Welcome To My Monsterfamily - Teil 1 - Die Klassenfahrt

Ich habe wirklich Glück ich zu sein.
Ich lebe mit meiner Family am Stadtrand einer kleinen Stadt – Eigentlich kann man schon sagen, ich wohne im Wald. In einem sehr düsteren Wald. Doch das stört mich nicht. Nur unsere Nachbarn und alle andren, die uns kennen. Denn meine Familie ist keine gewöhnliche. Nein – ich lebe in einer Monsterfamilie.

Ich stand wie gewöhnlich auf dem Balkon meines Zimmers und blickte – zumindest versuchte ich es – in den Wald hinein, der vor einer dichten Nebelschicht kaum zu erkennen war. Feine Tropfen von Morgentau hingen in meinem langen schwarzen Haar. Ich war noch etwas verschlafen und genoß umso mehr den frischen Morgenwind, der mir in mein Gesicht wehte. Ich schloss die Augen und atmete ein paar mal tief durch. Die frische Waldluft in meinen Lungen belebte mich etwas und ich bequemte mich letztendlich doch noch ins Bad zu gehen um anschließend zum Frühstück nach unten zu trotten.
Nachdem ich mich gewaschen, mir die Zähne geputzt, mich gekämmt hatte und angezogen war ging ich – immer noch ein wenig verschlafen – hinunter in die Küche.
Um diese Uhrzeit war für gewöhnlich noch niemand wach – nur ich, da ich ja zur Schule musste. Für gewöhnlich schmierte ich mir nur schnell zwei Brote, um eines gleich zu essen und das andere mit zur Schule zu nehmen. Doch als ich heute die Treppe hinunterging konnte ich frische Pfannkuchen riechen.
Verwundert ging ich in Richtung Küche, öffnete die Tür und wenn sah ich? – Meine Tante Enary, wie sie gerade fröhlich dabei war die Pfannkuchen zu backen, von denen dieser herrliche Geruch ausging.
"Da bist du ja endlich. Ich dachte schon du hättest verschlafen. Ich wollte dich gerade wecken kommen," meinte Enary, als sie meine Anwesenheit bemerkte.
"Was machst du den schon so früh hier?", fragte ich verwundert.
"Ach, ich dachte mir ich könnte dir mal eine Freude machen. Außerdem schnarcht Kalma immer so laut, dass ich nicht mehr schlafen kann. Und nun setz dich. Wenigstens einmal am Tag solltest du was ordentliches essen."
Mit einem kurzen seufzen setzte ich mich auf meinen Platz an der großen Tafel. Warum musste sie sich immer so um mich sorgen. Ihre Pfannkuchen waren zwar sehr lecker, aber ich wäre mit einem Brot auch zufrieden gewesen. Außerdem hatte ich kaum noch Zeit. Bald würde der Bus kommen, mit dem ich täglich zur Schule fuhr.
Enary stellte mir einen Teller hin, auf dem sich ein riesiger Berg Pfannkuchen türmte und setzte sich anschließend mir gegenüber.
"Und, was macht ihr heut so in der Schule? Irgendwelche Arbeiten, von denen ich noch nix weiß?", fragte sie.
"Ach, nichts besonderes. Nur ma wieder‘n Test in Englisch, ne Klassenarbeit in Mathe und wir wollen heut besprechen wohin wir dieses Jahr fahren wollen…zu unserem alljährlichen Klassenausflug."
"Und an was hast du da so gedacht?"
"Keine Ahnung, irgendwas, wie damals dieses Gruselcamp, in das ihr mich letzten Sommer geschickt habt. Das war echt super, aber ich glaube das würde meiner Klasse nicht wirklich gefallen", ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Doch als ich aufsah bemerkte ich, wie auch Enarys Lippen sich zu einem Lächeln geteilt hatten.
"Ja, ich glaube das würde sie weniger begeistern", stimmte sie mir zu, "Aber du kannst es ja mal vorschlagen… ich meine, da, wo wir dich hingeschickt haben, das ist nicht unbedingt was für Menschen – da hast du Recht – aber wie wäre es, wenn du ein Gruselcamp der Menschenwelt vorschlägst? Da würden doch bestimmt einige mitmachen."
"Ja, aber gibt es sowas denn hier in der Gegend?"
Enarys Lächeln wurde breiter. "Noch nicht…", meinte sie mit geheimnisvollem Unterton.
Verwundert sah ich sie an. Doch ich wußte, dass sie mir garantiert noch nicht verraten würde, was sie damit meinte.
Als ich auf meine Uhr sah, erschrak ich. Es war schon reichlich spät. Fast zu spät. Ich bedankte mich bei Enary für das leckere Frühstück und schnappte meine Schultasche. Bald würde schon der Bus um die Ecke biegen.
Gerade noch rechtzeitig war ich an der Haltestelle außerhalb des Waldes, wo ich mich immer mit meiner Freundin Janika traf, angekommen.
Janika war mittelgroß und schlank, hatte sehr lange rote Haare und grüne leuchtende Augen. Sie war genau so, wie ich – ein Außenseiter. Zwar nicht in dem Extreme wie ich, sondern sie war ‘anders‘ in dem Sinne, dass sie sich – eigentlich genau wie ich – nicht mit den anderen ‘Zicken‘, wie Liisa, aus unserer Klasse abgab und auch andere Musik- und Kleidungsgeschmäcke teilte.
Janika liebte Pullover – ob im Sommer bei 35°C im Schatten oder im Winter bei –20°C – immer nur Pullover, Jacken und lange Hosen. Außerdem liebte sie es mehr am Abend auszugehen, als am Tage.
Und wie sonst auch, wartete sie auf mich.
"Hi, Janika. Sorry. Ich hab mich etwas verspätet." keuchte ich, während ich langsam vor ihr zum stehen kam.
"Morgen, Kiia. Seit wann verspätest du dich denn? Das is doch sonst immer meine Aufgabe.", sagte sie mit ironisch-strengere Miene.
"Naja, Enary hat mir noch Frühstück gemacht und du weißt ja, wie gern die beim Essen ein wenig plaudert." sagte ich und verdrehte die Augen.
"Seit wann is die den so früh schon auf? Ich dachte die schlafen noch alle, wenn du aus‘m Haus gehst."
"Dachte ich bis jetzt auch", meinte ich mit einem schmunzeln.
In diesem Moment hörte ich auch schon den Bus nahen.

In der Schule angekommen gingen ich und Janika in unsere Klasse. Zuerst stand Mathematik auf dem Stundenplan.
Wir wollten uns gerade auf unsere Plätze setzen, da kamen die Zwillinge Juha und Jukka ins Klassenzimmer. Ihnen folgte ein Schwarm Mädchen.
Juha und Jukka waren sehr beliebt bei den Mädchen unserer Klasse – generell bei allen Mädchen in der Schule. Juha war aber auch wirklich süß, wie ich fand. Mit seinen schulterlangen schwarzen Haaren, den dunkelbraunen Augen, den breiten Schultern und der großen und schlanken Gestalt war er wirklich unwiderstehlich.
Janika hingegen mochte seinen Bruder Jukka mehr. Er hatte dunkelbraune Haare, die etwas kürzer waren, als die seines Bruders. Er war auch groß und schlank, hatte aber leuchtend grüne Augen. Doch die Beiden sahen uns gar nicht vor lauter begeisterten, kreischenden Mädchen. Wir glaubten weniger daran, dass sie uns jemals beachten würden.
Als wir die Brüder gerade so verträumt ansahen, kam nun auch Liisa in die Klasse. Diese wandelnde Puderquaste faste alles, was man unter den Begriffen ‘zickig‘ und ‘hochnäsig‘ verstand, zusammen. Ihr langes blondes Haar wehte hinter ihr her und ich konnte das viele Haarspray riechen, das in ihnen kleben musste. Ihre Klamotten waren natürlich von einem der teuersten Designer. Trotzdem war sie dumm wie Stroh.
Als erstes warf sie den Brüdern einen Blick zu, wobei sie aufreizend mit den Wimpern klimperte. Als sie bemerkte, wie wir zu ihnen hinüber sahen kam sie auf mich zu und zischte: "Lass ja deine Finger von den Beiden, du Monster! Die gehören mir!", sie zeigte auf Janika, die neben mir saß: "Und deine schmierige kleine Freundin sollte das auch!" Mit diesen Worten ging sie wieder.
Es war wirklich jeden Tag das selbe. Immer glaubte Liisa, dass sich alles um sie drehen würde und dass ihr die Welt zu Füßen läge. Doch ich und Janika hatten schon vor einiger Zeit beschlossen nicht aufzugeben und sie einfach reden zu lassen.

Heute war die Mathematikstunde schnell vergangen. Wir hatten die erste Klassenarbeit in diesem Schuljahr geschrieben und es war leichter als ich gedacht hatte. Ich fand Mathe sowieso sehr einfach – wie alle anderen Fächer auch.
Obwohl ich ‘anders‘ war als die anderen gehörte ich zu den Klassenbesten – was mir viele nicht zutrauen wollten.
Jedoch hatte ich außer Janika kaum Freunde. Alle schienen Angst vor mir zu haben, obwohl ich nun schon seit der 5. Klasse auf diese Schule ging und seit 9 Jahren hier lebte. Nun war ich 14 und ging in die 8. Klasse.
Andererseits musste ich auch immer wieder zugeben, dass ich wirklich nicht gerade ‘normal‘ aussah mit meinen hüftlangen pechschwarzen Haaren und der fast zu großen, sehr schlanken Figur.
Harmlos wirkte ich auf die Anderen auch nicht gerade, dank meiner rötlich schimmernden Schlangenaugen, meinen scharfen Zähnen und langen, schwarzen Fingernägel, die an Krallen erinnerten.
Auch mein Kleidungsstyl schien ihnen nicht sonderlich zu gefallen. Heute trug ich zum Beispiel eine schwarze Jeans, darüber einen schwarzen Rock, der fast bis zu den Knien ging. außerdem noch ein ebenfalls schwarzes T-Shirt mit weißgrauen und roten Schriftzügen. Dazu noch meine nietenbesetzten, schwarzen Handschuhe, die bis zu den Ellenbogen reichten und die Fingerkuppen freigaben.
Ich trug generell nur schwarze Klamotten und wirkte dadurch noch düsterer und gefährlicher, als ich es so schon tat. Aber mal ganz ehrlich – ein Monster in bunten Hip-Hop Klamotten oder mit dem Styling ala Zimzicke sähe doch echt bekloppt aus, oder?!
Auf jeden Fall sah ich nicht wirklich so aus, als könne man sich mir ohne Gefahr nähern. Doch wer sich Zeit nahm, um mich richtig kennen zu lernen, so wie Janika das getan hatte, der hätte gemerkt das ich und auch meine Familie gar nicht so schlimm waren, wie wir aussahen.

Nach den regulären Schulstunden trafen wir uns mit unserer Klassenleiterin, Frau Vavanne, in unserem Klassenzimmer, um die bevorstehende Klassenfahrt zu besprechen. Frau Vavanne hatte beschlossen die besten Vorschläge auslosen zu lassen. Zum Schluss blieben noch drei übrig: eine Fahrt in einen nahegelegenen Kletterpark, ein Skyausflug und – zu meiner großen Verwunderung – mein Vorschlag, das Gruselcamp. Wahrscheinlich war mein Vorschlag nur dabei, weil nur ich und Janika wußten, dass es meiner war. Sonst hätte sich bestimmt keiner dafür entschieden.
Am Ende war ich allerdings noch überraschter, denn mein Vorschlag wurde letztendlich ausgewählt.
Nun stand es also fest: unsere diesjährige Klassenfahrt ging in ein Gruselcamp.
Nur in welches? Hoffentlich würde ich jetzt endlich erfahren, was Enary Heute morgen gemeint hatte. Immerhin schien es so, als hätte sie schon etwas vorbereitet. Nur was?

