Kita

 

Der Jäger der Nacht

 

 

I - Das Labor

 

Langsam, wie zäher Schlamm lösten sich die schwarzen Schleier des Schlafes, und seine Gedanken wurden wieder klarer. Zwischen seinen Schläfen hämmerte ein dumpfer Schmerz, und vor den geschlossenen Lidern seiner Augen tanzten bunte Punkte. Graue Schlieren, wogende, gestaltlose Schatten gesellten sich hinzu, als er sie öffnete. Es fiel ihm schwer seinen Blick zu fokussieren.

Blendend weißes Licht flutete ihm entgegen, und füllte sein Blickfeld aus. Dunkle Schatten am Rande des Lichtscheins erweckten den Eindruck als befände er sich in einem Tunnel. Auf absurde Weise hatte er das Gefühl eines körperlosen dahin Gleitens, nein, mehr eines Schwebens, losgelöst von allen diesseitigen Problemen… Ein Gefühl das ihm angenehm, ja, geradezu verlockend erschien… Sah so der Übergang aus, vom Leben in den Tod?

Vage spürte er etwas an seinem Körper hantieren. Hier und da ein leichtes Ziehen, ein kurzer Druck - nicht unangenehm, eher tastend, untersuchend. Dann ein kurzer, kaum spürbarer Stich in seinen Arm. Nur Augenblicke später begann sich sein Blick zu klären, und er erkannte, dass das was er zuvor für das Licht am Ende des Tunnels gehalten hatte, ein Scheinwerfer war. Eine von diesen großen, runden Lampen, die man für gewöhnlich über den Untersuchungstischen von Arztpraxen fand.

Erleichterung ergriff von ihm Besitz, als er realisierte das er keineswegs tot war, sondern sich noch immer seines Lebens erfreuen konnte. Doch trotz allem konnte er sich nicht bewegen. Es gelang ihm zwar seine Muskeln anzuspannen, er konnte eindeutig spüren dass sie sich spannten, ja, er bildete sich sogar ein seine Arme, seine Beine einige Millimeter anheben zu können, bevor sie auf eine Art Widerstand trafen.

Geräusche, die er bisher undefinierbar, wie durch Watte vernommen hatte, gewannen an Kontur, und verwandelten sich in Stimmen. Tiefe, kehlige Stimmen, wie sie keine menschliche Kehle imstande war hervorzubringen…

 

 

II - 30 Dekaden

 

   "Aber warum eine humanoide Lebensform - warum ausgerechnet ein Mensch?" fragte jemand. "Den Senatoren ist doch wohl bewusst dass sie eine sehr kurzlebige Rasse sind?"

   "Ich vermute sie haben von deinem durchschlagend erfolgreichen Experiment mit den Eintagsfliegen in der letzten Dekade erfahren, Xhel." antwortete eine andere, etwas höher und jünger klingende Stimme in beiläufigem Ton.

   "Nun, dann wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als diese Erkenntnisse auch an dem Menschen auszuprobieren, oder?" sagte die erste Stimme.

   "Scheint so." meinte die jünger wirkende Stimme. "Aber das ist doch für dich kein Problem, oder? Ich meine… einer solchen Koryphäe auf dem Gebiet der Gentechnik wie dir, dürfte das doch nicht schwer fallen, oder?"

   "Hör auf mit dieser Bauchpinselei, Y'le." wehrte die tiefere Stimme ab. "Du weißt dass ich diese Assistenten nicht ausstehen kann, die permanent eine Schleimspur hinter sich herziehen."

   "Deshalb mache ich es ja, Xhel. Weil ich weiß das du es nicht leiden kannst." sprach die zweite Stimme mit nicht zu überhörendem gutmütigen Spott.

   "Jaja." murrte die erste Stimme wieder. "Könntest du jetzt vielleicht wieder ernst werden? Was mir, uns, aufgetragen wurde, verlangt wohl etwas mehr Konzentration. Wir sind nicht hier um Witze zu reißen, sondern um zu arbeiten."

   "Schon gut Xhel. Entschuldige."

 

Wieder spürte er, wie sich jemand an seinem Körper zu Schaffen machte. Zwei tastende, raue Paar Hände glitten über seine Arme und Oberschenkel. Auf absurde Weise fühlte er sich in diesem Moment durch die vielfältigen Druck- und Knetbewegungen an eine Massage erinnert.

