme blickte das Mädchen erschrocken an, und drückte das kleine Bündel Mensch das es geboren hatte noch fester an sich. Ein knackendes Geräusch erregte ihre Aufmerksamkeit, und sie wandte ihren Blick dem Ursprung des Knackens zu, das trotz dem noch immer unverminderten Wüten des Gewitters überdeutlich an ihre Ohren drang. Das vom Dach herabgestürzte Stroh und die Balken brannten lichterloh, und auch das Moos und die Blätter mit dem die Ritzen der Wände gegen die Unbill der Witterung ausgestopft waren, hatte bereits Feuer gefangen. Es konnte nicht mehr lange dauern bis das gesamte Haus in Vollbrand stand.

   "Deine Seele wird leben, so wie du es wolltest." sprach der Tod mit furchterregender Stimme. "Du wirst wiedergeboren werden, bis in alle Ewigkeit."

Den entsetzten Aufschrei Crysas im Rücken, stürzte die Hebamme mit dem Kind in ihren Armen durch die Tür, die sich wie von Geisterhand vor ihr öffnete. Eiskalter Regen peitschte ihr ins Gesicht, und eine Sturmböe brachte sie beinahe zu fall, als sie in die entfesselten Naturgewalten hinausrannte.

Als sie noch einmal zurückzuschauen wagte, hatte sich die Tür wieder geschlossen, und trotz des strömenden Regens leckten die Flammenzungen bereits nach ihrem Holz. Das neugeborene Kind in ihren Armen begann leise zu wimmern, und die Amme wiegte es sanft.

   "Mortis." flüsterte sie. "Sohn des Todes."

 

[...]

 

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