Nachdem noch alles Restliche (zum Teil) geklärt war wurden wir entlassen und Janika und ich fuhren wieder mit dem nächsten Bus nach Hause.
Heute kam sie mit mir mit, da wir noch zusammen Hausaufgaben machen und für ein paar Fächer lernen wollten. Außerdem wollte nun auch meine Freundin wissen, was sich meine verrückte Familie wieder ausgedacht hatte.
Wir gingen den kleinen Feldweg entlang, der von der Bushaltestelle zu meinem Haus führte. Magnum und Kalma waren mal wieder damit beschäftigt in der Garage hinterm Garten an Kalmas ‘Höllenmaschinen‘, wie wir alle seine lauten, großen Motorräder nannten, rum zu schrauben.
Meine Mutter Awa pflegte ihren Kräutergarten, Kita goß seine Sonnenblumen und Ox beschnitt einen unserer vielen Apfelbäume.
Im Haus angekommen wollten wir uns ins Wohnzimmer setzen. Da bemerkten wir meinen Vater Lordi, der in seinem Lieblingssessel saß und Zeitung lass. Er schaute kurz auf und meinte: "Tag die Damen. Na wie war‘s in der Schule?"
"Ganz ok… eigentlich wie immer" sagte ich schnell.
Plötzlich kam Amen ins Zimmer. Er sah sehr zerstreut aus und schien etwas zu suchen.
"Passt bitte auf, wo ihr euch hinsetzt. Mir sind heute Morgen zwei meiner ägyptischen Kobras verloren gegangen. Sie könnten überall sein.", er begann unter die Sessel und das Sofa zu sehen, "Wenn ihr sie findet, tut ihnen bitte nichts" Bei diesem Satz sah er mich finster an und suchte dann weiter. Ich sah verlegen auf mein Heft. Ich wußte, was er damit meinte. Obwohl es nur ein Unfall war, war er mir immer noch böse, weil ich eine seiner geliebten Schlangen um die Ecke gebracht hatte.
Amen war inzwischen weiter in die Küche gegangen. Wir hörten nur noch einige Schränke auf und zu fliegen, Geschirr klirren und mit einem lauten ‘KRACH‘ ertönte die wütende Stimme von Enary.
Nur Sekunden später rannte Amen durch die große Küchentür wieder ins Wohnzimmer. Ihm folgte die Walkyre mit einem Besen bewaffnet.
Amen rannte hinaus in den Garten und Enary blieb vor uns stehen.
"Das der auch nich auf sein Viehzeug aufpassen kann! Jeden Tag das selbe! Und immer geht was zu Bruch!", schnaubte sie wütend mit gefletschten Zähnen. Dann wendete sie sich uns zu.
Wir hatten gerade damit begonnen die Mathematikaufgaben zu lösen, hatten diese aber unterbrochen, da es einfach zu unterhaltsam war, zuzusehen, wie Enary Amen durch das Wohnzimmer jagte.
Enary setzte sich uns gegenüber in einen großen Lehnsessel und sah mich merkwürdig an.
"Was ist? Hab ich was angestellt?", fragte ich.
"Nein, nein, keine Angst. Ich möchte nur wissen was aus eurer Klassenfahrt geworden ist. Wo fahrt ihr den nun hin?", fragte sie etwas entspannter als sie es zuvor war.
"Naja, du hattest wirklich Recht. Meine Idee war erfolgreich. Wir haben uns wirklich dafür entschieden, in ein Gruselcamp zu fahren. Nur wohin…"
"Das kann ich dir sagen. Du kennst doch die alte Villa im Wald, oder?"
"Ja, aber was hat das mit unserem Ausflug zu tun?"
"Naja, ich hab mit den anderen geredet und... ach Lordi, erzähl du‘s ihr doch. Mir habt ihr ja eh nur die Hälfte verraten."
Gespannt sahen wir drei Lordi an, der nun langsam und seufzend von seiner Zeitung aufblickte.
"Das du nur die Hälfte mitgekriegt hast is ja eigentlich schon logisch. Wenn du dauernd nur deine Nagelpflege im Kopf hast und dir die Nägel feilst, während wir wichtige Dinge besprechen hast du eben Pech gehabt." meinte er zu Enary. Und an uns gewannt: "Also, wir dachten, dass ihr zwei mit eurer Klasse eine Woche in der alten Villa verbringen könntet. Ich hatte schon vor einiger Zeit die Idee, aus dieser Bruchbude ein Ferienlager und eine Art Freizeit-Grusel-Park zu machen. Und nun scheint sich diese ja zu verwirklichen." Er grinste breit.
"Soll das heißen, dass IHR dieses Camp leiten werdet???" fragten Janika und ich wie aus einem Mund.
"Ja" bestätigte mein Vater.
Janika und ich sahen uns einige Momente schweigend an.
"Keine Sorge, Kiia, wir werden deinen Mitschülern schon nichts tun. Außerdem könnte das doch eine gute Gelegenheit sein, um sie besser kennen zu lernen."
"Und sie können uns kennen lernen.", meinte Enary ergänzend.
"Genau! Vielleicht findest du dann endlich mal ein paar neue Freunde.", fügte Lordi noch hinzu.
Na toll. Meine Familie leitet ein Gruselcamp, in das meine Klasse bald fahren würde. Danach würden mich alle nur noch mehr hassen… vielleicht würden wir erst gar nicht fahren.
"Aber ihr könnt doch nicht... ich meine... wie wollt ihr das finanzieren???", fragte ich mit der Hoffnung es ihnen doch noch ausreden zu können, doch mein Vater beharrte auf seiner Meinung.
"Da brauchst du dir keine Gedanken zu machen, meine Liebe. Mit Geld hatten wir ja noch nie Probleme…" meinte er
"Aber das kostet doch bestimmt über ne Millionen… So viel haben wir ja nun doch nicht… wie wollt ihr das alles renovieren und…"
"Wer sagt den, dass dort alles frisch renoviert und tipptopp sein muss? – immerhin wird das ein Gruselcamp und kein Vier-Sterne-Hotel." Konterte Lordi grinsend.
Langsam gingen mir die Argumente aus. Mir blieb also nichts anderes übrig, als mitzumachen.
In diesem Moment stürzte Amen wieder in den Raum. Hinter ihm meine Mutter mit einem drohenden Knurren und gefletschten Zähnen. Wahrscheinlich war er bei seiner Suche nach seinen Schlangen mal wieder in ihrem Kräuterbeet gelandet. Das konnte sie gar nicht leiden.
Meine Mutter jagte Amen durch das Wohnzimmer in den Flur und Selbigen entlang zur zweiten Hintertür. Ich konnte deutlich hören, dass diese aufgerissen wurde. Ein lauter Schrei gefolgt von einem dumpfen ‘PLATSCH‘ lies uns in Gekicher ausbrechen. Wir eilten zur Hintertür, um zu sehen was geschehen war.
Der Anblick, der sich uns darbot war einfach köstlich:
Meine Mutter stand lachend neben dem Gartenteich und im Gartenteich – lag Amen.
"Haha, sehr witzig.", meinte er sarkastisch während er etwas Wasser ausspuckte.
"Tja, das hast du nun davon.", sagte meine Mutter immer noch kichernd mit einer Hand vor dem Mund.
Mit vereinten Kräften zogen mein Vater und Ox, der ebenfalls herbeigeeilt war, den pitschnassen Amen aus dem Gartenteich.
Dieser ging dann keifend und fluchend und wassertropfend auf sein Zimmer, um sich ‘trockenzulegen‘.
Dieses Szenario erfüllte mich sehr mit Heiterkeit. Vielleicht hatte mein Daddy ja auch Recht und es würde wirklich nicht ganz so schlimm werden. Vielleicht würden dann meine Mitschüler auch endlich begreifen, dass wir keine ‘Monster‘ in dem Sinne waren. Vielleicht würde ich dann doch noch ein paar neue Freunde bekommen. Und vielleicht beachtete dann auch Juha mich ein wenig… und das ohne panische Angst in den Augen.
Ich musste lächeln. Dann schnappte ich mir mein Schulzeug und meine Freundin Janika und wir gingen hinauf in mein Zimmer. Dort hätten wir bestimmt genug Ruhe, um endlich unsere Hausaufgaben und das Lernen hinter uns zu bringen, denn wir hatten uns noch etwas vorgenommen…

Es war schon später Nachmittag, als Janika und ich endlich mit den Schularbeiten fertig waren. Wir schnappten uns zwei Taschenlampen und gingen los… in Richtung der alten Villa, die auf einer Lichtung tief im Wald stand.
Nach zirka einer dreiviertel Stunde hatten wir sie erreicht. Langsam gingen wir auf die große Treppe zu, die zur Veranda führte.
Sie war sehr breit, wurde aber nach Oben hin immer schmaler. Sie wurde von einer sehr hohen steinernen Mauer begrenzt, die wohl das Geländer sein sollte.
Wir sahen uns noch einmal kurz schweigend an. Dann nickten wir uns zu und gingen langsam die lange Treppe hinauf. Oben angekommen sah ich, wie Janika zitterte, als sie ihre Hand auf den kalten Stahl des Türknaufs legte.
"Du brauchst keine Angst zu haben. Daddy sagt, hier gibt es keine Monster oder ähnliche Kreaturen.", sagte ich gelassen.
"Und was, wenn doch?", fragte sie immer noch zitternd.
"Dann bin ich ja auch noch da. Ich bin schließlich auch nicht von dieser Welt."
"Na wenn du meinst.", sie atmete einmal tief durch und drehte den Knauf. Die Tür öffnete sich mit einem lauten Knarzen und vor uns erstreckte sich eine große, hohe Eingangshalle.
Uns gegenüber lag eine weitere hohe Treppe, die in die anderen Stockwerke führte. Doch nach den ersten zirka zwanzig Stufen teilte sie sich nach links und rechts auf.
Ich lies meine Blicke ein wenig umherschweifen. Überall standen alte Möbel – vollkommen mit Staub bedeckt. Ein paar alte Sessel standen in einer Ecke. Daneben eine uralte Couch. Von der Decke hinunter hing ein riesiger Kronleuchter und auf dem Boden lag ein ebenfalls verstaubter, ehemalig rubinroter Teppich.
Während ich mich ein wenig umgesehen hatte, war Janika auf die große Treppe zugegangen und stand nun wie gelähmt davor.
"Kiia…", flüsterte sie zitternd, "Kommst du mal bitte? – Schnell…"
Ich sah zu ihr hinüber, folgte ihrem Blick die Treppe hinauf… und traute meinen Augen nicht. Auf der obersten Stufe stand ein kleines Mädchen. Man konnte halb durch sie hindurch sehen und sie schien zu schweben. Sie hatte lange hellgrau bis weiße Haare und trug ein weißgraues bodenlanges Hemdchen.
Genau in diesem Augenblick sah das kleine Geistermädchen, um das es sich zweifelsfrei handelte, hinunter und erblickte Janika. Diese fuhr zusammen und stieß einen leisen Schrei aus. Im gleichen Augenblick schien sich auch der kleine Geist zu erschrecken, denn er trat einige Schritte zurück, schien sich aber gleich wieder zu fangen.
"Ganz ruhig", beruhigte er sich selbst, "das ist nur ein ganz normaler Mensch" Mit diesen Worten kam die Kleine langsam die Treppe hinunter geschwebt, wobei sie irgendwie doch zu laufen schien. Sie war fast Unten angekommen, da sagte sie an Janika gewandt: "Hallo, entschuldige, dass ich dich erschreckt habe, aber ich dachte es wären schon wieder diese Mons…" weiter kam sie nicht, denn sie hatte mich entdeckt, wie ich immer noch mit verschränkten Armen in der Tür stand. Sie riß die Augen weit auf und verschwand mit einem schrillen Schrei hinter einem der staubigen Sessel.
Langsam schritt nun auch ich in die große Halle und auf die Sesselgruppe zu, hinter denen sich der Geist versteckt hatte. Janika drehte sich zu mir um und folgte mir… weiterhin zitternd.
Ich kniete mich langsam neben die Kleine, die leise angefangen hatte zu wimmern. Es klang irgendwie, wie ‘Bitte tu mir nichts‘.
"Was wolltest du gerade sagen?", fragte ich ganz ruhig, um die Kleine nicht noch mehr zu erschrecken. Es war sehr seltsam, denn normalerweise hatten Geister keine Angst vor Monstern und anderen ‘Artgenossen‘.
Als sie nicht antwortete versuchte ich sie ein wenig zu beruhigen. Ich kniete mich neben sie, strich ihr vorsichtig über den Rücken und sagte: "Du brauchst keine Angst zu haben. Ich tu dir nichts. Und jetzt sag mir bitte, was du vorhin sagen wolltest."
Die Kleine sah mich aus großen grauweißen Augen an und fragte: "Warum bist du so nett zu mir?"
"Warum sollte ich das nicht?"
"Monster sind doch immer böse."
"Wer hat dir denn das erzählt."
"Ja, aber, das weiß man doch…", meinte die Kleine, die sich langsam an mich zu gewöhnen schien.
"A-also, K-kiia tut k-keinem was.", sagte Janika, die inzwischen langsam an uns herangetreten war und auch langsam aufhörte so schrecklich zu zittern.
"Na-na gut…" das Geistermädchen richtete sich wieder auf und sah mich und Janika einige Male immer wieder im Wechsel an, dann wand sich ihr Blick gen Boden.
"Was wolltest du denn nun vorhin sagen?", fragte ich um die gespenstische Stille zu unterbrechen.
"Hm?… Achso, naja, eigentlich war ich nur froh, dass nicht wieder diese Monster von heute Morgen da waren…"
"Was? Monster???", fragte ich völlig überrascht.
"Ja, Monster. Ganz schreckliche", bestätigte die Kleine.
"Was für Monster waren das??? Wie sahen sie aus???", ich war vollkommen perplex von dieser Nachricht und hoffte, dass es nicht die Monster waren, an die ich gerade dachte.
"Naja… es waren vier: Eine Frau mit langen, blonden Haaren, spitzen Zähnen und einem ganz großen Schwert an der Seite… die hat mir Angst gemacht…… dann eine Mumie und… und ein Monster mit lila-roter Haut, langen, schwarzen Haaren und ganz großen Zähnen und ein sehr, sehr großes Monster mit langen schwarzen Haaren, einem Bart, in einem langen Umhang und überall mit Nieten besetzten Sachen… und das große hatte das Lilane an so ne Art Leine genommen… an eine lange Eisenkette oder so"
"Das gibt’s doch nich", entfuhr es Janika und sie sah zu mir hinüber. Ich sah sie ebenfalls völlig verblüfft an.
"Was ist???… Kennt ihr… die???", fragte der Geist kleinlaut.
"Ja, das tun wir in der Tat…" meinte Janika und sah mich nochmals an.
"Das gibt’s doch nicht…" flüsterte ich mehr zu mir selbst, als zu den anderen Beiden, mit zu Boden gesenktem Blick.
"Das meinte Enary wohl heute morgen… aber was haben sie, Amen, Kita und mein Vater hier zu suchen?"
Als das Geisterkind das hörte wich sie erschrocken einen Schritt zurück.
"D-d-dein Vater?…" fragte sie zitternd.
"Ja", murmelte ich immer noch in Gedanken versunken.
"Was haben sie denn hier gemacht?", wollte ich dann schließlich wissen.
"K-keine Ahnung, als ich sie gesehen hab bin ich hinauf auf den Dachboden und hab mich versteckt, bis sie wieder weg waren."
Ich grinste. "Vor denen brauchst du dich nicht zu fürchten. Die sind so gefährlich, wie ne Scheibe Weißbrot."
"So sahen die aber nicht aus…" meinte das Geistermädchen kläglich.
"Seh ich so aus, als könne man mit mir vernünftig reden?", fragte ich sie.
"Naja…nein", gab die Kleine zu.
"Kann man mit mir vernünftig reden?"
"…Irgendwie schon…Ja…", gab sie zögernd und etwas beschämt zurück..
"Na also…"
Ein Moment der Stille kehrte ein. Dann wandte sich Janika, die ihre Sprache vollkommen wieder erlangt hatte, an mich: "Da wir gerade bei deinem Vater sind… hatte er nicht gesagt, dass die Villa verlassen ist und es hier keine Monster gibt?"
"Wieso… hier gibt‘s doch keine Monster.", meinte ich etwas verwundert über die Frage.
"Genau, ich hab hier auch noch nie welche gesehen… welche, die hier wohnen, meine ich…" stimmte mir das kleine Geistermädchen zu.
Janika deutete auf die Kleine: "Und was ist das dann?"
"Aber Janika, das ist doch kein Monster, das ist ein Geist."
"Und was ist da der Unterschied?"
"Keine Ahnung, aber Daddy sagt, dass Geister, Skelette, und andere Untote, wie auch Zombies und so was, zur Gruppe der Dämonen gehören… oder so was in der Art… musst du ihn mal fragen…"
"Moment mal", meldete sich der kleine Geist wieder zu Wort, "Ich bin doch ein Mensch… und kein Geist"
Wir sahen die Kleine verwirrt an.
"Wie jetz… ‘du bist ein Mensch‘… du bist ein Geist, das sieht man doch…"
"Aber das kann doch gar nicht sein… ich bin Maija-Maria Panukka – ein normales 5-jähriges Menschenmädchen… und kein Geist. Wieso auch, ich meine…"
Sowas hatte ich noch nie gehört. Ein Geist der nicht wußte, dass er ein Geist war… irgendwie verrückt. Aber somit stellte sich uns ein großes Problem: wie erklärt man nur einem kleinen Mädchen, dass es tot war? Sie war laut eigener Aussage ja erst 5. Wer weiß, wie sie das verkraften würde. Aber irgend jemand musste es ihr ja mal sagen… außerdem musste sie schon ein bis zwei Jahrhunderte alt sein… so wie sie aussah, also versuchte ich es mal.
"Hör mal… es mag für dich ja nicht besonders schön sein, das zu erfahren, aber du bist wirklich ein Geist… und somit auch… tot."
Die kleine bekam glasige Augen "Aber, aber, das kann doch gar nicht sein… Mami hat doch gesagt…", begann sie schluchzend. Dann fing sie an zu weinen.
"Was hat deine Mami gesagt?" fragte ich vorsichtig.
"Dass ich hier auf sie warten soll… bis sie wieder da ist…" schluchzte sie, "Mami ist aber nie zurückgekommen., also hab ich weiter gewartet. Sie hat mir gesagt, dass ich nicht hinausgehen darf. Ich sollte hier bleiben… Ich hatte aber bald nichts mehr zu essen… und um den Hunger zu vergessen hab ich versucht mich abzulenken… irgendwann bin ich dann eingeschlafen und…" sie hielt inne und begann nun wieder zu weinen.
"Ich bin doch ein Geist", würgte sie unter Tränen hervor. "Und meine Mami ist bestimmt auch tot… ich werde sie nie wieder sehen… und muss hier ganz alleine bleiben." sie hatte sich auf die Knie sinken lassen, die Hände über die Augen gelegt, und weinte und schluchzte nun vor sich hin.
Ich sah ratlos auf sie hinunter, bis Janika mich mit dem Ellenbogen in den Arm stieß. Als ich zu ihr hinüber sah flüsterte sie mir leise ins Ohr: "Könnt ihr sie nicht aufnehmen? Euer Haus ist doch groß genug und die Kleine ist doch so allein."
"Wie stellst du dir das vor? Was soll ich denn meinen Eltern sagen?"
"Na dass du in der alte Villa ein kleines, einsames Geistermädchen gefunden hast und dass die Kleine ein zu Hause braucht… Bitte, Kiia. Sieh sie dir doch einmal an."
"Na gut… wir nehmen sie mit. Ich werde mal mit Daddy reden. Mal sehen, was ich tun kann…" meinte ich.
Janika und die Kleine Maija, die dies ebenfalls gehört hatte, sahen mich freudig an. Mit einem letzten schluchzen brachte Maija noch ein "Danke" heraus und umarmte mich, dann gingen wir zu dritt wieder in Richtung Heimat.