Trotz allem fühlte er sich noch immer seltsam kraftlos und schwach. Auch sein Denken schien noch nicht so richtig zu funktionieren. Er hatte pausenlos das Gefühl sich an etwas wichtiges, etwas SEHR Wichtiges erinnern zu müssen - doch jedes mal wenn er glaubte den Gedanken zu Ende denken, ihn packen und festhalten zu können, entglitt er ihm, und sank zurück in die brodelnde Schwärze aus der er sich zuvor befreit hatte.

 

   "Hier, spritz ihm das." ließ sich die tiefere Stimme nun wieder vernehmen.

 

Augenblicke später spürte er wieder einen der leichten Stiche, diesmal an seinem rechten Arm. Wieder klopfte eine Erinnerung an seine gedanklichen Pforten, und erweckte damit den schon fast vergessenen Kopfschmerz erneut zu wütendem Leben. Das Bild der über ihm schwebenden Lampe verschleierte sich wieder ein wenig.

 

   "Fertig." verlautbarte die erste, etwas höhere Stimme. "Meinst du es wirkt bei ihm?"

   "Ich habe alles genauestens kalkuliert. Theoretisch müssten die ersten genetischen Veränderungen bei ihm schon in weniger als ein paar Tagen nachweisbar werden."

   "So schnell?" fragte die jüngere Stimme staunend.

   "Ja. Nicht so schnell wie bei den Nutztieren zwar, aber für einen Humanoiden doch recht beachtlich."

 

Er hatte das Gefühl als ob etwas in seinem Kopf zu randalieren begonnen hatte. Bohrender Schmerz an der Grenze allen Erträglichen, schien in seinen Gehirnwindungen ein sprichwörtliches Feuerwerk abzubrennen. Die Lampe über ihn hatte sich in ein sich rasend schnell drehendes Kaleidoskop aus wogendem Licht und Schatten verwandelt, das seine Gedanken noch zusätzlich in Verwirrung stürzte. Es war wie Hohn, dass er trotzdem jeden noch so leisen Ton mit überdeutlicher Schärfe wahrnehmen konnte.

 

   "Und was machen wir wenn etwas… Unvorhergesehenes eintritt?"  fragte die zweite Stimme. Er hatte sich sogar ihren Namen gemerkt: Y'le.

   "Darauf muss man bei Menschen ständig vorbereitet sein." meinte die erstere, etwas tiefere Stimme, von der er wusste das sie Xhel hieß. "Deswegen muss er ab jetzt ständig unter Beobachtung stehen. Darauf kann ich mich doch verlassen, oder?"

   "Selbstverständlich Xhel! Wird gemacht!" versprach Y'le. "Und wie lange wird es in Etwa dauern?"

   "Ich denke die Veränderungen müssten in weniger als einer Vierteldekade spürbar werden."

   "Aha… und was denkst du bewirkt es bei ihm? Ich meine… wie viel bringt es ihm?"

   "Mindestens etwa 25 bis 30 Dekaden denke ich. Genügend für den Auftrag des Senats."

   "Doch so wenig?"

   "Wenn man von der Grundlebenserwartung eines Menschen ausgeht, ist das eine ganze Menge. Beizeiten werde ich nach einem wirksameren Nachfolgepräparat forschen. In den nächsten Zwölf Dekaden dürften wir für solche Spielereien ja genügend Zeit zur Verfügung haben." meinte Xhel eher beiläufig.

   "Genügend Zeit?" fragte die jüngere Stimme verwirrt. "Soll das heißen der Senat hat uns die Mittel vorgeschossen?"

   "Ganz genau." bestätigte Xhel. "Du weißt ja, für die Wissenschaft ist nie genügend Geld da. Wenn es sich allerdings um militärische Forschung handelt…"

   "Also ein Kriegsprojekt?" stellte Y'le sachlich fest. Es war aus dem Tonfall der Stimme herauszuhören, dass ihn diese Erkenntnis eher weniger begeisterte.

   "Sieh es so Y'le, wir sind für die nächsten zwölf Dekaden gut versorgt. Sowohl mit ausreichend Geld, als auch mit einem gesunden Maß an Arbeit. Nicht zu viel, und nicht zu wenig. Das ist doch ein besseres Leben, als sich damit zu beschäftigen ertragreichere Rassen für arrogante, schmerbäuchige Viehzüchter zu kreieren, oder?"

   "Da muss ich dir recht geben Xhel." pflichtete Y'le, wenn auch etwas widerwillig, bei. "Aber…"

   "Aber - was?" fragte Xhel.

 

Bis jetzt hatte er geglaubt, dass der hämmernde Schmerz zwischen seinen Schläfen kaum noch größer werden könnte. Doch was auch immer sich in seinem Kopf eingenistet hatte, und dort eine rauschende Party feierte, bemühte sich nach Kräften ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Inzwischen hatte er längst wieder die Kontrolle über seinen Körper verloren, und es war ihm speiübel geworden. Es grenzte an ein Wunder das ihm noch nicht das letzte Mittagessen (oder war es ein Abendessen gewesen?) hochgekommen war.

 

   "Aber was mich brennend interessieren würde ist, wie viel sind eigentlich Zwölf Dekaden in der Zeitrechnung der Menschen?" fragte Y'le

   "Warte, da muss ich nachdenken… hmmm." murmelte Xhel. "Ich glaube… Ganz grob geschätzt ungefähr 150 Jahre."

   "Und wie alt ist er jetzt?"

   "Bei der Übergabe hat man mir das Alter mit 28 angegeben. Zweifelsohne sind damit Jahre gemeint. Und das ist etwa ein Drittel der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Menschen."

   "Das wäre dann ja fast das doppelte einer normalen menschlichen Existenz." schlussfolgerte Y'le. "Und eine um mehr als das vierfache gesteigerte Lebenserwartung."

   "Ganz genau."

 

In seinem Schädel explodierte endgültig etwas. Schmerzsalven prasselten auf ihn nieder, die jetweder anderes Gefühl einfach hinweg wischten. Die Welt bestand nur noch aus peinigenden Stichen die wie Messerspitzen auf ihn herab regneten. Dumpfes Rauschen in seinen Ohren steigerte sich zu einem wahnsinnigen Stakkato aus schrillen, misstönenden Geräuschen. Grelle, bunte Punkte tanzten vor seinen Augen, und stachen schmerzhaft in seine Netzhaut.

Unfähig sich kontrolliert zu bewegen, überließ er seine Muskeln der Willkür des Schmerzes. Sein Körper wollte sich krümmen und um sich schlagen, doch er brachte wenig mehr als ein schwaches Zucken zustande. Der aufgestaute Schmerz den er einfach nicht imstande war hinauszuschreien, steigerte sich bis ins Unerträgliche.

Mit äußerster Anstrengung entrang er sich schließlich ein mattes Keuchen. Augenblicke später war der Bann gebrochen, und er schrie. Schrie, wie er noch nie zuvor geschrieen hatte. Schrill und misstönend hallten die schmerzhaft hohen Töne in seinen Ohren wieder. Getränkt von seiner Angst, seiner Verzweiflung, und seinem Leid...

In dieser kurzen, und doch so endlos erscheinenden Zeitspanne brüllte er alles hinaus. Alle Schmerzen, alle Qualen die ihn folterten, und alles was er je in seinem Leben erlitten haben mochte.

Er schrie, bis er nicht mehr konnte. Bis die Erschöpfung von ihm Besitz ergriff, und ihn zurück gleiten ließ, in die gnädige Schwärze der Bewusstlosigkeit.

 

 

III - Blut der Bestien

 

   "Xhel?" fragte eine Stimme, die zu dem eben hinter einem mittelgroßen fahrbaren Container hervor lugenden Wesen gehörte.

   "Ja?" fragte die tiefere, ältere Stimme. Eine hoch gewachsene, nur sehr entfernt menschenähnliche Gestalt richtete sich zögernd auf.

   "Was war das?"