Wir gingen (bzw. schwebten) eine Zeit lang schweigend nebeneinander her, dann sagte Maija plötzlich: "Ihr wisst ja jetzt wer ich bin, aber ich kenn eure Namen noch gar nicht richtig."
"Stimmt", sagte ich, "Also, ich bin Kiia Leena Nea Ritva Paysant, du kannst mich aber auch Kiia nennen. Meinen kompletten Namen benutzt sonst nur ab und zu mein Vater, wenn ich was angestellt habe.", ich musste grinsen, dann fuhr ich fort, "und das ist meine beste Freundin Janika Joannsin" Janika und ich lächelten sie an… Und sie lächelte zurück. Sie schien sehr froh zu sein, dass sie nicht mehr allein war.
"Glaubst du wirklich, dass ich bei dir bleiben kann, Kiia?" sie lies den Kopf hängen, "Vielleicht geh ich deiner Familie ja nur auf die Nerven… oder sie wollen mich erst gar nicht haben."
"Das glaube ich nicht. Wir haben schon oft andere Monster, Dämonen und ähnliche Kreaturen aufgenommen, wenn sie nicht mehr weiter wußten. Zum Beispiel Kita. Er kommt aus einer fremden Galaxie. Nach einer Bruchlandung mit seinem Raumschiff wußte er nicht mehr, wie er wieder nach Hause kommen sollte und wo er nun bleiben sollte. Da hat mein Vater ihn einfach mit zu uns geholt."
"Kling ja, als wäre er sehr nett, dein Vater"
"Ja, das ist er. Sehr nett. Manchmal aber auch streng"
"Hart aber gerecht", meinte Janika grinsend. Ich wußte genau worauf sie hinaus wollte.
"Und wer ist Kita?" wollte Maija wissen.
"Den wirst du bald kennen lernen", meinte ich, "Genau, wie die anderen. In zirka zwanzig Minuten sind wir da."
"Und wieviele seit ihr… bei euch zu Hause?"
"Mit mir sind wir neun und mit dir somit zehn."
"Wow, und da ist noch Platz für mich"
"Aber klar. Wart‘s ab, bis du unser Haus siehst. Da könnten locker fünfzig Personen wohnen."
"Toll" meinte Maija verträumt.
Eine Weile gingen wir nun wieder schweigend nebeneinander her. Ab un zu stellte Maija uns noch ein paar Fragen, die Janika und ich ihr abwechselnd beantworteten und dann sahen wir auch schon das moosbewachsene, gräulich-schwarze Schieferdach unseres Hauses.
Nach einer Weile konnte ich auch schon unseren Garten erkennen. Meine Mutter war immer noch am Unkraut jäten und Ox beschnitt nun den großen Kirschbaum. Bedrohlich schwankte und ächzte die Leiter unter seinen Füßen, als er einen weiteren Schritt nach oben machte.
"Hallo, da sind wir wieder.", rief ich meiner Mutter zu und rannte schon mal voraus.
"Hallo Mama, wir haben noch jemanden mitgebracht. Wo is Daddy?"
"Der is drin. Sitzt immer noch im Sessel und liest… anstatt mir mal zu helfen, aber das ist für ihn ja ein Fremdwort" meinte sie genervt während sie mir mit etwas Unkraut vor der Nase rumwedelte.
Nun waren auch Maija und Janika bei uns angekommen. Ich schlug ihnen vor erst einmal Maija und meine Mutter bekannt zu machen, während ich meinen Vater holen würde. Das taten sie dann auch.
"Daddy" rief ich während ich ins Wohnzimmer rannte.
"Daddy, wir sind wieder da." Er schaute von seiner Zeitung auf.
"Is schwer zu überhören. Hast du wieder was ausgefressen, oder warum grinst du so?" fragte er mit einem hämischen Grinsen auf den Lippen.
"Nein, wo denkst du hin… Ich hab nur jemanden mitgebracht."
"Oh Gott", murmelte er etwas unverständlich und mehr zu sich selbst "Ich ahne, Kiia, ich ahne. Und du weißt, dass das meistens nichts Gutes zu bedeuten hat. Also raus mit der Sprache, wen hast du denn mitgebracht?"
"Naja, du hast ja gesagt, dass in der alten Villa im Wald, aus der ihr dieses Camp machen wollt, dass da niemand mehr lebt… und dass es da auch keine Monster oder ähnliches gibt…"
"Ja, das habe ich… Sag bloß, du hast doch eins gefunden" meinte er sichtlich verblüfft.
"Naja… Monster nicht direkt… einen Geist… ein kleines Geistermädchen…"
"Tja, da soll mal einer sagen, ich hätte immer Recht. Und warum hast du die Kleine mitgebracht?"
"Naja… sie ist ganz allein und weiß nich wohin… sie wußte bis heute noch nicht mal, dass sie ein Geist ist… kann sie… ich meine… wir haben doch genug Platz…"
"Erstmal möchte ich sie kennen lernen, dann sehen wir weiter"
"Heißt das ‘ja‘?", fragte ich etwas kleinlaut.
"Ja", meinte er während er sich aus seinem Sessel bequemte und in Richtung Garten ging.

Nun hatten wir also noch einen Mitbewohner mehr. Maija lebte sich wirklich gut bei uns ein und keiner ahnte, was wir mit ihr noch alles erleben sollten…

Am nächsten Tag, einem Freitag, verlief alles wieder genau, wie immer. Nur das es sich Enary jetzt wohl zur Aufgabe gemacht hatte, mir jeden Morgen Frühstück zu machen. Auch die anderen standen immer früher auf… Daddy saß nun schon in seinem Sessel und las Zeitung, wenn ich hinunter kam. Meine Mutter ging durch die Zimmer, um die andren aus den Feder zu schmeißen. Doch für unsere Langschläfer musste sie sich schone einiges einfallen lassen, zum Beispiel bekam Amen immer einen vollen Eimer kaltes Wasser ins Gesicht gekippt. Ox musste sie nur die Decke wegziehen. Nach einer Weile stand er dann schon auf. Doch Kita war der hartnäckigste. Ihn musste sie meist in Ketten gelegt aus seinem Bett und in die Küche schleifen…
Doch nun zurück zu diesem Freitag Morgen, der ein sehr bedeutender Zeitpunkt – zumindest der Anfang dieses Zeitpunktes – in meinem Leben sein sollte.

Dieser besagte Freitag fing also ganz gewöhnlich an. Viel zu gewöhnlich.
Es war mir zu unsicher und ich hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl… und es hatte mit Liisa zu tun – da war ich mir sicher.

Die erste Stunde – eine Geographiestunde – verlief ebenfalls wie immer. Mir fiel nur ab und zu auf, dass Liisa so merkwürdig grinsend zu mir hinüber sah, doch ich dachte mir nichts dabei. Wahrscheinlich hatte sie mal wieder eine ihrer Phasen.
Doch nach dem Unterricht sollte ich herausfinden, dass es doch einen anderen Grund hatte…

Es war gegen zirka 13:00 Uhr. Bald würde die letzte Stunde beginnen.
Ich hatte die Hausaufgabe für diese Stunde – eine Geschichtsstunde – auf meinen Platz gelegt. Aufgabe war es, zu verschieden zugeteilten Themen einen Vortrag auszuarbeiten. Mein Thema war der I. Weltkrieg.
Ich las mir meinen Vortrag noch einmal gründlich durch, als plötzlich Liisa auf mich zu kam. Ich dachte mir erst nichts dabei. Doch plötzlich schnappte sie sich meinen Vortrag.
"Aha, aha, der I. Weltkrieg", sagte sie mit ihrer renommierenden, hochnäsigen Stimme.
"Das hat bestimmt viel Arbeit gemacht, was?"
"Ja hat es, und jetzt leg es wieder hin!", sagte ich genervt und Sekunden später war ich vollkommen fassungslos, als Liisa das Blatt in viele, winzig kleine Fetzen zerriß.
"Ach, wie schade. Nein, wie tut mir das Leid" sagte sie gespielt verlegen und schuldbewußt mit einer Hand vor den Mund gelegt. Die Schnipsel meiner Arbeit verstreute sie nun über den Tisch, an dem ich und Janika völlig konsterniert saßen, dann eilte sie mit intriganten Gekicher davon.
"Jetz reicht’s. Das kannst du doch nicht mit dir machen lassen, Kiia. Komm wir gehen zu Herr Kukajani.", meinte Janika sichtlich entsetzt.
Ich folgte ihr zur Tür. Auf dem Gang stand Herr Kukajani, unser Geschichtslehrer, und wer war bei ihm? – Liisa.
Sie sprach gerade mit ihm und hatte wieder diesen gespielten traurig-strengen Gesichtsausdruck. Doch das dies alles nur gespielt war schien dem Lehrer nicht aufzufallen.
Ein paar Augenblicke später kamen sie auf uns zu – Liisa voran – mit dem ihr eigenem bösartigen Grinsen im Gesicht.
Als sie an uns vorbeikam sagte sie zu mir: "Viel Spaß… Kiia", die Tatsache, das sie meinen Namen so stark betonte lies mich vermuten, dass sie ihm etwas über mich erzählt hatte – und zwar nichts positives.
Dann kam auch schon Herr Kukajani.
"Kiia, ich bin wirklich enttäuscht von dir. Das ausgerechnet du diese Hausaufgabe nicht machst, hätte ich nie von dir gedacht." Sagte er mit enttäuschter Miene.
"Aber Liisa hat doch…"
"Nein, Kiia. Ich möchte jetzt keine Ausreden hören. Und Liisa brauchst du deine Faulheit erst recht nicht in die Schuhe zu schieben", mit diesen Worten ging er an mir vorbei und in die Klasse. Janika und ich gingen an unsere Plätze. Ich kochte innerlich vor Wut und schwor mir Rache. Noch heute würde ich es dieser falschen Schlange heimzahlen, und ich wusste auch schon wie…