   "Ich habe einen Verdacht..." meinte Xhel zögernd. "Nach der Analyse der Blutprobe werden wir mehr wissen. Bringen wir ihn aber zuerst in den Quarantäneraum, bevor er wieder zu sich kommt…"

Ein scharrendes Geräusch erklang, als die Steuerung bedient wurde, die den erschlafften Körper es Menschen wieder freigab. Die beiden Forscher packten den jungen Mann links und rechts jeweils unter den Achseln, und trugen ihn ohne sichtliche Anstrengung zu einer verbauten Ecke des großen Labors. Der Mensch rollte mit den Augen, und quittierte die ruckenden Bewegungen mit einem Geräusch das einem Grunzen gleich kam.

   "Los, rein mit ihm!" zischte Xhel, und öffnete mit der freien Linken die Tür zu dem abgeschotteten Raum. Gemeinsam bugsierten die Beiden den jetzt unartikuliert vor sich hinbrabbelnden Menschen ins Innere des Quarantänebereichs, und schlossen die Tür, überhasteter als eigentlich nötig war.

Im Inneren des bis auf eine komplett verspiegelte Wand kahlen Raums, fiel ein Mensch, seines Haltes beraubt, in sich zusammen.

 

Gerade so wie er hingefallen war, blieb er auch liegen. Vage spürte er etwas Fasriges, Trockenes zwischen dem harten Boden und seiner nackten Haut. Eine wie aus weiter Ferne kommende Erinnerung, sagte ihm dass es Stroh oder etwas Ähnliches sein musste. Ein flüchtiger Gedankenfetzen, ein blasses Gesicht mit großen schwarzen Augen wehte vorbei, und ließ ihn erschauern.

Sein Körper schien nur noch aus Schmerzen zu bestehen, die sich wie Feuer unbarmherzig durch sein Fleisch fraßen, und in seinen Eingeweiden wühlten wie glühende Stäbe. Rund um ihn herrschte eine Stille, die auf ihre Art schmerzhafter war, als all die Geräusche zuvor.

Geräusche… er konnte sich daran erinnern geschrieen zu haben. Auf eine Art wie er es noch nie zuvor getan hatte, und die ihm Angst machte. Aber warum hatte er geschrieen? Waren es die quälenden Schmerzen gewesen, die ihn noch immer in seinen Klauen hielten?

Stöhnend versuchte er sich aufzurappeln, doch es ging nicht. Noch immer schien sein Körper wie unter einem Bann zu stehen, der es ihm nicht gestattete sich fortzubewegen. Das einzige was er zustande brachte, war in unregelmäßigen Abständen ein unwillkürliches Zucken. Kraftlos kratzten seine Fingernägel über den glatten, Stroh bedeckten Boden. Er fühlte sich schwach, müde…

Erneut versuchte eine Erinnerung an seine gedanklichen Pforten zu klopfen, doch er war zu geschwächt um sie hereinzulassen. So verging der Gedanke wieder, noch ehe er ihn richtig begonnen hatte. Zugleich ebbte auch der reißende Schmerz in seinem Kopf langsam ab, und hinterließ ein gleichmäßiges, dumpfes Pochen. Der bleierne Schleier der Schwäche legte sich wie ein Mantel um ihn, und ließ seine verkrampften Muskeln sich lockern. Er war müde, so müde…

Langsam glitt sein Geist in die willkommene, schmerzlose Vergessenheit des Schlafes hinüber.

 

   "Hör auf den Menschen anzustarren Y'le." forderte eine befehlende Stimme. Sie drang aus einer halb geöffneten Tür, die nur wenige Schritte neben der Quarantänezelle in einen Nebenraum führte. "Komm lieber herein, und sieh dir das an!"

   "Komme schon, Xhel!" murmelte der klein gewachsene Laborassistent, während er noch einen letzten, nachdenklichen Blick auf den innerhalb des abgeschotteten Bereichs am Boden liegenden Körper warf. Dann zuckte er die Schultern, und wandte sich der Tür zu. Wenn Xhel rief, gab es bestimmt etwas Interessantes zu sehen.

   "Was gibt es?" fragte Y'le noch im Hereinkommen.

Der Wissenschaftler saß an einem, über die gesamte Wand des nicht unbedingt kleinen Raumes gehenden Untersuchungstisches, und starrte abwechselnd konzentriert auf zwei Bildschirme, die komplizierte grafische Muster zeigten. Ab und zu blinkten spiralförmige Teile auf, worauf sich einzelne Abschnitte des sich drehenden und windenden Stranges neu ordneten.

Y'le kannte diese Darstellungen, seitdem er zu Xhels persönlichem Assistenten aufgestiegen war, nur zu gut. Wie oft hatte er in den letzten Dekaden gemeinsam mit diesem brillianten, hoch dekorierten Genforscher, den er einfach nur 'Xhel' nennen durfte, Nächtelang über ihnen gebrütet. Es waren Gencodes.

   "Fällt dir an diesen beiden Codes irgendetwas auf?" fragte Xhel, ohne sich umzudrehen.

Y'le trat näher heran, und musterte die spiralförmigen Darstellungen auf den Monitoren ganz genau. Am Rande registrierte er, dass zwei Proben in den Analysegeräten steckten, dann konzentrierte er sich wieder voll und ganz auf die beiden grafisch dargestellten Gencodes.

Bereits nach kurzer Zeit kratzte er sich nachdenklich den kahlen Kopf, und griff nach der Tastatur um einige Befehle einzugeben. Augenblicke später erstarrte das Bild auf beiden Monitoren in der Bewegung, und zoomte langsam heran. Der Laborassistent stellte die Tastatur wieder beiseite, und legte, wie immer wenn er nachdachte, einen Finger an die Nase.

   "Ich hätte schwören können, das beide von Menschen stammen." sagte er schließlich. "Aber der Rechte sieht etwas… seltsam aus. Dieser Abschnitt dort," er wies auf den heran gezoomten Ausschnitt den der rechte Bildschirm zeigte, "dürfte in der Form eigentlich gar nicht existieren."

   "Gut erkannt." lobte Xhel. "Und was sagt uns das?"

   "Das wir es mit einem Mischling zu tun haben." antwortete Y'le sofort.

   "Exakt." bestätigte der Genforscher. "Unser Freund dort drinnen, dürfte irgendwo in seiner Erblinie eine Banshee haben. Dadurch war er auch fähig einen Schrei in dieser derart hohen Frequenz auszustoßen.“

   " Mir klingen jetzt noch die Ohren…" murmelte Y'le. "Das erklärt einiges…"

   "Aber dafür macht es unsere Aufgabe um einiges leichter." sagte Xhel

   "Inwiefern?"

   "Er hat bereits das Blut einer Bestie in sich. Das wird ihn für die Veränderungen die wir an ihm vornehmen sollen, um einiges empfänglicher machen. Es sollte auch das Serum das den Alterungsprozess verlangsamt, schneller und besser wirken lassen…"

   "Und wofür das alles? Ich meine... worin genau besteht dieser mysteriöse "Auftrag" eigentlich? Bis jetzt hast du dich ja noch sehr bedeckt gehalten."

 

Das Erwachen war klebrig und zäh, und die Wirklichkeit begrüßte ihn mit vertrautem, dröhnendem Kopfschmerz. Stöhnend griff er sich mit beiden Händen an den Kopf, und massierte seine Schläfen um die skurrilen, beunruhigenden Bilder seines Traumes zu verscheuchen.

Ächzend rollte er sich auf dem harten Boden zur Seite, und versuchte in eine etwas bequemere Position zu gelangen. Es gelang ihm nicht wirklich, denn sein beleidigter Körper quittierte jede seiner Bewegungen mit ziehenden Schmerzen.

Was auch immer er gestern Abend getrunken haben musste, hatte ihm nicht nur die Kopfschmerzen seines Lebens beschert. Die komplette Erinnerung an den letzten Tag war irgendwo im Nirwana seines Gedächtnisses verschollen - er konnte sich nur noch daran erinnern ein Konzert gegeben zu haben. Überdies mussten ihn auch noch übelste Alpträume heimgesucht haben, denn er hatte das Gefühl am gesamten Körper von Schweiß verklebt zu sein. Was auch immer der Grund für das zweifellos stattgefundene Saufgelage gewesen sein möchte - er hoffte inständig dass es ein so Guter war, dass es diesen mörderischen Kater wirklich wert war.

Mit einem Geräusch das wie ein Grunzen klang, rollte er sich auf die andere Seite, und öffnete langsam seine verklebten Augen. Helles Licht flutete ihm entgegen, und blendete ihn für einige Augenblicke. Dann blickte er in sein Spiegelbild.