Nach der letzten, noch recht turbulent zugehenden Stunde, wurden wir endlich entlassen. Für meine ‘nicht gemachten‘ Hausaufgaben hatte ich eine 6 bekommen.
Als Janika und ich auf unsere Schließfächer zugingen, stand Liisa schon vor ihrem. Sie grinste noch einmal hämisch, als wir an ihr vorbei gingen, dann stellte sie ein Buch in ihr Fach und nahm ihre Jacke heraus.
In diesem Augenblick lies ich eine Riesenladung grünen, glitschigen Schleims auf sie hernieder regnen, der sie vollkommen einhüllte.
Nun stand ich triumphierend vor der schleimspuckenden Liisa, die zu Boden gesunken war, als sich die ekelhafte Masse über sie ergossen hatte.
Sie warf mir einen bösartigen Blick zu, während sie versuchte sich von der giftgrünen Masse zu befreien. Doch nun konnte ich hämisch grinsen.
Just in diesem Augenblick kam Frau Vavanne um die Ecke und sah Liisa am Boden liegen – und Liisa sah Frau Vavanne, die sich vor Schreck an die Wand lehnte. Da schien sich in ihrem verstaubten, kleinen Hirn schon ein weiterer Racheplan zu verwirklichen, denn auf einmal tat sie so, als würde sie gleich ersticken. Sie zappelte herum und rang nach Atem. Dabei ächzte und hustete sie schleimspuckend vor sich hin.
Mit schnellen Schritten eilte die Lehrerin nun auf uns zu.
"Kiia, hör sofort auf damit!" schrie sie mich entsetzt an.
"Die tut doch nur so… das Zeug is vollkommen ungefährlich." Wollte ich mich verteidigen. Doch gleich darauf fing Liisa wieder an zu ächzen und würgte ein ersticktes "Hilfe" hervor.
"KIIA!!!" fuhr mich die Lehrerin nochmals an und ich lies die glibbrige Masse von ihr gleiten.
Frau Vavanne kniete sich neben Liisa und fragte: "Alles in Ordnung? Komm, ich bring dich erstmal zur Schulkrankenschwester. Und du, Kiia.", Sagte sie in strengem Ton zu mir, "Dir ist hoffentlich klar, dass ich deine Eltern darüber informieren muss."
"Ja, aber…" setzte ich verzweifelt an.
"Nein, kein aber. Liisa hätte sterben können. Ich werde deine Eltern gleich anrufen und wir werden uns auch noch einmal darüber unterhalten." Mit diesen Worten ging sie, Liisa auf sich gestützt, in Richtung Krankenzimmer. Liisa warf mir noch einen bösartigen, hämisch grinsenden Blick zu, den Frau Vavanne leider nicht bemerkte, bevor Liisa sich schwer auf die Lehrerin stützte und mit ihr davonging.
Ich seufzte.
"Man, das ist aber gewaltig nach hinten losgegangen." meinte Janika, die immer noch neben mir stand.
"Oh ja, und wie." gab ich mit einem weiteren, tiefen Seufzen zurück, während ich den Beiden nachsah. Mir war klar, dass das eine Menge Ärger und seeehhrr langen Hausarrest geben würde, wenn ich wieder daheim war.
Und es war auch so…

"Kiia, wir müssen reden.", hörte ich die strenge Stimme meines Vaters, als ich zur Haustür hereintrat.
Mit einem unguten Gefühl im Bauch setzte ich mich meinen Eltern gegenüber, die an der großen Tafel im Esszimmer Platz genommen hatten.
"Kiia, Frau Vavanne hat gerade angerufen…." begann er langsam.
"…und was sie uns erzählt hat, hat uns nicht gerade erfreut." fuhr meine Mutter fort. Ich seufzte.
"Meine Liebe, ich muss mich doch sehr über dich wundern." Sagte mein Vater vorwurfsvoll, "Sowas hast du doch noch nie gemacht."
"Und nur, weil du Liisa nicht leiden kannst, brauchst du auch nicht gleich versuchen sie umzubringen."
"Aber das hab ich gar nicht. Ich hab ihr nur ein bisschen Schleim über‘n Kopf gekippt. Der war völlig ungefährlich, wirklich", beteuerte ich.
"Ob ungefährlich oder nicht, Strafe muss sein. Ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass du keine Zauberei einsetzen sollst, und das nur, um dich zu rächen… für was auch immer…" sagte mein Vater streng und ich konnte mir denken, was das hieß.
"Du hast drei Wochen Hausarrest. Und sollte in den nächsten Tagen noch so etwas in der Art vorkommen machen wir daraus Gummiarrest, den wir dann, wie du weißt, beliebig verlängern können" fügte er zum Schluss hinzu.
Mit einem weiteren Seufzen ging ich nach Oben in mein Zimmer, um mich gleich darauf heulend auf‘s Bett zu schmeißen.

Ich weiß nich, wie lange ich so dagelegen hatte, aber irgendwann musste ich wohl eingenickt sein. Ich schlief lange… langsam glitt ich durch die traumlose Dunkelheit des Schlafes, bis plötzlich – mitten in der Nacht – mein Handy klingelte.
"Hallo?", nuschelte ich verschlafen während ich meine Nachttischlampe anschaltete und auf den Wecker sah.
"Hi Kiia, na wie geht‘s? Was machst‘n du grad so?, fragte eine Stimme, die ich als die von Janika identifizierte. Sie klang sehr froh und überdreht, trotz der (sehr) frühen Stunde.
"Naja, ich weiß ja nich was du normalerweise um drei Uhr morgens machst, aber ich schlafe da für gewöhnlich"
"Ja, ‘tschuldige , ich weiß es ist sehr früh, aber es ist wichtig." ihre Stimme überschlug sich fast.
"Na gut… schieß los", seufzte ich und stütze meinen Kopf mit einer Hand ab, die ich auf den Ellenbogen stützte. Mit der anderen Hand hielt ich meine Handy fest und versuchte halbwegs aufmerksam zuzuhören.
"Jukka hat mich grad angerufen. Er und Juha fanden das Heute spitze, was du mit Liisa gemacht hast und wollen Morgen Vormittag zusammen mit mir vorbeikommen."
Plötzlich war ich hellwach.
"Wie jetz??? Zu wem wollen die kommen???"
"Na zu dir… immerhin hast du ja bestimmt Hausarrest bekommen, oder?"
"Ja, hab ich… aber… nein… Janika, verarschen kann ich mich alleine. Das stimmt doch nie und nimmer."
"Doch. Kiia, glaub mir. Es stimmt wirklich. Und wer weiß, vielleicht finden sie dann ja auch raus, wie nett du eigentlich bist…"
Ich versuchte mich wieder halbwegs in den Griff zu bekommen.
"Naja gut", sagte ich etwas ruhiger, "Wir werden sehen… Kann ich jetzt weiterschlafen?" fragte ich schließlich mit einem langen Gähnen.
"Ja natürlich. Entschuldige nochmal. Bis Morgen."
Mit einem leisen "Hm" legte ich auf und war schon wieder eingeschlafen.

Am nächsten Tag wachte ich schon recht früh auf. Nach Janikas Anruf konnte ich sowieso im großen und ganzen nicht mehr so richtig einschlafen und hatte gegen halb sechs beschlossen meine Hausaufgaben für den kommenden Montag zu machen. Ich hatte ja mehr als genug Zeit.
Ich setzte mich also an meinen Computer, um einen Geographievortrag zu verfassen und vorzubereiten.
Nach zirka einer Stunde gesellte sich dann – wie an jedem Wochenende – auch Kita zu mir. Mit einem langgezogenem Gähnen murmelte er etwas, das wie ‘Guten Morgen‘ klang. Dann streckte er sich und lies sich neben dem Schreibtisch, an dem ich saß, nieder.
Gegen sieben Uhr kam dann auch meine Mutter in mein Zimmer. Eigentlich wollte sie mich zum Frühstück wecken, da ich aber bereits wach war, folgte ich ihr nun in die Küche. Kita, der bis gerade eben noch neben meinem Schreibtisch geschlafen hatte, trottete nun noch etwas müde hinter uns her.
Nach dem Essen ging ich wieder hinauf in mein Zimmer. Ich wollte noch an meinem Vortrag arbeiten, bis Janika kommen sollte.
Ich hatte keine Ahnung wann sie mit den Jungs hier sein würde. Das hatte sie leider nicht erwähnt. Doch meine Erfahrung sagte mir, dass Janika gegen 10:00 Uhr da sein würde – egal ob mit oder ohne Jungs.
In diesem Moment kam Kita wieder zum Zimmer herein und legte sich wieder neben meinen Schreibtisch. Im Maul trug er den Rest seines Frühstücks – einen großen Fleischbrocken, der starke Ähnlichkeit mit einem menschlichen Arm aufwies.
"Was machst du da?", fragte er während er seinen Kopf auf die Forderpranken legte und begann an dem bereits etwas hervorragendem Knochen zu nagen.
"Hausaufgaben… nen Vortrag für Geo.", antwortete ich, während ich konzentriert auf den Bildschirm sah.
"Aha… du bist heut‘ ja nicht grad sehr gesprächig"
"Hab zur Zeit andre Sorgen…"
"Wegen Janika? Oder besser gesagt, wegen den Jungs, die vorbeikommen wollen???"
"Woher weißt du das denn schon wieder???", fragte ich verblüfft und sah zu ihm hinunter.
"Naja… deine Gedanken stehen dir sozusagen auf der Stirn geschrieben.", er grinste.
Ich seufzte. "Was ist, wenn das nur ein Scherz war? – Anderer Seihst würde Janika mich doch nie mit sowas aufzieh‘n wollen, oder???", ich sah Kita erwartungsvoll an.
"Naja…", meinte er nachdenklich, "Sie ärgert dich ja gern mal, aber sie mag die Jungs ja auch, soweit ich weiß. Darum glaub ich nicht, dass sie geflunkert hat."
"Ja, aber warum sollten sich Juha und Jukka jetzt auf einmal für mich interessieren.
"Wer weiß…" meinte Kita geheimnisvoll und knabberte wieder an seinem Frühstück.
Ich warf Kita einen letzten Blick zu, der soviel bedeuten sollte, wie ‘jetz fang bloß nicht wieder damit an‘, und wendete mich anschließend wieder dem Computerbildschirm zu, um weiter zu arbeiten. Kita döste unterdessen etwas in der Sonne, die durch das Fenster in meinem Zimmer fiel und schleckte dabei genussvoll schmatzend an dem ehemaligen Arm.

Ich hatte richtig geschätzt. Um Punkt 10:00 Uhr klingelte es an unserer Tür und Kalma öffnete.
"Wir kaufen nichts." Sagte er gelangweilt und ein wenig angesäuert zu den zwei Jungen Männern, die vor unserer Haustür standen.
"Hallo Janika", stieß er verwundert hervor, als er meine Freundin bemerkte, die hinter den Jungs stand "Gehören die zu dir?" fragte er immer noch etwas verdutzt und zeigte auf die Beiden.
"Ja, wir wollen Kiia besuchen. Sie ist doch bestimmt…"
"Ja, sie ist in ihrem Zimmer…" vervollständigte er ihren Satz. "Zumindest wenn sie nicht wieder abgehauen ist, um ihrem Hausarrest zu entfliehen, ist sie da." Murmelte er mehr zu sich selbst, als zu den dreien – weiterhin mit gelangweiltem Unterton in der Stimme.
"Ok dann… gehen wir… jetzt mal… nach oben……" sagte Janika vorsichtig, schnappte sich die Jungs und verschwand mit ihnen in Richtung Treppe.