Mit der Wucht eines Hammerschlages schlug die Erinnerung über ihm zusammen. Konzerthalle… jubelnde Menge… der Tee… in der Pause kurz vor der Zugabe… irgendetwas war darin gewesen. Der Vermummte, der ihm Befehle erteilte, die er gegen seinen Willen befolgen musste… Das Laboratorium, in das er gebracht wurde…

Das Labor! Ungeachtet der Schmerzen, sprang er auf, und begann wie von Sinnen mit den Fäusten gegen die Wand zu trommeln, dort wo er eine Tür vermutete. Ein blasses, kahlköpfiges Gesicht stand noch immer vor seinen Augen, das ihn mit großen schwarzen Augen musterte. Auf eine eiskalte, durch und durch rationalisierte Weise, die auf rein wissenschaftlichem Interesse basierte. Stimmen hallten in seinen Gedanken wieder, eine tiefe, und eine etwas höhere, jung klingende.

Mit loderndem Entsetzen in seinen Augen, schlug er mit den Fäusten gegen die Wand, bis die Haut über den Fingerknöcheln aufplatzte, und Blut über seine Hände lief. Und er schrie. Er schrie so laut das es in der kleinen Kammer widerhallte, und schmerzhaft in seine Ohren stach. Er tobte, schlug und schrie. Doch bald wurden die Worte die er den kahlen weißen Wänden entgegen schleuderte leiser, und sein Geschrei wandelte sich in ein heiseres Krächzen. Und Irgendwann sank er kraftlos zu Boden.

Mit dem Rücken an die Wand gestützt beobachtete er wimmernd seine zerschundenen, blutenden Hände. Blut rann über seine Knöchel und Finger, tropfte zu Boden. In stummer Wut ballte er die Hände zur Faust. Er spürte den Schmerz nicht einmal. Alles was er empfinden konnte war dumpfe Erschöpfung, und eine tief gehende Verzweiflung, die sein Herz zu zerreißen schien.

Er kannte diese… Wesen in deren Labor man ihn verschleppt hatte, in deren Gewalt er sich befand. Er hatte viel von ihnen gehört… Das Meiste davon war Gutes gewesen, keine Frage. Bereits seit mehr als einem Millennium gab es in allen bekannten Galaxien keine besseren Genforscher als die Sstarh. Sie hatten mit ihrer unermüdlichen Forschung und der Züchtung immer wieder neuer Rassen maßgeblichen Anteil daran, dass Ernährungsprobleme in allen Winkeln des Universums gelöst werden konnten. Nicht zuletzt musste auch die Menschheit tief in der Schuld dieser Koryphäen auf dem Gebiete der Genforschung stehen, wie sonst hätte es den wackeren Siedlern vor hunderten von Jahren gelingen sollen, einen kargen Wüstenplaneten in eine zweite Erde zu verwandeln?

Doch da waren auch immer diese Gerüchte gewesen, die immer wieder auftauchten, und sich hartnäckig hielten. Gerüchte von grausigen Experimenten an lebenden Individuen höherer Spezies unter dem Deckmantel der Wissenschaft… Von verbotenen Versuchen, die einzig und alleine militärischen Zwecken dienten…

Und er war in einem Labor. In einem IHRER Labore…

Nacktes Grauen schlang sich um seinen Geist, gleich einer eiskalten Hand.

 

 

IV - Eine minderwertige Rasse

 

   "K.I.T.A." buchstabierte Y'le. "Was bedeutet das?"

   "Das ist eine Abkürzung, der Codename für dieses Projekt. Wir führen ein vielschichtiges, äußerst kompliziertes Experiment beziehungsweise eine Reihe an Experimenten an ihm durch." erklärte Xhel. "Ziel ist dabei die Schaffung eines Killers mit indirekt tierischer Abstammung - K.I.T.A."

   "Wofür?" fragte der kleinere Sstarh.

   "Keine Ahnung." der groß gewachsene Wissenschaftler zuckte die Schultern. "Ich stelle die Wünsche des Senats nicht in Frage, so lange ich dafür angemessen entlohnt werde."