Ich saß unterdessen weiterhin an meinem Computer und schrieb. Kita döste in der warmen Vormittagssonne so vor sich hin. Doch plötzlich schien er etwas zu wittern und stand auf. Er ging in eine Art Angriffspose und spannte seine Muskeln an
Just in diesem Moment klopfte es und Janika trat ein. Ihr folgten zwei Jungs. Als ich in ihnen Juha und Jukka erkannte, die wahrhaftig vor mir standen, war ich vollkommen perplex – Janika hatte nicht gelogen.
Kita hatte unterdessen sein Frühstück zur Seite weggespuckt, sich meinem Besuch, wie immer auf allen Vieren, genähert und knurrte die Zwillinge nun bedrohlich von Unten hinauf an.
"Kita! AUS! Hör sofort auf! Ab in deine Ecke!" sagte ich streng, als ich mich wieder etwas gefangen hatte. Kita gehorchte. Er hörte auf zu knurren und legte sich – dennoch leicht murrend und wieder mit den Überresten seines Frühstücks im Maul – auf seine Lieblingsdecke neben meinem Bett, wo er die Jungs mit seinen kleinen, dunklen Augen misstrauisch musterte.
Gespenstische Stille erfüllte für ein paar Augenblicke den Raum. Dann wand ich mich zögernd und etwas verlegen meinem Besuch zu.
"Entschuldigt bitte. Er mag keine Fremden. Setzt euch doch.", meinte ich und wies auf ein paar Stühle, die nahe am Fenster standen.
"Und Janika, du erklärst mir das jetzt noch mal ganz in Ruhe, ja?" ich versuchte immer wieder die Nervosität unter Kontrolle zu bringen, die in mir aufstieg, immer, wenn ich die Zwillinge ansah. Doch es schien nicht sonderlich zu funktionieren.
"Was soll ich dir denn da groß erklären?" fragte sie verwundert.
Ich deutete mit den Augen auf die zwei Jungs, die etwas zögernd Platz genommen hatten und sichtlich nervös zu Kita hinübersahen.
"Ach das… ich glaub das erklären dir die Beiden besser selbst. Also Jungs, keine Angst, sie beißt nicht…"
Mit dieser Aussage, gab sie Juha und Jukka das Wort.
"Naja, ähm…" begann Jukka, "Wir haben gesehen was passiert ist… Gestern… das, was du mit Liisa gemacht hast… und wir…"
"Und wir fanden das echt super…", setzte Juha fort, als Jukka ihn etwas ratlos und um Hilfe bittend ansah.
"Echt??? Warum denn das??? Ich meine… sie währe ja fast ‘erstickt‘", meinte ich und betonte das Wort ‘erstickt‘ mit ironischer Miene, da alle, die zugesehen hatten, wirklich dachten, ich hätte sie fast umgebracht.
"Wir haben aber auch mitgekriegt was vorher vor Geschichte passiert ist… das war echt… fies" sagte Juha etwas verlegen.
"Ja, und wir wissen, dass Liisa gern mal übertreibt… und dass das nur ne Show war, war wirklich nicht gerade schwer zu erkennen." sagte Jukka
"Genau, aber unsere Lehrer können Liisas Schauspielerei ja mal wieder nicht von der Realität unterscheiden." Fügte Juha hinzu.
Mir fiel auf, dass er öfters zu mir hinüber sah und mich von Oben bis Unten musterte… fast so, als würde ich ihm gefallen, denn er lächelte dabei so seltsam…
In diesen Augenblicken des Schweigens wurde plötzlich meine Zimmertür aufgerissen und mein Vater stürmte herein. Vor mir bremste er abrupt ab und sah mich finster an.
"Kiiiiaaa…", sagte er angespannt durch die Zähne mit verschränkten Armen und er hielt sich noch sichtlich zurück, "Wir müssen uns mal unterhalten."
"Muss das jetzt sein?", fragte ich ein wenig kleinlaut. Doch ich kannte die Antwort bereits, denn sein Blick verriet alles.
Langsam folgte ich ihm aus dem Zimmer, den Blick auf den Boden gerichtet. Was sollten die Jungs jetzt nur von mir denken?
Draußen angekommen lehnte ich mich an die Wand.
"Warum hast du mir nicht gesagt, dass du heute Besuch erwartest?" fragte er.
"Weil ich‘s selber nicht so genau wußte. Janika hat mich Heute Morgen angerufen… ich hab gedacht sie flunkert, weil mich sonst ja auch keiner beachtet und…", versuchte ich zu erklären, wobei sich meine Stimme fast überschlug, so schnell redete ich.
"Nun aber mal langsam. Kiia. Warum sind die den nun hier?" unterbrach er mich.
"Keine Ahnung… Janika meinte sie fanden es toll, was ich gestern mit Liisa gemacht habe…" ich musste schmunzeln.
"Das soll toll gewesen sein?! Na, ich weiß ja nicht…"meinte mein Vater unbeeindruckt.
"Ja, ich weiß. Für alle sah es so aus, als würde ich sie um die Ecke bringen wollen… das hatte ich aber wirklich nicht vor… Ich wollte mich nur dafür rächen, dass sie meinen Geschichtsvortrag zerrissen hat und…"
"Sie hat WAS?!?!" unterbrach er mich erneut in etwas erhöhter Lautstärke und sichtlich empört. "Warum hast du das den keinem gesagt?"
"Weil mir doch sowieso keiner zuhört, und wenn doch, dann lassen sie mich nicht ausreden oder glauben mir nicht… ich habe es ja schon meinem Geschichtslehrer gesagt, aber er meinte ich solle Liisa nicht die Schuld für meine Faulheit geben… Ne 6 hab ich dafür auch noch kassiert.
Du weißt doch, dass mich alle anders behandeln, weil ich ‘anders‘ bin." ich sah ihn verzweifelt an.
"Ja, das ist unfair" meinte er schließlich nachdenklich, "Immerhin weiß ich ja, dass du diesen Vortrag wirklich gemacht hast… deine Mutter dir da ja auch mit geholfen…… Ich werde mit deinem Lehrer sprechen. Gleich Morgen Früh werde ich in deiner Schule anrufen." Versprach er nach einer kleinen Denkpause.
"Meinst du, dass das hilft?" fragte ich.
"Keine Ahnung… wir werden sehen… Dein Hausarrest bleibt aber trotzdem. Wenn du dich gut führst könnten wir ihn eventuell auf eine Woche verkürzen, ok?", ich nickte dankbar.
"Und wegen deinem Besuch" er hatte wieder diesen strengen, mahnenden Gesichtsausdruck aufgelegt.
"Jaja, ich weiß…" sagte ich schnell, "Kann ich jetzt wieder gehen?"
"Von mir aus… aber du weißt, was wir mal besprochen haben… zum Thema Jungs, ja?!"
"Ja Daddy, keine Sorge. Ich weiß schon, was ich tue.", antwortete ich schnell und verschwand wieder hinter meiner Zimmertür.
Wieder in meinem Zimmer saßen Janika und die Zwillinge immer noch so da, wie vorhin. Nun hoben sich ihre Blicke und sie sahen mich an.
"Was wollte er denn? Hast du wegen uns Ärger? Sollen wir gehen?" fragte Janika.
"Nein, nein, schon gut. Er… hat mich nur… an etwas erinnert…" gab ich zur Antwort, "Aber nun möchte ich doch gern mal wissen, warum ihr euch auf einmal für mich interessiert. Ich meine… solche Auseinandersetzungen zwischen mir und Liisa sind ja nun nicht gerade selten."
"Stimmt, aber Liisa hat sich auch noch nie so ne Nummer geleistet, wie die mit deinem Geschichtsvortrag." Gab Jukka zurück.
"Stimmt.", musste ich ihm zustimmen.
Gespenstische Stille erfüllte wieder den Raum. Doch es war eine schöne Stille. Irgendwie entspannend.
"Hast du nicht auch den Vorschlag für unsere Klassenfahrt gemacht? Die mit dem Gruselcamp?" unterbrach Juha diesen Moment des Schweigens.
"Ja… wieso?… Woher weißt du das eigentlich? Immerhin war das ja anonym." fragte ich zögernd und etwas verwundert.
"Wer würde sowas den sonst vorschlagen?" er sah mich schmunzelnd an.
"Stimmt auch wieder…" gab ich ebenfalls schmunzelnd zurück.
"Aber nun zurück zu meiner Frage: Wohin soll denn die Fahrt gehen? Ich meine, hier in der Nähe gibt‘s doch so ein Camp gar nicht, oder?", er sah fragend in unserer kleinen Runde umher und erntete einen ratlosen Blick seines Bruders und ein geheimnisvolles schmunzeln von Janika. Dann sah er mich an.
"Noch nicht…" antwortete ich genauso geheimnisvoll, wie Enary mir ein paar Tage zuvor.
"Ach komm schon, die Jungs können wir doch einweihen, oder?", fragte Janika.
"…Naja gut… wenn ihr‘s unbedingt wissen wollt… dann gehen wir halt hin.", Gab ich schließlich nach. "Aber ich hab euch nichts verraten. Klar?!"
Ein Nicken aller Anwesenden war die Antwort.
"Und Kita…", meinte ich anschließend zu dem immer noch auf seiner Decke liegendem Manbeast. "Du weißt auch nichts davon, ja?!"
Ein zustimmendes, aber trotzdem nichts sehr glücklich klingendes, Grollen war die Antwort.
"Ich glaube er mag die Jungs nicht." Sagte Janika.
"Wie gesagt, er mag keine Fremden. Dich hat er doch auch die ersten Tage nur angeknurrt und angefaucht. Und jetzt läßt er sich sogar von dir streicheln, also. Er gewöhnt sich an alles. Und wenn ihr zwei öfters vorbeikommen würdet", sagte ich dann zu den Zwillingen, "dann würde er euch bestimmt auch mögen."
"Na hoffentlich…" meinte Jukka unsicher auf das Manbeast starrend.
"Keine Bange, er hat noch nie jemanden, außer sein Essen, angefallen." versuchte Janika die zwei witzelnder Weise zu beruhigen.
"Genau. Hunde, die bellen, beißen nicht." fügte ich schmunzelnd hinzu.
"Ich bin kein Hund!!!" kam es knurrend und leicht gereizt von Kita.
"Der kann ja sprechen.", riefen Juha und Jukka überrascht, wie aus einem Mund.
"Ja klar kann er das… was dachtet ihr den.", lachte Janika.
Die zwei sahen sich verwirrt an.
"Ist das jetzt nicht egal?", unterbrach ich schnell. "Ich dachte ihr beide wollt wissen wohin die Klassenfahrt gehen soll."
"Ja… das wollten wir.", sagte Jukka, der seinen Blick endlich von Kita lösen konnte.
"Na dann. Auf geht’s." sagte ich und stand auf. "Willst du auch mit, Kita."
"Von mir aus" knurrte er und erhob sich ebenfalls.
"Heute müsste doch auch Maija da sein… die wollte doch noch ihre restlichen Sachen holen." fiel es Janika ein.
"Wer ist Maija?" wollte Juha wissen.
"Die werdet ihr schon bald kennen lernen." Meinte ich und ging zur Tür, öffnete sie und ging hinaus auf den Flur. Janika folgte mir.
"Kommt ihr nun mit, oder wollt ihr dort Wurzeln schlagen.", witzelte ich mit einem Grinsen. Endlich war meine Nervosität und die Schüchternheit den Jungs gegenüber verflogen.
In diesem Moment trottete Kita zur Tür hinaus. Jetzt setzten sich auch die Jungs in Bewegung. Anscheinend hatten sie Angst vor dem Manbeast, was man ihnen nicht übel nehmen konnte.

Zirka 50 Minuten später standen ich, Janika, Juha, Jukka und Kita vor der alten Villa im Wald.
"Wow" entfuhr es Jukka.
"Das kannst du aber laut sagen!" kommentierte Juha.
"Tja, Jungs. Hier hin geht die Reise in 4 Wochen… mit unsrer Klasse.", sagte ich.
"Los wir gehen rein und begrüßen Maija." sagte Janika.
"Gute Idee, dann könne wir sie ja endlich kennen lernen.", meinte Jukka
Mit diesen Worten schritten wir die Treppe hinauf auf die Veranda und anschließend durch die große, schwere Holztür.
"Ihr dürft aber nicht erschrecken, ja?!" sagte ich
"W-wieso?? Ist sie auch…", fragte die zwei leicht zögernd.
Ich nickte. "Sie ist ein Geist. Ein Geistermädchen um genau zu sein."
"Wo sollten wir sie jetzt am Besten suchen, Kiia?" fragte Janika mich.
"Wir? Wir machen gar nichts. Wir werden nicht zu ihr gehen, sonder sie wird zu uns kommen." Sagte ich. Dann rief ich in den großen Empfangssaal: "MAIJA. WIR SIND‘S: KIIA UND JANIKA. WIR HABEN BESUCH MITGEBRACHT. WILLST DU IHN NICHT KENNEN LERNEN???"
Die Antwort war ein Scheppern und Poltern, das von oben zu kommen schien. Nur Augenblicke später kam das Geistermädchen die große Treppe hinunter geschwebt.
"Hi Kiia, hi Janika. Ihr braucht nicht so zu brüllen. Ich bin ja nicht taub… nur tot.", witzelte sie und grinste. Als sie die Jungs erblickte fügte sie vor Freude kreischend hinzu: "Oh, ist das der Besuch? Supi. Hi, ich bin Maija." Sie schüttelte den Beiden stürmisch die Hände. Die Jungs waren völlig perplex von der stürmischen Begrüßung und der mit Schalgeschwindigkeit redenden Maija. Und auch ich und meine Freundin waren leicht überrascht über den stürmischen Auftritt.
"Was guckt ihr den so? Hab ich was falsches gesagt? Sagt mal: Wer sind den die Beiden???" fragte Maija immer noch nicht langsamer, als vorhin. Wir brauchten erstmal ein paar Augenblicke um Maijas Worte zu realisieren.
"Äh… Das sind Juha und Jukka. Sie gehen mit uns in eine Klasse." brachte ich schließlich hervor.
"Ui, das is ja toll. Aber… ich dachte die mögen euch alle nicht…" sagte Maija nachdenklich und leicht verwirrt.
"Tja, die Beiden haben es sich halt anders überlegt." Janika grinste.

Wir blieben noch eine Weile in der alten Villa und zeigten den Jungs alle Räume und wie mein Vater gedachte sie zu nutzen. Dann gingen wir wieder zurück zu mir nach Hause und redeten noch bis es bereits dunkel wurde. Dann mussten Juha und Jukka wieder in Richtung Heimat aufbrechen. Aber sie versprachen wiederzukommen. Das sollte der Beginn einer sehr guten Freundschaft sein…