Der Laborassistent blickte unschlüssig auf die unscheinbare Mappe in seinen schmalen Händen. Was er in den letzten Minuten in diesem kleinen Büro des Hochsicherheitstraktes, in denen er die eng beschriebenen Seiten des Schriftstücks überflog erfahren hatte, kam einem Alptraum gleich.

Das Blut eines Humanoiden mit dem Blut aller bekannten Bestien des Universums zu mischen, grenzte an… ja, an was eigentlich? Es war Wahnsinn.

Wenn der Mensch die Prozedur überhaupt überlebte, so konnte trotzdem niemand sagen ob und wie es ihn überhaupt verändern würde… Doch andererseits… Xhel hatte bereits andere Dinge, von denen man annahm sie wären unmöglich, geschafft… Und wenn man es genau besah, dann gab es gewisse Parallelen zwischen einigen Experimenten mit Tieren, und den tiefgehenden Veränderungen der Kriegsführung in den letzten Dekaden…

   "Das ist nicht dein erstes militärisches Experiment, oder?" stellte Y'le fest.

Der Genforscher kniff die Augen zusammen, und musterte seinen Assistenten auf eine Art, die wohl zum Ausdruck bringen sollte: 'Soll ich ihn für diese Erkenntnis loben, oder auf der Stelle feuern?'

   "Korrekt." antwortete er schließlich knapp.

Einige Augenblicke des Schweigens entstanden zwischen ihnen, in denen man nur das Summen der diversen Apparate hören konnte, die das Labor ständig überwachten. Dann ergriff Xhel wieder das Wort.

   "Du bist erst seit 2 Dekaden hier, Y'le. Aber nichtsdestotrotz bist du einer der fähigsten Assistenten die ich je hatte. Ich bin überzeugt davon, dass du dich schon noch in diese, für dich neue Materie einarbeiten wirst."

   "Ich denke schon." murmelte Y'le.

   "Gut." meinte Xhel. "Dann hast du jetzt vorläufig die alleinige Verantwortung hier. Nimm ihm ab und zu Blut ab, untersuche es auf die üblichen Anzeichen, und zeichne alles auf, vor allem sein Verhalten. Greife aber bis auf unbedingt notwendige Dinge wie Reinigung nicht zuviel in die Sphäre des Quarantäneraums ein. Falls er Nahrung verweigert, oder beginnt sich selbst zu verletzen, dann ruf mich."

   "In Ordnung."

   "Die Dringlichkeitscodes kennst du ja. Die Nachrichten aus den Hochsicherheitsbereichen werden mit höchster Priorität durchgestellt, es dürfte also kein Problem sein mich von hier aus jederzeit und überall zu erreichen."

   "Und was mache ich, wenn er frustriert gegen die Wand rennt, und sich den Kopf einschlägt?" fragte Y'le. "Menschen sind da ja glaube ich sehr… empfindlich."

   "Ich glaube nicht dass es soweit kommt." meinte der Genforscher leichthin. "Ihr Geist ist noch nicht so hoch entwickelt, und kann sich an eine solche Situation anpassen. Es ist noch immer eine minderwertige Rasse."

   "Ja, aber mit einer verdammt guten Musik." erwiderte Y'le mit dem Anflug eines gequälten Grinsens. Xhel quittierte den Kommentar seines Assistenten mit verhaltenem, aber deutlich amüsiert wirkendem Gelächter.

   "Da hast du allerdings Recht! Ein bisschen primitiv, aber den Rhythmus haben sie im Blut, daran gibt es gar nichts zu rütteln. Ich habe übrigens vor kurzem zwei VIP-Karten für den Headbanger 3056 auf Centauri geschenkt bekommen - was hältst du davon mich zu begleiten?"

   "Ist das dein Ernst?"

   "Selbstverständlich." meinte Xhel. "Überleg es dir."

   "Das werde ich!" gab der Laborassistent zurück.

   "Gut, dann werde ich dich ja hier vorläufig alleine lassen. Einige andere Projekte die kurz vor dem Abschluss stehen erfordern noch meine Aufmerksamkeit wie du weißt."

   "Ich werde hier alles zu deiner Zufriedenheit erledigen Xehl."

   "Davon bin ich überzeugt."