Juha und Jukka hatten uns seitdem öfters besucht und wir hatten viel unternommen. Mittlerweile war ich auch kein bischen schüchtern in ihrer Gegenwart. Mir viel aber weiterhin auf, wie merkwürdig mich Juha manchmal musterte, wenn ich mal nicht hinsah. Ich bemerkte nur ab und zu seinen Blick an mir entlang huschen.
Nun waren wir vier beste Freunde, Kita hatte sich an sie gewöhnt und knurrte sie nicht mehr an. Auch der Rest meiner Familie hatte keine all zu großen Bedenken mehr.
Und nun stand unsere Klassenfahrt an.
Janika hatte das Wochenende zuvor bei uns verbracht und nun standen wir mit unseren Koffern vor der Haustür. Wir warteten auf Kalma, Ox und Magnum die uns zu der alten Villa fahren sollten.
"Man, das wird supi." Sagte Janika.
"Oh ja, das wird es."
"Sag mal, wann kommen denn eigentlich deine Eltern? Oder wer macht das dann?"
"Alle", antwortete ich. "Alle werden dabei sein. Sie kommen heut Nachmittag rüber. Mama und Enary sind schon dort. Und Kalma, Ox und Magnum werden es gleich sein.
Wir sollen dort erstmal alle unsere Zimmer beziehen und auspacken, erst dann kann es losgehen."
"Klingt vielversprechend."
Da bog der große, schwarze Leichenwagen, den Kalma, Ox und Magnum zu einer Art Limousine umgebaut hatten, um die Hausecke, mit Kalma am Steuer – wem sonst?!
"Na Mädels, seid ihr soweit?, fragte er freundlich, als er aus dem Wagen stieg. Ox und Magnum verstauten unsere Koffer im hinteren Teil des Wagens, der teilweise zum Kofferraum umfunktioniert worden war. Der Rest war mit Sitzbänken ausgestattet. Dann stiegen wir ein und fuhren den Feldweg entlang in Richtung der alten Villa.
Dort angekommen waren wir die Ersten. Doch nur wenige Minuten später kamen dann auch die Lehrer, die uns begleiten und betreuen sollten an: Unsere Klassenleiterin, Frau Vavanne und unser stellvertretender Klassenleiter, Herr Kukkone.
"Hallo Kiia, hallo Janika.", begrüßte sie uns. "S-sind das V-verwandte von dir, K-kiia?", fragte sie erschrocken und stotternd, als sie unsere drei Begleiter erblickte.
"Ja…", antwortete ich zögernd. "Das ist mein Onkel Kalma…", der Bikerzombie nahm seinen Zylinder ab und verbeugte sich. "Das ist sein Bruder, und demnach auch mein Onkel, Ox…", auch Ox verbeugte sich. "Und das ist ein guter Freund unserer Familie, Magnum." Magnum tat es den anderen Beiden gleich.
"F-freut mich." Stotterte Frau Vavanne sichtlich nervös, während die drei erst ihr dann Herr Kukkone die Hand schüttelten. "K-kommen noch mehr oder s-sind d-das alle?" fragte sie mich schließlich.
"Naja… meine Mutter und meine Tante müssten schon da sein… und dann kommen noch …ein paar Andere…" meinte ich zögernd. Mir war bewusst, dass dies meine Lehrerin nicht sonderlich freuen würde, aber sie hatte ja selbst zugesagt hierher zu fahren.
"G-gut. D-dürfen wir schon reingehen, oder…?" fragte sie weiterhin stotternd und sichtlich nervös.
"Nein, nein, wir können schon reingehen. Die drei", ich deutete auf Kalma, Ox und Magnum, "bleiben draußen und weißen denen, die noch kommen, ihren Zimmern zu."
"G-gut. Gehen wir dann jetzt…?" sie deutete in Richtung Tür.
"Ja klar." Sagte ich lässig. "Kalma" ich sah ihn auffordernd an, "hast du die Liste noch?"
"Ja klar. Für wen hältst du mich?! – Enary?! Hier." Er zog einen kleinen Zettel aus einer Tasche seines Mantels.
"Sehr schön. Zeigst du meinen Lehrern bitte ihre Zimmer. Ich kenn unseres schon. Janika und ich sind im selben Zimmer. Uns kannst du dann also streichen." Mit diesen Worten ging ich mit Janika und Magnum, der unsere Koffer tragen ‘durfte‘, durch die Tür und die lange Treppe nach Oben.
Kalma holte unterdessen aus einer andern Tasche seines Mantels einen Kugelschreiber und strich meinen, Janikas und die Namen meiner Lehrer von der Liste. Dann nahmen er und Ox ein paar der Koffer unserer Lehrer und gingen mit den Beiden im Schlepptau ebenfalls die Treppen hinauf und brachten die Lehrer auf ihre Zimmer.
In unserem Zimmer angekommen begannen Janika und ich sofort unsere Koffer auszupacken.
"Was machen wir eigentlich die ganze Woche hier?", fragte sie mich, als sie gerade ihre Waschtasche in das Bad brachte, das zu unserem Zimmer gehörte.
"Meine Ellis und die anderen haben sich ein paar lustige Gruselspielchen ausgedacht."
"Oha, na das kann ja heiter werden." sagte Janika mit sarkastischer Miene.
"Wieso?!"
"Naja, was deine Family unter ‘lustig‘ versteht, weiß ich ja mittlerweile.", sie klang nicht sonderlich begeistert.
"Keine Panik. So schlimm wird‘s schon nicht werden. Sie haben mich eingeweiht und ich hab die Ideen rausgeschmissen, die zu brutal, zu ekelig und naja… nicht gerade schön für Sterbliche sind."
"Naja gut… wenn du meinst", sagte sie leicht unentschlossen.
"Ach komm schon, Janika. Wo ist dein Vertrauen mir gegenüber? Glaubst du ich will mich in dieser Klasse noch unbeliebter machen und damit auch in der ganzen Schule?!"
"Nein, natürlich nicht. Entschuldige. Ihr werdet schon wissen, was ihr tut."
"Eben."

Derweil standen meine Mutter und Enary im Erdgeschoß in der Küche. Sie sollten uns diese Woche lang bekochen.
Meine Mutter las gerade in ihrem Kochbuch und rührte nebenbei in einem großen Topf in dem eine dickflüssige, grünlich-weiße Masse vor sich hin köchelte. Dabei murmelte sie das Rezept aus dem Buch langsam vor sich hin.
"Na, Schwesterchen, mit was wollen wir die Kids Heut als Erstes vergiften?", witzelte Enary, während sie in der Vorratskammer herum kramte.
"Hör auf mit dem Quatsch. Du weißt genau, dass es hier nicht nur um unseren Spaß geht, sondern auch um Kiias Ruf." Sagte meine Mutter gewohnt streng.
"Schon gut, schon gut. Verstehst du den keinen Spaß?"
"Nicht wenn ich beschäftigt bin und jetzt sei ruhig! Ich muss mich konzentrieren."
Enary verdrehte die Augen, "Na dann konzentrier dich mal. Ich schau mal, was wir noch so alles im Keller haben.
"Hm.", meinte meine Mutter abwesend.

In der Zwischenzeit waren, neben ein paar meiner Klassenkameraden, auch mein Vater, Kita und Amen angekommen.
"Is doch ganz schön geworden…" sagte mein Vater.
"Naja… wenn du meinst", kommentierte Amen. "Das beste daran ist ja, dass wir diese Teens mal richtig erschrecken können.", mit diesen Worten rieb er sich sichtlich erfreut und mit hämischen Grinsen die Hände.
"Amen, beherrsch dich. Es geht hier auch darum, dass Kiia einen besseren Ruf bekommt."
"Jaja, alter Spielverderber.", murmelte Amen in seinen nicht vorhandenen Bart hinein.
Lordi sah ihn mit finsterem Blick an, dann wandte er sich an Kita: "Kiia hat gesagt, dass du gern zu ihnen ins Zimmer willst."
"Ja, wieso – darf ich?" fragte dieser. Dann flüsterte er Lordi noch zu: "Mal ganz ehrlich: welltest du mit dem da", er zeigte auf Amen, "gern in einem Zimmer sein?!?!"
"Das hab ich gehört!!", gab die Mumie angesäuert zurück.
"Schon gut. Ihr zwei versteht euch nicht so gut auf engstem Raum, schon klar.…", er seufzte. "Also gut. Geh nur."
"Danke…" wie der Blitz sauste Kita die lange Treppe hinauf in Richtung unseres Zimmers und klopfte. Dann trat er ein.
Janika und ich hatten uns auf unsere Betten gelegt und lasen in mitgebrachten Büchern , während wir uns ein wenig unterhielten.
"Hi. Lordi hat erlaubt, dass ich bei euch bleiben darf." sagte Kita, als er und sah. Dann legte seine Taschen, die er auf dem Rücken trug, neben das Bett, dass ich für mich beansprucht hatte, holte zwei Decken – darunter auch seine Lieblingsdecke – und zwei Kissen heraus. Nachdem er sein ‘Bett‘ halbwegs ordentlich aufgebaut hatte legte er sich darauf und wir begannen zu dritt weiter zu plaudern.

Es war schon eine Weile vergangen, da klopfte es wieder an der Tür und Juha und Jukka gesellten sich zu uns.
"Hi" sagte Juha, als er herein kam. Ihm folgte Jukka, ebenfalls mit einem fröhlichen ‘Hi‘.
"In einer halben Stunde sollen wir uns alle in der großen Halle treffen.", informierte uns Jukka.
"Warum?" wollte ich wissen
"Keine Ahnung. Frau Vavanne hat es uns gerade gesagt… wahrscheinlich wird sie uns sagen, was wir alles machen und wie das ganze dann abläuft.", meinte Juha
"Wir wissen doch schon, was wir machen" sagte ich
"Und ‘wann‘ wissen wir auch." Fügte Janika hinzu.
"Woher denn das?", wollten die Jungs wissen
"Meine Eltern haben mich eingeweiht. Immerhin wollen sie ja nichts machen, was zu… brutal oder… ekelig ist…eben nichts für euch Menschen…" erklärte ich.
"War ja klar… und?" hakte Jukka nach.
"Was ‘und‘", fragte ich verwundert
"Na, was machen wir?" kam es von beiden Jungs.
"Das werdet ihr schon noch früh genug erfahren…" sagte ich grinsend. Die Jungs legten einen gespielt schmollenden und beleidigten Gesichtsausdruck auf, der wirklich komisch aussah.
"Ach komm schon. Mir hast du‘s ja auch verraten.", meinte Janika.
"Na gut", gab ich seufzend nach. "Also, als erstes steht heute Abend eine Nachtwanderung an, auf der unsere Klasse meine Family kennenlernt", ein giftiges Grinsen huschte über mein Gesicht.
"Wie jetzt ‘kennenlernen‘???" fragten Juha und Jukka, die schon das schlimmste zu ahnen schienen.
"Naja, sie werden überall am Wegrand und im Wald lauern und uns nacheinander einen schönen Schrecken nach dem anderen einjagen. Kita, Amen und meine Mutter haben sich da was ganz besonderes einfallen lassen, weil Daddy ihnen von Liisas ‘kleinem Streich‘ und meinem Geschichtsvortrag erzählt hat und da haben sich die drei was ausgedacht, wofür sie auch Daddys Erlaubnis haben… das wird echt super, stimmt’s Kita?", fragte ich das immer noch in seinem bettähnlichen Gebilde liegende Manbeast. Doch dieser war mittlerweile mal wieder eingeschlafen und gab nur ein zustimmendes, müdes Grunzen von sich.
"Aber was das ist, das verrate ich euch wirklich nicht. Immerhin soll‘s ja auch für euch ne Überraschung werden. Und für Liisa erst…", ein weiteres gehässiges Grinsen breitete sich über meinen Lippen aus.
Die Jungs sahen sich ratlos an… dennoch schien es ihnen zu gefallen, dass meine Rache an Liisa noch nicht abgeschlossen war.
Seitdem wir befreundet waren, hatten sie immer weniger mit Liisa gesprochen und waren auch kaum noch bei ihr, sondern nur bei uns, was Liisa nur mit abfälligen Blicken kommentierte.
"Und was machen wir dann… den Rest der Woche???", fragte Jukka schließlich.
"Ach nichts Besonderes… Morgen erkunden wir – also, die, die noch nicht mit dabei waren – das Haus unter der Führung meines Vaters und ich glaube Magnum kommt auch mit… oder war‘s Amen… naja, egal… auf jeden Fall müssen wir aber trotzdem mit… Dann gibt‘s noch ne Schnitzeljagd mit kleinen Gruseleffekten… eine Wanderung in den Wald zu einer schönen gruseligen Lichtung… da steht ein uraltes Haus. So eins, wie das hier. Nur kleiner und älter und das ist auch mehr ein Bauernhof. Und sonst noch ein paar kleinere Spielchen und außerdem haben wir ja mit meiner Family schon hier genug Horror, oder???"
"Stimmt" sagte Juha grinsend.
"Na das klingt doch interessant", meinte Jukka sichtlich amüsiert.