Der groß gewachsene Wissenschaftler ließ noch einmal seinen wohlwollenden Blick durch das kleine, wie immer ordentlich aufgeräumte Büro gleiten, dann trat er zu der schweren Panzertüre, die auch diesen Raum, wie jeden des Hochsicherheitslabors Nummer 18, mit der Sicherheitsschleuse verband. Mit tausendfach geübten Handgriffen entriegelte er das Tor zur Schleuse, und schenkte dann seinem Assistenten noch ein flüchtiges Kopfnicken, ehe er hindurch trat. Mit einem leisen Summen schloss sich die schwere Konstruktion wieder hinter dem Genforscher, und Y'le blieb alleine zurück.

Einen Moment starrte er noch an die Stelle an der Xehl gerade noch gestanden hatte, dann ließ er sich mit einem leisen Keuchen in einen der beiden drehbaren Bürosessel fallen. Dieser gab unter seinem Gewicht ein klein wenig nach, und ließ sich zu einem metallischen Quietschen verleiten. Er hatte sich schon seit Wochen vorgenommen die Feder des Sessels endlich gründlich zu ölen, doch daran verschwendete er jetzt keinen Gedanken mehr. Vielmehr war ihm das in den Ohren schmerzende Geräusch fast willkommen - nach allem was er gerade binnen viel zu kurzer Zeit erfahren hatte, war es einfach gut etwas Vertrautes zu hören.

Mit zittrigen Händen legte er die Mappe mit dem einfachen, grauen Einband auf den Schreibtisch, nur um sie anschließend einige Minuten lang einfach anzustarren. Es war einfach zuviel gewesen. Zu viel auf einmal. Und das konnte nicht Xehls Ernst sein. Das konnte nicht der Ernst des Senats sein - niemandes Ernst.

Experimenten an lebenden Exemplaren höherer Spezies waren verboten so lange er denken konnte! Selbst Genforschung für militärische Zwecke war seit fast zehn Dekaden offiziell abgeschafft worden… Und doch lag da diese Mappe, grau und unschuldig, und schien ihn mit ihrer reinen Existenz verhöhnen zu wollen, und alles in Frage stellen zu wollen an das er bisher geglaubt hatte.

Mit deutlichem Widerwillen griff er wieder nach dem unscheinbaren Schriftstück, dessen Inhalt wohl explosiver war als alle Bomben dieses Universums, und schlug es auf. Er musste sich mit aller Macht dazu zwingen das was er zuvor nur überflogen hatte, nun eingehend zu studieren. Obwohl sich alles in ihm dagegen zu sträuben schien, las er es langsam und sorgfältig, sorgfältiger als er es je bei einer Auftragsmappe getan hatte.

Als er damit fertig war und die Mappe wieder schloss, atmete er einige Male tief durch. Widerwillig musste er sich eingestehen dass das Vorhaben des Senats brillant war. Wahnsinnig - aber brillant. Und bestimmt nicht ungefährlich…

Mit einem ärgerlichen Seufzen warf er die Auftragsmappe wieder auf den Tisch, und stand dann ruckartig auf. Es hatte keinen Sinn sich zu viele Gedanken über einen Auftrag zu machen, schon gar nicht wenn er augenscheinlich von ganz Oben kam. Was der Senat wollte, das wurde ausgeführt - würden es Xehl und er nicht tun, dann wahrscheinlich ein Anderer.

Ein leises, aber doch deutlich vernehmbares Rumpeln riss ihn aus seinen Gedanken, und ließ ihn die Stirn runzeln. Es klang dumpf und schwingend, als ob jemand eine metallene Wand mit Schlägen traktierte. Er suchte einige Augenblicke lang nach der Quelle des Geräuschs, um dann rasch festzustellen dass es aus dem Hauptraum des Labors kam. Der Mensch war augenscheinlich aufgewacht, und schien über seine Situation nicht sehr glücklich zu sein.

Er versuchte noch einmal das mulmige Gefühl das ihn beschlichen hatte zu unterdrücken, doch er schaffte es nicht. Schließlich zuckte er ergeben die Schultern, und verließ er das Büro, um nach dem Versuchsobjekt zu sehen.

 

 

[...]

 

... more coming soon ...

 

 

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