Als wir dann alle wenig später in der großen Halle versammelt waren erklärten uns Frau Vavanne und Herr Kukkone genau das, was wir eben Oben besprochen hatten.
Frau Vavanne sagte uns, dass wir pünktlich um 21:00 Uhr in der Eingangshalle zu sein hatten.
Keiner ahnte, was auf sie zukommen würde – auch Liisa nicht – und ich und meine 3 Freunde kicherten verstohlen in uns hinein, als uns unsere Lehrer wieder auf unsere Zimmer schickten.
Wieder oben angekommen schlug ich vor doch einmal die anderen zu besuchen. Denn auch ich wußte nicht, wer aus meiner Familie, was machen sollte und wo sie sich aufhalten würden.
Also gingen wir zuerst in die Küche, wo wir auf meine Mutter, meine Tante… und Kita stießen.
"Was machst du den hier?", fragten wir das Manbeast verblüfft.
"Na was wohl?! – Ich koche… deinem Vater ist ja nichts besseres für mich eingefallen.", meinte er an mich gewandt und begann den großen uralten Herd anzustellen, der noch mit einem kleinen Feuerchen erhitzt wurde.
Langsam legte er einen Holzscheit nach dem anderen in den kleine Ofen unter dem eigentlichen Herd, in dem noch ein paar kleine Flämmchen züngelten. Dann stellte er einen großen, schweren Topf, den er zuvor mit Wasser gefüllt hatte, auf eine der in etwa handwagenradgroßen Herdplatten.
"Ah… ja… ok…", begann ich langsam und sichtlich verwirrt. "Und was macht ihr Heut‘ so schönes?", fragte ich um das Thema zu wechseln.
"Rate mal…" sagte Kita geheimnisvoll.
"Ich hab keine Ahnung, Kita. Nun sag schon.", sagte ich.
"Frische, knusprig braun gebratene Ratenschenkel mit Spinnenbeinen in einer würzigen Modersoße und dazu eine leckere Froschaugensuppe.", meinte er während er etwas, was ich nicht eindeutig bestimmen konnte, in den großen Topf warf.
Wir vier sahen ihn angewidert an.
"KITA", zischte meine Mutter, die gerade eben noch in einem ihrer tausend Kochbücher gelesen hatte, warnend und streng wie immer.
"Schon gut, schon gut. War nur‘n Gag. Heute gibt‘s das, was eigentlich jeder gern mag: Spaghetti mit Soße und Käse. Und wegen dem Nachtisch musst du Awa fragen. Die wollte sich drum kümmern.", meinte er und wir sahen meine Mutter gespannt an.
Als sie nichts sagte getraute ich mich zu fragen: "Und, was gibt‘s als Nachtisch?"
"Da bin ich mir noch nicht ganz einig. Entweder Eiscreme oder Pudding. Kommt drauf an, was Enary noch in der Vorratskammer im Keller findet."
In dem Moment kam meine Tante auch schon zur Tür hinein. Sie hatte einige große Behälter auf dem Arm.
"Schaut mal was ich gefunden habe. Heute gibt es Eiscreme. Wer hatte eigentlich diese bekloppte Idee mit dem Pudding?"
"Das warst du", sagte meine Mutter trocken, die wieder in ihren Büchern zu stöbern begonnen hatte. Daraufhin fing sie sich einen giftigen Blick meiner Tante ein. Doch sie schien es gar nicht zu bemerken, da sie so sehr damit beschäftigt war in ihrem Buch zu lesen.
Und wir vier machten uns leise aus dem Staub, bevor die Beiden wieder anfangen würden sich ernsthaft in die Haare zu kriegen.
Als nächstes wollten wir zu meinem Vater. Er hatte sich eine Art kleines Büro in der vorletzten Etage, des 4-stöckigem Hauses, eingerichtet. Ganz oben auf dem Dachboden wohnte – wie früher auch – Maija.
Nun standen wir also vor der schweren dunklen Holztür zum ‘Büro‘ meines Vaters. Ich klopfte.
"Ja", kam es von Innen. Wir traten ein.
"Hi Daddy. Wir wollten mal schauen was du so machst.", sagte ich, während ich – meine Freunde im Schlepptau – durch die Tür trat.
"Was soll ich schon so besonderes machen.", meinte er gelangweilt. "Ich geh nochmal den Ablauf für die nächsten Tage durch und verteile die Aufgaben. Nebenbei mach ich noch die Steuererklärung.", sagte er während er in einem Haufen Blätter wühlte, die sich auf seinem Schreibtisch in der Mitte des Raumes türmten.
"Achso… dann stören wir dich mal besser nicht weiter und… gehen mal… Maija besuchen" mit diesen Worten verließen wir vier das Büro wieder und gingen die Treppe weiter hinauf auf den Dachboden.
Ich klopfte an die alte, schon etwas morsche Holztür.
"Hu-hu-hu. Kommt rein… wenn ihr keine Angst habt", kam es von Innen gefolgt von einem kindischen Gekicher.
Wir traten ein.
Der Dachboden war voller alter Möbel – Lampen, Tische, ein uralter Plattenspieler, Sessel, sogar eine alte, mittlerweile völlig verstaubte Couch – alte Gemälde der ehemaligen Hausherren und Kartons mit allen möglichen Inhalten, von Geschirr über Vasen bis hin zu Bekleidung, Bettbezügen und auch Tischdecken.
"Hi Maija, wir sind‘s.", rief ich in die relativ große Dachkammer hinein.
"Hei, hei, das Chaosquartett.", sagte sie fröhlich. Seit einiger Zeit nannte sie uns so. Wir hatten zwar keine Ahnung warum, aber sie tat es einfach.
"Was treibt euch den hierher.", fragte Maija heiter in ihrer ihr eigenen, sehr schnellen Sprachweiße.
"Wir wollten mal schauen was du hier Oben so machst und wir würden gern wissen, was du für eine Aufgabe hast.", sagte ich.
"Ach, seid ihr jetzt Reporter geworden.", fragte Maija mit einem Grinsen. Als sie die Antwort in unseren Gesichtern sah fuhr sie fort "Schon gut, schon gut… also ich soll eigentlich ab Mitternacht bis ein Uhr durch die Gänge spuken und euch den Schlaf rauben… und zur Zeit mache ich nichts, wie ihr seht…"
Ich wechselte ein paar ratlose Blicke mit meinen Freunden. Hier schien zur Zeit wirklich nirgends etwas los zu sein. Hoffentlich würde sich das bald ändern.
Und so zogen wir ab und gingen noch ein Weilchen durch das große Haus. Immer auf dem Weg nach Unten. Immerhin wollten wir die Nachtwanderung und somit auch Liisas ‘Strafe‘ nicht verpassen.
Punkt 21:00 Uhr waren wir dann auch in der Empfangshalle angekommen. Frau Vavanne stand mit Herr Kukkone in der Mitte des Saales. Und neben ihnen – ein Mann. Er war völlig vermummt. Er trug eine Art schwarze Kute, wie sie auch von Mönchen getragen wird. Doch eine schwarze Kapuze bedeckte sein Gesicht vollständig. Auch die Hände wurden vollkommen verborgen. Die Kute reichte bis zum Boden, und verdeckten somit auch seine Beine und Füße.
Doch ich identifizierte den Unbekannten schnell als Kalma, als dieser eine mit grün-grauer Haut überzogene, bereits leicht verweste Hand zeigte, um sie um seine Totensense zu schließen.
Dann ging es auch schon los. Kalma winkte mit seiner Sense und Frau Vavanne bat um Ruhe. Dann gingen wir los – in den Wald.
Kalma ging in seiner Verkleidung voraus. Neben ihm her lief Frau Vavanne. Herr Kukkone lief am Ende der Gruppe, um sie im Auge zu behalten. Janika, ich und die Zwillinge hielten uns mehr bei Kalma auf.
Liisa lief nur ein paar Schritte hinter uns, also genau richtig, für unseren kleinen Racheplan.
Die einzige Beleuchtung, die wir hatten, waren fünf Laternen, die gleichmäßig auf die Gruppe aufgeteilt waren. Eine Laterne trug Kalma in seiner freien Hand, eine zweite Laterne befand sich im Besitz von Herr Kukkone. Die anderen drei waren an Schüler verteilt worden.
Eine Weile herrschte schreckliche Stille in der Gruppe. Erst als wir die Villa nicht mehr sehen konnten begannen meine Klassenkameraden wieder munter durcheinander zu plappern.
"Wo gehen wir eigentlich hin?", fragte Frau Vavanne den vermummten Kalma.
"In den Wald… zu einem See.", sagte dieser mit geheimnisvoll röchelnder Stimme.
"A-aha, in Ordnung.", stotterte die Lehrerin. Wieder Stille … dann – ein Aufschrei. Wir drehten uns um.
Hinter uns, am Waldrand stand etwas… oder besser gesagt jemand.
Es war Enary. Sie stand da, wie eine Statue und starrte ins Lehre. Nur ihre rechte Hand bewegte sich langsam in Richtung ihres Schwertes, das sie an der Seite trug.
Langsam, ganz langsam, umgriff sie mit der Hand den Griff. Dann zog sie das Schwert mit einem schnellen Ruck aus der Scheide und teilte einen Baum, der neben ihr stand in zwei Teile. Alle schrien auf. Enarys Mund öffnete sich zu einem grässlichen Grinsen und entblößte ihre scharfen Zähne. Dann brach sie in schallendes Gelächter aus, das durch den ganzen Wald schalte.
Alle starrten sie entsetzt an.
"Ich glaube wir sollten jetzt weitergehen.", sagte Kalma plötzlich. "So, wie ich sie kenne, kann das jetz noch ne Weile so weitergehen."
Mit einem Mal hörte Enary auf zu lachen. Dafür starrte sie ihn nun finster an. Dann verschwand sie im Dunkel des Waldes.
Wir gingen weiter. Eine Zeit lang wagte es wieder keiner etwas zu sagen. Doch schon nach ein paar hundert Metern ging die Plauderei wieder fröhlich weiter.
Plötzlich – ein weiterer markerschütternder Schrei lies uns alle herumfahren. Doch es war keiner meiner Klassenkameraden, noch einer der Lehrer, der dieses Mal geschrien hatte. Der Schrei war auch mehr ein Brüllen und stammte von keinem anderen, als Ox. Er sprang aus dem dunklen Dickicht des Waldes. Dicht gefolgt von Magnum, der nun auch aus dem dichten Unterholz auftauchte.
Langsam erhoben sich die Beiden und lösten sich gemächlich aus den Schatten. Schleppend und schwerfällig waren ihre Schritte. Ihre Blicke finster und grausam.
Magnum machte ratternde Geräusche und schwankte steif auf uns zu. Es schien, als wäre er schon uralt und verrostet. Seine Scharniere quietschten entsetzlich.
Ox stapfte mit seinen Hufen so fest auf, das wir die Vibrationen im Boden unter uns spüren konnten. Sein Brüllen hatte er in etwas leisere grunzende Laute umgewandelt. Ab und zu stieß er deutlich hörbar Luft durch seine Nüstern aus und schnaubte, wie ein wilder Stier kurz vor dem Angriff.
Die beiden waren nun fast bei uns angelangt. Nur wenige Meter trennten uns noch. Da begannen die zwei auf einmal zu rennen. Nun vibrierte der Boden deutlich spürbar. Es war fast, wie ein Erdbeben.
Kurz bevor sie uns erreicht hatten bremsten die Monster abrupt ab und hinter ihnen erschien das Geistermädchen Maija.
Die Kleine tat so, als hätte sie schreckliche Schmerzen und unendliches Leid ertragen müssen. Sie lies die Arme nach unten hängen und hatte den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt. Während sie langsam auf uns zu schwebte keuchte sie: "Verschwindet, verschwindet, so lange ihr noch könnt. Oder wollt ihr so enden wie ich?"
Alle starrten entsetzt auf das kleine Geisterkind, welches nun die rechte Hand ausstreckte und sie in unsere Richtung hielt.
Mit einem mal kam so etwas, wie Nebel aus ihrer Hand geschossen, der uns vollkommen die Sicht nahm.
Als sich der Nebel wieder verzogen hatte waren die drei Spukgestalten wie vom Erdboden verschluckt. Dafür stand nun Kalma an der Stelle, wo Magnum, Ox und Maija gerade eben noch ihre Show abgeliefert hatten. Seine Sense hatte er an einen Baum gelehnt, und auch die Laterne stand jetzt neben ihm auf dem Boden.
Langsam glitten seine Hände hinauf, bis zu seiner Kapuze. Er zog sie vorsichtig von seinem Kopf und enthüllte sein entstelltes, halb zerfallenes und –verwestes Gesicht und sein bösartiges Grinsen verhieß nichts Gutes.
Alle waren geschockt von dem Anblick, der sich ihnen darbot.
"Willkommen, meine Damen und Herren.", begann er langsam und mit düsterer Stimme. "Willkommen zur letzten Reise Ihres Lebens!" er ergriff seine Sense und lies sie durch die Luft wirbeln. Dabei hackte er allen Büschen und Sträuchern die Zweige und Äste ab die in der Reichweite seiner Sense lagen. Als er die angsterfüllten Gesichter sah musste auch er so schrecklich grinsen, dass es einem kalt über den Rücken lief.
Alle drehten sich um und wollten in die andere Richtung davon laufen, doch da stand plötzlich Kita vor ihnen. Er zog Liisa, die sehr weit vorn stand, aus der Masse heraus und warf sie in hohem Bogen in den kleinen See, der nicht weit von der Villa entfernt lag, und vor dem wir nun standen.
Es ging so schnell, dass Liisa nicht einmal mehr Zeit gehabt hatte zu schreien.
Mit einem dumpfen ‘PLATSCH‘ landete sie in dem trüben Gewässer. Als sie wieder auftauchte stand plötzlich Amen vor ihr.
Er verwandelte das Wasser, in dem sie sich befanden in Treibsand, in dem Liisa nun immer tiefer einsank.
Sie steckte mit beiden Händen und bis ungefähr zu den Hüften in Treibsand, als der Vorgang, der sie einsinken lies auf einmal stoppte und meine Mutter urplötzlich vor ihr erschien.
"Na, Liisa. jetzt sind wir wohl nicht mehr so mutig, was?", sagte sie in gespielt freundlicher Art.
"W-w-was s-soll d-das?", fragte Liisa zitternd. Sie drehte den Kopf in die Richtung, in der die Klasse stand und erblickte mich.
"I-ist das w-wieder einer deiner miesen S-streiche, K-kiia?!", fragte sie immer noch etwas ängstlich aber trotzdem mit ernstem Gesicht.
In diesem Augenblick tauchte mein Vater aus den dunklen Schatten des Waldes auf.
"Nein, das ist kein Streich. Eigentlich sollte es mehr eine Art Denkzettel für dich sein.", sagte er mit finsterer, mahnender Stimme.
"A-aber ich hab doch gar nichts gemacht. Die da wollte mich doch zuerst umbringen.", sagte Liisa nun etwas mutiger an meinen Vater gewendet, während sie mit einem Nicken auf mich deutete.
"‘die da‘ ist rein zufällig meine Tochter und außerdem weiß ich, dass es nicht nur ihre Schuld war.", er sah sie mit finsterem Blick an. Liisas Gesicht war zu einer Grimasse erstarrt, die Furcht und Verwirrtheit gleichermaßen ausdrücken sollte. Ein verstohlenes Grinsen huschte über mein Gesicht. Auch meine Freunde, die bis jetzt nur ungläubig zugesehen hatten, schienen nun auch gefallen an unserer kleinen Rache zu finden.
Liisa hatte wohl nicht damit gerechnet, auf meinen Vater zu treffen. Sie kannte ihn auch gar nicht persönlich und der Rest meiner Klassenkameraden ebensowenig. Bis jetzt zumindest. Sie war durch und durch geschockt und nicht gerade begeistert darüber.
"Keine Sorge. Wir werden das alles noch einmal in Ruhe besprechen. Mit eurem Geschichtslehrer habe ich bereits geredet.", sagte er anschließend, weiterhin mit strenger, mahnender Stimme. Dann verschwand er wieder in der Dunkelheit der Nacht.
Auch die anderen verschwanden lautlos in dem Nebel, der plötzlich überall zu sein schien.
Nachdem meine Familie komplett verschwunden war wagten es sich die Anderen endlich wieder sich zu bewegen. Mit vereinten Kräften zogen Frau Vavanne und Herr Kukkone Liisa aus dem nun wieder Wasser werdenden Sand.
"Kiia…!", sagte Frau Vavanne ganz langsam und nur leicht beherrscht zu mir, als sie Liisa wieder ans Ufer gewuchtet hatten.
"Ja…?", fragte ich kleinlaut.
"Was sollte das denn? Werdet ihr jetzt alle kriminell.", fragte die Lehrerin mich, perplex von den Geschehnissen.
"Wieso kriminell?"
"Weißt du, was Liisa alles hätte passieren können. Was haben sich deine Eltern dabei gedacht?!"
"Aber Liisa hat doch damit angefangen. Sie musste ja unbedingt meinen Geschichtsvortrag zerreißen."
"Sie hat WAS?", Frau Vavanne war wieder einmal völlig geschockt.
"Lustig, genauso hat mein Vater auch reagiert…", lachte ich.
"Wenn das wahr ist, werden wir uns noch einiges zu sagen haben, Liisa.", Frau Vavanne sah Liisa wütend an.
"Lassen Sie mal, Frau Vavanne. Ich glaube dazu wird mein Vater auch noch was sagen wollen.", unterbrach ich ihre finsteren Blicke und wand mich anschließend meinen Freunden zu. "Kommt ihr wieder mit zurück? Hier gibt‘s jetzt nichts mehr zu sehen."
Langsam zogen ich, Janika, Juha und Jukka ab. Unsere Klasse und die Lehrer standen da wie Denkmäler. Nachdem sie uns ein paar Minuten lang nachgesehen hatten, kamen sie dann auch allmählich nach.
Für heute hatten sie ihre Portion Horror bekommen. Doch gleich Morgen früh würde es weiter gehen.

An diesem Abend aßen alle noch schnell in dem großen Speisesaal zu Abend. Meine Mutter und Enary hielten sich bewußt bedeckt und sie wurden tatsächlich nicht erkannt. Was nach den heutigen Geschehnissen auch besser war.
Nach dem Essen ging jeder auf sein Zimmer.
Diese Nacht sollte Maija noch nicht in Aktion treten, doch das würde sich bald ändern. Das wußte ich.
Und so zog ich mir also die Decke über den Kopf und dachte über das heute geschehene und das noch kommende nach.
Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen entglitt ich langsam in das Reich der Träume.

Am nächsten Morgen wurden wir um Punkt 8:00 Uhr von unseren Lehrern geweckt und sollten um genau 9:00 Uhr im Speisesaal sein, um zu frühstücken und frisch gestärkt den Verlauf des heutigen Tages zu besprechen und die uns bevorstehenden Aufgaben anzugehen.
Gegen zirka 10:00 Uhr starteten wir dann die Führung durch das riesige Gemäuer, in dem wir diese Woche lebten. Immerhin sollte sich hier ja niemand während des Aufenthalts verirren.
Mein Vater leitete zusammen mit Magnum die Gruppe. Wir begannen im Erdgeschoss und gingen dann Stockwerk für Stockwerk höher.
Nur die letzten zwei Stockwerke ließen wir aus, da dort ein Teil meiner Familie lebte. Auch in den Keller gingen wir nicht, weil Amen, Kalma und Enary sich für diese Woche dort eingenistet hatten.
Es war schon später Nachmittag, als die Führung endlich beendet war. Wir spielten dann noch ein paar Gruselspielchen und dann war der 2. Tag auch schon vorbei.
In dieser Nacht tat Maija wirklich alles, um die Klasse sowie die Lehrer am schlafen zu hindern.
Sie heulte und stöhnte schrecklich und schleifte ein paar rostige Eisenketten immer hinter sich her. Viele konnten vor lauter Angst nicht schlafen. Doch mir und Kita ging es einfach nur auf die Nerven.
Wir wunderten uns schon die ganze Zeit, wie Janika da nur schlafen konnte. Aber sie konnte sowieso immer und überall schlafen, egal was um sie herum geschah.
Nach einer Weile wurde es Kita dann zu bunt.
Maija war im Nachbarzimmer, um die Schüler darin etwas zu erschrecken. Da stürmte Kita zur Tür hinein und schnappte sich das kleine Geistermädchen. Er hielt sie mit beiden Klauen um den Hals fest und hatte sie hinauf bis auf seine Augenhöhe gezerrt.
"Bist du jetzt bald mal fertig?!?!", schrie er sie wütend an. Maija starrte ihm nur erschrocken in die Augen.
"Es gibt hier nämlich auch Leute, die jetzt schlafen wollen!", fuhr Kita geladen fort.
"I-is g-g-gut… ich geh wieder hoch.", stotterte Maija schließlich.
"Kita, lass das.", sagte ich müde. Ich war ihm gefolgt und stand nun in meinem langen schwarzen Seidennachthemd im Türrahmen des Zimmers.
Kita grunzte nur wütend und sah weiterhin Maija an.
"Kiittaa… lass sie runter", sagte ich gedehnt. Endlich gehorchte er und lies sie wieder runter.
"Ab ins Bett. Wir haben Morgen viel vor.", sagte ich streng, während er sich wieder auf alle Viere niederließ und aus dem Zimmer trottete. Maija schwebte durch die Zimmerdecke hindurch in den nächsten Stock, um dort noch etwas zu spuken und dann wieder auf den Dachboden zurückzukehren, da sie sich dort auszuruhen pflegte.
"Entschuldigt bitte die Störung. Gute Nacht.", sagte ich zu den drei völlig verschreckten Mädchen aus meiner Klasse, die das ganze Schauspiel mit zunehmender Verwirrtheit mit angesehen hatten.
"G-gute Nacht.", stammelten diese, als ich die Tür langsam wieder schloss.
Dann ging auch ich wieder in mein Bett. Kita war schon wieder eingeschlafen. Janika hatte davon erst gar nichts mitbekommen, Sie schlief nach wie vor, als wäre nichts gewesen. Also legte ich mich auch wieder hin und versuchte weiter zu schlafen.

Der nächste Morgen verlief genauso wie der vorherige. Wir wurden geweckt, frühstückten und besprachen dabei den Tagesablauf.
Heute stand eine Wanderung zu einem verlassenen, verfallenen Bauernhof aus dem 16. Jahrhundert an.
Gegen 9:00 Uhr gingen wir in Begleitung von Amen, Magnum, Kita und Ox los.
Nach einer halben Stunde waren wir angekommen.
Der Bauernhof – ein Vierseithof – war wirklich sehr alt und recht lang.
Das Haupthaus war zwar nur zwei Stockwerke hoch, dafür aber umso länger – ca. 35m schätze ich.
Daneben lag, genau im 90°-Winkel angepasst, eine alte Scheune. Sie war genauso hoch, wie das Hauptgebäude, nur nicht ganz so lang. Nur ca. 20m.
Ebenfalls im 90°-Winkel lag an die Scheune eine Art Garage an, in der die Gartengeräte und eine Art der ersten Traktoren aufbewahrt wurden. Sie war genauso lang und hoch, wie das Hauptgebäude und lag Selbigem genau gegenüber.
Um die vollkommene Form eines Rechtecks zu erhalten, war diese ‘Garage‘ durch eine weitere Scheune mit dem Haupthaus verbunden, welche die gleichen Maße hatte, wie die ihr gegenüberliegende Scheune.
Der Hof war also von vier Hauswänden begrenzt, darum auch ‘Vierseithof‘.
Die Führung begann im Haupthaus. Mein Vater dachte, dass wir während des Aufenthalts auch ruhig mal was lernen könnten, darum waren wir hier. Und er hatte unseren vier Begleitern eingeschärft, uns auch ja alles gut zu erklären.
Nun standen wir also in die erste Etage des Haupt- und Wohngebäudes.
Kalma erklärte, während Ox und Magnum das zeigten ,was er erklärte. Und Kita… war weg.
Nachdem wir im Erdgeschoss alle Zimmer durch hatten, war der 1. Stock dran. Wir gingen in das Schlafzimmer, welches gleich gegenüber der morschen Holztreppe lag.
Schon von Draußen konnten wir erkennen, dass etwas in diesem Zimmer nicht stimmte. Als wir dann alle in dem Zimmer versammelt waren, wußten wir auch endlich was es war… und außerdem hatten wir noch Kita gefunden.
Er hatte es sich in dem großen Bett am Fenster gemütlich gemacht und schnarchte leise vor sich hin. Dieser Anblick war einfach zum totlachen. Das Manbeast lag in dem weißen Himmelbett auf der Decke mit zwei Kissen unter dem Kopf und stieß ab und zu etwas Luft aus, wobei die seidenen, weißen Vorhänge zur Seite geweht wurden.
Wir standen ein paar Sekunden ratlos und verwirrt da, dann brachen wir alle in schallendes Gelächter aus. Kita registrierte dies lediglich, indem er sich zwei Kissen über den Kopf legte und festpreßte.
Als wir mit Lachen fertig waren – Kita machte immer noch keine Anstalten aufzustehen – gingen wir weiter. Er würde schon noch nachkommen.
Wir nahmen nun alle Zimmer des Obergeschosses durch und gingen dann durch einen Durchgang in die erste Scheune, danach in das Gebäude mit den vielen Gartengeräten. In einer Ecke standen auch zwei alte Traktoren.
Danach war die zweite Scheune dran. Dort standen noch ein alter Melkschemel und unzählige Futtertröge, aus denen noch bis vor ungefähr hundert Jahren Kühe, Schweine und Pferde gefressen hatten.
Mit der Scheune als letztem Gebäude in unserem Führungsplan, war es auch schon wieder Zeit zurück zu gehen. Es war auch schon sehr spät am Nachmittag und bald würde die Sonne untergehen und uns die Sicht nehmen. Also machten wir uns wieder auf den Weg. Kita hatten wir dabei ganz vergessen.
Wir waren noch nicht weit gekommen ,da kam er auf einmal angesprintet und rief: "Hey, habt ihr nicht was vergessen?"
Wir drehten uns mit fragenden Gesichtern um.
"Na mich.", sagte Kita, als er uns erreicht hatte. Ich verdrehte die Augen und auch die andern warfen sich fachmännische Blicke zu. Mittlerweile kannten sie meine Familie und somit auch Kitas Schwäche für weiche, kuschlige Betten und seinen merkwürdigen Sinn für Humor.
25 Minuten später hatten wir die Villa wieder erreicht. Es war bereits 19:00 Uhr und es wurde langsam dunkel.
Beim Abendessen unterhielten sich alle über diesen Ausflug. Jeder hielt diesen Tag für sehr gelungen. Sogar Liisa, die nach ihrer unfreiwilligen Bekanntschaft mit meinen Familie eigentlich schon ihre Eltern anrufen wollte, um wieder abgeholt zu werden.
Auch die Lehrer, die ebenfalls dabei waren, fanden es sehr lehrreich und Kalma hatte es auch sehr gut erklärt. Kein Wunder: Er war selbst in diesem Haus groß geworden… vor ca. Zweihundert Jahren hatte er dort mit seinen Eltern und Geschwistern gelebt.
An diesem Abend spielten wir alle zusammen noch ein paar Brett- und Kartenspiele bis spät in die Nacht hinein. Dann gingen alle zu Bett um am letzten Tag wenigstens ein wenig fit zu sein.
Diese Nacht hielt sich Maija sehr zurück und machte einen großen Bogen um unser Zimmer. Noch so eine Begegnung mit Kita wollte sie wirklich nicht.
Wenn‘s ums schlafen ging, konnte er wirklich sehr grantig werden. Das war beim essen genau das Selbe.
Ganz auslasen wollte sie ihre nächtliche Gruseltour aber trotzdem nicht, da dies die letzte Nacht war, in der sie noch so richtig schön spuken durfte.
Für den letzten Tag sollten nämlich alle ausgeschlafen sein. Denn wenn wir dann aussahen, wie wandelnde Leiche, so todmüde, wie wir sein würden, wer weiß was die Eltern dann alle noch über meine Familie reden würden. Und mein Vater hätte dann ganz schöne Probleme.

Am vierten Tag war eine kleine Schnitzeljagd durch den Wald geplant. Mittlerweile hatten sich alle sichtlich entspannt und sich an meine Family gewöhnt. Und diese hatten dies ebenfalls.
Wir wurden in Vierergruppen eingeteilt, was bei 24 Schülern sechs Gruppen ergab.
Und so jagten wir in unseren Gruppen den ganzen Tag lang durch den Wald.
Am Abend wurden die Sieger geehrt und es gab kleine Gruselpreise und Urkunden für alle Beteiligten.
Somit ging nun auch der vierte und letzte volle Aufenthaltstag zuneige. Morgen ging es dann wieder gen Heimat.

Es war ein schöner Freitagmorgen, als unsere Lehrer uns zum letzten Mal wecken kamen. Irgendwie waren wir alle etwas traurig, denn dieser Ausflug hatte unsere ganze Klasse – und damit meine ich unsere ganze Klasse – sehr viel Spaß gemacht und uns auch irgendwie zusammengebracht.
Die ‘Therapie‘ meiner Eltern schien wirklich funktioniert zu haben. Wir waren jetzt eine kleine Gemeinschaft wie wir es eigentlich schon immer hätten sein sollen.
Ich konnte nicht sagen, ob das jetzt immer so bleiben würde, oder ob das am folgenden Montag wieder ganz anders aussehen würde.
Besonders im Fall Liisa war ich mir da nicht so ganz sicher.
Um ca. 9:30 Uhr hielten auch schon die ersten Wagen vor der alten Villa und die ersten Schüler wurden abgeholt.
Bald kamen auch schon Juhas und Jukkas Eltern und ich und Janika verabschiedeten uns schnell von ihnen. Dann stiegen sie in das kleine Auto, in dem ihr Vater und ihre Mutter saßen und schon fuhr der Wagen fort.
Gegen ca. 10:00 Uhr waren alle fort. Nur ich und Janika, die das folgende Wochenende auch noch bei mir verbringen würde, standen noch an der großen Treppe zur Veranda und warteten, bis Kalma uns wieder nach Hause fahren würde.
Wir mussten nicht lange warten, da kam er auch schon mit Enarys Koffern in den Händen und ihr im Schlepptau die Treppe hinunter getorkelt. Plötzlich stolperte er und fiel fast hin.
"Pass doch auf! Die Sachen, die du da trägst waren teuer!", schnauzte ihn die Walküre an
Kalma ächzte und stöhnte, als er die schweren Koffer im Kofferraum verstaute.
"Nun beeil dich doch, Liebling. Ich will Heute noch nach Hause.", sagte Enary vollkommen entnervt.
Nun kamen auch Ox und Magnum mit unseren Koffern die lange Treppe hinunter.
Auch sie verstauten unser Gepäck im Kofferraum und dann fuhren wir endlich los.
Die anderen waren noch beim Aufräumen. Dann würden auch sie sich wieder auf den Heimweg machen.
Im Wagen unterhielten ich und Janika uns noch die ganze Zeit über die vergangenen Tage. Es war wirklich eine gelungene Klassenfahrt. So etwas hatten wir in all den Jahren noch nie gehabt.
Daran würden wir uns garantiert noch ein Weile erinnern.

(c) Varjo Pimeys 2009